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Ein verwundeter US-Soldat in Afghanistan wird abtransportiert.
Ein verwundeter US-Soldat in Afghanistan wird abtransportiert.
Bild: AP Photo/Kevin Frayer
Analyse

Vietnam, Irak, Afghanistan – so verloren die USA ihre Kriege

19.08.2021, 09:4520.08.2021, 06:59

So kann man sich täuschen: Es werde nicht dazu kommen, dass Menschen vom Dach einer US-Botschaft in Afghanistan abtransportiert würden, bekräftigte US-Präsident Joe Biden am 8. Juli im Hinblick auf den Truppenabzug aus Afghanistan. Er spielte damit auf die berühmten Bilder aus Saigon im April 1975 an, als die nordvietnamesische Armee und der Vietcong die südvietnamesische Hauptstadt erobert hatten und das Botschaftspersonal mit Hubschraubern aus der Stadt geflogen worden war.

Doch genau solche Bilder gingen am Sonntag um die Welt. Und prompt wurden sie in Bezug gesetzt zu den Geschehnissen vor 46 Jahren in Südostasien.

Die dramatischen Bilder aus Kabul wecken nicht nur Erinnerungen an die traumatische Niederlage der westlichen Supermacht in Vietnam – das eklatante Scheitern des Westens beim Versuch des «Nation building» am Hindukusch weist auch Parallelen mit den gescheiterten Hoffnungen im Irak nach der Invasion 2003 und dem Sturz Saddam Husseins auf.

Alle diese langen Kriege endeten letztlich nicht mit einem amerikanischen Erfolg. Was verbindet diese Interventionen, worin unterscheiden sie sich und warum sind sie gescheitert?

Inhaltsverzeichnis

Vietnam

Die USA – einst selbst im Kampf gegen eine Kolonialmacht hervorgegangen – erbten gewissermassen den Krieg in Vietnam von der geschlagenen französischen Kolonialmacht, die sie im Indochinakrieg (1946–1954) massiv unterstützt hatten. Nach der Niederlage und dem Abzug der Franzosen wurden sie zur Schutzmacht Südvietnams, dessen korruptes und repressives Regime mit einer starken kommunistischen Widerstandsbewegung konfrontiert war, dem Vietcong. Erklärtes Ziel Nordvietnams und des von ihm unterstützten Vietcongs war die Wiedervereinigung Vietnams unter kommunistischer Herrschaft.

Unter Präsident Kennedy und dessen antikommunistischer «Rollback»-Politik verstärkte sich das amerikanische Engagement in Vietnam zusehends. Zu Beginn beschränkte sich die militärische Intervention der USA weitgehend auf Luftangriffe und die Entsendung von Militärberatern. Nach dem von der US-Navy provozierten Tonkin-Zwischenfall im Juli 1964 eskalierte der Konflikt; Präsident Johnson befahl die Bombardierung Nordvietnams und die USA begannen mit der Entsendung von Bodentruppen.

Bis 1969 wuchs die Zahl der US-Soldaten im Land auf über 540'000 an. Die US Air Force warf während des gesamten Krieges acht Millionen Tonnen Bomben ab; mehr als im Zweiten Weltkrieg auf allen Kriegsschauplätzen zusammen. Dazu kam der Einsatz von giftigen Entlaubungsmitteln wie «Agent Orange», der Reisfelder zerstörte und Wasserreservoirs kontaminierte.

Bombenkrieg: Die US Air Force warf ungeheure Mengen von Bomben über Vietnam ab.
Bombenkrieg: Die US Air Force warf ungeheure Mengen von Bomben über Vietnam ab.
Bild: KEYSTONE/AP Photo/USAF

Diese Eskalation führte jedoch nicht zum Ziel. Nordvietnam stellte seine Unterstützung des Vietcongs nicht ein – im Gegenteil strömten nun auch reguläre nordvietnamesische Truppen in den Süden. Die Guerilla-Einheiten des Vietcongs konnten auch mit der militärischen Taktik des «Search and Destroy» – bei der nicht Gebiete kontrolliert als vielmehr die gegnerischen Truppen vernichtet werden sollen – nie entscheidend geschlagen werden.

