Verrottet, verkommen, verroht: Schafft die Monarchien ab!
Es gibt die realen Monarchien und die imaginären. Erstere sind gerade kollektiv am Abwracken, sind verrottet, verkommen, verroht. Die anderen blühen. Was ist da nicht alles möglich! Eine schwarze britische Königin in «Bridgerton»! Ein schwuler schwedischer Kronprinz in «Young Royals»! Patente junge Amerikanerinnen, die sich europäische Prinzen aus Fürstentümern mit Fantasienamen angeln und Mann wie Fürstenturm im Nu modernisieren! Märchenhaft!
Die Wirklichkeit? Ist kein Märchen. Ist bevölkert von Menschen, denen das Leben einfach keinen moralischen Kompass in die Hand legen wollte. Selbstgerechte, verblendete, naive, dumme Narzissten, die handeln, als wären sie noch immer in einem feudalen Zeitalter, als alle Macht der Krone gehörte, und ihre Mitmenschen nichts als Untertanen, die man nach Lust und Laune (miss)brauchen kann.
Aktuellstes Beispiel: die Norweger. Der sogenannte «Bonusprinz» Marius Borg Høiby, der kein echter Prinz ist, weil ihn seine Mutter Mette-Marit in die kronprinzliche Ehe mitbrachte, der aber trotzdem von allem profitiert, was so ein höfisches Leben zu bieten hat, steht wegen mehrerer möglicher Straftaten, darunter sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung, vor Gericht. Und was tut er? Er beklagt sich, er weint, er inszeniert sich selbst als Opfer, sagt, er sei nie mehr gewesen als der Sohn seiner Mutter, das habe ihn eben getriggert. Klar. Heul doch.
Und die Mutter? Betrieb nach gut zehn Jahren Ehe mit Kronprinz Haakon einen frivolen Chat oder im Klartext Flirt mit Jeffrey Epstein. Wohnte 2013 in seiner Lolita-Burg in Palm Beach und machte dort Yoga. Fand es wahnsinnig entspannend. Stellte sich keine Fragen, fand ihn charmant. Ihr Name taucht über 1000 Mal in den Epstein-Akten auf. Einmal fragte sie ihn, ob es «für eine Mutter unangebracht» sei, dem damals 15-jährigen Marius ein Bild von «zwei nackten Frauen mit einem Surfbrett» als Tapetenmotiv für sein Jungszimmer vorzuschlagen.
Dem Sohn droht eine Gefängnisstrafe. Und die Mutter? Norwegen fragt sich, ob sie jetzt noch Königin werden könne oder solle. Irgendwie … nicht? Und wie rechtfertigt der zukünftige König Haakon, dass sein Stiefsohn unter seinem Dach möglicherweise zu einem bald verurteilten Sexualstrafstäter wurde? Dass seine Frau mit Epstein befreundet war?
Und dann die Briten. Andrew, einst der wohlgelittene fesche Lebemann-Prinz, verwandelte sich im Lauf des Epstein-Falls in ein gewissenloses, uneinsichtiges Monster, das sich von Epstein unzählige Frauen, darunter Minderjährige hatte zuhalten lassen. Seine Ex-Gattin Sarah Ferguson, die vermutlich den Kontakt zwischen Andrew und Epstein eingefädelt hatte, liess sich derweil von Epstein ihre Schulden begleichen und führte ihm immer wieder ihre Töchter vor – nicht, um sie mit ihm zu verkuppeln, wohl schlicht als willkommene Projektionsvorlage für Epsteins perverse Fantasien. Die Töchter als Lockvögel für Geld. Es ist unfassbar schäbig.
König Charles versucht derweil auf allen Kanälen gut Wetter zu machen und geht dafür auch mit Trumps Big-Tech-Mafia ins Bett: Zeitgleich mit «Melania» hat Jeff Bezos auch eine Charles-Dokumentation finanziert, in welcher der König wirke wie auf einem Acid-Trip, schreibt der Guardian. «Spaziergänge durch Wälder seien gut, weil dabei Kiefernpartikel in den Blutkreislauf gelangen», verkünde der König, «die Immobilienkrise sei darauf zurückzuführen, dass die Menschen nicht in hässlichen Hochhäusern leben wollen; und das Universum sei voller Muster, die sich durch Raum und Zeit wiederholen und eine harmonische Mathematik demonstrieren, die unsere Emotionen und unser Wohlbefinden beeinflusst.» Titel des Films: «Finding Harmony».
Ein Nebenschauplatz: die Schweden. Da verschaffte die eingeheiratete Prinzessin Sofia Epsteins schwedischer Zuhälterin Barbro Ehnbom ungehinderten Zugang zu den Royals. Ehnbom hatte einst selbst erfolglos versucht, Sofia an Epstein zu vermitteln, dann hatte Sofia ausgerechnet Ehnbom dazu auserkoren, sie für den Hof fit zu machen. Menschenkenntnis? Null.
Obwohl ein weiteres Königshaus in den Epstein-Akten aufleuchtet? Belgien, die Niederlande, Dänemark oder Spanien? Könnte Juan Carlos nicht ein prototypischer Epstein-Buddy gewesen sein? Auf der Jagd nach jungen Frauen statt Elefanten? Und wie wär's mit dem Fürstentum Liechtenstein? Monaco? Alles schiene passend. Alles wäre total unpassend.
Der Fall Epstein und in seinem Schatten der Fall Marius sind sowas wie ein letzter, schimmliger Faden, der beim Anfassen zerbröselt und die Nähte mehrerer Königshäuser aufplatzen lässt. Sie wurden in den letzten Jahrzehnten eh nur noch mit viel selbstgefälliger Autosuggestion zusammengehalten.
Ausbruchs- und Modernisierungsversuche jüngerer Generationen wurden dabei erst einmal unterdrückt. Mal waren die Demonstrationen von Tradition und Konvention lauter, mal leiser. Wie absurd fern etwa den Windsors die Vorstellung einer schwarzen Queen liegt, bewies vor wenigen Jahren eine halsstarrige Cousine der Queen, die sich nicht entblödete, zu einem Weihnachts-Lunch mit Meghan Markle, der Tochter einer Afro-Amerikanerin, eine Brosche mit einem rassistischen Motiv aus der Kolonialzeit zu tragen.
Vielleicht wird die gründliche Implosion der bislang unauffälligen norwegischen Royal Family in den Geschichtsbüchern einst als Anfang vom Ende bezeichnet werden. Als jener Schlüsselmoment, in dem allen klar wurde, dass die Monarchien abgeschafft gehören. Frankreich hat es doch vorgemacht, Versailles gehört jetzt allen. Die Royals von heute haben ihren Unterhaltungswert gehabt, doch wenn sie sich nicht wie verantwortungsvolle Subjekte zu benehmen wissen, sind sie ihre Privilegien nicht wert. Der Rest ist Netflix.
- Ex-Prinz Andrew aus der Royal Lodge ausgezogen
- Epstein-Skandal: Stiftung von Sarah Ferguson schliesst
- Mette-Marit schmachtete Epstein an, Marius angeklagt – Norwegens Monarchie wankt schwer
- Naive Geldgier: Diese Rolle spielte Fergie in Andrews Epstein-Skandal
- Der Prinz missbrauchte sie als Minderjährige: Virginia Giuffres todtrauriges Buch
- Epstein-Akten sprechen für Echtheit von berüchtigtem Foto
- Auch Schwedens Prinzessin Sofia ist in den Epstein-Skandal verstrickt
