International
Wissen

Haiangriffe: Wie gefährlich sie sind und wo sie am häufigsten vorkommen

Nicht immer läuft eine Begegnung zwischen Hai und Mensch so friedlich ab wie zwischen diesem Gerätetaucher und einem ausgewachsenen Tigerhai.
Nicht immer läuft eine Begegnung zwischen Hai und Mensch so friedlich ab wie zwischen diesem Gerätetaucher und einem ausgewachsenen Tigerhai.bild: shutterstock

Wie häufig (oder selten) Haiangriffe wirklich sind – und wo du dich vorsehen solltest

Haiangriffe auf Menschen sind relativ selten – und doch passieren sie immer wieder. Wie häufig solche Angriffe wirklich sind, wo das Risiko am höchsten ist und was man im Fall der Fälle tun oder eben nicht tun sollte.
16.07.2023, 16:5917.07.2023, 08:49
Philipp Reich
Folge mir
Mehr «International»

Auf der Nordhalbkugel ist Sommer und die Ferienzeit hat begonnen. Mit ihr nehmen auch die Meldungen von Haiangriffen wieder zu: Vor einer hawaiianischen Insel wird eine Netflix-Crew von Tigerhaien attackiert, in Spanien müssen Badegäste vor einem Blauhai aus dem Wasser flüchten und in Hurghada endet ein Angriff eines Tigerhais für einen russischen Touristen tödlich.

Ob es zu einer Attacke kommt oder nicht – die Vorfälle werden in den Medien aufgegriffen. Schliesslich befeuern solche Meldungen die Urangst des Menschen vor einem Haiangriff und sind deshalb ein Klick-Garant. Die Vorstellung, plötzlich von einem riesigen Tier mit scharfen Zähnen aus der Tiefe angegriffen zu werden, ist für viele die Horrorvorstellung schlechthin. Im Wasser sind wir praktisch wehrlos, können nicht weglaufen oder uns verteidigen.

Der tödliche Haiangriff von Hurghada auf einen russischen Touristen ging im Juni um die Welt.
Der tödliche Haiangriff von Hurghada auf einen russischen Touristen ging im Juni um die Welt.bild: reuters

Durch das Befeuern von Einzelfällen kann allerdings eine selektive Wahrnehmung entstehen und wir Menschen bekommen das Gefühl, dass Haie eine reale Gefahr für uns darstellen. Dabei sind Haiangriffe relativ selten.

Wie häufig sind Haiangriffe?

Von 2010 bis 2022 kam es weltweit pro Jahr durchschnittlich zu 75 Fällen, in denen Menschen von Haien angegriffen wurden, ohne sie vorher provoziert zu haben. Das sind zumindest diejenigen Vorfälle, die den Forschern des renommierten International Shark Attack File (ISAF) in Florida gemeldet werden.

2022 zählten sie 57 solche nicht provozierte Haiattacken, deutlich weniger als im Jahr davor, als 73 Angriffe gemeldet wurden. Für dieses Jahr stellt das ISAF noch keine Zahlen zur Verfügung. Gemäss dem Global Shark Attack File kam es 2023 bislang zu 19 nicht provozierten Haiangriffen.

Generell stellten die Forscher seit Beginn der 1990er-Jahre weltweit eine steigende Zahl von Attacken fest, was sie so erklären: Das Bevölkerungswachstum und der Wohlstand nehmen zu und damit auch die Zahl derjenigen Menschen, die Zeit am und im Wasser verbringen. Das wiederum steigert die Wahrscheinlichkeit für Begegnungen mit Haien. Dass die Zahl der Angriffe in den letzten Jahren leicht rückläufig ist, soll dagegen auf den dokumentierten weltweiten Rückgang der Haipopulationen zurückzuführen sein.

Wie viele Haiangriffe enden tödlich?

Von den rund 1000 Haiangriffen seit 2010 endeten etwas weniger als 9 Prozent tödlich. Das klingt zunächst nach viel. Berechnungen zur Wahrscheinlichkeit, überhaupt jemals von einem Hai angegriffen und dabei auch noch getötet zu werden, zeichnen jedoch ein beruhigenderes Bild: Das Risiko in den USA beträgt gemäss dem ISAF ungefähr 1 zu 4,3 Millionen und ist damit deutlich kleiner als bei anderen möglichen Todesursachen.