Zwar wurden die US-Truppen militärisch nicht besiegt, auch wenn die Verluste stark anstiegen – sie erreichten 1968 mit beinahe 17'000 Gefallenen ihren Höhepunkt. Doch selbst die Tet-Offensive im Januar 1968, die den Amerikanern einen Schock versetzte, war im Grunde ein Desaster für die nordvietnamesischen Truppen und vor allem für den Vietcong, der so enorme Verluste erlitt, dass er danach kaum mehr zu grossen Operationen fähig war.

Die Tet-Offensive

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Die Tet-Offensive
quelle: ap/ap
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Ein Dien Bien Phu wie die französische Kolonialarmee erlebten die US-Streitkräfte in Vietnam nicht; so gelang es den nordvietnamesischen Truppen 1968 bei der Belagerung von Khe Sanh nicht, den Stützpunkt einzunehmen, und sie erlitten hohe Verluste. Die Amerikaner gaben Khe Sanh danach aber selber auf, weil diese Basis ihren Zweck nicht erfüllen konnte, nämlich den Nachschub und die Infiltration von nordvietnamesischen Kämpfern in den Süden zu verhindern.

Verloren wurde der Krieg letztlich, weil er einerseits nicht zu gewinnen war – zumindest nicht auf diese Weise. Weder die soziale noch die nationale Frage wurde gelöst. Es gab keine Bodenreform, die die Landbevölkerung hätte gewinnen können, weil die korrupte südvietnamesische Elite nicht dazu bereit war. Die Amerikaner, die Sprache und Kultur Vietnams nicht kannten, konnten Bauern und Vietcong-Kämpfer nicht unterscheiden und töteten zahlreiche Zivilisten, manchmal irrtümlich, oft willkürlich. Sie erschienen immer mehr als fremde Besatzer.

Andererseits erodierte die Unterstützung für den Einsatz von US-Soldaten – es handelte sich damals um Wehrpflichtige – in der amerikanischen Öffentlichkeit immer mehr und verkehrte sich in ihr Gegenteil. Riesige Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg fanden statt, auch ausserhalb der USA. Dazu trugen auch Berichte über Kriegsverbrechen der US-Truppen bei – wie etwa das Massaker von My Lai im März 1968, bei dem mehr als 500 Dorfbewohner, darunter zahlreiche Frauen und Kinder, getötet wurden. Die Veröffentlichung der geheimen «Pentagon Papers» im Juni 1971 überführte die US-Regierung der Lüge und zeigte, dass der Krieg schon vor dem offiziellen Eingreifen geplant gewesen war.

Der Vietnamkrieg

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Der Vietnamkrieg – vor 40 Jahren fiel Saigon
quelle: ap/ap
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Johnsons Nachfolger Nixon verkündete daher die Doktrin der «Vietnamisierung»: Die US-Truppen sollten abgezogen werden und die südvietnamesische Armee (ARVN) sollte den Vietcong und die nordvietnamesischen Truppen allein bekämpfen. Nach dem Pariser Abkommen mit Nordvietnam im Januar 1973 zogen die letzten US-Kampftruppen ab. Die ARVN war auf dem Papier stark und gut ausgerüstet, aber nur wenige Einheiten waren militärisch effektiv. Korruption war endemisch, und Desertionen waren an der Tagesordnung.

1975 beschloss der US-Kongress, die Finanzhilfe für Südvietnam einzustellen. Dies war das Todesurteil für den Süden: Im März jenes Jahres eröffnete Nordvietnam eine Offensive, die innert kurzer Zeit zum Zusammenbruch der ARVN führte. Schon am 30. April kapitulierte Saigon. Die Vietnamisierung konnte Washington nicht vor dem Verdikt bewahren, diesen Krieg verloren zu haben; das «Vietnamtrauma» sollte noch jahrelang nachwirken.

