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Vermeidend-restriktive Essstörung (ARFID): Video zeigt Symptome deutlich

Videos von 8-Jähriger beim Essen gehen viral – das steckt dahinter

20.02.2024, 11:2820.02.2024, 14:59
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Hannah ist ein achtjähriges Mädchen aus den USA. Jeden Tag lädt ihre Mutter von ihr Videos auf Instagram und YouTube, in denen Hannah neue Nahrungsmittel probiert. Entweder verzieht sie das Gesicht und ihre Augen füllen sich mit Tränen oder sie lächelt zufrieden. Ein Dazwischen gibt es selten. Der Grund für diese extremen Reaktionen: Hannah hat eine vermeidend-restriktive Essstörung (ARFID).

Hannas Mutter will mit der Präsenz auf den sozialen Medien auf die Essstörung aufmerksam machen, die gerade bei Kindern mehr vorkommt, als man meinen könnte. Und sie hat damit Erfolg: Rund eine halbe Million Menschen folgen dem Mädchen auf Instagram.

Es gibt gewisse Dinge, die Hanna sehr gerne isst und als «safe food», also «sicheres Essen», bezeichnet. Andere sind «fear foods», vor diesen Lebensmitteln hat Hannah Angst, weil sie schlechte Erfahrungen damit gemacht hat.

Hier muss Hannah weinen, weil sie Honigmelone probiert

Video: youtube/lifewitharfid

Sie hat Angst vor Geschmack, Geruch, Textur, Temperatur oder dem Aussehen dieser Nahrungsmittel, denn sie verbindet damit etwa Ersticken, Erbrechen oder Schmerzen – oder eine Kombination.

Mais-Puffs sind Hannahs «safe food»

Video: youtube/lifewitharfid

Die Krankheit ist in der breiten Bevölkerung eher unbekannt. Das zeigt auch ein Blick in Hannahs Kommentarspalten. Unter jedem Post steht: «picky eater», auf Schweizerdeutsch: «Schnäderfräss».

Doch ARFID ist eine ernstzunehmende Krankheit – wie Dagmar Pauli, Chefärztin und stellvertretende Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie Zürich, einordnet.

Wie diagnostizieren Ärztinnen die Krankheit?

Eine vermeidend-restriktive Essstörung bei Kindern diagnostizieren Ärzte vor allem, wenn eine Unterernährung trotz ausreichendem Nahrungsangebot vorliegt. Der Body-Mass-Index liegt in einem zu tiefen Bereich für das Alter.

Pauli erklärt gegenüber watson: «Meist zeigt sich bei Betroffenen eine Interaktionsstörung mit den Bezugspersonen rund um das Essen. Im Unterschied zu den typischen Essstörungen wie zum Beispiel die Anorexie ist es so, dass hinter der Nahrungsverweigerung kein Schlankheitswunsch steht.»

Dagmar Pauli.
Dagmar Pauli.Bild: zVg

Die Betroffenen hätten kein verzerrtes Körperbild und sie hätten keine Angst vor der Gewichtszunahme. Pauli sagt: «Es beginnt nicht mit einer Diät. Den Kindern ist nicht bewusst, warum sie nicht gut essen können.»

ARFID könne aber in einzelnen Fällen genauso gefährlich werden wie eine Anorexie, aber das sei eher selten, meist verlaufe die Krankheit langwierig, aber nicht so akut wie die Anorexie, und es brauche viel Zeit, bis das Kind wieder zunehmen kann.

Darüber, wie viele Kinder in der Schweiz betroffen sind, kann Pauli keine Aussage machen. Laut verschiedenen Studien ist davon auszugehen, dass rund 1 Prozent der Erwachsenen und 5 Prozent der Kinder weltweit betroffen sind.

Wie unterscheiden sich ARFID und Picky Eating?

Pauli erklärt, dass sich Picky Eating dadurch auszeichne, dass das Kind selektiv isst, das heisst meist, es möchte gerne Süssigkeiten essen oder wenige ausgewählte Nahrungsmittel, etwa Spaghetti ohne Sauce, Pommes frites, aber kaum Gemüse oder Früchte.

«Kinder mit einfachem Picky Eating sind häufig eher schlank, aber nicht wirklich untergewichtig, also anders als bei ARFID», so Pauli.

Aber Picky Eating könne auch dazu führen, dass sich später daraus ein ARFID entwickelt oder auch eine typische Anorexie, wenn die Kinder älter werden und dann der Wunsch hinzukommt, dünn sein zu wollen.

Pauli schlussfolgert: «Wenn ein Kind Picky Eating hat, das betrifft rund 20 Prozent der Kinder, aber normal gewichtig ist, dann kann man die Eltern beruhigen: Meist wächst es sich aus. Die Eltern sollten nicht zu besorgt sein und das Kind nicht dazu zwingen, mehr verschiedene Nahrungsmittel zu essen, weil sich sonst eine Interaktionsstörung entwickeln kann, woraus dann eben ARFID entsteht – mit Untergewicht.»

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68 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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auloniella
20.02.2024 11:34registriert Mai 2016
Finde ich zwar gut das mehr informationen erhältlich sind. Ich hatte ein Mädchen in der Parallelklasse welches darunter gelitten hat. War in den 90er, heute gehts ihr gut.

Aber ehrlich. Ist wohl auch nicht gesund wenn dir Mama jedes mla beim Essen die Kamera ins Gesicht drückt. Finde ich ebenso krank...
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Manawydan
20.02.2024 11:40registriert Oktober 2022
Auch wenn es der Mutter zumindest vordergründig darum geht, auf die Essstörung aufmerksam zu machen, verletzt sie die Persönlichkeitsrechte ihrer Tochter dabei massiv. Unanonymisiertes Bildmaterial von Kindern, von Videos ganz zu schweigen, hat im Internet absolut nichts verloren.
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Pustekuchen
20.02.2024 13:04registriert Oktober 2017
Dieses Kind täglich bei seinen Qualen zu filmen und es potentiell auch noch dem Spot jetziger oder zukünftiger Mitschüler auszusetzen ist demütigend und hochgradig grenzüberschreitendend. Erstaunlich, dass das erlaubt ist. Schlimm.
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