  • Krebs: 1 zu 7
  • Autounfall: 1 zu 84
  • Ertrinken: 1 zu 1006
  • Fahrradunfall: 1 zu 3546
  • Vom Blitz erschlagen: 1 zu 79'746
  • Zugunfall: 1 zu 156'169
  • Flugzeugabsturz: 1 zu 11'000'000

Wo gibt es die meisten Haiangriffe?

Am häufigsten kommt es in den USA zu Haiangriffen, mehr als die Hälfte der registrierten Haiattacken stammen aus dem «Land der unbegrenzten Möglichkeiten». Die Haiangriff-Hotspots sind die Bundesstaaten Kalifornien und Florida, an deren Stränden fast das ganze Jahr über gebadet und Wassersport betrieben wird.

An zweiter Stelle steht seit Jahren Australien, gefolgt von Südafrika, Brasilien und Neuseeland. Häufig sind Hai-Attacken auch rund um Hawaii und die französische Vulkaninsel La Réunion. Eher selten kommt es in Ägypten zu Haiangriffen, allerdings hatte die bei Europäern im Spätherbst beliebte Feriendestination in den letzten 14 Monaten gleich drei Todesfälle durch Haiattacken zu beklagen.

Auch im Mittelmeer, in dem 41 verschiedene Haiarten leben, kommt es gelegentlich zu Zwischenfällen mit Haien. Allerdings nicht allzu häufig: Gemäss dem ISAF kam es seit der Jahrtausendwende nur gerade zu vier registrierten Haiangriffen, allesamt ohne Todesfolgen.

Welche Haie sind am angriffslustigsten?

Mit Abstand am meisten Zwischenfälle gibt es zwischen Menschen und dem Weissen Hai. Seinen Ruf als bösartigen «Menschenfresser» verdankt er aber nicht nur dieser Tatsache, sondern vor allem dem Steven-Spielberg-Film «Jaws» aus dem Jahr 1975. «Weisse Haie verbringen eigentlich die meiste Zeit im offenen Ozean», erklärt Marie Levine, Geschäftsführerin des Global Shark Attack File. «Wenn sie in Küstennähe kommen, sind sie aber sehr neugierig, weshalb es öfters zu Zwischenfällen kommt.»

Hinter dem Weissen Hai folgen die zwei weiteren Vertreter der sogenannten Big Three: der Tigerhai und der Bullenhai. Tigerhaie seien ebenfalls sehr neugierig, fügt Levine an. Sie ernähren sich eigentlich von Aas, Schildkröten und Müll, könnten aber aus ihrem Erkundungssinn heraus einen Menschen beissen. Bullenhaie sind gemäss Levine nicht nur im offenen Meer, sondern auch gerne in Flussdeltas unterwegs. Oft lauern sie ihrer Beute dort im trüben Gewässer auf, weshalb es auch immer wieder zu Zwischenfällen mit Menschen kommt.

Wer wird angegriffen?

Die Rangliste der Opfer wird von Surfern angeführt und anderen Wassersportlern, die sich an der Wasseroberfläche aufhalten. Danach erst folgen Schwimmer, Schnorchler und Taucher. Dass Surfer häufiger Opfer von Attacken werden, hat laut Forschern vor allem damit zu tun, dass diese sich lange Zeit in der Brandung aufhalten. Also genau in derjenigen Zone, die auch Haie immer wieder aufsuchen.

Dabei gehören Menschen eigentlich nicht ins Beuteschema von Haien. Meist beissen sie bei einer Attacke auch lediglich ein «Stück» vom Menschen ab und bemerken dann ihren Irrtum. Oft wäre eine Haiattacke per se auch nicht tödlich. Das grosse Problem bei einem Angriff, selbst wenn es sich nur um einen «Probebiss» handelt, ist grösstenteils der hohe Blutverlust bis zur Erstversorgung.

Wie kann man sich schützen?