Ein Panzer der nordvietnamesischen Armee am 30. April 1975 vor dem Präsidentenpalast in Saigon.
Ein Panzer der nordvietnamesischen Armee am 30. April 1975 vor dem Präsidentenpalast in Saigon.
Bild: KEYSTONE/EPA/Vietnam News Agency/Str

Der Krieg hatte mehr als 58'000 Amerikaner das Leben gekostet; schätzungsweise 1,1 Millionen nordvietnamesische Soldaten und Vietcong-Kämpfer waren umgekommen, dazu 250'000 südvietnamesische Soldaten. Mehr als zwei Millionen Zivilisten hatten den Tod gefunden. Durch «Agent Orange» verursachte Spätschäden könnten weitere 400'000 Opfer gefordert haben. Die gemäss der «Domino-Theorie» befürchtete Folge des nordvietnamesischen Siegs – eine kommunistische Machtübernahme in weiteren Staaten Südostasiens wie Thailand, Malaysia oder Indonesien – blieb aus.

Irak

Eine «Koalition der Willigen» unter Führung der USA marschierte im März 2003 im Irak ein, eroberte im April Bagdad und stürzte den Diktator Saddam Hussein. Als Grund für die militärische Intervention führte die Koalition angebliche irakische Massenvernichtungswaffen an, die jedoch nie gefunden wurden. Neokonservative Politiker in der US-Regierung hatten allerdings schon seit 2001 auf einen Regimewechsel im Irak hingearbeitet, um eine Neugestaltung der politischen Landschaft im Nahen Osten zu erreichen.

Bereits 1991 hatte eine Koalition die irakische Armee vernichtend geschlagen, nachdem der Irak Kuwait besetzt hatte. Damals war jedoch Hussein, bis 1990 ein Verbündeter des Westens, im Amt belassen worden. Der damalige US-Präsident George H. W. Bush hoffte, der überwältigende Sieg werde das amerikanische «Vietnamtrauma» beseitigen. Bushs Popularität schwand durch die Rezession der US-Wirtschaft schnell dahin, und auf Auto-Aufklebern war während des Wahlkampfs 1992 zu lesen: «Saddam Hussein has a job! Do you?» («Saddam Hussein hat einen Job! Du auch?»). Bush verlor die Wahl.

Sein Sohn George W. Bush wollte diesen Fehler 2003 vermeiden; diesmal wurde Hussein gestürzt. Auch diesmal brach der Widerstand der regulären irakischen Truppen schnell zusammen. Berühmt wurde ein Auftritt des irakischen Informationsministers Mohammed Said el-Sahhaf vor der Presse, der verkündete, es gebe «keine Ungläubigen in Bagdad», während hinter ihm schon US-Panzer zu sehen waren.

Am 1. Mai hielt Bush unter einem Banner mit der Aufschrift «Mission Accomplished» («Mission erfüllt») eine Rede auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln, in der er das Ende der Kampfhandlungen im Irak verkündete. Im November sagte Bush, «die Errichtung eines freien Irak im Herzen des Nahen Ostens» werde einen Wendepunkt «in der globalen demokratischen Revolution» darstellen. Allerdings gab es auch skeptische Stimmen. So stellte der US-General Anthony Zinni im April 2004 fest: «Ich habe diesen Film schon einmal gesehen. Er hiess Vietnam.»

«Mission Accomplished»: Präsident Bush bei seiner Rede auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln.
«Mission Accomplished»: Präsident Bush bei seiner Rede auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln.
Bild: AP Photo/J. Scott Applewhite, File

Die Koalition richtete drei Besatzungszonen und eine zivile Verwaltung ein. Der US-Zivilverwalter, Paul Bremer, erliess eine Reihe von Verordnungen, die schwerwiegende Folgen zeitigen sollten: Die staatlichen Betriebe wurden innert kürzester Zeit privatisiert und ausländische Besitzrechte an irakischen Firmen erlaubt. Zudem wurde die Baath-Partei mit 50'000 Mitgliedern, die zuvor die von Hussein dominierte Regierungspartei gewesen war, verboten und die irakische Armee mit 450'000 Angehörigen aufgelöst.

