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International
Ukraine

Widerstand im Ausland: Der lange Mittelfinger der Ukraine

Widerstand im Ausland: Der lange Mittelfinger der Ukraine

Russland versucht, sein Nachbarland ins vergangene Jahrhundert zu bomben. Doch die Ukraine wehrt sich – auch weit abseits des Schlachtfelds. Sogar in Ägypten.
18.11.2022, 13:44
Theresa Crysmann, Scharm el-Scheich / t-online
Ein Artikel von
t-online

In der Wüste beginnt die heisse Phase. Es sind die letzten Stunden der Weltklimakonferenz in Ägypten und noch immer stocken die Verhandlungen. Vor allem die Reparationszahlungen für Klimaschäden und ein klares Stoppschild für Gas und Öl sind weiterhin alles andere als sicher.

Solidarity With Ukraine Protest In Poland After Russian Missile Assault A boy holds Ukrainian flag during a demonstration of solidarity with Ukraine at the Main Square, after latest Russian missiles t ...
Die Ukraine zeigt auch bei der Weltklimakonferenz mit scharfen Worten und schärferen Bildern, was sie von Russland hält. (Symbolbild)Bild: www.imago-images.de

In einer Ecke der eisgekühlten Messehallen gibt es jedoch schon einen klaren Erfolg. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes hat die Ukraine einen eigenen Pavillon beim UN-Klimagipfel. Wo andere Länder ihre Ausstellungsflächen für die vorgeblich nachhaltigen Seiten ihrer Unternehmen (Kuwait), Espresso-Ausschank (Italien) oder Kunst aus alten Plastiktüten (Türkei) nutzen, hat das kriegsgeplagte Land seine knapp 50 Quadratmeter dem russischen Terror gewidmet.

«Das Design unseres Pavillons erinnert an einen Raketenkrater», sagt Julia Solovey. Die Fläche, ein Symbol. Im Innern des architektonischen Einschlags ziehen sich 16 Reihen kleiner Kisten die Wand entlang. Eine Reihe für jeden Bodentyp, der sich zwischen Transkarpatien in der West- und dem Donezbecken in der Ostukraine findet.

Auch «Chornosem» ist dabei, der tiefbraune Boden, der das Land zur Kornkammer der Welt gemacht hat. Was damit passiert, wenn russische Phosphorbomben einschlagen, zeigen Fotos: Aus dem einst fruchtbaren Erdreich wird Stein.

Julia Solovey ist aus Kiew nach Ägypten zur Klimakonferenz gekommen, um auch hier den Terror des russischen Angriffskrieges erlebbar zu machen.
Bild: Theresa Crysmann / t-online

Vor Russlands völkerrechtswidrigem Angriff auf die Ukraine arbeitete sie als Kuratorin in Kiew, half dort unter anderem, das erste Wissenschaftsmuseum des Landes zu eröffnen. Jetzt leitet sie die Öffentlichkeitsarbeit von United24, der offiziellen Spendenkampagne des ukrainischen Präsidenten.

«Geh eine Meile in den Schuhen der Ukraine»

«Wir brauchen in der Ukraine gerade keine Ausstellungen. Es geht nur darum, die wertvollsten Kunstwerke vor den Russen zu schützen und zu überleben», sagt die 24-Jährige. Vor einem halben Jahr rief Selenskyj die Initiative ins Leben, da internationale Spenden wohl nur langsam in der Ukraine ankamen.

85 Prozent der insgesamt mehr als zwei Milliarden US-Dollar an Hilfen lägen weiterhin auf den Konten ausländischer NGOs, Stiftungen und Behörden, behauptet Solovey. Überprüfen lässt sich das nur schwer. Seit Beginn des direkten Fundraisings habe ihre Kampagne aber bereits mehr als 222 Millionen eingesammelt.

Aftermath of hostilities near Rubizhne village in Kharkiv Region KHARKIV REGION, UKRAINE - NOVEMBER 13, 2022 - A house destroyed as a result of shelling by the russian troops, Rubizhne village, Kharki ...
Im Dorf Rubizhne in der Region Charkhiw stehen nach der Bombardierung durch russische Truppen nur noch vereinzelte Häuserfassaden.Bild: www.imago-images.de

Das Geld geht in die Minenräumung, die Grundausrüstung ukrainischer Soldaten, medizinische Versorgung und zivile Nothilfe. Ein kleiner Teil fliesst in den Wiederaufbau. Wie nötig gerade auch das ist, zeigen zwei Virtual-Reality-Headsets. «Geh eine Meile in den Schuhen der Ukraine», lädt das Schild daneben ein.

