Leben
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Image

Die Freiheit führt das Volk zum Sieg. So stellte sich Eugène Delacroix 1830 die Revolution vor. bild: wikipedia

Perverses Paris! Der Schuhfetischist, der mit de Sade flirtete und Goethe erregte

Rétif de la Bretonne war ein pornografischer Schriftsteller zur Zeit der französischen Revolution. Er träumte von einem Staatsbordell und Damenschuhen.



Der Mann ist schnell wie kein anderer. Er schreibt seine Erotika nicht von Hand auf Papier, nein, er setzt sie direkt mit Metallettern auf eine Druckplatte. Und druckt. Und verschickt. Romane, Essays und Erzählungen über das Paris der Körpersäfte. Sein berühmtester Fan? Goethe. Die Leser haben das Gefühl, in Echtzeit dabei zu sein. Kein anderer Schriftsteller schafft das. Der Mann namens Rétif de la Bretonne ist sowas wie ein soziales Medium. 

Wir befinden uns vor, während und kurz nach der französischen Revolution und in Paris herrscht ein Beef zwischen zwei Pornographen: Rétif (oder Restif) de la Bretonne und dem Marquis de Sade. Letzterer erfindet mit seiner Literatur der Perversionen den Sadismus. Quält, foltert, missbraucht, tötet seine Figuren in einem kruden, oft auch sehr trashigen Sex-Fegefeuer.

Image

Rétif de la Bretonne 1788 als Nachtwanderer in Paris, mit einer Eule – quasi als Nachtsichtgerät. bild: wikipedia

Der Marquis ist ein Adeliger. Rétif ist ein Bauernsohn mit einer Ausbildung zum Drucker und Schriftsetzer. Einer, der sich den Obrigkeiten anpasst, wie es ihm gerade zu Gute kommt. Vor und nach der Revolution arbeitet er als Polizeispitzel. Auch er will perversen Kram publizieren, aber nicht ganz so ekligen. Wie der Sadismus wird auch nach ihm eine gewisse Neigung benannt: Er gilt als Erfinder des Retifismus. Ein heute veralteter Begriff für Schuhfetischismus. Masochismus gegen Schuhfetischismus also. Hart gegen herzig.

Die beiden Herren, so schreibt Paul Preciado in seinem glänzenden Essay Das Staatsbordell des Restif de la Bretonne, «flirten» in ihren Schriften heftig miteinander. Der eine wäre ohne den andern nicht denkbar. Trotzdem geht die massive Popularität von Rétif in den kommenden Jahrhunderten verloren, der Marquis hingegen bleibt für die Ewigkeit.

«Über die schmutzigen Werke des Marquis de Sade kann niemand mehr entrüstet sein, als ich es bin», schreibt Rétif im Vorwort seiner «Anti-Justine» (1798). Sie ist die Antwort auf de Sades Roman «Justine oder vom Missgeschick der Tugend» (1791). Und wovon handelt nun die «Anti-Justine»? Von wollüstigem Vater-Tochter-Inzest, von der Tötung einer Prostituierten durch den allzu dicken Schwanz eines Priesters, von der Prostitution der Tochter durch den Vater, von ... Alles ganz manierlich also.

Image

Aus der De-Sade-Verfilmung «Justine». In der Hauptrolle: Die Sängerin Romina Power. Der Marquis wurde von Klaus Kinski gespielt. bild: via imdb

Auch an die Frauen denkt Rétif: «Ich habe die Absicht, ein Buch zu verfassen, das ansprechender ist als die von ihm (de Sade), ein Werk, das die Frauen ihren Männern zum Lesen geben können, damit sie mehr von ihnen haben.» Nun. Ähm. Ja vielleicht? Und vielleicht – also höchst wahrscheinlich – mehr als nach «Fifty Shades»? Okay, lassen wir das.

Ein Feminist ist Rétif, der selbsternannte Saubermann, natürlich trotzdem nicht. Er träumt von verstaatlichten Bordellen. Der Clou: Der Staat ersetzt den Zuhälter. Die Frauen werden damit nicht reich, im Gegenteil: Sie sind quasi im Bordell interniert, weil sie sich ihrem Arbeitgeber gegenüber erst verschulden müssen, um überhaupt eingestellt zu werden. Kleider, Schminke, medizinische Kontrollen und Verhütung – für alles ist die Frau zuständig. Wobei Verhütung nicht zwingend das Ziel ist: Kinder, die im Bordellbetrieb entstehen, gehören dem Staat, aus den Jungs werden Soldaten, aus den Mädchen Prostituierte.

Image

Der Penis-Bordell-Entwurf von Claude-Nicolas Ledoux (undatiert). bild: wikipedia

Rétif hat dafür auch sehr konkrete architektonische Visionen, die später vom Architekten Claude-Nicolas Ledoux gezeichnet werden: Sein Bordell sieht aus wie ein Penis. Beziehungsweise wie ein Kondom über einem Penis. Schliesslich geht es darum, mit der neuen Institution, die Preciado als eine Mischung zwischen Bordell, Spital und Gefängnis beschreibt, die Syphilis im Zaum zu halten. Und Rétif weiss, wovon er schreibt: Wie die meisten französischen Autoren, die sich der Erotik widmen, ist auch er Syphilitiker. De Sade ebenfalls.

Die Geschlechtskrankheit, so lautet die damalige These, sei durch Christoph Columbus verursacht worden. Beziehungsweise von dessen Heimkehr aus dem entdeckten Amerika. Die Reise führte über Haiti und damit über einen Ort, der in allen Belangen als besonders instabil galt – was schliesslich durch den ersten Sklavenaufstand 1791 bestechend bewiesen wurde.