Diese Massnahmen brachten viele tausend Iraker um ihre wirtschaftliche Existenz. Der Folter-Skandal von Abu Ghraib, der weltweit Aufsehen erregte, beschädigte 2004 das Ansehen der Amerikaner weiter. Viele Sunniten schlossen sich nun Terrorgruppen wie der Al Kaida im Irak und später dem sogenannten «Islamischen Staat» («IS») an – umso mehr, als nach den ersten freien Wahlen im Januar 2005 eine schiitisch-kurdische Koalition an die Macht gelangte. Diese dschihadistischen Gruppen gingen dazu über, das Land mit einer beispiellosen Terrorwelle zu überziehen. Im Herbst 2004 kam es in der Stadt Falludscha zum offenen Aufstand, den die US-Truppen nur mit grösster Mühe niederschlagen konnten.

«IS»-Architekt Haji Bakr: Ein Alchemist der Gegenwart

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IS-Architekt Haji Bakr: Ein Alchemist der Gegenwart
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Damit befand sich die US-Armee erneut in der Lage, einen Guerillakrieg in der Heimat der Guerilla auszufechten. Während die irakische Armee in einem symmetrischen Krieg gegen die US-Streitkräfte keine Chance hatte, bereiteten ihnen die Aufständischen in diesem asymmetrischen Krieg schwere Probleme. 2007, als der US-General David Petraeus das Kommando über die «Multi-National Force Iraq» übernahm, galt die Mission faktisch als gescheitert – zahllose Anschläge säten Panik und Verderben, 2000 bis 3000 Menschen kamen jeden Monat ums Leben, die US-Verluste waren hoch und der Irak schien in einem blutigen sunnitisch-schiitischen Bürgerkrieg zu versinken.

Petraeus, der seine Dissertation über «Lektionen aus Vietnam» geschrieben hatte, ging davon aus, dass die Aufstandsbekämpfung der Amerikaner nur dann erfolgreich sein konnte, wenn sie die Unterstützung aus der eigenen Gesellschaft hatte und schnell Fortschritte erzielte. Sein «Surge» («Woge», «Anstieg») benanntes Programm setzte zum einen auf erhöhte Truppenstärke und -präsenz, um Sicherheit herzustellen. Mehrere Grossoffensiven und Operationen sollten dieses Ziel erreichen.

General Petraeus versuchte, den Irak mit dem «Surge» zu stabilisieren.
General Petraeus versuchte, den Irak mit dem «Surge» zu stabilisieren.
Bild: AP GETTY POOL

Zum andern suchte Petraeus aber auch den Kontakt zu unzufriedenen sunnitischen Anführern, denen er die Beteiligung am Aufbau von Bürgerwehren und die Einbindung in Polizei und Armee in Aussicht stellte. Sie erhielten zudem Zahlungen. Nachdem sich zu Beginn die Gewaltspirale noch schneller gedreht hatte, gingen die Anschläge in kurzer Zeit deutlich zurück und die Lage im Irak stabilisierte sich. Petraeus galt als Held, der kurz darauf zum Chef des US-Zentralkommandos aufstieg.

In der Folge kündigte Präsident Bush einen Truppenabzug an. Unter seinem Nachfolger Barack Obama verliessen die letzten Kampftruppen das Land im August 2010, die letzten Kontingente Ende 2011. Die Sicherheitslage im Irak verschärfte sich jedoch erneut. In der ersten Jahreshälfte 2014 überrannte der «IS» grosse Teile des Nordirak, darunter die Stadt Mossul, und stiess bis vor die Tore von Bagdad vor. Die irakischen Regierungstruppen leisteten kaum Widerstand. Erst 2017 gelang es der irakischen Armee, den «IS» wieder aus diesen Gebieten zu vertreiben.

