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Forschende alarmiert: Vogelgrippe betrifft immer häufiger Säugetiere

Vogelgrippe-Ausbruch auf Nerzfarm birgt Gefahr für den Menschen

05.02.2023, 14:4406.02.2023, 22:58
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Derzeit grassiert die grösste je dokumentierte Vogelgrippe in fast allen Teilen der Welt. Gemäss Zahlen der BBC sind der aktuellen Grippewelle, die bereits im Oktober 2021 begonnen hat, über 208 Millionen Vögel zum Opfer gefallen. Das H5N1-Virus ist hoch ansteckend und kann die inneren Organe von Vögeln bei einer Infektion schwer schädigen. Und das innert kürzester Zeit: Ein Ausbruch des Virus kann innerhalb von 48 Stunden 90 Prozent oder mehr eines Vogelfarmbestandes auslöschen.

Was Forschende beunruhigt: Es werden auch vermehrt Fälle bei Säugetieren nachgewiesen. Das birgt auch Gefahr für den Menschen.

Vogelgrippe rafft Tiere in Nerzfarm dahin

Als auf einer Pelzfarm in Galizien im vergangenen Oktober plötzlich zahlreiche Tiere zu sterben begannen, wurde zunächst eine Infektion mit dem Coronavirus vermutet. Der Gedanke war naheliegend: Zu Beginn der Coronapandemie 2020 verbreitete sich das Virus wie ein Lauffeuer durch Nerzfarmen weltweit. Ein grosses Problem, da die Massentierhaltung dem Virus die Chance gibt, schneller zu mutieren. Um dies zu verhindern, wurden im Laufe der Pandemie Millionen von Nerzen getötet.

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Ein Nerz auf einer Nerzfarm in Dänemark. In Dänemark wurden 2020 alle Nerze getötet.Bild: keystone

Die Nerze auf der Farm in Galizien waren allerdings nicht an Corona, sondern am Vogelgrippevirus H5N1 erkrankt, wie Tests ergaben. Das Resultat war letztendlich dasselbe: 50'000 Tiere mussten getötet werden. Bei Expertinnen und Experten schrillen die Alarmglocken.

«Das ist unglaublich besorgniserregend», erklärte Virologe Tom Peacock vom Imperial College in London gegenüber dem «Science»-Magazin. Er sehe einen klaren Mechanismus, wie eine Vogelgrippe-Pandemie starten könnte. Bei vier Tieren wurden bereits mehrere Mutationen gefunden. Eine davon trägt beispielsweise dazu bei, dass sich das H5N1-Virus besser in Säugetiergewebe verbreiten kann.

Noch ist unklar, was genau das bedeutet. Der Ausbruch könne auch ein Einzelfall bleiben, sagt Thomas Mettenleiter vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit gegenüber dem «Spiegel». Man wisse nicht, ob sich das Virus aus dem Nerzbestand weiter verbreitet habe und ob eine Tier-zu-Tier-Verbreitung bei anderen Säugetieren mit diesem Virus möglich sei.

Dass sich Säugetiere mit dem Vogelgrippevirus anstecken können, ist an sich aber nichts Neues: Kanadische und US-amerikanische Behörden haben das Virus im letzten Jahr bei einer Reihe von Tierarten, von Füchsen bis Bären, nachgewiesen. Diese Berichte hätten sich in den letzten 18 Monaten aber vermehrt, gibt Gregorio Torres, wissenschaftlicher Leiter der World Organisation for Animal Health (WOAH) gegenüber der BBC zu bedenken.

Entweder sei dies auf eine gute Überwachung zurückzuführen – was an sich ein gutes Zeichen wäre – oder ein Indikator für eine Veränderung im Virus.

Rätselhaftes Massensterben bei Robben

Auch Robben gehören zu denjenigen Säugetieren, die vom Vogelgrippe-Virus betroffen sind. Robben, Füchse, Marder und andere wilde Säugetiere stecken sich allerdings nicht wie die Nerze untereinander an, sondern infizieren sich an Vogelkadavern oder am Kot kranker Vögel.

Robben
Robben können sich mit dem Vogelgrippe-Virus anstecken.Bild: Shutterstock

Besonders hart scheinen Robben in der kaspischen See getroffen worden zu sein. Die staatliche russische Universität in Dagestan berichtete, dass im frühen Dezember 700 tote Robben entdeckt worden seien. Tests hätten ergäben, dass die Robben mit dem Vogelgrippe-Virus infiziert gewesen seien. Ob die Tiere aber tatsächlich daran gestorben seien, müsse noch untersucht werden. Möglich ist es: Im Sommer davor waren Wildvögel auf einer nahegelegenen Insel vom hochansteckenden Typ H5N1 betroffen.

So ist die Lage in der Schweiz

Auch in der Schweiz ist das Virus auf dem Vormarsch. In den letzten zwei Wochen gab es in der Schweiz fünf neue Fälle.

Diese Woche wurden zwei neue Fälle bei Wildvögeln im Kanton Zürich nachgewiesen. Zu zwei Fällen kam es in den letzten 14 Tagen bei Wildvogelkadavern in Basel-Stadt. Und am Montag teilte der kantonale Veterinärdienst von Luzern mit, letzte Woche sei in Sursee bei einer Mittelmeermöwe das hochansteckende Virus H5N1 entdeckt worden.

