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Die Freiheit führt das Volk (Eugène Delacroix)

Eugène Delacroix, 1830
Öl auf Leinwand
260 × 325 cm
Louvre
Die Freiheit führt das Volk (französisch: La Liberté guidant le peuple) ist ein Gemälde des französischen Malers Eugène Delacroix. Das 2,60 × 3,25 Meter große Bild entstand 1830. Es befindet sich heute im Louvre in Paris. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a7/Eug%C3%A8ne_Delacroix_-_La_libert%C3%A9_guidant_le_peuple.jpg

Die Freiheit führt das Volk zum Sieg. So stellte sich Eugène Delacroix 1830 die Revolution vor. bild: wikipedia

Perverses Paris! Der Schuhfetischist, der mit de Sade flirtete und Goethe erregte

Rétif de la Bretonne war ein pornografischer Schriftsteller zur Zeit der französischen Revolution. Er träumte von einem Staatsbordell und Damenschuhen.



Der Mann ist schnell wie kein anderer. Er schreibt seine Erotika nicht von Hand auf Papier, nein, er setzt sie direkt mit Metallettern auf eine Druckplatte. Und druckt. Und verschickt. Romane, Essays und Erzählungen über das Paris der Körpersäfte. Sein berühmtester Fan? Goethe. Die Leser haben das Gefühl, in Echtzeit dabei zu sein. Kein anderer Schriftsteller schafft das. Der Mann namens Rétif de la Bretonne ist sowas wie ein soziales Medium. 

Wir befinden uns vor, während und kurz nach der französischen Revolution und in Paris herrscht ein Beef zwischen zwei Pornographen: Rétif (oder Restif) de la Bretonne und dem Marquis de Sade. Letzterer erfindet mit seiner Literatur der Perversionen den Sadismus. Quält, foltert, missbraucht, tötet seine Figuren in einem kruden, oft auch sehr trashigen Sex-Fegefeuer.

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Rétif de la Bretonne 1788 als Nachtwanderer in Paris, mit einer Eule – quasi als Nachtsichtgerät. bild: wikipedia

Der Marquis ist ein Adeliger. Rétif ist ein Bauernsohn mit einer Ausbildung zum Drucker und Schriftsetzer. Einer, der sich den Obrigkeiten anpasst, wie es ihm gerade zu Gute kommt. Vor und nach der Revolution arbeitet er als Polizeispitzel. Auch er will perversen Kram publizieren, aber nicht ganz so ekligen. Wie der Sadismus wird auch nach ihm eine gewisse Neigung benannt: Er gilt als Erfinder des Retifismus. Ein heute veralteter Begriff für Schuhfetischismus. Masochismus gegen Schuhfetischismus also. Hart gegen herzig.

Die beiden Herren, so schreibt Paul Preciado in seinem glänzenden Essay Das Staatsbordell des Restif de la Bretonne, «flirten» in ihren Schriften heftig miteinander. Der eine wäre ohne den andern nicht denkbar. Trotzdem geht die massive Popularität von Rétif in den kommenden Jahrhunderten verloren, der Marquis hingegen bleibt für die Ewigkeit.

«Über die schmutzigen Werke des Marquis de Sade kann niemand mehr entrüstet sein, als ich es bin», schreibt Rétif im Vorwort seiner «Anti-Justine» (1798). Sie ist die Antwort auf de Sades Roman «Justine oder vom Missgeschick der Tugend» (1791). Und wovon handelt nun die «Anti-Justine»? Von wollüstigem Vater-Tochter-Inzest, von der Tötung einer Prostituierten durch den allzu dicken Schwanz eines Priesters, von der Prostitution der Tochter durch den Vater, von ... Alles ganz manierlich also.

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Aus der De-Sade-Verfilmung «Justine». In der Hauptrolle: Die Sängerin Romina Power. Der Marquis wurde von Klaus Kinski gespielt. bild: via imdb

Auch an die Frauen denkt Rétif: «Ich habe die Absicht, ein Buch zu verfassen, das ansprechender ist als die von ihm (de Sade), ein Werk, das die Frauen ihren Männern zum Lesen geben können, damit sie mehr von ihnen haben.» Nun. Ähm. Ja vielleicht? Und vielleicht – also höchst wahrscheinlich – mehr als nach «Fifty Shades»? Okay, lassen wir das.

Ein Feminist ist Rétif, der selbsternannte Saubermann, natürlich trotzdem nicht. Er träumt von verstaatlichten Bordellen. Der Clou: Der Staat ersetzt den Zuhälter. Die Frauen werden damit nicht reich, im Gegenteil: Sie sind quasi im Bordell interniert, weil sie sich ihrem Arbeitgeber gegenüber erst verschulden müssen, um überhaupt eingestellt zu werden. Kleider, Schminke, medizinische Kontrollen und Verhütung – für alles ist die Frau zuständig. Wobei Verhütung nicht zwingend das Ziel ist: Kinder, die im Bordellbetrieb entstehen, gehören dem Staat, aus den Jungs werden Soldaten, aus den Mädchen Prostituierte.

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Der Penis-Bordell-Entwurf von Claude-Nicolas Ledoux (undatiert). bild: wikipedia

Rétif hat dafür auch sehr konkrete architektonische Visionen, die später vom Architekten Claude-Nicolas Ledoux gezeichnet werden: Sein Bordell sieht aus wie ein Penis. Beziehungsweise wie ein Kondom über einem Penis. Schliesslich geht es darum, mit der neuen Institution, die Preciado als eine Mischung zwischen Bordell, Spital und Gefängnis beschreibt, die Syphilis im Zaum zu halten. Und Rétif weiss, wovon er schreibt: Wie die meisten französischen Autoren, die sich der Erotik widmen, ist auch er Syphilitiker. De Sade ebenfalls.

Die Geschlechtskrankheit, so lautet die damalige These, sei durch Christoph Columbus verursacht worden. Beziehungsweise von dessen Heimkehr aus dem entdeckten Amerika. Die Reise führte über Haiti und damit über einen Ort, der in allen Belangen als besonders instabil galt – was schliesslich durch den ersten Sklavenaufstand 1791 bestechend bewiesen wurde.

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Illustration zu Rétif de la Bretonnes «La Découverte Australe par un Homme Volant» (1781). bild: wikipedia

Die Revolution liess sich also mit einer Seuche gleichsetzen. Und alles Schlechte kam natürlich von aussen. Und dies, obwohl die hygienischen Zustände in Paris katastrophal waren: Körpersäfte flossen nicht nur beim Sex, sondern auch in den Strassen. Urin, Kot, Blut, Sperma waren Teil des Abwassers. Die Damenschuhe, auf die Rétif derart versessen war, kamen damit in Kontakt. Und die Herren, die in seinen Romanen mit Hilfe der Schuhe «entluden», indirekt ebenfalls. Der Schuh als Schutz zwischen dem Kreatürlichen und dem Penis. Einem Kondom nicht unähnlich. Wie das utopische Staatsbordell. 

Wie seufzt eine der Protagonistinnen der «Anti-Justine» im finalen Kapitel? «Er war nur der Geliebte meiner Schuhe.» So also klang Eifersucht anno 1798. Sie äusserte sich in einem derart zarten, dezenten Satz, dass er in einem Büchlein, das an bestürzend saftigen grafischen Darstellungen schon fast überreif ist, geradezu fehl am Platz wirkt.

Für Schuhfetischisten

Video: srf

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