«IS»-Offensive im Irak in Bildern

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IS-Offensive im Irak in Bildern
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Der «Surge» war möglicherweise also doch nicht so erfolgreich gewesen – oder der Truppenabzug war zu früh erfolgt, wie manche kritisierten. Doch auch ein späterer Abzug hätte vermutlich zum selben Resultat geführt. Das Grundproblem der amerikanischen Invasion und Besetzung konnte nämlich auch der «Surge» nicht lösen: Die von den Amerikanern importierte Demokratie musste nahezu zwangsläufig zu einer Dominanz der schiitischen Mehrheit über die herrschaftsgewohnten Sunniten führen. Der schiitische Ministerpräsident Nuri al-Maliki tat denn auch nahezu alles, um Sunniten und Kurden vor den Kopf zu stossen. Heute steht der Irak unter starkem Einfluss seines mächtigen Nachbarn Iran – eines erklärten Feindes der USA.

Afghanistan

Der Beginn des bisher längsten Krieges der USA war schlank: Es war nicht eine grosse Streitmacht, die wie 2003 im Irak ein reguläres Heer schlug und für einen Regimewechsel sorgte. Die Intervention in Afghanistan, die im Oktober 2001 als Antwort auf die Anschläge vom 11. September begann, fand lediglich mit wenigen Spezialtruppen statt. Sie unterstützten die Truppen der Nordallianz, eines breiten Anti-Taliban-Bündnisses. Diese Truppen rückten mit starker US-Luftunterstützung vor und eroberten Mitte November Kabul. Die restlichen Taliban-Hochburgen wurden bis Ende Jahr erobert, ein Teil der Taliban konnte nach Pakistan fliehen und sich dort reorganisieren.

Nach der Vertreibung der Taliban aus Kabul im November 2001 fielen zahlreiche Bärte.
Nach der Vertreibung der Taliban aus Kabul im November 2001 fielen zahlreiche Bärte.
Bild: EPA PHOTO AFPI/ROB ELLIOTT

In der Schlacht um Tora Bora im Dezember 2001 wurden hunderte Al-Kaida-Kämpfer getötet. Damit schienen beide Ziele der Intervention erreicht: der Sturz des Taliban-Regimes und die Zerschlagung des Al-Kaida-Stützpunkts in Afghanistan, auch wenn es nicht gelungen war, Osama bin Laden zu finden. US-Präsident Bush betonte, es gehe in Afghanistan nicht um «Nation building», sondern man konzentriere sich «auf die Gerechtigkeit».

Noch im selben Jahr genehmigte der UNO-Sicherheitsrat die Aufstellung einer internationalen Sicherheits- und Aufbaumission unter Führung der NATO. Diese sogenannte ISAF-Schutztruppe war keine friedenssichernde, sondern eine friedenserzwingende Mission. Das ISAF-Mandat wurde in den folgenden Jahren schrittweise auf ganz Afghanistan ausgeweitet, während zugleich die Truppenstärke erhöht wurde. Den grössten Anteil machten US-Soldaten aus.

In Pakistan, dessen Geheimdienst trotz des Bündnisses mit den USA die Taliban unterstützte, konnten diese radikalislamischen Kämpfer neue Mitglieder rekrutieren. Ab Herbst 2002 begannen die Taliban in Afghanistan einzusickern und Anschläge und Angriffe auf afghanische Regierungseinrichtungen durchzuführen. Im folgenden Jahr gelang es ihnen bereits, Gebiete im Süden Afghanistans an der Grenze zu Pakistan unter ihre Kontrolle zu bringen. Auch in den nächsten Jahren rückten sie weiter vor und konnten nun auch in Gegenden nahe der Hauptstadt Kabul Fuss fassen.

Aufräumen nach einem Selbstmordanschlag der Taliban im September 2006.
Aufräumen nach einem Selbstmordanschlag der Taliban im September 2006.
Bild: AP

Der asymmetrische Krieg verlief ähnlich wie in Vietnam oder im Irak: Die Soldaten kontrollierten die Dörfer tagsüber und kehrten nachts in ihre Camps zurück. Die Taliban waren nachts in den Dörfern und machten den Bewohnern deutlich, was sie von ihnen erwarteten – erfüllten sie diese Erwartungen nicht, kehrten die Taliban zurück und bestraften sie. Entsprechend mussten beispielsweise westliche Beobachter mitunter konsterniert feststellen, dass manche dörflichen Gemeinschaften in Afghanistan zur Schlichtung von Zwistigkeiten lieber islamische Schiedsgerichte der Taliban anriefen als staatliche Institutionen.