Haiforscher raten, immer zu zweit zu schwimmen, in Ufernähe zu bleiben und nicht in der Dämmerung ins Wasser zu gehen. Ebenfalls sollte man die Nähe zu Fischschwärmen meiden oder Orte, an welchen Menschen fischen. Schmuck sowie wildes Planschen im Wasser könnten zudem die Aufmerksamkeit von Haien wecken. Anders als bei einer Bärattacke sollte man sich auch nicht tot stellen, wenn man von einem Hai angegriffen wird.

Paddeln oder panisches Wegschwimmen erinnern den Hai aber zu sehr an das Verhalten eines Beutetiers. Deshalb sollte man möglichst nur mit den Füssen paddeln und Geräusche möglichst drastisch reduzieren. Man sollte seinen Körper zum Hai drehen und ihn mit den Augen verfolgen – auch wenn man umkreist wird. Sollte das Tier auf einen zukommen, sollte man versuchen, mit den Händen die empfindliche Schnauze oder die Kiemen zu berühren. Dabei ist es wichtig, nicht den Oberkörper nach vorne zu beugen, denn das könnte der Hai als Angriff einstufen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Lasst die Haie leben
1 / 12
Lasst die Haie leben
Lasst die Haie leben! In Australien (hier in Perth) formierte sich 2014 ein Protest gegen einen radikalen Eingriff in das maritime Ökosystem.
quelle: getty images asiapac / paul kane
Auf Facebook teilenAuf X teilen
US-Meeresbiologin erklärt, wie du dich bei einer Hai-Begegnung verhalten solltest
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
45 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Sani-Bär
16.07.2023 17:32registriert April 2021
Die Haie haben schlechte Karten:
ca. 100 Mio von ihnen werden pro Jahr von Menschen abgeschlachtet.
Auf der anderen Seite stehen z.B. 2022
57 Hai-Angriffe auf Menschen, mit 5 an den erlittenen Verletzungen verstorbenen Menschen.

Wenn es kein Leben mehr in den Meeren gibt, wird auch der Mensch zwangsläufig verschwinden.
Die Erde braucht den Menschen nicht, aber der Mensch die Erde.
Warum also vernichten wir uns selbst?
1038
Melden
Zum Kommentar
avatar
Garp
16.07.2023 18:11registriert August 2018
Wie man sich verhalten soll, klingt in der Theorie ja so schön einfach. Viele kriegen halt Panik, wenn sie sich den Umgang nicht gewohnt sind.
Der Satz, sie beissen lediglich ein Stück von Dir ab, liest sich auch gut 😅
562
Melden
Zum Kommentar
avatar
R. Klärer
16.07.2023 21:44registriert Oktober 2017
Alles klar, bei einem Haiangriff paddle ich also nur mit den Füssen und reduziere meinen Geräuschpegel, achte darauf, nicht wegzuschwimmen, um nicht wie ein Beutetier zu wirken, fixiere den Hai dafür aber mit den Augen (muss unter Wasser geschehen um effektiv zu sein, vermute ich mal, halte also dazu noch die Luft an), berühre ihn dann also locker an der Schnauze (!) oder an den Kiemen, das ganze aber - Luft anhaltend und ihn mit den Augen fixierend und nur mit den Füssen paddelnd - ohne den Oberkörper vorzubeugen, weil das als Angriff interpretiert werden könnte, und ohne Geräusche. Got it!
391
Melden
Zum Kommentar
45
Schiffe sollen klettern lernen
Mit einer simplen Idee will Pietro Caminada das Undenkbare möglich machen: Riesige Lastschiffe sollen ohne eigenen Antrieb über die Alpen fahren. Der Geniestreich des Ingenieurs mit Bündner Wurzeln funktioniert – in seinem Kopf.

Auch im Gebirge gelten die Gesetze der Physik. Wie Newtons Apfel vom Baum herabfällt, fliesst auch Wasser mit der Schwerkraft abwärts. Schiffe können nicht klettern, Menschen nicht zaubern und das Perpetuum Mobile gibt es nicht. Doch das sieht der schweizerisch-italienische Ingenieur Pietro Caminada anders. 1907 ersinnt er ein System, das die physikalischen Gesetze scheinbar auf den Kopf stellt – oder sie vielmehr so bändigt, dass seine Fantasie Realität werden kann: eine «Via d’Acqua transalpina», ein schiffbarer Wasserweg über die Alpen.

Zur Story