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Ms. Kar will see you now. Bild: Sme

Interview

Sex suchen und finden mit Güzin Kar

Die Zürcherin ist die Drehbuchautorin und Regisseurin der neuen SRF-Serie «Seitentriebe». Wir durften sie alles fragen, sogar über ihre Pubertät im Aargau.



Güzin, bevor wir zum gemütlichen Teil dieses Gesprächs übergehen: In «Seitentriebe» verliebt sich ein Teenager in eine Erwachsene und eine Beinah-60-Jährige ist sexsüchtig. Du bist nicht gerade zimperlich mit deinen Ficktionen, oder?
Ich warte nur darauf, dass irgendwer pikiert den Link zu MeToo herstellt und schreit: Erst feministisch tun und dann selber im Film Kinder missbrauchen und lauter Nackte zeigen! In so vielen Filmen gibt es ältere Männer, die mit blutjungen Frauen ins Bett gehen, und keinen kratzt es. Nele, die Frau, die mit dem 16-Jährigen schläft, sagt, als sie zur Rede gestellt wird: «Für euch Männer gibt es Bordelle, lustige Stripclubs und eine ganze Sexindustrie, unser Sex ist gleich Hochverrat.»

Da hat sie recht.
Bei der Sexualität von Frauen wird die Moral immer mitverhandelt, so auch bei der älteren Frauenfigur in der Serie: Eine Frau in einem Film, die Sex mit vielen Männern hat, wird pathologisiert und muss am Ende durch Liebe erlöst werden. Bei mir passiert das Gegenteil: Eine Frau sucht Sex und findet Sex, denn Liebe hat sie bereits zu Hause. Sunnyi Melles, die die Rolle spielt, hat sofort verstanden, was die Sprengkraft dieser Figur ist.

Seitentriebe
SRF Serie
Folge 7

Motiv 9
Sein Traum wurde wahr
Jérôme Humm (Timo) und Vera Bommer (Nele)

Buch: Güzin Kar
Regie: Güzin Kar, Markus Welter
Produktion: Langfilm


Copyright: SRF/Nikkol Rot
NO SALES
NO ARCHIVES

Die Veröffentlichung im Zusammenhang mit Hinweisen auf die Programme von Schweizer Radio und Fernsehen ist honorarfrei  und muss mit dem Quellenhinweis erfolgen. Jede weitere Verwendung ist honorarpflichtig, insbesondere auch der Wiederverkauf. Das Copyright bleibt bei Media Relations SRF. Wir bitten um Belegexemplare. Bei missbräuchlicher Verwendung behält sich das Schweizer Radio und Fernsehen zivil- und strafrechtliche Schritte vor.

Ein Skandalbild aus «Seitentriebe». Zwischen den beiden Teilnehmenden liegen etwa 20 Jahre. Bild: Nikkol Rot/srf

«Seitentriebe» auf SRF

Ein paar Paare haben nicht nur seltsame Berufe (Material-Tester, Häppchen-Anbieterin), sondern auch viele sexuell motivierte Probleme. Das ist zugleich komisch und tragisch und erinnert an nichts, was bisher in der Schweiz schon geschaffen wurde, sondern ganz erfrischend an Lena Dunhams «Girls» und die Komödien von Judd Apatow.

«Seitentriebe» läuft auf SRF 2, am 26.2., 5., 12. und 19.3. um 20:10 Uhr. Gezeigt werden jeweils zwei Folgen. Natürlich auf Play SRF.

Sehr schön, gehen wir zu was ganz Anderem: Wir haben unsere Kindheit mehr oder weniger gleichzeitig im aargauischen Fricktal verbracht. Ich in einem kleinen Dorf, du in der – vom Dorf aus gesehen – megamondänen Kleinstadt Laufenburg, deren eine Hälfte auf schweizerischem, die andere auf deutschem Boden ist. Ich erinnere mich an: langweilige, aber liebliche Hügel, Kirschen, Kirsch und die Feldschlösschen-Brauerei in Rheinfelden. Und du?
Meine sind: Die Nähe zu Deutschland, die liebte ich sehr, ich hatte viele Freunde im deutschen Stadtteil, Leute mit italienischen, türkischen, jugoslawischen Eltern. Im Sommer konnten wir uns zwischen der schweizerischen und der deutschen Badi entscheiden, das war schön. Andere Erinnerungen sind die Fasnacht, die beide Städtchen gemeinsam feierten, der starke Katholizismus, das Spital, mit den Benediktinerinnen, die dort als Krankenschwestern arbeiteten. Und eine sehr harte, militärische Schulerziehung.  