Um dem zunehmenden Vorrücken der Taliban und deren zusehends blutigeren Anschlägen Paroli zu bieten, änderten die USA 2009 die Strategie – ähnlich wie zuvor im Irak: Präsident Obama veranlasste eine deutliche Aufstockung der US-Truppen um rund 30'000 auf etwa 100'000 und machte 2010 General Petraeus, der im Irak den sogenannten «Surge» kommandiert hatte, zum ISAF-Kommandanten. Zugleich wurden die Anstrengungen zur Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte verstärkt. Im Zuge einer «Afghanisierung» sollte die aufgestockte Afghanische Nationalarmee zunehmend an gemeinsamen militärischen Operationen teilnehmen und schrittweise bis 2014 die Verantwortung für die Sicherheit in allen Provinzen übernehmen.

Mit den verstärkten gemeinsamen Aktionen von afghanischen und ISAF-Soldaten kam es jedoch auch vermehrt zu Vorfällen, bei denen afghanische Soldaten oder Polizisten gezielt auf die eigentlich mit ihnen verbündeten ISAF-Soldaten schossen. 2012 kamen 61 von 402 gefallenen Soldaten durch diese «Green on Blue» genannten Vorfälle zu Tode. Zum Teil waren solche Anschläge eine Reaktion auf als skandalös empfundene Handlungen von US-Soldaten. Für wütende Empörung sorgte etwa ein Video, das US-Soldaten dabei zeigte, wie sie auf tote Taliban urinierten. Zu gewalttätigen Protesten und selbst Anschlägen kam es 2012 nach einer irrtümlichen Koran-Verbrennung durch amerikanische Soldaten auf dem Stützpunkt Bagram.

Gewalttätige Proteste in Khost gegen die Koran-Verbrennung.
Gewalttätige Proteste in Khost gegen die Koran-Verbrennung.
Bild: EPA

Petraeus' «Surge» schien zunächst zu wirken: Die Anschläge gingen vorerst zurück und die Situation schien sich zu normalisieren. Doch am Ende scheiterte die Strategie, auch weil deren ziviler Teil – die Bekämpfung der Korruption und der Aufbau von zuverlässigen staatlichen Einrichtungen – in den militärisch kontrollierten Zonen nicht ausreichend stattfand. Zudem wuchs zwar die Anzahl der afghanischen Soldaten stetig, aber ihre Qualität blieb unbefriedigend. Und schliesslich erzürnten anhaltende Nachtangriffe und Luftschläge, die zahlreiche Todesopfer forderten, die Bevölkerung und machten Anstrengungen zunichte, die US-Soldaten als Partner und nicht als Besatzer erscheinen zu lassen.

Die Taliban verfügten ausserdem über einen potenten Verbündeten: den Schlafmohn. Sie professionalisierten den Drogenhandel und gingen von der Schutzgelderpressung von Mohnbauern dazu über, das gesamte Geschäft vom Opiumanbau über die Verarbeitung zu Heroin bis zum Export zu kontrollieren. So beruhten 2017 nach Schätzungen mehr als 60 Prozent des Budgets der Taliban auf Opiumanbau. Mit dem Drogengeld rekrutierten sie neue Kämpfer, die mehr Sold erhielten als in der Armee. Der Zweck heiligte offenbar für die Gotteskrieger die Mittel und sorgte für einen Gesinnungswandel: Noch im Jahr 2000 hatte das Taliban-Regime den Mohnanbau verboten.

Drogenernte in Afghanistan

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Drogenernte in Afghanistan
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Fazit

Die USA, die über ein riesiges Militärbudget verfügen, sind in einem konventionellen symmetrischen Krieg kaum zu schlagen. Das zeigte sich in allen diesen drei Kriegen: Weder die kampferprobte nordvietnamesische Armee noch die irakischen Truppen oder die Taliban konnten die amerikanischen Streitkräfte in einer offenen Konfrontation besiegen. Das Beispiel Irak ist hier besonders drastisch: Die reguläre irakische Armee war 2003 innerhalb weniger Tage komplett geschlagen.

