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«FSO Safer»: Die schwimmende Zeitbombe – ist das ihr Ende?

FILE - This satellite image provided by Maxar Technologies shows the FSO Safer tanker moored off Ras Issa port, Yemen on June 17, 2020. An agreement has been reached in principle on a U.N.-coordinated ...
Die «FSO Safer» liegt vor Jemens Küste im Roten Meer.Bild: keystone

«FSO Safer»: Die schwimmende Zeitbombe soll gerettet werden

Seit mehreren Jahrzehnten liegt vor der Küste Jemens ein Öltanker. 181 Millionen Liter Öl hat er an Bord. Der Tanker droht zu explodieren oder auseinanderzubrechen. Nun soll aber eine langersehnte Lösung für das Problem gefunden worden sein.
22.05.2023, 19:5823.05.2023, 17:26
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Neun Kilometer vor der Küste Jemens im Roten Meer liegt ein 368 Meter langes Schiff, die «FSO Safer». FSO steht für Floating Storage and Offloading.

FSO Safer, der Name ist eine Illusion. Denn der riesige Öltanker ist vieles, nur nicht «safe». Er ist eine schwimmende Zeitbombe mit 181 Millionen Litern Öl im Innern. Ein kleiner Funke, ein Zigarettenstummel oder ein losgelöster Schuss einer Waffe würden reichen, um das Schiff in die Luft zu jagen. Denn seit sechs Jahren laufen die Maschinen auf dem Schiff nicht mehr, die spezielle Gase in die Tanks pumpen, um zu verhindern, dass sich dort explosive Gemische bilden.

Eine feste Lagereinheit

Aber wie konnte es so weit kommen? Die «Safer» war im Jemen seit den 1980er-Jahren eigentlich als geankerte Lagereinheit im Einsatz. Sie speicherte Öl, das über eine Pipeline von Feldern im Landesinneren kam und dann exportiert wurde. Aber nachdem der Jemen 2015 in einem Bürgerkrieg versank und Huthi-Rebellen die Hauptstadt Sanaa eingenommen hatten, wurden Produktion und Export von Öl gestoppt.

Die staatliche Ölfirma SEPOC stellte die teure Wartung ein. 2016 wurde die Safer ausser Dienst gestellt – mit eben immer noch 181 Millionen Litern Öl an Bord. 2017 erklärte man den Tanker für «tot», denn der Dampfkessel an Board funktionierte nicht mehr.

Bab el-Mandeb, Dschibuti, Jemen, Rotes Meer
Bab el-Mandeb, Djibouti und der Jemen.Bild: Wikipedia/NASA

Durchbruch für die Safer?

181 Millionen Liter Öl. Das ist viermal so viel, wie 1989 aus der Exxon Valdez in den Ozean floss – bis heute gewissermassen ein Synonym für Umweltkatastrophen.

Um eine weitere – und viel grössere – Umweltkatastrophe zu verhindern, versucht man seit Jahren, das Öl aus dem Tanker zu bekommen. Aber die Huthi-Rebellen lehnten bisher jede Rettungsaktion ab.

This image provided by I.R. Consilium taken in 2019, shows deterioration on the FSO Safer, moored off Ras Issa port, Yemen. Houthi rebels are blocking the United Nations from inspecting the abandoned  ...
Die FSO Safer ist völlig verrostet und zerfällt.Bild: keystone

Doch nun könnte man einen Durchbruch erreicht haben. Denn ein Tanker der Vereinten Nationen soll das Öl umladen.

Der Hoffnungsträger ist Peter Berdowski. Er ist der CEO der Bergungsfirma. Seine Leute befreiten bereits die «Ever Given» vor zwei Jahren, als sie den Suezkanal für sechs Tage blockierte, wie die «Süddeutschen Zeitung» berichtet.

Mitte April schipperte das Schiff, die «Ndevor» von Rotterdam Richtung Rotes Meer. Knapp zwei Wochen zuvor ist auf der anderen Seite der Erde ein zweites Schiff aufgebrochen: die «Nautica». Die Nautica startete in Zhoushan, heisst es in der «Süddeutschen Zeitung», ein Hafen in der Nähe von Shanghai.

In Djibouti sollen sich die beiden Schiffe treffen. Und dann ist der Plan: Die Crew der «Ndevor» soll das Öl aus der Safer in die «Nautica» pumpen.

This image provided by I.R. Consilium taken in 2019, shows the deck of the FSO Safer, indicating the lack of basic maintenance for several years, leading to incidental smaller spills, moored off Ras I ...
Ein Foto vom Deck der FSO Safer zeigt den miserablen Zustand des Schiffs. Dennoch verhindern die Huthis eine Inspektion. Aufnahme aus dem Jahr 2019.Bild: keystone

«Die beste Voraussetzung seit acht Jahren»

Ob das funktionieren kann? «Wir haben jetzt die besten Voraussetzungen seit acht Jahren, dieses Problem zu lösen», sagt Achim Steiner gegenüber der «Süddeutschen Zeitung». Steiner ist Chef des Entwicklungsprogramms der UNO.

Doch es gibt auch kritische Stimmen. Etwa die von Ian Ralby, Berater für Seerecht und maritime Sicherheit. Er befasst sich schon seit Jahren mit dem Schiff und hält den Plan für lückenhaft: «Ein schrecklich riskanter Ansatz», sagt er der «Süddeutschen Zeitung». Und er ergänzt:

«Da kann unglaublich viel schiefgehen.»
FILE - United Nations Development Programme Administrator Achim Steiner speaks to reporters during a news conference, Thursday, March 9, 2023 at U.N. headquarters. A Dutch salvage company has reached  ...
Achim Steiner, Chef des Entwicklungsprogramms.Bild: keystone

Den Huthi-Rebellen vertrauen

Dass man vor Ort auf die Hilfe der Huthi-Rebellen angewiesen ist, liegt nahe. Denn nur sie wissen, wie man sich sicher durch die Gewässer voller Mienen bewegen kann.

