DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Die Toten von Butscha – eine Übersicht in 4 Punkten

04.04.2022, 10:3904.04.2022, 16:27

Zahlreiche Leichen auf den Strassen, gefesselte Hände, Massengräber: Die Bilder aus Butscha haben am Wochenende international für Entsetzen gesorgt.

Die Ukraine macht für die Toten russische Truppen verantwortlich, die die Stadt bis vor Kurzem besetzt hatten. Moskau bestreitet das.

Was wir über das mutmassliche Massaker wissen:

Triggerwarnung
In diesem Artikel geht es um Verstorbene im Ukraine-Krieg. Der Text enthält Bilder mit Leichensäcken, Blut und toten Körpern – aber keine identifizierbaren Gesichter. Bei manchen Menschen können diese Bilder negative Reaktionen, Flashbacks oder Traumata auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall ist.

Nicht erst seit dem Ukraine-Krieg müssen sich Medien mit der Frage auseinandersetzen: Darf man die Toten und ihre Gesichter zeigen? Auch watson hat sich dieser Debatte gestellt. Medienwissenschaftler Christian Schicha hält fest: «Die wichtigsten Aufgaben von Journalistinnen und Journalisten ist zu zeigen, was passiert.»

>> Alle aktuellen Entwicklungen zum Ukraine-Krieg im Liveticker

Was sind die Vorwürfe?

Am 24. Februar 2022 war Putins Armee in die Ukraine einmarschiert. Seit dem 27. Februar war Butscha Teil des russischen Angriffs auf die ukrainische Hauptstadt – und nach heftigen Kämpfen vorübergehend von den russischen Truppen eingenommen. Ab dem 31. März zog sich die russische Armee aus Butscha zurück.

Trümmer von russischen Militärfahrzeugen

Ukrainische Soldaten gehen auf einer Strasse, die übersät ist mit den Trümmern von russischen Panzern, Butscha, 03. April 2022.<br><a target="_blank" rel="nofollow" href="https://rodrigoabd.com/">Rodrigo Abd</a> ist ein argentinischer Fotojournalist, der seit 2003 für die Nachrichtenagentur The Associated Press (<a target="_blank" rel="nofollow" href="https://apnews.com/">AP</a>) arbeitet. Er hat unter anderem den Krieg in Afghanistan dokumentiert.
Ukrainische Soldaten gehen auf einer Strasse, die übersät ist mit den Trümmern von russischen Panzern, Butscha, 03. April 2022.
Rodrigo Abd ist ein argentinischer Fotojournalist, der seit 2003 für die Nachrichtenagentur The Associated Press (AP) arbeitet. Er hat unter anderem den Krieg in Afghanistan dokumentiert.
Bild: keystone/ap/Rodrigo Abd

Es sind erschreckende Vorwürfe, die am Sonntag von internationalen Nachrichtenagenturen verbreitet wurden: Die russische Armee habe Zivilisten in Butscha massakriert. Leichen pflasterten die Strassen, einige von ihnen an den Händen gefesselt.

Bis Sonntagabend seien bereits 330 bis 340 leblose Körper eingesammelt worden, schrieb die Zeitung «Ukrajinska Prawda» am Montag unter Berufung auf einen Bestattungsdienst.

Am Sonntag hatte die ukrainische Seite bereits vom Fund eines Massengrabes mit etwa 280 Toten berichtet, die während der russischen Angriffe nicht würdig hätten bestattet werden können.

Wer dokumentiert das Geschehene in Butscha?

Um die Anwesenheit von unabhängigen Berichterstatter vor Ort gab es kurzfristig Verwirrung: In den Nachrichten des deutschen Senders ARD wurde behauptet, dass keine Reporter nach Butscha reisen konnten. Diese Aussage wurde postwendend auf den sozialen Medien von Journalisten in Butscha dementiert.

Der Ukraine-Korrespondent der ARD, Georg Restle, stellte daraufhin in einem Tweet klar, dass Butscha zwar für Journalisten gesperrt sei, sich aber trotzdem internationale Berichterstatter dort befänden:

Unter andere befinden sich Fotojournalisten und Berichterstatter der internationalen Agenturen The Associated Press (AP) oder der European Pressphoto Agency (EPA) sowie Reporter von CNN, BBC, Belsat TV, dem «Spiegel», der «Bild»-Zeitung oder dem westschweizer Fernsehen RTS aktuell in Butscha und dokumentieren die Situation.

