Es dauerte fast 70 Stunden, bis die Hisbollah am Montagmittag ein erstes «Lebenszeichen» nach der Tötung ihres Anführers über ihren Fernsehsender «Al Manar» («der Leuchtturm») ausstrahlte. Die überfällige Rede wurde von Naim Kassem, dem geschäftsführenden Anführer der Hisbollah, gehalten und sollte die schwer angeschlagene Moral des tief verunsicherten Fussvolks der Terrormiliz stärken. Drei Tage hatte die Hisbollah ihre Anhänger über die Zukunft der schiitischen Islamistenorganisation im Unklaren gelassen.
Der völlig übernächtigt wirkende Kassem beschränkte sich in seiner als trotzig beschriebenen Videoansprache erwartungsgemäss auf Durchhalteparolen. Israel, behauptete er, habe die militärischen Fähigkeiten der Gruppe nicht beeinträchtigt. Die Miliz, lautete seine Kernbotschaft, sei bereit, einer nicht nur im Libanon erwarteten Bodenoffensive der israelischen Armee entschlossen entgegenzutreten.
Für Hisbollah-Kenner, wie den Beiruter Sicherheitsexperten Ali Risk, war damit die «neue Richtung der Miliz» vorgegeben. Um zu verhindern, dass «Beirut dem Erdboden gleichgemacht werde», werde die Gruppe vermutlich auf den Einsatz ihrer modernsten ballistischen Raketen verzichten und auf einen Bodenangriff der Israelis warten. Allein mit der Luftwaffe, das wissen die israelischen Militärplaner aus jahrzehntelanger Erfahrung, wird sich das Raketenarsenal der Hisbollah nicht zerstören lassen.
Israel hat seit 1978 sechs Bodenoffensiven im Libanon durchgeführt und 1982 sogar grosse Teile von Beirut umzingelt. Mehr als 4000 israelische Soldaten und Hunderte von Zivilisten in Israel kamen bei den Grossangriffen ums Leben – ohne dass die Kriegsziele dabei erreicht wurden. Das Bestreben der Netanjahu-Regierung, den Terror der Hisbollah «ein für alle Mal» zu beenden, ist daher nachvollziehbar.
Die Tötung von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah sei «ein wichtiger Schritt, aber noch nicht alles» gewesen, sagte Israels Verteidigungsminister Joav Galant am Montag bei einem Besuch von Panzerverbänden an der Grenze zum Südlibanon. Ihr möglicher Einsatz sei Teil der Anstrengungen, die Rückkehr jener 60'000 Israelis zu ermöglichen, die durch die Hisbollah-Angriffe in den letzten Monaten vertrieben wurden. Vor der israelischen Armee lägen nun «herausfordernde Tage», prognostizierte Israels Armeechef Herzi Halevi.
Hassan Nasrallah hatte die Vertreibung der israelischen Zivilisten in seinen Reden immer wieder als einen «Sieg» bezeichnet. Und auch sein Stellvertreter Kassem wertete in seiner Rede die durch die Raketen der Hisbollah verbreitete Angst in Israel als den Beweis für «Stärke». «Eine Million Israelis», behauptete er, hätten in den letzten Tagen in Bunkern gesessen.
Der 71-jährige Geistliche wird auch in Zukunft der Stellvertreter des Hisbollah-Generalsekretärs bleiben. «Die Wahl der neuen Führung ist klar», verkündete Kassem gestern. Ihre Einsetzung stünde schon bald bevor. Namen nannte er nicht. In Beirut gilt es als ein offenes Geheimnis, dass Haschem Safieddine, der Cousin des von Israel getöteten Hisbollah-Chefs, die Nachfolge antreten wird.
Der 60-jährige Safieddine hat den Ruf eines Hardliners. In einem Interview mit dem Beiruter Fernsehsender Al Mayadeen hatte er im Mai 2020 erklärt, dass «Israel in 25 Jahren aufhören wird zu existieren». Wie Nasrallah trägt auch Safieddine einen schwarzen Turban, um zu zeigen, dass er ein direkter Nachkomme des Propheten Mohammed sei. Sein Bruder Abdullah ist der «Botschafter» und «Chef-Koordinator» der Hisbollah in Iran.
Sein ältester Sohn Reza hatte vor vier Jahren die Tochter von Ghassem Soleimani geheiratet, dem Kommandanten der gefürchteten Quds-Einheiten der Revolutionsgardisten, der im Januar 2020 bei einem amerikanischen Drohnenangriff in Bagdad getötet wurde.
Safieddine, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit seinem getöteten Cousin hat, gilt als «(noch) rücksichtsloser als Nasrallah», heisst es in einer Analyse des Beiruter Onlineportals «Al Monitor». Der in der iranischen Stadt Ghom zum Theologen ausgebildete Schiit habe schon im Januar dieses Jahres, nach der gezielten Tötung von Hamas-Führer Saleh al-Arouri in Beirut, umfangreiche Raketenangriffe auf Israel befürwortet – was Nasrallah damals noch abgelehnt hatte.
Unter Safieddines Führung dürfte sich die Hisbollah weiter radikalisieren und sich noch enger an das Regime in Iran binden. «Zu Kompromissen, die Nasrallah manches Mal gemacht hat, ist der neue Boss der Hisbollah nicht bereit», sagte ein Hisbollah-Kenner aus Beirut, der ungenannt bleiben möchte, zu CH Media.
230'000 Menschen wurden seit dem Beginn des Krieges zwischen Israel und der Hisbollah vertrieben. Eine weitere Eskalation der Gewalt, so befürchtet die libanesische Regierung, könnte eine Million Menschen zur Flucht zwingen. Über 80 Zivilisten seien in den letzten 24 Stunden bei Angriffen der israelischen Luftwaffe getötet worden.
Verliere den Überblick. Hat er schon sein neues Handy ausprobiert? Vermutlich auch so hasserfüllt wie sein Vorgänger. Sein Geplärr in die Mikrofone, mit gleichzeitigem Schwingen seiner rechten Faust, wird er übernehmen.
Hans was Heiri, was da kommt.
Der Hass eint sie.
Steinzeit wird zu Steinzeit mit ein bisschen mehr Tempo.