Die Tour führt nach Kiew, nach Mikolajew, Saporischschja, Tschernihiw, Charkiw und in andere Orte, die vom russischen Militär entstellt worden sind: zerfetzte Mehrfamilienhäuser, ausgebrannte Autos, zerstörte Brücken, leergebombte Wohnungen, Trümmerhaufen mit zerbrochenen Tellern, zerfledderten Büchern, das Inventar eines längst vergangenen Alltags. Dazu melancholisches Klavierspiel.

«Ich habe vor allem Angst, dass etwas passiert, während ich weg bin»
Julia Solovey

«Wenn ich diese Aufnahmen sehe, muss ich fast immer weinen», sagt Solovey. Für insgesamt zwei Wochen betreut die junge Kuratorin den ukrainischen Pavillon in der ägyptischen Wüste. Danach geht es zurück nach Kiew, «ich fühle mich nirgendwo mehr zu Hause als dort». Es sei ihr schwergefallen, überhaupt zur Klimakonferenz zu kommen.

«Die Ukraine zu verlassen, ist ein ganz eigenartiges Gefühl: Im Ausland läuft alles normal weiter, obwohl ich innen drin wie verbrannt bin», sagt sie und atmet tief durch. «Ich habe vor allem Angst, dass etwas passiert, während ich weg bin». Ihr Partner hat früher als Anwalt gearbeitet, nun ist er an der Front.

Der Schutz eines Baumes habe ihm vor Kurzem das Leben gerettet, erzählt sie. Ob der mit Granatsplittern gespickte Eichenstamm aus der Nähe von Irpin auch jemanden decken konnte? Sie und ihr Team haben ihn von dort mit nach Ägypten gebracht. Sie streicht über ein Metallstück, das sich besonders tief in die Rinde gegraben hat, «wenn man sich vorstellt, dass das eigentlich im Körper eines Menschen stecken sollte», sagt sie leise.

In der Nähe des Baumstammes, an den Headsets, bei den Bodenproben, überall kleben Sticker, die zum Spenden per QR-Code aufrufen. «Es ist keine Option, dass wir den Krieg verlieren», ist Solovey überzeugt. Sie hilft, diesen Wunsch wahrzumachen, indem sie die Spendentrommel rührt.

Auch Barbra Streisand unterstützt

Wenn sie nicht gerade die kleine Ausstellung auf dem Klimagipfel betreut, verantwortet sie das Botschafter-Programm der Spendenkampagne. Die Band Imagine Dragons konnte Solovey ebenso gewinnen wie Sängerin Barbra Streisand, den US-Astronauten Scott Kelly, den Star-Wars-Schauspieler Mark Hamill, den Designchef der Modemarke Balenciaga, Demna Gvasalia, und einige weitere berühmte Namen.

Ukrainian President Volodymyr Zelenskyy speaks during a joint news conference with President of Guinea-Bissau Umaro Sissoco Embalo in Kyiv, Ukraine, Wednesday, Oct. 26, 2022. (AP Photo/Andrew Kravchen ...
Müde, aber fest entschlossen: So kennt inzwischen die ganze Welt den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.Bild: keystone

Während Solovey durch den Pavillon führt, bringen ihre Kollegen ein Plakat mit einem Zitat von Präsident Selenskyj an: «Die Ukraine kann und – da bin ich mir sicher – wird zu einem Zentrum grüner Energie in Europa werden.» Gerade für die Produktion von grünem Wasserstoff seien die Bedingungen ideal. «Um dieses Potenzial nutzen zu können, müssen wir aber zuerst die Gültigkeit des Völkerrechts wiederherstellen, unser gesamtes Gebiet von den russischen Besatzern befreien und langfristigen Frieden schaffen», steht dort schwarz auf gelb.

Zwar hat Russland auf der diesjährigen Klimakonferenz keinen eigenen Stand, eine Delegation der Regierung ist allerdings vor Ort. Man darf davon ausgehen, dass diese einen weiten Bogen um den Pavillon der Ukraine macht, die auf sie wie ein besonders langer Mittelfinger wirken muss.

«Wir sind nicht bereit, in Angst zu leben», sagt Solovey. «Das mag in Russland der Normalzustand sein, aber nicht in der Ukraine.»

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3 Kommentare
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esther90
18.11.2022 15:07registriert April 2022
Ganz grossen Respekt, trotz des Krieges und trotz der vielen Angst um die Lieben zuhause immer noch ans Klima zu denken.

Und vielleicht gibt das ein bisschen Hoffnung: Die Russen haben es sich mit allen verdorben. Die werden noch über viele Jahre hinweg den Krieg bitter bereuen. Und dann die vielen Reparationszahlungen, die noch kommen werden, oh je: das wird weh tun. Und erst danach wird wieder mit den kleinen Böötli herumgeschippert.
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