Tote Zivilisten

Zwei tote Menschen in Butscha, einer von ihnen mit gefesselten Händen, Butscha, 03. April 2022.<br>Das Foto wurde vom ukrainischen Fotografen <a target="_blank" rel="nofollow" href="https://palinchak.com.ua/projects">Michail Palintschak</a> aufgenommen und von der European Pressphoto Agency (<a target="_blank" rel="nofollow" href="https://www.epa.eu/">EPA</a>) verbreitet. Palintschak ist seit 2014 Mitglied der Ukrainischen Vereinigung der Berufsfotografen (UAPF).
Zwei tote Menschen in Butscha, einer von ihnen mit gefesselten Händen, Butscha, 03. April 2022.
Das Foto wurde vom ukrainischen Fotografen Michail Palintschak aufgenommen und von der European Pressphoto Agency (EPA) verbreitet. Palintschak ist seit 2014 Mitglied der Ukrainischen Vereinigung der Berufsfotografen (UAPF).
Bild: keystone/epa/michail palintschak
Mehrere tote Menschen auf einer Strasse in Butscha. Aufgenommen am 2. April 2022.<br>Das Foto wurde vom venezolanischen Fotografen Ronaldo Schemidt aufgenommen und von der Agence France-Presse (AFP) verbreitet.<br>
Mehrere tote Menschen auf einer Strasse in Butscha. Aufgenommen am 2. April 2022.
Das Foto wurde vom venezolanischen Fotografen Ronaldo Schemidt aufgenommen und von der Agence France-Presse (AFP) verbreitet.
Bild: AFP/RONALDO SCHEMIDT
Ein Mann und ein Kind auf einem Velo fahren an einem Toten am Strassenrand vorbei, Butscha, 02. April 2022. <br>Das Foto wurde <a target="_blank" rel="nofollow" href="https://www.worldpressphoto.org/vadim-ghirda">Vadim Ghirda</a> aufgenommen. Dieser arbeitet seit 1990 für die Nachrichtenagentur <a target="_blank" rel="nofollow" href="https://apnews.com/">AP</a>. Er hat bereits aus mehrere Kriegen und Katastrophen berichtet und ist dafür mehrfach ausgezeichnet worden.
Ein Mann und ein Kind auf einem Velo fahren an einem Toten am Strassenrand vorbei, Butscha, 02. April 2022.
Das Foto wurde Vadim Ghirda aufgenommen. Dieser arbeitet seit 1990 für die Nachrichtenagentur AP. Er hat bereits aus mehrere Kriegen und Katastrophen berichtet und ist dafür mehrfach ausgezeichnet worden.
Bild: keystone/ap/Vadim Ghirda

Massengräber

Leichensäcke in einem Massengrab, Butscha, 03. April 2022. Dieses Bild wurde von Rodrigo Abd (AP) aufgenommen.<br>
Leichensäcke in einem Massengrab, Butscha, 03. April 2022. Dieses Bild wurde von Rodrigo Abd (AP) aufgenommen.
Bild: keystone/ap/rodrigo abd

Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat nach eigenen Angaben vor Ort Beweise für ein Kriegsverbrechen in Butscha gesammelt, wie das «Wall Street Journal» berichtet.

Wie regiert die Welt?

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko sagte der «Bild»-Zeitung: «Das, was in Butscha und anderen Vororten von Kiew passiert ist, kann man nur als Völkermord bezeichnen.» Zugleich machte er Russlands Präsident Wladimir Putin persönlich dafür verantwortlich. «Es sind grausame Kriegsverbrechen, die Putin dort zu verantworten hat.»

Und auch international wird Aufklärung dieses vermuteten Kriegsverbrechens gefordert. So schrieb zum Beispiel die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, auf Twitter:

UN-Menschenrechtschefin Michelle Bachelet hat unabhängige Untersuchungen zu möglichen Kriegsverbrechen an Zivilisten in Butscha gefordert: «Es sollte alles getan werden, um Beweise zu sichern», sagte die UN-Hochkommissarin am Montag in Genf. Alle Leichen sollten exhumiert, identifiziert und untersucht werden. Berichte aus Butscha und anderen Gegenden würden «schwerwiegende und beunruhigende Fragen über mögliche Kriegsverbrechen» und andere Rechtsverletzungen aufwerfen, so Bachelet.

Die offizielle Schweiz hat eine Stellungnahme zu Butscha veröffentlicht:

An dieser Stellungnahme des Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) gab es Kritik. Besonders die Formulierung «Die Schweiz ruft alle Seiten auf, das humanitäre Völkerrecht strikt einzuhalten (...)», ist auf Unverständnis gestossen – gerade auch, da andere europäische Staaten klarer Stellung gegen Russland bezogen haben. Das EDA wollte auf Anfrage von watson die Stellungnahmen nicht präzisieren.

