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Die Anschläge vom 11. September 2001 waren eine historische Zäsur. Ihre Folgen sind heute noch spürbar.
Die Anschläge vom 11. September 2001 waren eine historische Zäsur. Ihre Folgen sind heute noch spürbar.
Bild: keystone

So beeinflusst 9/11 die Welt noch heute

11.09.2021, 17:0011.09.2021, 21:03

In Schockstarre schaute die Welt nach New York, an diesem 11. September 2001, als kurz nacheinander zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers krachten. Die Terroranschläge auf die USA, die symbolmächtig die Twin Towers zum Einsturz brachten und mit dem Pentagon bei Washington die militärische Kommandozentrale der Supermacht trafen, waren ein historisches Ereignis – das war jedem klar, der an diesem Tag die in Schlaufen wiederkehrenden Bilder am Fernsehen sah.

Welche Tragweite dieses historische Ereignis haben würde, welche Folgen sich aus diesem verheerenden Angriff auf das Selbstbewusstsein Amerikas entwickeln würden, das konnte damals keiner wissen. Heute, 20 Jahre danach, ist vieles klarer – auch wenn die Welt sich weiter dreht und wir nicht wissen können, wie sie heute aussehen würde, hätte es 9/11 nie gegeben.

Vielleicht, so liesse sich spekulieren, war die hauptsächliche, primäre Folge der Anschläge eine tiefe Verunsicherung. Das Ende der Sorglosigkeit, wie es Kollege Blunschi nennt. Eine Verunsicherung der einzigen, der westlichen Supermacht und ihrer Verbündeten, ihrer kulturellen Einflusssphäre. Die sekundären Folgen könnte man so als jene Versuche sehen, die Unsicherheit zu beseitigen und wieder Sicherheit zu schaffen – mit tauglichen oder wohl öfter untauglichen Mitteln.

Flugsicherheit

Mit Teppichmessern bewaffnete Terroristen hatten vier Passagierflugzeuge entführt und sie zu fliegenden Bomben umfunktioniert. Kein Wunder gehörte der Luftverkehr zu den ersten Bereichen, in denen sich die Folgen von 9/11 zeigten. Zunächst einmal im Einbruch der Passagierzahlen: 2001 ging der Flugverkehr um 2,7 Prozent zurück, weil nun viele Leute Angst hatten, in ein Flugzeug zu steigen.

Die Fluggesellschaften kamen weltweit ins Trudeln, einige stürzten endgültig ab – darunter die Swissair, die traditionsreiche Schweizer Fluggesellschaft. Das «Grounding» am 2. Oktober 2001 hatte zwar mit Sicherheit noch andere wichtige Gründe, darunter als wohl wichtigster eine verfehlte sogenannte Hunter-Strategie. Doch 9/11 führte zu einem Einbruch der Nachfrage und dadurch zu verschärften Liquiditätsproblemen. Kurz vor dem Grounding schätzte die Swissair die Folgekosten der Terroranschläge konzernweit auf mehrere Milliarden Franken bis 2002.

Swissair-Grounding: Maschinen der Schweizer Fluggesellschaft am 3. Oktober 2001.
Swissair-Grounding: Maschinen der Schweizer Fluggesellschaft am 3. Oktober 2001.
Bild: KEYSTONE

Die Sicherheitsvorkehrungen an den Flughäfen und in den Flugzeugen wurden weiter verschärft. Der Zutritt zum Cockpit wurde für Unbefugte nahezu unmöglich, bestimmte Bereiche der Flughäfen wurden nun streng kontrolliert. Zudem wurde die Kontrolle der Fluggäste und des Handgepäcks deutlich verstärkt.

Allerdings war es keineswegs so, dass Fliegen vor 9/11 ohne Sicherheitskontrollen stattgefunden hätte – und einige Verschärfungen, etwa das Verbot von Flüssigkeiten im Handgepäck, wurden erst Jahre später eingeführt. Flugzeugentführungen hatte es seit Ende der Sechzigerjahre vermehrt gegeben und die Sicherheitsvorkehrungen waren allmählich verschärft worden – so werden alle Passagiere schon seit 1980 durchsucht und ihr Handgepäck durchleuchtet. Nach dem Lockerbie-Anschlag 1988 wurde der Anteil des kontrollierten Gepäcks ständig erhöht; seit 2002 wird das aufgegebene Gepäck stets vollständig geprüft.

Finanzkrise

Die Auswirkungen von 9/11 auf die Wirtschaft waren zunächst überschaubar. Der Börsenstart an der Wall Street wurde zuerst verschoben und die Börse dann für den Rest der Woche geschlossen, um Panikreaktionen zu verhindern. Bei der Wiedereröffnung am folgenden Montag verlor der Dow Jones 7,1 Prozent oder 684 Punkte – der bis dahin höchste Tagesverlust in absoluten Zahlen. Und dies, während die US-Wirtschaft nach wie vor unter den Auswirkungen der im März 2000 geplatzten Dotcom-Blase litt.