Im Dezember und Januar war die Vogelgrippe bereits bei einzelnen Wildvögeln festgestellt worden. Positiv getestet wurden zwei Schwäne im Tessin, je eine Möwe in den Kantonen Thurgau, Luzern, Zürich und Schaffhausen, ein Greifvogel im Kanton Zürich sowie ein Graureiher und ein Wildvogel in Basel. Fälle gab es auch im angrenzenden Ausland.

Gefahr für Menschen

Die Gefahr einer möglichen Ansteckung bei Menschen ist gering, sagt Barbara Wieland, Direktorin des Instituts für Immunologie und Virologie, am Freitagmorgen in der Sendung «Heute Morgen» von Schweizer Radio SRF. Bei den bekannten Fällen der letzten zwei Jahre handle es sich um Menschen, die eng mit Vögeln zu tun gehabt hätten.

epa10342775 Personnel from the Peruvian National Agrarian Health Service (Senasa) collect dead pelicans, possibly infected with H5N1 avian flu, on San Pedro beach in southern Lima, Peru, 01 December 2 ...
Ein toter Pelikan am Strand in Lima, Peru, der mit grosser Wahrscheinlichkeit dem Vogelgrippe-Virus zum Opfer gefallen ist.Bild: keystone

Insgesamt wurden zwischen 2003 und November 2022 nur 868 Vogelgrippe-Fälle bei Menschen dokumentiert. Diese gingen laut WHO allerdings häufig tödlich aus: Von den 868 infizierten Menschen starben 457, was einer Sterblichkeitsrate von 53 Prozent entspricht.

Die WHO entwarnt in ihrem Risikoanalyse-Bericht vom Januar dennoch. Das Virus besitze die Fähigkeit zur dauerhaften Übertragung auf den Menschen nicht. Die Wahrscheinlichkeit einer Ausbreitung von Mensch zu Mensch sei deshalb gering.

Kein Grund aber, sich zurückzulehnen, betont die WHO:

«Aufgrund der sich ständig weiterentwickelnden Influenzaviren betont die WHO weiterhin die Bedeutung der globalen Überwachung, um virologische, epidemiologische und klinische Veränderungen im Zusammenhang mit neu auftretenden oder zirkulierenden Influenzaviren zu erkennen. Insbesondere, wenn diese die Gesundheit von Menschen (oder Tieren) beeinträchtigen können.»

Auch Daniel Olson, Epidemiologe an der Universität von Colorado, warnt gegenüber der News-Seite Vox:

«Die Vogelgrippe steht ganz oben auf der Liste der Viren mit Pandemiepotenzial. Coronaviren sind auch dort oben, aber die Vogelgrippe ist genauso hoch – vielleicht sogar höher.»

Die Bedrohung liegt im Moment also vor allem in der schnellen Ausbreitung und dem damit höheren Risiko einer Mutation.

Das tut die Schweiz dagegen

Der Bund verlängerte am Donnerstag die Massnahmen für den Schutz vor der Vogelgrippe mindestens bis 15. März. Deren Hauptziel ist es laut dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), Kontakte zwischen Wildvögeln und Hausgeflügel zu vermeiden. Die Massnahmen gelten seit November, nachdem das Vogelgrippe-Virus in einem Betrieb bei Winterthur ZH nachgewiesen wurde.

Das Risiko, dass die Vogelgrippe in die Schweiz eingeschleppt wird, bleibt nach Angaben des BLV so lange hoch, bis die wild lebenden Wasservögel ihre Winterquartiere etwa Anfang März in der Schweiz verlassen haben. Der Bund empfiehlt zudem Hygienemassnahmen und beschränkten Zutritt zum Stall. Geflügelmärkte und -ausstellungen sind weiterhin verboten. Die Massnahmen gelten für Geflügelbetriebe ebenso wie für Hobby-Tierhaltungen.

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67 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Janster
05.02.2023 15:13registriert März 2021
Die Frage in diesem Fall ist doch eigentlich warum es in Europa immer noch so etwas wie Netzfarmen geben muss. Für die Nette spielt es am Ende keine Rolle die werden in jedem Fall getötet. Für die Besitzer vermutlich schon. Und um die tut es mir gar nicht leid wenn sich das finanziell nicht mehr lohnt.
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Capsaicine
05.02.2023 15:18registriert August 2018
"Die Gefahr einer möglichen Ansteckung beim Menschen ist gering" - na denn, alles gut, oder? Was sollen wir uns wegen Abertausenden sinnlos gestorbenen oder getöteten Vögel und Nerzen aufregen?

Kapieren wir es eigentlich nie, dass diese Massentierhaltungen äusserst schädlich sind?? Sinnlose Quälerei von Tieren noch dazu... Der sich ach so erhaben fühlende Mensch ist eine der grausamsten und dümmsten Spezies überhaupt.
Damit meine ich nicht den Einzelnen, sondern das Kollektiv. Irgendwann rächt sich das alles auch an uns....
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Garp
05.02.2023 15:26registriert August 2018
Menschen vergessen gern, dass sie auch nur Tiere sind, Säugetiere.
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