Wie nah ist der Iran an der Bombe?
Seit mittlerweile fast drei Wochen herrscht Krieg am Golf: Die USA und Israel haben den Iran angegriffen und zahlreiche Führungskräfte des Mullah-Regimes getötet, darunter den obersten geistlichen Führer Ali Chamenei. Als Begründung für den Angriff führten US-Aussenminister Marco Rubio und Vizepräsident J. D. Vance unter anderem die angebliche Bedrohung durch das iranische Atomprogramm an.
Der militärische Schlagabtausch, bei dem der Iran auch die arabischen Golfstaaten mit Raketen und Drohnen angreift, während Israel im Libanon gegen die Hisbollah vorgeht, hat Ängste vor einer weiteren Eskalation ausgelöst. So sagte etwa Hanan Balkhy, die Regionaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation WHO für den östlichen Mittelmeerraum, im Gespräch mit dem Magazin Politico: «Das schlimmste Szenario ist ein nuklearer Zwischenfall, und das bereitet uns die grössten Sorgen.» Das WHO-Personal sei auf einen solchen Fall vorbereitet, einschliesslich eines Angriffs auf eine Nuklearanlage oder des Einsatzes einer Atomwaffe. «Wir denken darüber nach und hoffen einfach nur, dass es nicht dazu kommt», sagte sie.
Balkhys Befürchtung ist nicht aus der Luft gegriffen: Diese Woche schlug laut Angaben aus Teheran ein Geschoss auf dem Gelände des Atomkraftwerks Buschehr ein. Das AKW selbst sei nicht beschädigt worden. Was den möglichen Einsatz einer Atomwaffe anbelangt, so äusserte David Sacks, inoffizieller KI-Berater von US-Präsident Donald Trump, seine Befürchtung, Israel könnte so etwas in Erwägung ziehen. Trump sah sich umgehend zu einem Dementi veranlasst und sagte gegenüber Reportern: «Israel würde so etwas nicht tun.»
Israel, das inoffizielle Atommacht ist, würde die nukleare Option vermutlich nur bei einer existenziellen Bedrohung nutzen. Doch gilt das auch für die Mullahs in Teheran? Diesem Regime, das jahrzehntelang die Vernichtung des jüdischen Staats propagiert und noch vor Kurzem kaltblütig zehntausende seiner eigenen protestierenden Einwohner umgebracht hat, ist allerhand zuzutrauen. Der Iran verfügt jedoch nicht über Atomwaffen – noch nicht, jedenfalls nach aktuellem Kenntnisstand. Wie nah ist das Land an der Bombe?
Vom Atomabkommen zur Uran-Anreicherung
Die UNO-Atomaufsichtsbehörde IAEA geht davon aus, dass der Iran über ein koordiniertes, geheimes Atomwaffenprogramm verfügt hat, das er aber 2003 aufgab. Teheran bestreitet jedoch, jemals ein solches Programm betrieben zu haben oder dies zu planen. Nukleartechnik werde einzig für zivile Zwecke entwickelt und genutzt. Der oberste geistliche Führer und wahre Machthaber Ali Chamenei erliess eine Fatwa (ein religiöses Dekret), die erstmals 2003 erwähnt wurde und die Entwicklung und Nutzung von Atomwaffen nach islamischem Recht verbietet.
Im Gegenzug für die Aufhebung internationaler Sanktionen stimmte der Iran 2015 im Rahmen des Atomabkommens mit den fünf ständigen Mitgliedern des UNO-Sicherheitsrats, Deutschland und der Europäischen Union der Beschränkung seiner nuklearen Aktivitäten auf ausschliesslich zivile Zwecke zu. Diese Vereinbarung scheiterte jedoch 2018 mit der einseitigen Aufkündigung des Abkommens durch die USA während Donald Trumps erster Amtszeit. Der Iran begann ein Jahr darauf schleichend, gegen die vereinbarten Beschränkungen zu verstossen, insbesondere bei der Urananreicherung und dem Einsatz zusätzlicher Zentrifugen. Dies führte zu massiven Spannungen mit den europäischen Staaten, die weiterhin am Abkommen festhalten wollten.