Kursverlauf des Dow Jones: Zwischen 10. und 17. September war die Börse geschlossen, danach kam es zu einem scharfen Verlust, gefolgt von einer schnellen Erholung.
Kursverlauf des Dow Jones: Zwischen 10. und 17. September war die Börse geschlossen, danach kam es zu einem scharfen Verlust, gefolgt von einer schnellen Erholung.
Grafik: Wikimedia

Doch die amerikanische Notenbank, die Federal Reserve, konnte das Schlimmste verhindern. Ihr Chef Alan Greenspan hatte sofort versichert, dass die Fed quasi unbegrenzt Geld zur Verfügung stellen und Liquidität daher kein Problem darstellen würde. Schon im November hatte sich die Börse wieder erholt.

Das billige Geld befeuerte indes durch die günstigen Kredite den Immobilienboom in einigen US-Bundesstaaten. Diese Blase platzte im August 2007 und führte zur globalen Finanzkrise und einer schweren Weltwirtschaftskrise. Wenn 9/11 auch nicht die direkte Ursache der Finanzkrise war, so war es doch einer der Faktoren, die zum Desaster führten.

Homeland Security und Guantanamo

In den USA fand nach den Anschlägen eine massive Aufrüstung des staatlichen Sicherheitsapparates statt. Sichtbarster Ausdruck davon war die Gründung eines neuen Ministeriums – des Departments of Homeland Security (Heimatschutzministerium). Es ist heute nach dem Verteidigungsministerium und der Rentenorganisation die drittgrösste Bundesbehörde, zuständig unter anderem für Grenzschutz, Immigration und Katastrophenhilfe.

Doch auch lokale Behörden rüsteten auf – oft in unverhältnismässiger Weise. So bestellte der Ort Glendale, ein Vorort von Los Angeles, einen neun Tonnen schweren «BearCat», um die «DreamWorks»-Filmstudios gegen Terrorangriffe schützen zu können. Landesweit wurden hunderte von solchen Panzerwagen angeschafft.

Zahlreiche lokale Polizeistationen in den USA verfügen seit der Aufrüstung nach 9/11 über einen «BearCat».
Zahlreiche lokale Polizeistationen in den USA verfügen seit der Aufrüstung nach 9/11 über einen «BearCat».
Bild: keystone

Sehr viel bedenklicher ist indes die Aushöhlung von Prinzipien des amerikanischen Justizwesens, die im Nachhall von 9/11 stattfand. Dazu gehört der Patriot Act, ein Bundesgesetz, das im Eilzugstempo verabschiedet wurde und den US-Behörden ohne richterlichen Beschluss weitreichenden Zugriff auf personenbezogene Daten erlaubte. Wie ausgiebig US-Geheimdienste wie die NSA Gebrauch davon machten, zeigten die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden Jahre später.

Dazu gehörte aber auch die Einrichtung von Internierungslagern im US-Stützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba, in denen Gefangene – etwa aus Afghanistan – festgehalten wurden, die die US-Behörden als «ungesetzliche Kombattanten» bezeichneten. Damit blieben ihnen Rechte als Kriegsgefangene oder zivile Gefangene verwehrt.

Die Behandlung der Gefangenen in Guantanamo schadete dem Ansehen der USA enorm.
Die Behandlung der Gefangenen in Guantanamo schadete dem Ansehen der USA enorm.
Bild: keystone

Zudem haben mittlerweile selbst ehemalige Militärangehörige eingeräumt, dass in Guantanamo Gefangene gefoltert wurden. «Was ich gemacht habe, war Folter. Zu hundert Prozent. Kein Zweifel», sagte ein als «Mister X» bezeichneter Mann, der zum sogenannten Special Projects Team gehört hatte und in Guantanamo für Verhöre zuständig war.

Diese systematische Aushebelung verfassungsmässiger Grundrechte, die auch in den Geheimgefängnissen der CIA oder – nach der Invasion im Irak – im Gefängnis Abu Ghraib stattfand, widersprach dem Selbstbild der USA als dem Hort von Freiheit und Demokratie sowie von Menschen- und Bürgerrechten. Diese Skandale beschädigten zudem die Glaubwürdigkeit des Landes schwer und schwächten seine Soft Power – also seine kulturelle und politische Attraktivität.

Krieg gegen den Terror: Unilaterale Aussenpolitik

Zu Beginn führte 9/11 zu einer Welle der Solidarität mit den USA. Am 4. Oktober beschloss die NATO zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall. «Ein bewaffneter Angriff gegen einen Bündnispartner wird als Angriff gegen alle angesehen», erklärte der damalige Generalsekretär George Robertson. US-Präsident George W. Bush verkündete in einer Rede vor dem Kongress den «Krieg gegen den Terror» («War on Terror») und schlug damit einen martialischen Ton an, dem entsprechende Handlungen folgen sollten.

