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Russland: So (un)plausibel sind die Theorien zum Terrorangriff in Moskau

Nur der IS – oder sind andere involviert? So plausibel sind die Theorien zum Terrorangriff

Experten und Analysten überbieten sich nach dem blutigen Anschlag auf die Moskauer Crocus City Hall mit Spekulationen über mögliche Drahtzieher hinter den islamistischen Attentätern. Folgende Übersicht hilft, den Überblick zu bewahren.
26.03.2024, 17:39
Bojan Stula / ch media
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Vier Tage nach dem Blutbad in Moskau mit rund 140 Toten nennt selbst Wladimir Putin «radikale Islamisten» als wahrscheinliche Täter. Russlands Präsident sagte am Montagabend in seiner zweiten TV-Ansprache seit dem Massaker: «Wir wissen, dass das Verbrechen von radikalen Islamisten begangen wurde, deren Ideologie die islamische Welt selbst seit Jahrhunderten bekämpft.»

epa11244630 A view of the burnt Crocus City Hall concert venue, four days after a terrorist attack in Krasnogorsk, outside Moscow, Russia, 26 March 2024. At least 137 people were killed and more than  ...
Die berühmte Moskauer Eventhalle Crocus City Hall liegt nach dem Blutbad vom Freitag in Trümmern.Bild: keystone

Inzwischen werden die Bekennerschreiben und Videos der Terrorgruppierung «Islamischer Staat Provinz Khorasan» (ISPK) in Russland als glaubwürdig angesehen. Das hindert jedoch russische Kanäle nicht daran, weiterhin die Hintermänner des Anschlags in Kiew, London oder Washington zu suchen. Gleichzeitig beschuldigen Putin-Gegner den russischen Machthaber als eigentlichen Drahtzieher. Bei all diesen Mutmassungen werden die IS-Terroristen lediglich als bezahlte Handlanger dargestellt.

Die derzeit gängigen Theorien zu den Hintergründen des Anschlags auf die Crocus City Hall am Freitagabend lassen sich wie folgt zusammenfassen.

Es war ein selbstständiger IS-Anschlag

Experten wie Peter R. Neumann vom Londoner King's College weisen auf mehrere Belege hin, wie sich der Moskauer Anschlag nahtlos in frühere Verbrechen des Islamischen Staats einreiht. Von der authentischen Wortwahl in den drei Bekennerschreiben über die Herkunft der mutmasslichen Attentäter aus dem bevorzugten IS-Rekrutierungsgebiet Tadschikistan bis hin zur angewendeten Taktik einer tödlichen Kommandoaktion mit Rückzugsmöglichkeit.

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Ein mutmasslicher IS-Terrorist vor Gericht in Moskau.Bild: keystone

Obschon Terrorexperte Neumann betont, dass Putin die Folgen des Anschlags für seine politischen Zwecke missbrauchen könnte, trüge das Massaker genügend Merkmale einer von langer Hand vorbereiteten, eigenständigen IS-Terroraktion. Diese Meinung teilt ein weiterer anerkannter deutscher Analyst, Ralph D. Thiele.

Was dafür spricht: Russland ist nach seiner Teilnahme an der IS-Zerschlagung in Syrien und der engen Verbindung zum schiitischen Mullah-Regime im Iran einer der grössten Feinde des Islamischen Staats und damit primäres Ziel. Die zuvor erfolgte Terrorwarnung durch die gut vernetzten US-Geheimdienste erhärtet laut Neumann diese These.

Was dagegen spricht: Zahlreiche seltsame Umstände des Attentats. Etwa: Wieso dauerte es so lange, bis die russischen Sicherheitskräfte eingriffen? Wieso liessen sich die mutmasslichen Täter nach einer erstaunlich langen Flucht widerstandslos festnehmen?

Die Ukraine hat den Anschlag geplant

Was russische Chefpropagandisten wie Margarita Simonjan und Wladimir Solowjow schon seit Tagen in ihren Sendungen predigen, strich am Dienstag ein Sprecher des russischen Sicherheitsrats heraus: «Natürlich» sei der Anschlag in Kiew geplant worden, behauptete Sekretär Nikolai Patruschew in Moskau vor Journalisten. Auch die «Süddeutsche Zeitung» spekulierte am Montag über angebliche Verbindungen des ukrainischen Geheimdienstes zu IS-Kreisen, ohne aber dafür Belege zu erbringen.

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Putin-Propagandistin Margarita Simonjan versuchte zuletzt, der Ukraine die Schuld zu geben.Bild: keystone

Der russische Politanalyst Sergej Markow sah im Crocus-Massaker den Versuch der Ukraine, nach erfolgter Wahl Putins Regierung zu destabilisieren und wegen Kiews Niederlagen auf dem Schlachtfeld aus Rache den Krieg nach Moskau zu tragen.

Was dafür spricht: Das offensichtliche Versagen der russischen Sicherheitskräfte in der Terrornacht kratzt am öffentlichen Ansehen von Putin. Das Attentat beweist, dass der Kreml nicht in der Lage ist, die russische Bevölkerung zu schützen.

