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Ukraine: Geheimdienst will russische Piloten zum Überlaufen bringen

epa10841469 Russian pilot Maksym Kuzminov speaks to journalists during a press conference on special operation 'Synytsia' (Tit) of the Ukrainian intelligence service to hijack a Russian mili ...
Der russische Pilot Maksim Kusminow erklärt an einer Medienkonferenz in Kiew, wie er mit seinem Mi-8-Helikopter von Kursk ins ukrainische Poltawa geflüchtet ist.Bild: keystone

Die raffinierte Intrige des ukrainischen Geheimdienstes – geklaut aus einem Hollywood-Film

Nachdem ein russischer Helikopter-Pilot mit seiner Maschine in die Ukraine desertiert ist, möchte Selenskyjs Geheimdienst diesen Coup mit einem Düsenjet wiederholen – doch das ist nur die halbe Wahrheit.
14.09.2023, 10:1514.09.2023, 10:16
Bojan Stula / ch media
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Seit einer Woche herrscht Hochstimmung im ukrainischen Militärgeheimdienst: Auf allen Kanälen wird die Operation «Synytsia» («Meise») abgefeiert, deren Details nun öffentlich gemacht worden sind.

Sogar auf einer Medienkonferenz in Kiew konnte der russische Helikopterpilot Maksim Kusminow in allen Einzelheiten nacherzählen, wie es ihm gelang, sich am 9. August mit seinem Mi-8-Helikopter vom Flugfeld Kursk aus in die Ukraine abzusetzen.

Kusminows Desertion sei eine sechsmonatige akribische Planung mit ukrainischen Geheimkontakten vorausgegangen. Trotz Beschuss und Beinverletzung konnte er den Helikopter sicher nahe Poltawa landen. Als Belohnung soll der Pilot 500'000 US-Dollar erhalten haben, hiess es in Kiew. Ausserdem werde seine Sicherheit und die seiner Familie garantiert.

«Der Kreml ist ausser sich», freute sich Militärgeheimdienstchef Kirilo Budanow im Interview mit dem ukrainischen Fernsehen – um sogleich den nächsten Coup anzukündigen.

Seine Agenten seien mit weiteren russischen Piloten in Kontakt. Kusminows erfolgreiche Flucht werde «jene mit Zuversicht erfüllen, die jetzt noch zögern», wird der von Präsident Selenskyj frisch zum Generalleutnant beförderte Budanow auf der Homepage des Militärgeheimdienstes zitiert. An der Medienkonferenz zuvor hatte Geheimdienstoffizier Andrii Yusow an alle russischen Militärangehörigen appelliert: «Ihr habt die Wahl, sogar unter einer Diktatur, ihr seid keine Sklaven.»

Prompt wurde auf allen Kanälen in den sozialen Netzwerken verbreitet, dass die Ukraine jetzt sogar 2 Millionen Dollar und Aufenthaltspapiere für ein beliebiges Nato-Land offeriere. Diese Belohnung sollen all jene russischen Piloten erhalten, die einen MiG-31-Jagdbomber, bewaffnet mit einer Kinschal-Hyperschallrakete, in der Ukraine abliefern.

Die genaue Herkunft dieser Offerte bleibt etwas mysteriös, obschon überall der Militärgeheimdienst als Quelle angegeben wird. Die massenhafte Verbreitung im Internet lässt viel mehr den Schluss zu, dass das Ganze eine gerissene Intrige und Teil von Kiews psychologischer Kriegsführung ist.

Natürlich rechnen die Ukrainer nicht ernsthaft damit, eine MiG-31 samt der berüchtigten Kinschal in die Finger zu kriegen. Putins angebliche Wunderwaffe wird aufgrund ihrer geschätzten Reichweite von 500 bis 1000 Kilometern bereits kurz nach dem Start weit im russischen Hinterland abgefeuert. Sollte ein russischer Pilot den Abschuss verzögern und stattdessen zur Flucht in die Ukraine ansetzen, würde er vermutlich sogleich ein Opfer der eigenen Flugabwehr.

Von jetzt an steht jeder russische Pilot unter Generalverdacht

Einen Effekt hat die angeblich ausgesetzte Millionen-Prämie gleichwohl. Denn von nun an steht jeder russische MiG-31-Pilot unter Generalverdacht, ein potenzieller Deserteur zu sein, sobald er ins Cockpit steigt. Dies dürfte bei Budanows Gegenspielern vom russischen FSB für viel Nervosität sorgen. Im Idealfall für die Ukraine könnte sogar eine MiG-31 unter eigenen Beschuss geraten, sollte der Pilot ein ungewöhnliches Manöver fliegen, das bei seinen Kameraden Misstrauen erweckt.

Neu ist diese Finte nicht. Fast möchte man eine Wette eingehen, dass Budanow und Co. die Idee direkt aus einem Hollywood-Drehbuch geklaut haben. In Roger Spottiswoodes «Under Fire» von 1983 stösst der von Nick Nolte gespielte Fotoreporter im Bürgerkrieg in Tschad auf ein Flugblatt. Darin verspricht die CIA jedem kubanischen Piloten, der für die Rebellen fliegt, eine Villa mit Pool, wenn er mit seinem russischen MiG-Jet desertiert.

«Das ist doch absoluter Quatsch», zeigt sich Nolte skeptisch. «Das wissen wir, die aber nicht», antwortet sein von Ed Harris gespielter Gegenpart: «Jetzt lassen die Rebellen die Kubaner nicht einmal mehr in die Nähe ihrer Jets.»

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48 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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BG1984
14.09.2023 11:26registriert August 2021
Bin mir sicher, dass die Briten und die USA die Kosten übernehmen wenn sie dafür die Kinschal bekommen.
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Die Geschichte wiederholt sich...
14.09.2023 12:07registriert Februar 2022
Das Ganze erinnert mich an Wiktor Iwanowitsch Belenko, der am 6. September 1976 mit einer MiG-25 aus der UdSSR nach Japan desertierte. Damit ermöglichte er den USA, diesen neuen Abfangjäger genau unter die Lupe zu nehmen.

Bis dahin ging man von einem super manövrierfähgen Jäger aus, dem die USA nichts entgegenzusetzen hätte. Der am 1976 in die Hände geratene Vogel zeigte jedoch, dass die MiG-25 einfach schnell war, aber überhaupt nicht manövrierfähig und daher kaum eine Bedrohung darstellte.

Die MiG-31 ist übrigens ein Abfangjäger und kein Jagdbomber, trotz Kinschall.
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Kommentator K
14.09.2023 13:59registriert Februar 2019
Und für eine Übergabe eines U-Boots empfiehlt sich dann der Film "Jagd auf roter Oktober" :-)
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