International
Migration

Italien: Migranten kämpfen sich über Pässe nach Frankreich

Wie sich Migranten über verschneite Pässe von Italien nach Frankreich kämpfen

Bild: TIPRESS FOR KEYSTONE
20.02.2018, 18:52
Lukas Latz / SDA
Mehr «International»

Afrikanische Migranten, die über das Mittelmeer nach Italien kommen und weiter nach Nordeuropa wollen, werden an der italienisch-französischen Grenze blockiert. Seit 2015 kontrolliert Frankreich seine Grenzen mit Italien. Seitdem verweigern französische Polizisten, afrikanischen Migranten ohne Visum an der italienisch-französischen Grenze kategorisch die Einreise. Auch dann, wenn sie erklären, einen Asylantrag stellen zu wollen. Wie ist das möglich?

Frankreichs damaliger Präsident François Hollande erklärte nach den Terroranschlägen vom 13. November 2015 in Paris den Ausnahmezustand. Dies erlaubte eine Einschränkung von Grund- und Bürgerrechten. Es war auch die rechtliche Grundlage für die Grenzkontrollen und die Einreisebeschränkungen.

ZUR FLUECHTLINGSREPORTAGE «GEFAEHRLICHE REISE» VON PABLO GIANINAZZI INKLUSIVE SDA-TEXT, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - A group of refugees in the waiting room of the railway ...
Flüchtlinge am Bahnhof von BardonecchiaBild: TIPRESS FOR KEYSTONE

Der Ausnahmezustand wurde zum 31. Oktober 2017 zwar aufgehoben. Vor der Aufhebung wurden jedoch zahlreiche Gesetze verschärft, sodass auch die Grenze zu Italien für afrikanische Migranten weiter geschlossen bleiben kann.

Die Grenzschliessung an sich ist nicht rechtswidrig. Für EU-Mitgliedsstaaten gilt die sogenannte Dublin-III-Verordnung. Danach ist stets der Mitgliedsstaat für die Durchführung eines Asylverfahrens zuständig, in dem der Asylbewerber zuerst EU-Boden betreten hat.

Für die Migranten an der italienisch-französischen Grenze heisst dies, dass zumeist Italien zuständig ist. Diese Verordnung liesse jedoch vor allem bei Minderjährigen auch Ausnahmen zu. Doch der französische Grenzschutz weist unbegleitete Minderjährige genauso ab wie Familien und Frauen.

epa04803164 Migrants sit at the seaside near the French border in Ventimiglia, Italy, 16 June 2015. Hundreds of migrants have headed to Ventimiglia over the past days, as French border police started  ...
Kein Durchkommen mehr: die französische Grenze bei Ventimiglia.Bild: EPA/ANSA

Dies dokumentierten lokale Aktivisten um den Geflügelzüchter Cédric Herrou im Sommer 2017, in dem sie mit versteckter Kamera die Geschehnisse an einem Grenzübergang filmten. Nach Ansicht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International verletzt Frankreich damit die Uno-Kinderrechtskonvention.

In Ventimiglia gestrandet

Die Grenzschliessung sorgte auch dafür, dass Hunderte von Migranten, die versuchen, die Grenze zu überqueren, in der italienischen Grenzstadt Ventimiglia gestrandet sind. Wenige davon kommen in einem Lager des italienischen Roten Kreuzes unter, fünf Kilometer ausserhalb von Ventimiglia. Zu dem Lager haben Journalisten und NGO keinen Zugang. Über die Lebensbedingungen dort ist somit wenig bekannt.

Noch bis zum Sommer 2017 gab es in Ventimiglia eine Kirche, in der für Frauen, Minderjährige und Familien Schlafplätze geschaffen wurde. Die Kirche ist für Migranten jetzt wieder geschlossen. Die Mehrheit der nicht-europäischen Migranten in der Stadt sind obdachlos. Sie schlafen im Kiesufer des Flusses oder in der Bahnhofshalle.

Unterhält man sich mit jungen Migranten in der Stadt, erzählen viele, dass sie es schon einige Male zu Fuss über die grüne Grenze und von dort sogar bis in die grösseren Städte, nach Nizza oder nach Marseille, geschafft haben. Von dort brachte die französische Polizei sie jedoch immer wieder zurück nach Ventimiglia. Nicht wenige waren schon fünfmal oder öfters in Frankreich und wurden von dort jedes Mal umgehend wieder zurückgeschickt.

epa04806144 Stranded migrants take shelter in a hall of the train station of Ventimiglia, on the Italian border with France, Ventimiglia, Italy, 18 June 2015. The migrants, who wished to cross the bor ...
Der französische Grenzschutz weist unbegleitete Minderjährige genauso ab wie Familien und Frauen.Bild: EPA/ANSA

Eine Aktivistin aus Ventimglia erklärt: «Unter den Migranten geht das Gerücht um, dass Ventimiglia zu gefährlich geworden ist. Nicht nur weil die Grenze dort sehr stark überwacht wird und sich viele beim Versuch sie zu überqueren verletzen, sondern auch, weil die italienische Polizei mehr und mehr Menschen aus Ventimiglia in Camps in Süditalien zurückschiebt.»