Gab es in Laufenburg ein Kino? Irgendwie musst du ja schon in relativ jungen Jahren «zum Film» gekommen sein.
In Laufenburg nicht, aber in Frick. Als Kind ging ich ein einziges Mal ins Kino. An den Film erinnere ich mich nicht mehr, aber ich war sooo begeistert von der Atmosphäre, von dieser Menschenmasse, alle schauen verzückt auf die Leinwand – ich staunte die Zuschauer an und dachte: Das ist so schön! Mein nächstes Kinoerlebnis war «Pink Floyd: The Wall». Bob Geldof, der sich die Augenbrauen rasiert, machte mir totale Angst. Und trotzdem wusste ich: Auch das ist also Film, diese Verstörung.

Laufenburg um 1900

Das ist Laufenburg, rechts die Schweizer Seite. Das Bild ist um 1900 entstanden, aber der Charme des Städtchens ist immer noch typähnlich. Bild: wikipedia

Hast du damals auch dieses Magazin, den «Musenalp-Express» gekannt?
Oh natürlich! Selbstverständlich! Hallo?!

Man konnte all seine pubertären poetischen Ergüsse einschicken und gelegentlich wurde einer gedruckt. Ich hab eingeschickt. Erschienen ist allerdings nie etwas.
Von mir auch nicht, nie. Ich habe aber auch nur zweimal etwas eingeschickt. Mehr hab ich mich gar nicht getraut neben den Superpoeten, die mit mir zur Schule gingen. Das waren schwarz gekleidete Menschen, die als Gesamtkunstwerk überzeugender waren als ich. Die traten auf und man wusste: Ui, da kommt jetzt die geballte jugendlich-suizidale Weisheit. Ihre Gedichte wurden veröffentlicht. Die gingen auch oft nachts auf den Schlossberg und überlegten sich, wie es wäre runterzuspringen.  

Warst du eher ein lustiger oder ein melodramatischer Teenager?
Ich war megamelodramatisch! Ogott, was habe ich gelitten! Alle konnten alles besser als ich. Neben den «Musenalp»-Freaks gab es auch diejenigen, die bereits wussten, was sie werden wollten. Dass man aus Film einen Beruf machen kann, davon hatte ich keine Ahnung. Und mein Berufsberater sagte mir: «Mach bloss keine teure Ausbildung, du wirst eh heiraten. Wieso willst du Literatur studieren? Du wirst nie so gut Deutsch können wie eine gebürtige Schweizerin.» Damals redete man Mädchen gut zu, doch bitte höchstens  eine mittelteure Ausbildung zu machen, etwa eine Diplommittelschule, aber um Himmels Willen nicht die Gymnasien zu überfluten.  

Wo bist du schliesslich ins Gymi?
In Basel.  

Wow. Da durfte ich nicht hin, es hiess, da gäbe es zuviele Drogen. Ich durfte nur nach Muttenz.
Ein halbes Jahr lang  musste ich über den Pass mit dem Postauto nach Aarau in die Kantonsschule fahren. Zum Glück wurde mir im Postauto immer schlecht, und ich kam grün an. Ich musste also «aus ärztlichen Gründen» nach Basel, und das war wirklich geil.

Auch geil: Dass Nele (Vera Brommer) und Gianni (Nicola Mastroberardino) ihren Freunden eröffnen, dass sie jetzt eine offene Beziehung haben. Bild: Nikkol Rot/srf

Wieso will man eigentlich Regisseurin werden? Von restlos allen schönen Kreativberufen, die ich mir vorstellen kann, ist dies doch mit Abstand der anstrengendste.
Ein bisschen spinnen musst du schon. Du befindest dich permanent in irgendwelchen Zwischenwelten, die aber immer durch die Realität durchbrochen werden. Du kannst ja nicht einfach dasitzen und dir Gott weiss was vorstellen. Es wird nicht so sein, die Gegebenheiten vor Ort werden andere sein. Du hast mit so vielen Bereichen zu tun, und die einzige, die das in ihrem Kopf zu einer Vision zusammenbringt, bist du.  

Du bist sehr erfolgreich. Als Kolumnistin, Drehbuchautorin und Regisseurin. Was sind die Vorurteile, denen du begegnest? Dass du dich hochschläfst?
Das wird jeder Frau irgendwann unterstellt. Bei mir heisst es immer: Dir wird so viel geschenkt, du musst dich gar nicht anstrengen. Dann sag ich: Ja, das stimmt! Mir werden tatsächlich viele Gelegenheiten geboten. Nur erwähne ich nicht, wie viel Arbeit es bedeutet, sich in etwas hineinzuknien und Dinge zu tun, von denen man zuvor keine Ahnung hatte. Ich mag es, wenn an meinen Arbeiten kein Schweissgeruch klebt, wenn sie wirken, als wären sie zufällig und spontan entstanden. Und zum Hochschlafen war ich leider zu blöd. Ich hätte nicht den Mächtigsten, sondern den Hübschesten ausgesucht, der garantiert Hausmeister oder sowas gewesen wäre.