Doch am Ende mussten die Amerikaner jeweils ihre Truppen abziehen, die ihrem Gegner in einem asymmetrischen Krieg auf die Dauer nicht Herr wurden. Diese Konflikte waren nicht zu gewinnen, und zwar vor allem deshalb, weil die US-Soldaten der einheimischen Bevölkerung eher als Besatzer denn als Befreier erschienen. Die Guerilla-Kämpfer – die Vietcong in Vietnam, die sunnitischen Aufständischen im Irak und die Taliban in Afghanistan – waren dagegen Einheimische oder gehörten zumindest zum selben Kulturkreis. Selbst wenn sie blutige Anschläge oder Massaker an Zivilisten verübten, um das von den USA gestützte Regime zu destabilisieren, lastete die gequälte Bevölkerung dies eher der Besatzungsmacht an.

Die von den USA jeweils ausgebildeten und finanzierten einheimischen Truppen waren auf allen drei Kriegsschauplätzen wenig hilfreich – besonders in Afghanistan, wie sich in diesen Tagen drastisch gezeigt hat. Aber auch die südvietnamesische Armee hatte der Kampfkraft des Vietcongs und der nordvietnamesischen Armee nicht viel entgegenzusetzen, trotz eindrücklicher Mannschaftsstärke und Ausrüstung. Die irakische Armee wurde von den Kämpfern des «IS» fast ohne Schussabgabe aus zahlreichen Städten vertrieben. Die Rekruten dieser Armeen glaubten nicht an die Ziele, für die sie kämpfen sollten, und empfanden kaum Loyalität für das korrupte Regime, das sie schützen sollten.

Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan
quelle: keystone / zabi karimi
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Die Gegner der USA besassen in der Regel auch bedeutend mehr von einer entscheidenden Ressource: Geduld. Wie es der Bloomberg-Kolumnist Max Hastings ausdrückt: «Immer wieder haben sich Amerika und seine Verbündeten zu einem Kampf über fünf Runden verpflichtet, nur um dann festzustellen, dass ihre Gegner zehn Runden lang im Ring bleiben wollen.» Die USA und ihre westlichen Verbündeten sind Demokratien, die von ungeduldigen Politikern geführt werden, die einer ungeduldigen Wählerschaft Rechenschaft schuldig sind.

Deshalb reagieren sie empfindlich auf Bilder, in denen sich die Grausamkeit des Krieges zeigt. Die Bilder des Massakers von My Lai oder das berühmte Bild des nackten vietnamesischen Mädchens Kim Phúc nach einem Napalm-Angriff empörten die Öffentlichkeit in den USA und verstärkten die Kritik am Kriegseinsatz.

Das Bild der neunjährigen Kim Phúc wurde zu einer Ikone des Vietnamkriegs.
Das Bild der neunjährigen Kim Phúc wurde zu einer Ikone des Vietnamkriegs.
Bild: KEYSTONE/AP Photo/Nick Ut

Hier zeigt sich aber auch ein Unterschied: Der Krieg in Vietnam erschütterte die USA um vieles stärker als der Irakkrieg oder der Krieg in Afghanistan. Die amerikanischen Verluste – und übrigens auch die zivilen Opfer am Kriegsschauplatz – waren im Vietnamkrieg sehr viel höher. In diesem Krieg starben fast zehnmal mehr US-Soldaten als in den beiden anderen Kriegen zusammen – und es waren viele Wehrpflichtige darunter. Seit 1973 sind die amerikanischen Streitkräfte ein Berufsheer. Auch deshalb interessierten die Kriege im Irak und in Afghanistan die amerikanische Öffentlichkeit viel weniger.

So dramatisch geht es derzeit in Afghanistan zu und her

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Von der Regierung hofiert, vom Iran unterstützt: Die Milizen der Schiiten im Irak

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