2025, unmittelbar vor dem israelisch-amerikanischen Angriff auf die iranischen Atomanlagen im sogenannten Zwölftagekrieg, äusserte die IAEA ernsthafte Bedenken wegen der Anreicherung von Uran auf 60 Prozent (siehe Infobox) und der mangelnden iranischen Kooperation, die eine Überprüfung der iranischen Aktivitäten erschwerte. Am 12. Juni – einen Tag vor dem israelischen Angriff – kündigte Iran eine Ausweitung seines Atomprogramms, eine deutliche Steigerung seiner Uranproduktion und den Bau einer weiteren, dritten Anreicherungsanlage an. Zuvor hatten IAEA-Inspekteure an bisher nicht bekannten Standorten Spuren von Uran entdeckt. Iran hatte die Orte nicht als Atomanlagen deklariert.
Rückschlag für das Atomprogramm – verstärkte nukleare Ambitionen
Der amerikanisch-israelische Angriff auf die iranischen Atomanlagen im Juni 2025 beschädigte diese vermutlich stark. Die Anreicherungsanlagen wurden zerstört oder schwer beschädigt. Der Iran erlaubte der IAEA nicht, die bombardierten Anlagen zu inspizieren; ihr genauer Zustand ist daher unklar. Aus öffentlich zugänglichen Informationen und Analysen geht allerdings hervor, dass der Iran wahrscheinlich keine wesentlichen Fortschritte beim Wiederaufbau seiner wichtigsten Nuklearanlagen erzielt hat.
Gemäss einem Bericht der IAEA vom September 2025 verfügte der Iran über 440,9 Kilogramm des auf 60 Prozent angereicherten Urans – ein Vorrat, der sich mit einer rein zivilen Nutzung nicht vereinbaren lässt und bei weiterer Anreicherung auf 90 Prozent für zehn nukleare Sprengköpfe ausreichen würde. Die IAEA konnte aber nicht überprüfen, wie viel von diesem Uranvorrat noch vorhanden ist. Der Iran hat nicht erklärt, was mit dem Material geschehen ist, auch dessen Zustand ist unklar.
Der Krieg dürfte der iranischen Führung vor Augen geführt haben, dass ihre militärischen Verteidigungssysteme weitgehend wirkungslos waren. Laut einer Analyse des italienischen Thinktanks ISPI kam Teheran zum Schluss, dass Atomwaffen das einzige wirkliche Abschreckungsmittel gegenüber Israel und den USA darstellten. Der Thinktank wies zudem auf Gerüchte hin, dass der Iran an streng geheimen Standorten, die der IAEA nie gemeldet worden seien, Uran anreichere.
Der Angriff vom vergangenen Jahr und die aktuellen Militärschläge Israels und der USA haben vermutlich das Risiko einer iranischen Bombe kurzfristig klar verringert – doch das Programm besteht nach wie vor. Wie das Centre for Strategic and International Studies kürzlich kommentierte: «Der Iran verfügt nach wie vor über 400 Kilogramm zu 60 Prozent angereichertes Uran, und der genaue Standort dieses Kernmaterials ist weiterhin unbekannt.» Hinzu kommt, dass präventive militärische Massnahmen ein solches Atomprogramm, wie der Iran es unterhält, physisch verzögern können, zugleich aber die nuklearen Ambitionen des Regimes eher noch verstärken.
Mögliche Verzweiflungstat
Die israelisch-amerikanischen Militärschläge haben das Führungspersonal des Mullah-Regimes stark dezimiert; derzeit ist nicht klar, ob der Nachfolger Chatamis – dessen Sohn Mojtaba – tatsächlich das Sagen hat und wie stark er unter dem Einfluss der Revolutionsgarden steht. Diese Unsicherheit verstärkt auch die Einschätzung der möglichen Handlungen der iranischen Führung. Denkbar ist, dass sie angesichts des drohenden Machtverlusts versuchen könnte, rasch einen nuklearen Sprengkopf aus dem noch vorhandenen Material zu bauen und zu testen.
