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Was die Dänen wirklich von Trumps Plänen mit Grönland halten

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Was die Dänen wirklich von Trumps Plänen halten – und welche Sünde er aufdeckt

Ich bin Däne, meine Grossmutter war Grönländerin. Meine Verwandtschaft ist wegen Trumps Grönland-Plänen in Aufruhr. Doch etwas Positives lässt sich daraus ziehen.
21.01.2026, 05:1921.01.2026, 05:19
Yannick Nock / ch media

Der Fernseher läuft bei meiner Verwandtschaft in Kopenhagen fast ununterbrochen – wie beinahe im ganzen Land. Sondersendungen flimmern über den Bildschirm, Pushmeldungen fluten die Handys, die Gesprächen in den Kaffees drehen sich darum. Es ist eine Newslage wie wir sie zu Jahresbeginn in der Schweiz wegen Crans-Montana hatten. In Dänemark ist es wegen Donald Trump.

Greenlandic Prime Minister Jens-Frederik Nielsen speaks during a protest against Trump's policy towards Greenland in front of the US consulate in Nuuk, Greenland, Saturday, Jan. 17, 2026. (AP Pho ...
Proteste gegen Trumps Grönlandpläne in der Hauptstadt Nuuk.Bild: keystone

Ich bin Däne, meine Grossmutter war Grönländerin. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein politisches Ereignis meine Verwandtschaft jemals dermassen beschäftigt hat, wie nun Donald Trumps Drohung, Grönland notfalls mit Gewalt einzunehmen.

Tausende Menschen demonstrieren in Kopenhagen gegen Trumps Pläne, ebenso in anderen dänischen Städten und in Grönlands Hauptstadt Nuuk. Die Botschaften sind eindeutig: «Grönland gehört den Grönländern», «Hände weg von Grönland». Und doch mischt sich unter die Entschlossenheit eine tiefe Ratlosigkeit.

Wie geht man mit einem US-Präsidenten um, der offen mit Gewalt droht? Meint er es ernst? In den Medien kommen Analysten, Politiker und Bürger zu Wort. Auch meine Mutter, halb Dänin, halb Grönländerin, wurde vom Radio DR – quasi dem dänischen SRF – um ihre Einschätzung gebeten. Die ehrliche Antwort lautet: Niemand weiss, was nun passiert.

Wenn man Trumps Drohungen etwas Positives abgewinnen will, dann dies: Selten fühlten sich Dänen und Grönländer einander näher als in diesen Tagen. Die Verbindung ist so stark wie vielleicht noch nie. Das ist bemerkenswert – denn die gemeinsame Geschichte ist belastet. Als Kolonialmacht hat Dänemark viele Fehler begangen. Grönländer wurden herabgesetzt, diskriminiert, zu Bürgern zweiter Klasse gemacht. Auch meine Mutter wurde noch in den 1970er Jahren wegen ihrer Herkunft auf den Strassen Kopenhagens beschimpft.

FILE - President Donald Trump speaks during a signing ceremony in the Oval Office of the White House, Dec. 11, 2025, in Washington. (AP Photo/Alex Brandon, File)
Donald Trump
US-Präsident Donald Trump will Grönland.Bild: keystone

Die Nervosität ist gross

Mit der Einführung der «Selvstyre» (der Selbstverwaltung) 2009 wurde vieles besser. Auch wegen der hohen Blockzuschüsse, die Dänemark den Grönländern überweist. Doch der Schmerz sitzt tief: «Die Dänen hatten ihre Chance. Und sie begannen erst freundlich zu uns zu sein, als sie uns fast verloren hatten», zitiert die NZZ stellvertretend einen grönländischen Familienvater. Dennoch ist eines klar: Eine Kolonialmacht 2.0 will niemand. Auch nicht jene Minderheit, die Dänemark kritisch sieht.

Und hier liegt die unbequeme Wahrheit, die Trump offenlegt. Dänemark hätte Grönland nicht nur aus moralischen, sondern auch aus strategischen Gründen ernster nehmen müssen. Im geopolitischen Dreieck zwischen den USA, China und Russland ist die grösste Insel der Welt von enormer Bedeutung. Diese Realität wurde in Kopenhagen offenbar lange unterschätzt. Jetzt ist die Nervosität gross. Sie zeigt sich nicht nur beim dänischen Aussenminister, der nach einem Treffen zu seinem Dienstwagen vor dem Weissen Haus eilt, um sich fast zitternd eine Zigarette anzuzünden.

Ein grosser Teil der aussen- und sicherheitspolitischen Bedeutung Dänemarks hängt an Grönland. Ohne die Insel verliert das Land geopolitisches Gewicht – und ein Stück seiner Identität. Trump zwingt die Dänen nun, sich dieser Abhängigkeit zu stellen. Schon 2019, in seiner ersten Amtszeit, wollte er Grönland kaufen. Damals wurde gelacht. Late-Night-Hosts reisten auf die Insel, das absurde Vorhaben wurde zur Pointe. Gutes Fernsehen mit vielen Lachern.

Heute läuft der Fernseher wieder in allen Haushalten. Doch diesmal lacht niemand mehr. (aargauerzeitung.ch)

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1 Stein
21.01.2026 06:42registriert November 2021
Dabei geht vergessen, dass Dänemark und die USA bereits ein Abkommen haben, welches den Amis erlaubt, Equipment und Soldaten quasi nach Laune auf Grönland zu stationieren. Die USA hatten zeitweise auch an die 30 Basen und 20'000 Mann stationiert, und diese über Jahre dann SELBER auf eine Station mit wenig Personal reduziert. Wenn also jemand die Insel vernachlässigte waren es die USA, jetzt auf alle anderen loszugehen ist also einmal mehr einfach nur falsch.
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Was die Dänen wirklich von Trumps Plänen halten – und welche Sünde er aufdeckt
Ich bin Däne, meine Grossmutter war Grönländerin. Meine Verwandtschaft ist wegen Trumps Grönland-Plänen in Aufruhr. Doch etwas Positives lässt sich daraus ziehen.
Der Fernseher läuft bei meiner Verwandtschaft in Kopenhagen fast ununterbrochen – wie beinahe im ganzen Land. Sondersendungen flimmern über den Bildschirm, Pushmeldungen fluten die Handys, die Gesprächen in den Kaffees drehen sich darum. Es ist eine Newslage wie wir sie zu Jahresbeginn in der Schweiz wegen Crans-Montana hatten. In Dänemark ist es wegen Donald Trump.
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