Image

Illustration zu Rétif de la Bretonnes «La Découverte Australe par un Homme Volant» (1781). bild: wikipedia

Die Revolution liess sich also mit einer Seuche gleichsetzen. Und alles Schlechte kam natürlich von aussen. Und dies, obwohl die hygienischen Zustände in Paris katastrophal waren: Körpersäfte flossen nicht nur beim Sex, sondern auch in den Strassen. Urin, Kot, Blut, Sperma waren Teil des Abwassers. Die Damenschuhe, auf die Rétif derart versessen war, kamen damit in Kontakt. Und die Herren, die in seinen Romanen mit Hilfe der Schuhe «entluden», indirekt ebenfalls. Der Schuh als Schutz zwischen dem Kreatürlichen und dem Penis. Einem Kondom nicht unähnlich. Wie das utopische Staatsbordell. 

Wie seufzt eine der Protagonistinnen der «Anti-Justine» im finalen Kapitel? «Er war nur der Geliebte meiner Schuhe.» So also klang Eifersucht anno 1798. Sie äusserte sich in einem derart zarten, dezenten Satz, dass er in einem Büchlein, das an bestürzend saftigen grafischen Darstellungen schon fast überreif ist, geradezu fehl am Platz wirkt.

Für Schuhfetischisten

Play Icon

Video: srf

Die beliebtesten Reiseziele 2018 auf Airbnb

Das könnte dich auch interessieren:

Eklat beim F1-Grand-Prix von Brasilien: Verstappen pöbelt Ocon nach dem Rennen an

Link to Article

Diese 10 Dinge kommen Ausländern als Erstes in den Sinn, wenn sie an die Schweiz denken

präsentiert vonBrand Logo
Link to Article

Mayotte – Europas zerrissenes Paradies am Ende der Welt

Link to Article

Hallo, Impfgegner – diese 7 Antworten zur Grippeimpfung sind speziell für euch

Link to Article

Es ist Tag der schlechten Wortspiele oder wie wir vom Sport sagen: Heimspiel!

Link to Article

Ein junger Jude verliebt sich in eine Schickse – Orthodoxe fühlen sich im falschen Film

Link to Article

Wichtig: Eine Rangliste der 18 besten Drunk Foods aus aller Welt 🍺🍕🍻🍔🍺

Link to Article

Die tiefe Spaltung der USA ist alarmierend – und ein Zeichen der Zeit

Link to Article

Wie zwei Nerds die Welt eroberten – und ihre Ideale verrieten

Link to Article

Die 11 schönsten Höhlen der Welt, in denen du dich vor der Fasnacht verstecken kannst

Link to Article
Alle Artikel anzeigen
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

Abonniere unseren Newsletter

8
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
8Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • riensnevaplus 22.08.2018 09:06
    Highlight Highlight Frage an die Redaktion.. ist dieser Artikel nach einem feuchtfröhlichen Traum entstanden, oder wie kommt man als Journalist dazu, einen solchen Text zu verfassen?
    btw ich fand ihn grossartig! hätte nicht besser in den Tag starten können.
    10 0 Melden
  • dracului 22.08.2018 07:20
    Highlight Highlight Eine kleine Fussnote zu Réstif: Der Rousseau der Gosse, der nach dem kategorischen Imperativ lebte „Vögle so, wie du gevögelt werden willst!“, soll ein inzestuöses Verhältnis zu einer seiner Tochter Agnès gepflegt haben. De Sade und Restif führten beide ein wenig manierliches Leben und befriedigten sich fernab von „herzig“. Alle literarischen Ejakulate lassen immer tief in die Seele von Autoren blicken und haben meist autobiografische Züge.
    13 1 Melden
    • Mimi Onóna 22.08.2018 13:02
      Highlight Highlight Not mad about it. Haha.
      2 0 Melden
  • Nelson Muntz 21.08.2018 19:51
    Highlight Highlight #metoo und #allmenartrash gabs damals halt noch nicht.
    12 31 Melden
    • Fly Boy Tschoko 21.08.2018 21:58
      Highlight Highlight Frauen durften da halt auch noch keine Meinung habe.
      40 5 Melden
    • Sheez Gagoo 22.08.2018 00:36
      Highlight Highlight ...dafür in einem Penisbordell arbeiten.
      11 1 Melden
    • Follo 22.08.2018 07:42
      Highlight Highlight Ja, und deine Aussage ist?
      10 0 Melden
    Weitere Antworten anzeigen

Who runs the world? 148 Frauen, die ihr euch zum Vorbild nehmen könnt 

Wir haben einen Kanon gemacht. Das ist dieses Ding, in dem normalerweise steht, welche männlichen Künstler, Wissenschaftler, Denker für die Welt notwendig sind. Aber nicht bei uns. #DIEKANON

In Zusammenarbeit mit: Jelena Gučanin, Nana Karlstetter, Mahret Kupka, Julia Pühringer, Theresia Reinhold, Hedwig Richter, Nicole Schöndorfer, Margarete Stokowski und Brigitte Theissl.

Je verwirrender die Welt scheint, um so stärker wird dem Menschen die Sehnsucht nach einer Ordnung. Nach einer Einordnung. Nach anderen Menschen, die ihm Ideen, Anregung und Halt geben. Die ihm Leuchtturm sein können, in der immer wiederkehrenden, scheinbar schrecklichsten aller Zeiten.

Verständlich also die …

Artikel lesen
Link to Article