Neue Routen

Nun versuchen immer mehr Migranten nördlichere Routen zu finden, um nach Frankreich zu kommen. Neben Ventimiglia am Mittelmeer entsteht ein zweiter zentraler Transitort für afrikanische Migranten in den Alpen. Es handelt sich um die 3000-Einwohner-Gemeinde Bardonecchia. Mit dem Zug aus Turin ist man in rund 90 Minuten dort. In Bardonecchia gibt es eine aktive Umweltschützerszene.

ZUR FLUECHTLINGSREPORTAGE «GEFAEHRLICHE REISE» VON PABLO GIANINAZZI INKLUSIVE SDA-TEXT, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Detail view of the window of a halted train and the le ...
Bardonecchia, Zufluchtsort für viele Migranten, die weiter nach Frankreich wollen.Bild: TIPRESS FOR KEYSTONE

In der Gemeinde kämpfen seit Jahren Menschen gegen einen Ausbau der Schieneninfrastruktur in den Alpen und insbesondere gegen die geplante Schnellverbindung zwischen Turin und Lyon. Es ist zum Teil auch diese Umweltschützerszene, die nun Unterstützung für mittellos in Bardonecchia ankommende Migranten organisiert.

ZUR FLUECHTLINGSREPORTAGE «GEFAEHRLICHE REISE» VON PABLO GIANINAZZI INKLUSIVE SDA-TEXT, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Refugees are being taken care of by volunteers in a he ...
In diesem Raum am Bahnhof von Bardonecchia können die Migranten übernachten. Bild: TIPRESS FOR KEYSTONE

Am Bahnhof unterhält die Bergrettung beheizte Räume mit Feldbetten, in denen Migranten übernachten können. Hier gibt es noch Infrastruktur, die Hilfe erlaubt. In Ventimiglia dagegen bauten die Behörden solche Stätten nach und nach ab.

Nachts über die Alpen

Aber auch in den Alpen erhöhte Frankreich die Grenzkontrollen. Migranten versuchen daher, den Gebirgspass «Col de l ́Échelle» (italienisch «Colle della Scala») in der Nacht zu überqueren.

ZUR FLUECHTLINGSREPORTAGE «GEFAEHRLICHE REISE» VON PABLO GIANINAZZI INKLUSIVE SDA-TEXT, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - An avalanche warning sign warns of possible risks, aft ...
Ein Lawinenwarnschild auf dem Weg über den «Col del Èchelle»Bild: TIPRESS FOR KEYSTONE

Cissé Alassanne und Ibrahim Diallo machten sich im Januar 2018 auf diesen Weg. «Wir haben die Wüste durchquert, wir haben das Meer überquert. Ich verstehe nicht, warum wir vor einem Berg halt machen sollten», sagten sie.

ZUR FLUECHTLINGSREPORTAGE «GEFAEHRLICHE REISE» VON PABLO GIANINAZZI INKLUSIVE SDA-TEXT, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Ibrahim Diallo, in the front of the direction of movem ...
Ibrahim Diallo und Cissé Alassanne brechen in Richtung Frankreich auf Bild: TIPRESS FOR KEYSTONE

Genau in dieser Naivität besteht die Gefahr. Jungen Afrikaner, die Kälte und Schnee nicht gewohnt sind, dürften die Unberechenbarkeiten eines Gebirgspasses unterschätzen. Bei Temperaturen unter Null Grad, Lawinengefahr und mangelhafter Kleidung ist diese Passage für Unvorbereitete lebensgefährlich. (sda)

Renato zum lustigen Thema: Waffenexporte! Jeeee!

Video: watson/Renato Kaiser
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
3 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
reaper54
20.02.2018 20:29registriert März 2015
Wie im Bericht richtig vermerkt handelt es sich um Migranten oder besser gesagt illegale Migranten. Diese haben in Europa nichts verloren und gehören in ihre Heimatländer abgeschoben.
6014
Melden
Zum Kommentar
avatar
Watson=Propagandahuren
20.02.2018 19:42registriert Februar 2018
Ah jetzt plötzlich sind es doch Migranten? Und wieso sollen die Anspruch haben in Frankreich leben zu dürfen?

Wie wäre es wenn diese Migranten wie jeder andere Reisende/Migrationswillige sich um eine legale Einreise bemühen würden?
Ah dann würden sie nicht einreisen dürfen?
Welcome to Reality. Das kann dir je nach Land auch mit CH-Pass passieren und da kommt dann auch keiner von Amnesty International.
6217
Melden
Zum Kommentar
avatar
SocialCapitalist
20.02.2018 20:27registriert Februar 2018
Durch wieviele Sichere Länder reisen diese Menschen und Riskieren so ihr leben ?
455
Melden
Zum Kommentar
3
In Mexiko ist es derzeit so heiss, dass Brüllaffen tot von den Bäumen fallen

Wegen einer Hitzewelle mit Temperaturen von mehr als 45 Grad Celsius fallen im Südosten Mexikos zahlreiche Brüllaffen tot oder dehydriert von den Bäumen. «Wir müssen uns um die Tiere kümmern», sagte Präsident Andrés Manuel López Obrador am Montag. Er werde deshalb das Umweltministerium bitten, sich einzuschalten. In den Bundesstaaten Tabasco und Chiapas sollen nach Berichten von Umweltschützern bereits 78 Affen verendet sein.

Zur Story