US-Präsident George W. Bush (M.), Vizepräsident Dick Cheney (l.) und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld: Sie instrumentalisierten 9/11 für den «War on Terror».
US-Präsident George W. Bush (M.), Vizepräsident Dick Cheney (l.) und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld: Sie instrumentalisierten 9/11 für den «War on Terror».
Bild: keystone

Die Kriege im Nachgang zu 9/11, die als Antwort auf diesen Terrorakt legitimiert wurden, sind die bei weitem verlustreichste Folge dieses epochalen Ereignisses. Erst jetzt, 20 Jahre später, endete der Krieg in Afghanistan, der mit der Operation «Enduring Freedom» im Oktober 2001 begonnen hatte. Damals wurde das Taliban-Regime gestürzt, das dem Terror-Netzwerk al-Kaida Unterschlupf geboten hatte; heute sind in Kabul erneut die Taliban an der Macht.

Während der Krieg in Afghanistan von den Verbündeten noch mitgetragen wurde, gingen sie danach zunehmend auf Distanz. Die Invasion im Irak 2003 erfolgte bereits ohne UNO-Mandat; wichtige US-Verbündete wie Frankreich oder Deutschland unterstützten diese militärische Intervention nicht. Die USA unter Bush, dem 9/11 Gelegenheit gab, seine Ziele durchzusetzen, marschierten dennoch ein. Freilich wurden weder die angeblich vorhandenen Massenvernichtungswaffen gefunden, noch liess sich eine Verwicklung des Saddam-Hussein-Regimes in die Anschläge nachweisen.

In Afghanistan gelang es zwar, die al-Kaida so weit zu zerschlagen, dass das Terrornetzwerk nicht mehr zu operativen Schlägen imstande war. Doch aus dem Netzwerk wurde eine Bewegung, die sich nicht fassen und nur schwierig bekämpfen liess. Der globale dschihadistische Terror gewann sogar an Momentum und erreichte ab 2004 auch Europa.

Obwohl es 2011 einem US-Spezialkommando gelang, Osama bin Laden aufzuspüren und zu töten, konnten die zunehmend diversifizierten islamistischen Terrorgruppen kaum eingedämmt werden. Mit dem sogenannten Islamischen Staat, der zeitweise weite Teile des destabilisierten Iraks und des vom Bürgerkrieg zerrütteten Syriens beherrschte, radikalisierte sich der dschihadistische Islam weiter. Auch nach der Zerschlagung des IS-Kalifats sind die meisten Opfer des dschihadistischen Terrors ebenfalls Muslime. Im Westen geht die Gefahr eher von Einzeltätern aus.

«Time»-Cover nach der Tötung Osama bin Ladens.
«Time»-Cover nach der Tötung Osama bin Ladens.
Bild: Time

Die USA, die zunehmend auf Unilateralismus gesetzt hatten, erlitten damit grösstenteils Schiffbruch. Damit beschleunigte sich der Übergang von einer Welt, in der die USA als einzig verbliebene globale Ordnungsmacht fungierten, zu einer multipolaren Architektur der internationalen Politik.

Muslime unter Generalverdacht

Vor allem für die in westlichen Ländern lebenden Muslime war 9/11 eine Zäsur. Es hatte zwar im Westen auch zuvor schon Irritationen gegeben, etwa über die Fatwa, mit der der iranische Staatschef Chomeini den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie wegen dessen Werk «Die satanischen Verse» zum Tod verurteilt hatte. Oder über das barbarische Taliban-Regime, das die als UNESCO-Weltkulturerbe gelisteten Buddha-Statuen von Bamiyan zerstören liess.

Doch erst mit den Terroranschlägen vom September 2011 gerieten die Muslime im Westen quasi unter Generalverdacht – dem weitere Anschläge, etwa in Madrid 2004 oder London 2005, zusätzlich Nahrung gaben. Schon unmittelbar nach 9/11 nahm das FBI mehr als 1000 Muslime in den USA fest. Die rund drei Millionen Muslime im Land hatten zuvor ein weitgehend unauffälliges Leben geführt – nun mussten sie sich plötzlich für ihren Glauben rechtfertigen.

Dies traf auch auf westliche muslimische Gemeinden ausserhalb der USA zu, etwa in der Schweiz. Zuvor hatte es gegenüber dieser Religionsgemeinschaft oft nur wenig und dann eher wohlwollendes Interesse gegeben. 9/11 zwang auch eher wenig religiöse Muslime dazu, ihre Religion, die sie meist als Privatsache betrachteten, zu erklären. Daran hat sich in den letzten Jahren wohl nur wenig verändert.

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Video: watson/lea bloch
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