International
Russland

So soll Lukaschenko bei Putins Kinderverschleppung helfen

So soll Lukaschenko bei Putins Kinderverschleppung helfen

Dass Alexander Lukaschenko seinem Freund Putin treu ergeben ist, hat er mehrfach bewiesen. Auch vor der Entführung von Kindern soll er dabei nicht zurückschrecken.
20.07.2023, 06:0420.07.2023, 14:20
marianne max / t-online
Mehr «International»
Ein Artikel von
t-online

Sie werden gegen ihren Willen aus dem Land gebracht, müssen die russische Nationalhymne, die russische Sprache und teils sogar den Dienst an der Waffe lernen, ihr Heimatland – die Ukraine – lernen sie zu beschimpfen: Russland hat mutmasslich während seines Angriffskrieges Tausende ukrainische Kinder verschleppt. Dass Moskau dabei offenbar Unterstützung von einem engen Verbündeten erhält, soll nun ein Bericht des britischen «Telegraph» zeigen.

Alexander Lukaschenko h
Alexander Lukaschenko, Machthaber von Belarus (Archivbild): Bis diesen Herbst sollen etwa 3.000 ukrainische Kinder nach Belarus gebracht werden.Bild: sda

Die Vorwürfe wiegen schwer: Demnach soll der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko massgeblich an der Verschleppung ukrainischer Kinder durch Russland beteiligt sein – und damit an einem Kriegsverbrechen.

Umerziehung und militärische Ausbildung von Kindern

Dass Russland durch die Kinderverschleppung offenbar Kriegsverbrechen begeht, stellte die Untersuchungsmission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bereits vor einigen Wochen fest. Drei Rechtsexpertinnen aus Lettland, Norwegen und Tschechien waren von 45 der 57 OSZE-Mitgliedstaaten beauftragt worden, den Vorwürfen Kiews nachzugehen. Dort gaben Behörden zuletzt eine Zahl von etwa 19'000 Kindern an, die durch Russland zwangsdeportiert worden sein sollen.

Wie viele Kinder tatsächlich betroffen sind, konnte die OSZE nicht feststellen, da Russland die Deportationen nicht dokumentiert. Doch laut dem Bericht der Experten besteht kein Zweifel daran, dass die Taten von Moskau begangen werden. Die entführten Kinder seien demnach Umerziehung, Informationskampagnen und militärischer Ausbildung ausgesetzt. Moskau behindere die Rückkehr der Kinder zudem aktiv und habe Kiew keine Liste der Betroffenen zur Verfügung gestellt. Die Türkei und Saudi-Arabien haben darum erwirkt, dass Kiew und Moskau derzeit Listen mit den Namen der Kinder anfertigten, die nach Russland deportiert wurden, berichtet die «Financial Times».

Russia Putin 8136489 09.03.2022 Russian President Vladimir Putin shakes hands with Presidential Commissioner for Children s Rights Maria Lvova-Belova during their meeting at the Kremlin in Moscow, Rus ...
Der russische Machthaber Putin mit seiner Kinderrechtsbeauftragten Maria Lwowa-Belowa im Kreml. (Archivbild)Bild: www.imago-images.de

Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hatte die Vorwürfe bereits zu Beginn des Jahres manifestiert: Der Gerichtshof hatte einen internationalen Haftbefehl gegen Russlands Präsident Wladimir Putin und seine Ombudsfrau für Kinderrechte, Maria Lwowa-Belowa erlassen.

Umerziehungslager in Russland und Belarus

Die Ombudsfrau selbst macht um Russlands Taten keinen Hehl: Im russischen Staatsfernsehen sagte sie, man gebe die Kinder wegen «Sicherheitsbedenken» zur Adoption von russischen Familien frei oder schicke sie in «Erholungscamps». Auch werde man ihnen im Schnellverfahren die russische Staatsbürgerschaft übertragen. So gibt der russische Staat vor, sich nur um das Wohl der Kinder zu sorgen – statt sie rechtswidrig umzusiedeln.

Insgesamt 43 solcher Lager sind laut einer Studie der US-Universität Yale in Russland und auf der völkerrechtswidrig annektierten ukrainischen Halbinsel Krim errichtet worden. Doch einige weitere befinden sich offenbar auch in Belarus: Wie der britische «Telegraph» nun berichtet, sollen seit vergangenem September mehr als 2'000 ukrainische Kinder nach Belarus gebracht worden sein. Bis zum Herbst dieses Jahres sollen es noch etwa tausend weitere werden. Das zeigten Beweise, die dem IStGH vorgelegt worden seien.

Demnach sollen sich drei solcher Kinderlager in der Region Minsk befinden: Im Sanatorium Ostroshitsky Gorodok, dem nationalen Bildungs- und Gesundheitszentrum für Kinder Zubrenok und dem Kinderlager Dubrawa, das dem staatlichen belarussischen Düngemittelunternehmen Belaruskali gehört. Ein vierter Standort soll das Sanatorium Golden Sands in der Region Gomel sein.

«Damit Putin die Kontrolle über die gesamte Ukraine übernimmt»

In einem Dokument, das das dem «Telegraph» vorliegt, fordert Dmitri Mesenzew, Vorsitzender einer russisch-belarussischen Organisation und ehemaliger russischer Botschafter in Belarus, eine Zusammenarbeit zwischen den belarussischen und russischen Staatsbahnbetreibern, um den «Transport der Kinder des Donbas zur Rehabilitation in das brüderliche Belarus» zu organisieren.

