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Das sind die grössten globalen Risiken – es brennt an allen Ecken und Enden

Das WEF hat eine Rangliste der grössten Gefahren erstellt: Gesellschaftliche und ökologische Themen lösen die Finanzkrise an deren Spitze ab.

Andreas Schaffner / Aargauer Zeitung



Seit 2006 veröffentlicht das World Economic Forum (WEF) zur Eröffnung des Jahrestreffens in Davos eine Studie zu den globalen Risiken. «Woran krankt die Welt?», ist darin die zentrale Frage. Und vor allem: «Welche Krankheit führt zu einer grossen Katastrophe?»

Der sogenannte «Global Risk Report», der auf einer Umfrage unter rund 750 Experten basiert, zeigt also mit anderen Worten auf, wo die Gefahren einer globalisierten Welt verborgen sind und wie verheerend es sein kann, wenn die Risiken eintreten.

In den vergangenen Jahren stand die Finanzkrise im Mittelpunkt. Für dieses Jahr warnen die angefragten WEF-Experten jedoch eindringlich vor den Auswirkungen der Flüchtlingskrise. Sie hat, im Zusammenspiel mit anderen Risiken, das Potenzial, andere, möglicherweise noch bedrohlichere Krisen auszulösen. «Die Politik und auch die Gesellschaft als Ganzes müssen sich bewusst sein, was auf uns zukommen könnte – und entsprechend handeln» sagt Cecilia Reyes, die oberste Risikomanagerin der Zurich und Verantwortliche für das Asien-Geschäft der Versicherungsgruppe (Interview am Ende des Artikels).

aargauer zeitung karte globale risiken

29 Risiken analysiert

Die globalen Risiken werden von den WEF-Experten nach einer international anerkannten Methode erfasst: Die 29 in diesem Jahr ermittelten wichtigsten werden in fünf Kategorien (Wirtschaft, Umwelt, Geopolitik, Soziales und Technologie) nach Grad der Besorgnis, Wahrscheinlichkeit und Auswirkungen sowie deren Wechselwirkungen dargestellt. Und dann werden sie in einer Rangliste aufgereiht.

Ziel der Studie ist es, das Bewusstsein für Risiken zu sensibilisieren und die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Regierungen und der Zivilgesellschaft zu fördern, so die Autoren. Aufgrund der jüngsten Ergebnisse sehen sie dringenden Bedarf dazu: «In der elfjährigen Geschichte des Reports haben wir noch nie so eine breite und starke Zunahme der Risiken gesehen.»

Der «Global Risk Report», der in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Marsh & McLennan und der Zurich Versicherungsgruppe erarbeitet wurde, hat unter Experten eine hohe Glaubwürdigkeit. Er hat etwa für das Jahr 2007 nicht nur auf die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gefahren aufmerksam gemacht, die in der ungehemmten Globalisierung stecken. Sondern auch den Fokus auf den US-Häusermarkt gelegt und auf die Gefahr einer Korrektur mit enormen Folgen für die Wirtschaft hingewiesen. Wenige Monate später schlitterten die USA aufgrund des Zusammenbruchs ihres Häusermarktes in die schlimmste Krise seit den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts.

Siehst du die Flüchtlingskrise als grösste globale Gefahr?

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Wahrscheinlich und gefährlich

In diesem Jahr sehen die befragten Experten die Flüchtlingskrise an oberster Stelle der wahrscheinlichsten Risiken. Im Gegensatz zur Finanzkrise ist hier, kaum verwunderlich, besonders Europa im Fokus. Dies zeigt auch die Aufschlüsselung der der Risiken auf die Regionen auf der Karte (siehe Karte oben).

Die wirtschaftlichen Risiken sind jedoch nicht von der Landkarte verschwunden, auch wenn sie in der Rangliste nicht mehr ganz oben rangieren. Dass jedoch bald eine weltweite Finanzkrise droht, ist nicht mehr so wahrscheinlich wie in vergangenen Jahren. In Europa bleibt lauf den WEF-Experten die hohe Staatsverschuldung und die zunehmende Arbeitslosigkeit sind nach wie vor besorgniserregend.

Technologische Risiken

Kommt hinzu, dass der rasche technologische Wandel auch hier nicht nur Gewinner produziert, sondern auch Verlierer. Aus Sicht der Unternehmen nehmen technologische Risiken einen grösseren Platz ein. Dies nicht nur in den USA oder Japan, sondern laut dem WEF auch explizit auch in der Schweiz. Dabei geht es um das Risiko von Angriffen aus dem Internet, sogenannte Cyberattacken.

Die WEF-Experten warnen in ihrem 98-seitigen Bericht eindrücklich vor den Folgen einer ökologischen Katastrophe. Hier hätte der vergangene UNO-Klimagipfel in Paris zwar gute Ansätze geliefert. Diese reichten nicht: Es gehe jetzt darum, die beschlossenen Massnahmen tatsächlich umzusetzen.