Aber warum möchten die Huthi-Rebellen die Katastrophe nicht verhindern? Auch unter ihnen sollen die Meinungen gespalten sein. Einige sehen die kommende Katastrophe und möchten so schnell wie möglich das Problem loswerden, andere wollen das Schiff als Druckmittel im Krieg verwenden.

Steiner von der UNO gibt die Hoffnung nicht auf, wie er gegenüber der «Süddeutschen Zeitung» sagt: «Wir haben die Hoffnung, dass durch die Friedensverhandlungen eine Situation entsteht, in der das neue Schiff zugänglich ist und seine Wartung sichergestellt werden kann.» Für Ralby hingegen klingt das naiv. Er sagt der «Süddeutschen Zeitung»:

«Wie kann man den Huthi so sehr vertrauen, wenn sie sich doch bislang an keine Vereinbarung gehalten haben? Dass sie jetzt stillhalten, weil sie im Gegenzug eine neue Infrastruktur für Ölexporte hingestellt bekommen, leuchtet ein. Aber wer garantiert, dass die Huthi in Zukunft kooperieren werden?»
epa05473319 Armed Yemenis, loyal to the Houthi rebels, brandish weapons during a gathering to mobilize more fighters, in Sana'a, Yemen, 11 August 2016. According to reports, the Saudi-led militar ...
Niemand kennt das Gebiet so gut wie die Huthi-Rebellen.Bild: EPA

Die Worst-Case-Szenarien

Wenn alles so läuft wie geplant, können die Retter Generatoren an Deck bringen, welche die Explosionsgefahr bannen. Wenn die Explosionsgefahr weg ist und die Huthis sich an die Abmachungen gehalten haben, kann sich die «Nautica» dem Schiff nähern und das Öl aus dem alten Tanker pumpen.

Und wenn eben doch nicht alles gut kommt? Dann gibt es laut der «Süddeutschen Zeitung» zwei Worst-Case-Szenerien:

  1. Das Schiff explodiert. Das Öl verbrennt und es entstünde eine enorme Rauchwolke. Wohin die ziehen würde, hängt von Jahreszeit und Wetter ab. Die Rauchwolke wäre aber voller Gift und Russteilchen, die sich überall ablagern. Der Feinstaub wäre unglaublich schädlich für die Gesundheit der Menschen.
  2. Das Schiff explodiert nicht, dafür bricht es auseinander und das ganze Öl fliesst ins Wasser. Innerhalb weniger Stunden würde das Öl die Küste von Jemen erreichen und sich in den folgenden Wochen im Roten Meer ausbreiten. Direkt betroffen wären, unabhängig von der Jahreszeit, auch Küsten Saudi-Arabiens, Dschibutis und Eritreas.

Die Häfen müssten wegen des Ölteppichs schliessen, die Fische wären wahrscheinlich 25 Jahre lang kontaminiert, kein Essen, kein Treibstoff und keine Hilfspakete kämen ins Land. Der Hunger würde Jemen noch mehr einholen. Ebenfalls würde es an Trinkwasser fehlen, weil unter anderem die Entsalzungsanlagen an den Küsten nicht mehr richtig arbeiten könnten. Katastrophal wäre das Öl auch für das Leben im Roten Meer, wie die «Süddeutsche Zeitung» schreibt.

epa08776510 A handout satellite image made available by MAXAR Technologies shows FSO Safer, an oil storage tanker stranded off the coast of the Houthi-controlled port of Hodeidah, Yemen, 29 August 202 ...
Die FSO Safer.Bild: keystone

Ziel erreicht – und dann?

Vor einigen Tagen soll das Schiff aus Rotterdam im Hafen von Dschibuti angekommen sein, erzählt Steiner dem Medium Bayern 2. Es ist geplant, im Juni mit der Pumpaktion zu beginnen. Für die Vereinten Nationen ist das Ganze eine sehr ungewöhnliche, aber notwendige Aktion, so Steiner.

Was in nächster Zeit passieren wird, weiss man nicht. Sicher ist nur: Auch wenn die Rettungsaktion Erfolg hat und das Öl in das neue Schiff gepumpt wurde, bleibt folgende Frage offen: Wer schleppt das havarierte Schiff ab und verschrottet die Safer?

(oee)

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Die vergessene humanitäre Katastrophe: Der Krieg im Jemen
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quelle: keystone / yahya arhab
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Unermessliches Elend in Jemen
Video: srf
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13 Kommentare
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Kleinaberdoktor
22.05.2023 20:28registriert Mai 2020
„Das Schiff als Druckmittel im Krieg verwenden.“

Hervorragende Idee, ich hoffe denen ist schon klar dass wenn der Kahn auseinander bricht alle ein Problem haben egal ob Huthi oder nicht.

Dürften einige Menschen sein am Roten Meer die vom Fischfang leben und dieser definitiv unentbehrlich ist……..

Hoffen wir das Beste und der Schrotthaufen kann ohne Katastrophe abgepumpt werden.
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stanislav.petrov
22.05.2023 22:59registriert März 2019
Die Geschichte rund um die FSO Safer ist ein Paradebeispiel für das, was bezüglich Planet Erde und Spezies Mensch schiefläuft im Moment. Tragisch.
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Overton Window
22.05.2023 20:16registriert August 2022
Ja, Batterien sind wirklich das grösste Problem der Mobilität.

/s <-- ( man weiss nie...)
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