So forderte zum Beispiel der kanadische Premierminister Justin Trudeau klar, das «russische Regime zur Rechenschaft zu ziehen»:

Die österreichische Regierung forderte als Reaktion auf die Bilder aus Butscha, die Aufklärung von Kriegsverbrechen sowie den Rückzug der russischen Armee aus der Ukraine:

Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat gefordert, Russland vor der internationalen Justiz wegen Kriegsverbrechen zur Verantwortung zu ziehen. Er bemerkte: «Es ist klar, dass es heute ganz klare Hinweise auf Kriegsverbrechen gibt. Es war die russische Armee, die in Butscha war», sagte Macron am Montag dem Radiosender France Inter.

Der UN-Generalsekretär António Guterres zeigt sich ob der Bilder aus Butscha «tief schockiert»:

Auch EU-Ratspräsident Charles Michel macht Russland für Gräueltaten in der Umgebung der ukrainischen Hauptstadt Kiew verantwortlich. Der belgische Politiker warf den russischen Truppen am Sonntag im Internetdienst Twitter vor, in der Vorortgemeinde Butscha ein Massaker angerichtet zu haben. Die EU werde beim Sammeln von Beweisen helfen, um die Verantwortlichen vor internationale Gerichte stellen zu können. Zugleich kündigte er weitere EU-Sanktionen gegen Russland und Unterstützung für die Ukraine an.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in einem Video auf Russisch:

«Ich möchte, dass jede Mutter eines jeden russischen Soldaten die Leichen der Menschen sieht, die in Butscha, in Irpin, in Hostomel ermordet wurden. Was haben sie getan? Warum wurden sie getötet? (...) Warum haben sie diese normalen Bürger in dieser normalen, friedlichen Stadt zu Tode gequält? (...)

Ich möchte, dass alle Führer der Russischen Föderation sehen, wie ihre Befehle ausgeführt werden. Diese Art von Befehlen führt zu solchen Ergebnissen. Und zu einer gemeinsamen Verantwortung (...).»

Was sagt Russland?

Russland dementiert, Zivilisten getötet zu haben. Bei den Bildern handle sich um eine «Inszenierung des Kiewer Regimes für die westlichen Medien», sagte das russische Verteidigungsministerium gegenüber der russischen Nachrichtenagentur Tass.

(yam, mit Material der sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Wie sich ukrainische Zivilisten auf ihren Feind vorbereiten

1 / 17
Wie sich ukrainische Zivilisten auf ihren Feind vorbereiten
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Journalist platzt nach Zweifel an Butscha-Bildern der Kragen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

124 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Päule Freundt
04.04.2022 11:12registriert März 2022
Nach diesem Wochenende sollte wirklich allen im Westen klar sein, dass an Sanktionen als probates Mittel weiter festgehalten werden muss. Der Krieg ist für Putin teuer und ihm muss die Möglichkeit genommen werden, dass er den Krieg weiter finanzieren kann.

Zudem werden die Sanktionen die russische Wirtschaft und Bevölkerung treffen, also soll Putin gezwungen werden, dass er sich um das Wohl seines eigenen Landes kümmert.

Putin soll sich nicht um das „Wohl” der Ukraine kümmern. Wir wissen, was er darunter versteht. Das sind übelste Kriegsverbrechen. Putin soll abziehen, verschwinden.
1257
Melden
Zum Kommentar
avatar
Use Brave Browser
04.04.2022 12:28registriert Dezember 2019
Lieber frieren als russisches Blut-Gas.
1209
Melden
Zum Kommentar
avatar
alberich
04.04.2022 12:22registriert Juli 2020
“Bei den Bildern handle sich um eine «Inszenierung des Kiewer Regimes für die westlichen Medien», sagte das russische Verteidigungsministerium…“

Selbstverständlich!

Bin mir von den Schwurblern ja einiges gewohnt, aber das, das haut dem Fass den Boden raus!
11111
Melden
Zum Kommentar
124
Der US-Senat beschliesst zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine Verschärfung des Waffenrechts. Eine Entscheidung des Supreme Courts aber lockert es weitgehend. Was nun?

Es ist schon spät am Abend in Washington, als der Senat sich zu einer historischen Einigung durchringt: Die USA bekommen erstmals seit Jahrzehnten ein leicht verschärftes Waffenrecht.

Zur Story