Die Datenbank Global Trade Alert (GTA) schätzt die Wahrscheinlichkeit eines solchen nuklearen Szenarios aufgrund von strukturellen Risikofaktoren ein – mit der Warnung, dass Wahrscheinlichkeitsschätzungen für nukleare Folgen «von Natur aus unzuverlässig» seien und «nicht für die operative Planung herangezogen» werden sollten.
Breakout Time und einsatzbereite Atomwaffen
Der Begriff «Breakout Time» bezieht sich darauf, wie lange es dauern würde, genügend waffenfähiges, hochangereichertes Uran für eine Atomwaffe herzustellen. Es ist nicht die Zeit gemeint, die notwendig wäre, um einen nuklearen Sprengkopf herzustellen und einsatzbereit zu machen. Die Unterscheidung ist wichtig, denn die Breakout Time ist kürzer als die Zeit bis zur einsatzbereiten Atombombe.
Während der Gültigkeit des Atomabkommens von 2015 betrug die Breakout Time mindestens ein Jahr. Da der Iran mittlerweile über bedeutende Mengen an 60-prozentigem Uran verfügt und dessen Anreicherung auf 90 Prozent wesentlich kürzer dauert als die vorhergehenden Anreicherungsphasen, hat sich die Breakout Time auf rund eine Woche verkürzt. Laut einer Einschätzung der amerikanischen Defense Intelligence Agency vom Mai 2025 würde der Iran «wahrscheinlich weniger als eine Woche» dafür benötigen. Ob dies jetzt – nach den Zerstörungen durch die wiederholten Militärschläge – noch der Fall ist, dürfte freilich zu bezweifeln sein.
Länger als die Herstellung von genügend waffenfähigem Uran würden jedoch wie erwähnt die Schritte bis zu einer einsatzbereiten Atomwaffe dauern. Die US-Geheimdienste schätzten diesen Zeitraum während der Zeit des Atomabkommens ebenfalls auf rund ein Jahr, unter der Voraussetzung, dass die Herstellung von spaltbarem Material und die Weiterentwicklung zu einer Waffe parallel erfolgen könnten. Wie dieser Zeitplan aktuell aussehen würde, lässt sich kaum sagen. Es hängt auch davon ab, ob der Iran externe Hilfe erhalten würde, etwa von Nordkorea.
Der US-Kongress geht aufgrund von öffentlichen Berichten der IAEA davon aus, dass der Iran bislang nicht über ein funktionsfähiges Waffendesign verfügt, also über einen Sprengkopf, der klein genug ist, um von einer Rakete transportiert werden zu können. Ebenso wenig sei ein geeignetes Sprengsystem vorhanden, das die unterkritischen Uran-Teilmengen zuverlässig und schnell genug zusammendrückt und dadurch eine kritische Masse erzeugt, sodass es zur nuklearen Kettenreaktion und zur Explosion kommt.
Schmutzige Bombe
Auch wenn das Regime in Teheran keinen einsatzfähigen Nuklearsprengkopf herstellen kann, könnte es eine nukleare Option wählen: den Einsatz einer sogenannten schmutzigen Bombe. Dabei handelt es sich um einen konventionellen Sprengsatz, dem radioaktives Material beigemischt wird, das dann durch die Explosion in der Umgebung verteilt wird. Es findet keine nukleare Kettenreaktion mit den bekannten verheerenden Folgen statt. Die radiologischen Gefahren einer solchen Bombe werden in der Regel überschätzt – ihre Hauptwirkung wäre vor allem psychologischer Natur.
Der Iran verfügt zweifellos über die Mittel, eine schmutzige Bombe herzustellen. Experten sind sich allerdings einig, dass der Einsatz einer solchen Waffe, etwa in Israel, für Teheran selbst ein enormes Risiko darstellen würde – und quasi einem strategischen Selbstmord gleichkäme. Selbst bei einer beispielsweise über die verbündete Hisbollah eingesetzten Bombe wäre das Risiko der Aufdeckung und Vergeltung sehr hoch.
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