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Tote nach Kämpfen im Nord-Kosovo – das ist passiert

Kosovo police officers secure a cross road leading to the Banjska Monastery in the village of Banjska on Sunday, Sept.24, 2023. Kosovo's prime minister on Sunday said one police officer was kille ...
Kosovarische Polizeikräfte sichern eine Strasse, die zum Kloster in Banjska führt, 24. September 2023.Bild: AP

Tote nach Kämpfen mit bewaffnetem Trupp im Nord-Kosovo – das ist passiert

24.09.2023, 18:2725.09.2023, 06:48
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Was ist passiert?

Nach schweren Gefechten mit mindestens vier Toten hat die kosovarische Polizei ein im serbisch bevölkerten Norden aktives serbisches Kampfkommando weitgehend zerschlagen. Dies teilte der kosovarische Innenminister Xhelal Svecla am Sonntagabend in Pristina mit. Der offenbar vom benachbarten Serbien unterstützte Trupp hatte am frühen Sonntagmorgen im Dorf Banjska bei Mitrovica kosovarische Polizisten angegriffen und ein serbisch-orthodoxes Kloster zeitweise unter seine Kontrolle gebracht.

Beim ersten bewaffneten Zusammenstoss töteten die Angreifer einen Polizisten und verletzten einen weiteren. Die Gefechte zwischen den irregulären Milizionären und der mit Verstärkungen angerückten Polizei dauerten den ganzen Sonntag über an. Nach kosovarischen und serbischen Angaben wurden drei Angreifer getötet. Ein weiterer kosovarischer Polizist erlitt leichte Verletzungen. Die Polizei nahm zwei bewaffnete Angreifer und vier mutmassliche Helfer fest. Die Staatsanwaltschaft in Pristina eröffnete gegen sie Verfahren wegen des Verdachts auf terroristische Straftaten.

Bei den Kampfhandlungen am Sonntag handelte es sich um den schwersten Zwischenfall im angespannten Verhältnis zwischen dem Kosovo und Serbien seit Jahren. Das heute fast ausschliesslich von Albanern bewohnte Kosovo hatte sich 1999 nach serbischen Kriegsverbrechen an der kosovo-albanischen Zivilbevölkerung mit Nato-Hilfe von Serbien abgespalten und 2008 für unabhängig erklärt. Mehr als 100 Länder, darunter Deutschland, erkennen die Unabhängigkeit des Kosovos an, Serbien, Russland, China und fünf EU-Mitgliedsländer tun dies nicht. Belgrad fordert die Rückgabe seiner einstigen Provinz.

Wer sind die Angreifer?

Wie Innenminister Svecla weiter ausführte, war die Lage in Banjska am Sonntagabend immer noch angespannt. Die Polizei sei dabei, weitere Mitglieder des ursprünglich 30-köpfigen Kommandotrupps ausfindig zu machen und festzunehmen. In der Umgebung des Klosters von Banjska habe die Polizei Waffenlager von enormen Ausmassen gefunden. Einige der festgenommenen Personen würden der kosovo-serbischen militanten Organisation «Zivilschutz» angehören. Diese wird nach Erkenntnissen kosovarischer Strafverfolger von der serbischen Regierung gelenkt, finanziert und grosszügig mit Waffen ausgestattet.

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Bezeichnete die Geschehnisse als Terrorakt: der kosovarische Ministerpräsident Albin Kurti, hier an einer Pressekonferenz im Juli. Bild: keystone

Der kosovarische Ministerpräsident Albin Kurti bezeichnete die Geschehnisse in Banjska als «Terrorakt»: «Das organisierte Verbrechen greift mit der politischen, finanziellen und logistischen Unterstützung des offiziellen Belgrads unseren Staat an», sagte er am Sonntag auf einer Pressekonferenz in Pristina.

Die kosovarische Regierung veröffentlichte Bilder, auf denen Männer mit Infanterie-Gefechtswaffen und schusssicheren Westen sowie ein Jeep und ein gepanzertes Transportfahrzeug zu sehen sind. Der Hergang des Vorfalls lässt auf dessen professionelle Vorbereitung und Lenkung schliessen. Offenbar hatte man zuerst eine Streife der Kosovo-Polizei in einen Hinterhalt gelockt. Die Beamten hatten auf einer Brücke zwei Lastwagen ohne Kennzeichen entdeckt, die den Zugang nach Banjska blockierten. Als weitere Polizisten dort eintrafen, eröffneten die Angreifer das Feuer auf sie.

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Polizeibeamte aus dem Kosovo.Bild: keystone

Die Reaktionen

In this photo provided by the Serbian Presidential Press Service, Serbian President Aleksandar Vucic speaks during a press conference in Belgrade, Serbia, Sunday, Sept. 24, 2023. At least 30 gunmen ki ...
«Niemand braucht so etwas, am wenigsten das serbische Volk»: Aleksandar Vucic an einer Pressekonferenz vom Sonntag.Bild: keystone

Der serbische Präsident Aleksandar Vucic behauptete auf einer im Staatsfernsehen übertragenen Pressekonferenz am Sonntagabend in Belgrad, dass allein Kurti Schuld an der blutigen Konfrontation hätte. Er würde die Serben im Kosovo provozieren, und «bedauerlicherweise sind einige Serben auf diese Provokationen hereingefallen». Die Tötung des kosovarischen Polizisten sei «verwerflich», fügte er hinzu. «Niemand braucht so etwas, am wenigsten das serbische Volk.»

Der EU-Aussenbeauftragte Josep Borrell telefonierte am Sonntag mit Kurti und mit Vucic. In den Gesprächen verurteilte er die Aggression gegen die kosovarische Polizei aufs Schärfste, teilte der Auswärtige Dienst der EU in Brüssel mit. Gegenüber Vucic bekräftigte er seine Forderung, dass sich die Angreifer ergeben sollten.

Der US-Botschafter in Pristina, Jeff Hovenier, schrieb auf X: «Die USA verurteilen die orchestrierten, gewalttätigen Attacken auf die kosovarische Polizei aufs entschiedenste.» Die Polizei des Kosovos habe die «umfassende und legitime Verantwortung», Gesetz und Ordnung im Lande durchzusetzen.

Auch die Schweiz hat sich am Sonntag zum Vorfall geäussert. Das schweizerische Aussendepartement hat den Angriff auf die kosovarische Polizei «auf das Schärfste» verurteilt. Es rief zu Ruhe und Zurückhaltung auf. Die Verantwortlichen für diesen Gewaltakt müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Der Angriff sei abscheulich, schrieb das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) auf X, vorher Twitter.

Der politische Hintergrund

Unter der Vermittlung Borrells und des EU-Sonderbeauftragten Miroslav Lajcak verhandeln das Kosovo und Serbien seit mehreren Monaten über eine Normalisierung ihres Verhältnisses. Die Gespräche blieben allerdings bislang ohne Erfolg. Die EU machte zuletzt die kosovarische Seite dafür verantwortlich, weil sie der von der EU und Serbien geforderten Bildung eines Verbandes der serbischen Gemeinden nicht zustimmen will. Pristina sieht darin jedoch den Versuch, die Grundlage für eine spätere Abspaltung des serbischen Nordens zu legen.

(hah/cst/sda/dpa)

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26 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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James McNew
25.09.2023 04:36registriert Februar 2014
„Die verantwortlichen Täter müssen der Justiz zugeführt werden“ – wird schwierig werden, Vucic zu bestrafen, wäre aber Zeit!
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jangoB
24.09.2023 18:58registriert Januar 2015
Man wird ja schnell raus finden, wer die Angreifer waren und geschickt hat...
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