Dies vor dem Hintergrund, dass die Umweltrisiken — der Wassermangel, die Klimaerwärmung, die Nahrungsmittelkrise — nicht nur an der Spitze der als langfristig wahrscheinlichsten Risiken stehen, sondern auch an der Spitze derjenigen Risiken, deren Eintreten den grössten Schaden zur Folge haben könnten. Besonders gefährdet sind hier Asien und die USA. Für die WEF-Experten ist klar, dass vor allem das Zusammentreffen von wahrscheinlichen und potenziell teuren Schäden ein gefährlicher Risikomix sein kann.

In einem separaten Teil geht das WEF auch auf die Frage ein, welche Folgen diese neuen Risiken auf die weltweite Sicherheitslage haben. Der Klimawandel, so kommen die Autoren zum Schluss, könne die bereits schon bedrohliche Situation in gewissen Ländern verschlechtern.

«Der Klimawandel vergrössert vorhandene Risiken»

Die oberste Risiko-Chefin der «Zurich» über die WEF-Studie und die Folgen für Politik und Gesellschaft.

Cecilia Reyes, chief investment officier of Zurich Insurance Group AG, pictured in Zurich, Switzerland, on November 13, 2012. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Risiko-Expertin Cecilia Reyes.
Bild: KEYSTONE

Frau Reyes, der Risikoreport, den die Zurich Gruppe gemeinsam mit dem WEF jährlich erarbeitet, zeigt eine Zunahme der Risiken weltweit. Müssen wir alle Angst haben?
Cecilia Reyes:
Es geht nicht um die konkrete Gefährdung von Einzelnen. Deshalb wäre Angst fehl am Platz. Aber in diesem Jahr nehmen die Risiken zu, insbesondere jene, die grosse Schäden anrichten können. In der 11-jährigen Geschichte des Reports haben wir noch nie so eine breite und starke Zunahme der Risiken gesehen.

Wie meinen Sie das?
Neben der Flüchtlingskrise sollten uns besonders der Klimawandel und die Gefahr der extremen Klimaereignissen beschäftigen. Der Klimawandel hat das Potenzial, enorme Schäden anzurichten. Die Politik und auch die Gesellschaft als Ganzes müssen sich bewusst sein, was auf uns zukommen könnte – und entsprechend handeln.

Was macht den Klimawandel so gefährlich?
Der Klimawandel vergrössert vorhandene Risiken. Er bedroht Zugang zu Wasser, Wirtschaftswachstum, Zusammenhalt der Gesellschaft, Frieden und Sicherheit. Besonders gefährlich wird es, wenn mehrere Ereignisse zusammentreffen. Das sehen wir schon jetzt. Die Flüchtlingskrise, besonders in Afrika, hängt auch mit dem Wassermangel zusammen. Oder schauen Sie sich Europa an: Dort hat die Flüchtlingskrise Auswirkungen auf die politische Stabilität. Käme jetzt noch ein drittes Problem hinzu, etwa eine globale Rezession, wären die Auswirkungen noch viel grösser.

Zur Person

Risiko-Expertin

Cecilia Reyes verfügt über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung im Bereich der internationalen Finanzmärkte. Seit April 2015 ist sie Asien-Chefin der Zurich Insurance Group, der «Zurich». Seit Juli 2015 ist sie zudem Chief Risk Officer, also oberste Risikochefin, der Versicherungsgruppe. Als solche ist sie Mitautorin des «Global Risk Report» des WEF.

Die sozialen Spannungen, die man ansatzweise schon in Deutschland sieht, könnten zunehmen.
Genau.

Tut die Politik Ihrer Meinung nach zu wenig, um die Gefahr zu bannen und die Risiken zu minimieren?
Schaut man die jüngsten Beschlüsse in Paris an, sieht es im Kampf gegen den Klimawandel ganz gut aus — es gibt noch einiges zu tun, aber die Richtung stimmt. Anders bei der unfreiwilligen Migration. Derzeit sind rund 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Hier müssen wir dringend handeln und das Problem an der Wurzel packen.

Behindern die geopolitischen Konflikte den Kampf gegen den Klimawandel?
Ja. Wir sollten gleichwohl nicht schwarz sehen. Im Bereich der Ökologie haben wir gesehen, dass jedes Risiko neue Chancen entstehen lässt – und neue Geschäftsmodelle. Nicht zuletzt sehe ich enormes Potenzial für Versicherungslösungen.

Vergleicht man den aktuellen Report mit früheren, ist auffällig, dass die finanziellen Risiken abnehmen.
Das liegt daran, dass neue Regulierungen geschaffen wurden, die das Finanzsystem stabiler machen. Die Risiken sind nach wie vor vorhanden. Sie werden aber überlagert von grösseren und potenziell gefährlicheren Risiken. Zudem hängt es davon ab, welche Länder und Regionen Sie betrachten. In Europa wird das Risiko einer Finanzkrise als hoch eingeschätzt. Dicht hinter dem Risiko, das aus der Flüchtlingskrise droht und der zunehmenden Arbeitslosigkeit. In den USA halten die Menschen hingegen einen Cyber-Angriff für das grösste Risiko.

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