Eines der vielen Szenarien, die derzeit in den Politkreisen von Washington herumgereicht wird, lautet wie folgt: Sollte es Donald Trump tatsächlich gelingen, ins Weisse Haus zurückzukehren, dann gäbe es eine andere Arbeitsteilung zwischen ihm und seinem Vizepräsidenten als zuvor mit Mike Pence. Der Ex-Präsident würde sich mehr auf eine repräsentative Rolle beschränken, er wäre eine Art Verwaltungsratspräsident. Die tägliche Arbeit, das Management der amerikanischen Regierung, würde er J.D. Vance überlassen. Mike Pence stand völlig im Schatten seines Bosses. Vance hingegen wäre in dieser Lesart eine Art CEO der USA Inc.
Die Debatte hat gezeigt, dass Vance diese Rolle tatsächlich ausfüllen kann. Anders als Trump gegen Kamala Harris verlor er nie die Fassung, sondern blieb stets cool, fast zu cool. Der Effekt blieb jedoch zwielichtig. Obwohl Vance immer wieder seine Herkunft aus der Unterschicht betonte – er stammt aus einer dysfunktionalen Hillbilly-Familie mit einer drogensüchtigen Mutter – und sich als Anwalt der Arbeiterklasse zu profilieren suchte, wirkte er wie ein Absolvent einer prestigeträchtigen Universität, was er auch ist. Vance studierte Jurisprudenz in Yale.
Trumps Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten stieg mit einem grossen Image-Problem ins Rennen. Umfragen zeigen, dass ihn 45 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner negativ bewerten. Bloss 32 Prozent der Befragten mögen ihn. Tim Walz hingegen hat diesbezüglich eine weit bessere Bilanz. Sie lautet: 33 Prozent negativ und 40 Prozent positiv.
Nach der Debatte dürfte sich das Image von Vance vielleicht leicht verbessert haben. Nie griff er zum verbalen Vorschlaghammer und beschimpfte weder Walz noch Harris. Ein paar Mal stimmte er seinem Kontrahenten gar zu.
Sein Kontrahent Walz gab den allseits beliebten Lehrer und Fussball-Coach vom Land. Vor allem zu Beginn, als sich die Debatte um die Zuwanderungs-Frage drehte, wirkte er jedoch ein bisschen holprig. Ebenso in Bedrängnis geriet er, als er seine Aussage zurücknehmen musste, er habe sich 1989 beim Aufstand auf dem Tiananmen-Platz in Peking befunden. Wie Vance blieb Walz jedoch stets höflich und nickte gar öfter zustimmend, wenn sein Gegner sprach.
Die erste Regel eines Vize-Präsidenten in spe lautet: In erster Linie sollst du keinen Schaden anrichten. Weil beide diese Regel pingelig einhielten, verlief die Debatte über weite Strecken nicht nur sehr gesittet, sondern auch langweilig. Weder die Haustier-verzehrenden Haitianer noch die kinderlosen Frauen wurden erwähnt. In der Fussballsprache würde man sagen: viel Mittelfeld-Geplänkel, wenig Strafraum-Szenen. Und um im Jargon zu bleiben: In der ersten Halbzeit, als es um Migration und Inflation ging, hatte Vance leichte Vorteile. Als in der zweiten Halbzeit Abtreibung und das Gesundheitswesen zur Sprache kam, hatte Walz die Oberhand. Tore fielen jedoch keine.
Erst als ganz zum Schluss die Demokratie-Frage aufgeworfen wurde, kam so etwas wie Spannung auf. Vance drückte sich einmal mehr um die Antwort, ob Trump die Wahlen verloren habe oder nicht. Stattdessen verstieg er sich zur wenig glaubhaften Behauptung, wonach Harris und die Demokraten die eigentliche Gefahr für die Demokratie seien, da sie angeblich versuchten, die Meinungsfreiheit zu unterdrücken. Mit Verweis auf den 6. Januar 2021 widersprach Walz heftig und hatte da seine besten Momente.
Doch schon bei den Schluss-Voten löste sich alles wieder in Minne auf. Walz fasste die wichtigsten Punkte der Harris-Kampagne zusammen: Freiheit im Privaten, Chancen für alle in der Wirtschaft und keine Rückkehr in die Vergangenheit. Vance hingegen war erstaunlicherweise für einmal nicht die Stimme seines Herrn. Trump wird in seinen Reden immer apokalyptischer und beschwört neuerdings den Dritten Weltkrieg herauf, sollte Harris gewinnen. Vance hingegen schlug in seinem Schluss-Plädoyer positive Töne an und versprach Frieden und Wohlstand für alle.
Ob dies eine Mogelpackung ist? Der Senator aus dem Bundesstaat Ohio ist mittlerweile so etwas wie ein Vordenker der MAGA-Bewegung geworden. Anders als Trump hat er ein gefestigtes Weltbild: Er ist ein Post-Liberaler, der die USA nach dem Vorbild von Ungarn in einen illiberalen Staat verwandeln will.
Der gestrige Auftritt dürfte Vance kaum geholfen haben, dieses Ziel zu erreichen. Einmal mehr wird sich wohl eine alte Polit-Regel der USA bewahrheiten: Die Debatte der Vize-Kandidaten hat keinen Einfluss auf den Ausgang der Wahlen.
Das sollte wohl "Aufstand" heissen, nicht "Abstand"
Kurz zu Vances sozialer Herkunft: Er ist auch darum als "Anwalt der Arbeiterklasse" unglaubwürdig, weil er diesbezüglich komplett der alten Yuppie-Logik folgt, nämlich: Wenn man den sozialen Aufstieg aus der Unterschicht mal geschafft hat, hat man nur noch Hass und Verachtung für diese übrig und fängt an, kräftiger als alle anderen Klassen nach unten zu treten.