Eine Kooperation, die offenbar bereits stattfindet: Laut Recherche des «Telegraph» werden die ukrainischen Kinder durch Russland zunächst in die Stadt Rostow am Don, im Süden Russlands gebracht, bevor sie mit dem Zug in die belarussische Hauptstadt Minsk transportiert werden. Mit Bussen würden sie dann auf die vier Einrichtungen verteilt werden.

Dort würden die Kinder systematisch «umerzogen» – oft unter Einsatz von Gewalt, sollten sie nicht tun, was von ihnen verlangt wird. So sollen sie etwa glauben, sie seien Russen. Dazu werde mit ihnen nur auf Russisch gesprochen. In vielen ukrainischen Familien beherrschen die unterschiedlichen Generationen oft beide Sprachen. Auch müssten sie die russische Nationalhymne und den Umgang mit der Waffe lernen. Bevor sie in russischen Familien untergebracht werden, werden sie zudem dem Bericht zufolge zum Hass gegen die Ukraine angestachelt. So sollten sie lernen, auf ihr Heimatland zu schimpfen.

Einen Einblick von einer solchen Propagandashow gibt ein Video, das laut dem «Telegraph» dem IStGH vorliegen und aus dem belarussischen Dubrawa-Lager stammen soll. Zwei belarussische Popsängerinnen halten zahlreichen Kindern eine Rede, in der es etwa heisst: «Damit wir in Frieden leben, damit Biden stirbt, [...] damit auch Selenskyj stirbt und Putin gedeiht und die Kontrolle über die gesamte Ukraine übernimmt.» Während einige Kinder schweigend in ihrem Sitz versinken, ernten die Sängerinnen von anderen tosenden Applaus.

Haftbefehl gegen Putins Gehilfen Lukaschenko?

Die mutmassliche Hilfe von Lukaschenko zeigt einmal mehr, dass er als Putins Handlanger agiert. Immer wieder hatte er dem Kremlchef in der Vergangenheit seine Treue bewiesen.

Zunächst, indem er Russland gewährte, seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine von seinem Territorium aus zu beginnen, dann indem er weitere russische Truppen in Belarus stationieren liess. Er erlaubte es Putin, taktische Atomwaffen auf belarussischem Territorium zu stationieren und vermittelte schliesslich beim Aufstand des Wagner-Chefs Jewgeni Prigoschin, bot dessen Söldnern gar Exil in seinem Land, wo sie inzwischen offenbar an der Ausbildung belarussischer Soldaten beteiligt sind.

Auf EU-Ebene werde daher Konsequenzen gefordert: Der Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten, Menschenrechte, Gemeinsame Sicherheit und Verteidigungspolitik des Europäischen Parlaments hat den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag aufgefordert, auch einen Haftbefehl gegen Lukaschenko zu erlassen – ähnlich wie dem gegen Putin und seine Ombudsfrau für Kinderrechte, Lwowa-Belowa.

Verwendete Quellen:

  • telegraph.co.uk: "Exclusive: Belarus abducts thousands of Ukrainian children" (englisch)
  • Spiegel.de: "Verschleppte ukrainische Kinder – OSZE spricht von Kriegsverbrechen"
  • understandingwar.org: "RUSSIAN OFFENSIVE CAMPAIGN ASSESSMENT, JULY 18, 2023" (englisch)
  • Mit Material der Nachrichtenagentur dpa
  • Eigene Recherche
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Was gerade an der belarussisch-polnischen Grenze passiert
1 / 10
Was gerade an der belarussisch-polnischen Grenze passiert
Seit mehreren Tagen sitzen Tausende von Migranten an der Grenze von Belarus zu Polen fest.
quelle: keystone / leonid shcheglov
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Gewalt gegen Protester in Belarus
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
23 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
rodolofo
20.07.2023 07:40registriert Februar 2016
Mit diesen in der Ukraine gestohlenen, verschleppten und umerzogenen Kindersoldaten hat Russland unter Putin definitiv das Niveau einer afrikanischen Rebellen-Armee erreicht.
Ob Putin an der Macht bleibt, oder durch Prigoschin abgelöst wird, macht da keinen wesentlichen Unterschied mehr.
Russland ist für Generationen und Jahrzehnte kaputt und verloren...
682
Melden
Zum Kommentar
avatar
FrancoL
20.07.2023 09:02registriert November 2015
Ein Artikel der einem einmal mehr wütend und ratlos stehen lässt. Wut und Abscheu gegenüber der russischen Führung und ihren Helfern wird immer grösser.
Aber es ist auch schwer da das russische Volk nicht auch in die Verantwortung zu ziehen, denn breitere Teile des Volkes müssen da auch mit machen und entlasten kann man diese Teile des russischen Volkes nicht wirklich.
441
Melden
Zum Kommentar
avatar
Pontifax
20.07.2023 07:53registriert Mai 2021
Fällt Putin, fällt auch er. Und da er das weiss, tut er alles erdenkliche, damit Putin so lange wie möglich an der - ihm nicht zustehenden - Macht bleibt.
422
Melden
Zum Kommentar
23
Stundenlang im Stau stehen? Am Mount Everest aktuell ein Problem

Das «weather window» am Mount Everest ist wieder offen. Heisst, die Wetterbedingungen am höchsten Gipfel der Welt sind aktuell günstig, um den Aufstieg zu wagen. Das Zeitfenster für gutes Kletterwetter auf dem Everest ist kurz und fällt in der Regel in die Monate März bis Mai oder September und Oktober. Zu dieser Zeit verschiebt sich der Jetstream leicht und die Winde auf dem Berg nehmen deutlich ab. So gestaltet sich der Aufstieg «leichter.»

Zur Story