Was dagegen spricht: Seit der Besetzung der Krim 2014 hat die Ukraine nie Vergeltungsschläge gegen russische Zivilisten durchgeführt. Sämtliche Luftangriffe und Bodenangriffe sind stets gegen strategische Ziele gerichtet gewesen. Es gibt keinen plausiblen Grund, wieso Kiew in angespannter Kriegslage das Vertrauen der Verbündeten mit einem solchen Blutbad an Unschuldigen aufs Spiel setzen und eine weitere Eskalation Moskaus riskieren sollte.

Entsprechend empört wiesen Präsident Wolodymyr Selenskyj und US-Sicherheitsberater John Kirby die Beschuldigungen aus Moskau als «kompletten Schwachsinn» zurück. Die Widersprüche, etwa mir der US-Terrorwarnung, sind so gross, dass selbst Putin in seiner zweiten Rede beim Ukraine-Vorwurf zurückkrebsen musste.

Ukrainian President Volodymyr Zelenskyy hold a press conference with Albanian Prime Minister Edi Rama after he summit of Southeastern European countries on peace in Tirana, Albania, Wednesday, Feb. 28 ...
Wolodymyr Selenskyj bestreitet die Vorwürfe gegen die Ukraine vehement.Bild: keystone

Britische und US-Geheimdienste stecken hinter dem Anschlag

Dies ist eine Variante der Ukraine-Theorie, geäussert von denselben russischen Kreisen, alternativ mit oder ohne Mitwissen der Ukraine. Entsprechend gelten dieselben Argumente wie oben. Darüber hinaus: Die offizielle Terrorwarnung von Anfang März durch die US-Botschaft in Moskau macht unter dieser Prämisse erst recht keinen Sinn.

Russland hat den Anschlag geplant

Ex-Schachweltmeister und Putin-Feind Garri Kasparow war nach dem Anschlag einer der ersten, die diese These aufstellten. Der ehemalige russische Geheimdienstoberst Igor Salikow sieht ebenfalls den Kreml als Drahtzieher; im Interview mit CH Media zählte er verschiedene Unstimmigkeiten im Ablauf auf, an denen er die Handschrift der russischen Geheimdienste zu erkennen glaubt.

Darin stimmt auch der schwedische Russland-Kenner Anders Aslund ein. Die Inszenierung des Attentats reihe sich in frühere Aktionen Putins ein und erlaube ihm jetzt eine weitere Kriegsmobilisierung, schreibt der einstige Berater von Boris Jelzin.

Was dafür spricht: Das Massaker liefert triftige Gründe, um Russlands Bevölkerung noch stärker hinter Putins Kriegsanstrengungen zu scharen, den Hass auf die Ukraine und den Westen zu steigern und eine weitere Mobilisierungswelle zu erdulden. Die ersten Reaktionen aus Moskau deuteten alle in diese Richtung.

Was dagegen spricht: Braucht Putin nach «klar gewonnener» Wiederwahl überhaupt eine Rechtfertigung, um weitere Kriegsmassnahmen irgendwelcher Art anzuordnen oder noch härter gegen interne Kritiker vorzugehen? Putins Imageschaden durch das Attentat und dessen kaum berechenbare Folgen lassen an der «False Flag»-Theorie vielmehr zweifeln, sagt der österreichische Russland-Experte Gerhard Mangus auf focus.de. (aargauerzeitung.ch)

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51 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Cpt. Jeppesen
26.03.2024 20:14registriert Juni 2018
Wieso nur sind es immer wieder deutsche und österreichische Experten, die mir erklären wollen, dass Putin doch nicht so wahnsinnig sei, wie er ist? Was in deutschsprachigen Medien kaum behandelt wird, ist die Propagandaschlacht, die Putin gegen sein eigenes Volk führt. Die erfolgreiche Wahl Putins als Argument anzuführen, dass er es nicht gewesen sein könnte, ist vollkommen absurd. Die Wahl war gefaked, es gibt genügend Bildmaterial dazu. Putin hat nicht den Rückhalt, den er sich wünscht, also greift er zum Terror gegen das eigene Volk. Ist das so schwer zu verstehen?
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Thomas Bürgi
26.03.2024 19:52registriert Februar 2023
und die "attentäter" wurden gefoltert. folter dient meist dazu geständnisse zu erzwingen. auch geständnisse die gar nicht wahr sind. aber gemäss russischer aussage waren die "attentäter" ja direkt geständig und der IS hat sofort die verantwortung übernommen. also warum foltern? warum hat man die verantwortlichen sofort gefunden. wie können sie solange in jede gewünschte richtung fliehen, sie waren nicht zu erkennen beim attentat und plötzlich zeigt einer auf ein auto und sagt, da das sind sie? für mich weitere hinweise, dass russland hinter dem ganzen steckt.
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honesty_is_the_key
26.03.2024 19:49registriert Juli 2017
Ich bin leider inzwischen ziemlich sicher, dass der Massenmörder Putin, das Attentat entweder selber organisiert hat, oder es hat organisieren lassen. Bei diesem Psychophaten erstaunt mich nichts mehr. Wie lange muss wohl die Welt ihn noch erdulden ?
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