Bild

Eigentlich war diese Bildbearbeitung als Witz gedacht. Aber dann hat sie Güzin Kar viel zu gut gefallen. Voilà. Bild: Sme

Was bedeutet dir Fernsehen?
Viel! Ich bin ein totales Fernsehkind, ich habe auch nie verstanden, wieso mich das verderben soll, alles andere verdirbt einen doch viel mehr. In der Schule hiess es immer: Bücher lesen ist toll, TV schauen ist Schund. Dabei gibt es doch viel mehr schlechte Bücher als schechte TV-Sendungen! Mir war nie klar, wie das Fernsehen zu seinem Image gekommen ist. Die letzten zehn Jahre aber hab ich das Fernsehen nicht so genau verfolgt, da war ich auch auf dem Serientripp und fand, dass es viel zu viele TV-Sender gibt, die Sparten bedienen, die allesamt nicht meine sind. Aber jetzt, wo die grossen Sender selbst Serien produzieren und damit in mein Bewusstsein zurückkommen, finde ich Fernsehen wieder sehr spannend.

Ich habe in einer deiner Kolumen, die du als türkischer Callcenter-Agent Hüsnü verfasst hast, den wunderbaren Satz gelesen: «So ist der Fernseh. Dort gibt es ganze Welt im klein. Und ganze Angst im gross.» Erstens: Was genau heisst das? Zweitens: Würde sowas auch Güzin Kar sagen?
Das ist ja typisch Hüsnü, dass er comicartig alles in einem Bild zusammenzurrt. Ich würde es wahrscheinlich anders sagen. Es heisst ja immer ganz platt: Das Fernsehen ist ein Fenster zur Welt. Das stimmt. Vielleicht ist dir ja eine Zeitung zu wenig, du brauchst die Vermittlung über Ton und Bild. Und dann bist du Teil einer Gemeinschaft. Von etwas Fixem, Ritualisiertem. Das gibt dir Sicherheit. Bei serien ist das ja noch krasser. Doch in jeder Sicherheit schwingt auch die Angst mit: Das könnte morgen schon vergessen sein! Wir könnten unsere Welt verlieren! Wir gehen von der Selbstverständlichkeit aus, dass wir abends einschlafen und unsere Welt am Morgen noch die Gleiche ist.

Und wo würdest du jetzt auf der Welt-Angst-Skala deine erste TV-Serie «Seitentriebe» verorten?
Irgendwann sagt Gianni, eine meiner Hauptfiguren: Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt, wir haben alle Freiheiten und wir wissen nicht, was wir damit sollen. Die Figuren sind von ihren eigenen Möglichkeiten übersättigt. Es ist die Angst vor dem ungelebten Leben.  

Seitentriebe
SRF Serie
Folge 6

Motiv 3
Geht zuviel Risiken ein
Wanda Wylowa (Monika)

Buch: Güzin Kar
Regie: Güzin Kar, Markus Welter
Produktion: Langfilm


Copyright: SRF/Nikkol Rot
NO SALES
NO ARCHIVES

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So sieht es aus, das ungelebte Leben in «Seitentriebe». Bild: Nikkol Rot/srf

Das klingt schwer nach Midlife-Krise.
Ich kenn unendlich viele Menschen, die sich als zweigeteilt wahrnehmen: Einerseits sind sie die Person, als die sie sich im Alltag geben, mit ihren Jobs, Projekten, Freundschaften und Beziehungen. Andererseits stellen sie sich eine perfektere Version von sich selbst vor, die irgendwann eintreten könnte. Wenn was genau passiert? Das kann keiner sagen. Irgendwann bist du 90, schaust auf dein Leben zurück und denkst dir: Eigentlich wäre ich eine andere. Eigentlich wäre ich 20 Kilo dünner. Und wenn ich 20 Kilo dünner wäre, wäre ich glücklicher. Man verschiebt das eigene Glücksempfinden auf dieses andere Leben, das als Schatten mitläuft und gar nie stattfindet. Damit spielt «Seitentriebe».

Du hast Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Wie oft sind die beiden Jobs einander in die Quere gekommen, und wie oft dachtest du: «Geiles Buch!»?
Selten! Es geschah schon öfter, dass ich dachte: Welche Idiotin hat denn das geschrieben! Aber ich wusste: Ich hatte meine Gründe dafür, ich muss mir jetzt einfach vertrauen.

Eine blöde Zeitung schrieb mal über dich: «Aus der Ferne betrachtet, scheint Kar die klassische Pfeffer-im-Arsch-und-Pferde-stehlen-Typ Frau.»
Und was bin ich dann aus der Nähe betrachtet? Ich habe Angst vor Pferden. Pfeffer dagegen mag ich sehr. Aber lieber im Essen.

Güzin Kar wechselt sich mit Gabriel Vetter in der Samstagskolumne im Kulturteil des «Tages-Anzeigers» ab. Ihre Hüsnü-Kolumne in der «Basellandschaftlichen Zeitung» ging im vergangenen Dezember zu Ende. 2014 erschien der Band «Hüsnü, hilf!»

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