Schweiz
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Menschenhandel, Frauenhandel, Prostitution, Ausbeutung

Verwandte oder vermeintliche Liebhaber locken die jungen Frauen nach Europa und zwingen sie, meist im Sexgewerbe, Geld zu verdienen. bild: shutterstock

Mit falschen Versprechen in die Schweiz gelockt – Menschenhändler unterwandern Asylwesen

30'000 Menschenhändler sind in Europa aktiv. Sie verdienen damit mehr Geld als im illegalen Geschäft mit Waffen und Drogen. Ein neuer Bericht von Europol zeigt: Die Zahl der Fälle wird zunehmen. 73 Opfer registrierte der Bund 2016.

Fabienne Riklin / Schweiz am Wochenende



Kurz bevor Joy 17 Jahre alt wurde, holte ihre Tante sie von Kamerun nach Zürich. Diese versprach ihr eine Ausbildung in der Schweiz. Es kam anders: Kaum hier angekommen, wurde Joy angewiesen, Asyl zu beantragen, und auf den Strassenstrich geschickt. Sieben Tage die Woche, die Einnahmen knöpfte ihr die Tante ab. Joys Geschichte ist kein Einzelfall. Bei der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) ist man alarmiert. «Fälle von Menschenhandel im Asylbereich nehmen seit einiger Zeit zu», sagt Rebecca Angelini von der FIZ. Opfer sind vor allem junge Frauen aus Nigeria, Äthiopien, Somalia und dem Kongo.

Unter falschen Versprechen locken Verwandte, Bekannte oder vermeintliche Liebhaber die Frauen nach Europa und zwingen sie, meist im Sexgewerbe, Geld zu verdienen. Einige reisen direkt in die Schweiz ein, andere über ein Dublin-Land. Dabei nutzen die Menschenhändler das oftmals langwierige und aussichtslose Asylverfahren, um die Frauen währenddessen auszubeuten. Es kommt auch vor, dass Menschenhändler erst in der Schweiz Asylsucherinnen täuschen und zur Kooperation zwingen. Wie viele Opfer von Menschenhändlern es im Asylwesen gibt, ist nicht bekannt.

2016 hat das Staatssekretariat für Migration (SEM) 73 Fälle verzeichnet. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Die Dunkelziffer dürfte allerdings hoch sein. «Nur die wenigsten Opfer werden erkannt», sagt Angelini. Dies liege daran, dass bei der Befragung die Zeit knapp sei. «Betroffene Frauen sind traumatisiert, manche können kaum sprechen. Es braucht daher Zeit, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, um die Sachlage zu klären.»

Gefahr nimmt zu

Rund 80 Prozent der Asylsuchenden gelangen über Schlepper in die Schweiz. Das bedeutet nicht, dass sie alle Opfer von Menschenhändlern sind. Seit das Botschaftsasyl abgeschafft worden ist, bleibt den Flüchtenden meist keine andere Wahl, als illegal zu migrieren und sich zumindest für einen Teil des Weges Schmugglern anzuvertrauen. Sie geraten in eine Abhängigkeit und verschulden sich.

Für kriminelle Banden sind insbesondere junge Migrantinnen attraktiv. Hohe Gewinne im Sexgewerbe und vergleichsweise niedrige Risiken für die Täter führen dazu, dass in Europa jährlich mehrere zehntausend Menschen Opfer dieses Verbrechens werden. Und das Problem wird sich verschärfen. Ein neuer Bericht der europäischen Polizeibehörde Europol analysiert: «Die derzeitige Migrationskrise in Nordafrika und im Nahen Osten wird einen grossen Einfluss auf den Menschenhandel haben.» Bereits über 30'000 Menschenhändler sind in Europa aktiv und machen mehr Geld als mit illegalen Drogen und Waffen.

Beim Bundesamt für Polizei ist man sich dessen bewusst. «Die grösste Herausforderung ist, Opfer von Menschenhandel als solche zu identifizieren», sagt Fedpol-Sprecherin Lulzana Musliu. Da sie mit Gewalt oder Drohungen gegen sich selbst und ihre Familie konfrontiert sind, wagen sie nicht, gegen ihre Peiniger auszusagen. Das Staatssekretariat für Migration ist deshalb daran, die Mitarbeiter zu schulen und zu sensibilisieren. «Wir sind bestrebt, die Bedingungen für Opfer laufend zu verbessern», sagt SEM-Sprecher Martin Reichlin. So würden Betroffene auch einen Flyer mit Kontaktinformationen zu kantonalen Opferberatungsstellen erhalten.

«Dies allein reicht aber nicht», sagt Rebecca Angelini von der FIZ. «Spezialisierte Opferschutzstellen werden bei Verdacht auf Menschenhandel in der Regel nicht einbezogen.» Nur die wenigsten Frauen würden daher die nötige medizinische und psychosoziale Betreuung erhalten. «Es fehlt schlicht ein Szenario, wie mutmassliche Opfer von Menschenhandel im Asylverfahren geschützt werden können.» So komme es vor, dass Täter und Opfer in derselben Unterkunft untergebracht würden.

Nicolas Le Coz, ehemaliger Präsident der Menschenhandels-Expertengruppe Greta des Europarates, hat einen Bericht über die Situation in der Schweiz mitverfasst. Er sagt: «Im Asylverfahren sollte bei jeder Person überprüft werden, ob sie ein Menschenhandels-Opfer ist.» Besonders bei sogenannten Dublin-Fällen bestehe Nachholbedarf. «Die Schweiz muss sicherstellen, dass kein Opfer in einen Staat zurückkehren muss, in welchem es der Gefahr von Vergeltungsmassnahmen oder erneutem Menschenhandel ausgesetzt ist.» Die Thematik wird am Montag an einer Konferenz in Bern diskutiert. (aargauerzeitung.ch)

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    Alle Leser-Kommentare
  • MysticPhenix 19.03.2017 11:00
    Highlight Highlight Traurig, dass die Polizei gegen derartige Formen der Ausbeutung nicht härter vorgeht, dieses Leck im Asylwesen ist mehr als bedenklich...
    Meanwhile im Polizei HQ: "Wir benötigen noch einen Raderkasten mehr an dieser Autobahn..."
    • Tiger9 19.03.2017 20:34
      Highlight Highlight Hauptsache ein bisschen gegen die Polizei pöbeln... In unserem Land muss man einer Person eine Straftat erst mal nachweisen und das ist gerade bei diesen Verbrechen, in einem Umfeld das schweigt und mit Opfern die Sprach- und Landesunkundig sind, besonders schwierig.
      Übrigens: Von Geldern, die aus Ordnungsbussen stammen, hat die Polizei überhaupt nichts.
    • Bruno S.1988 20.03.2017 07:14
      Highlight Highlight @Tiger
      Wer hat den etwas davon, von den Geldern aus Ordnungsbussen? Soweit ich weiss, plant die Polizei Gelder aus Ordnungsbussen fest in ihrem Jahresbudget ein.
  • atomschlaf 18.03.2017 21:29
    Highlight Highlight Ein Grund mehr, das Asylwesen von Grund auf neu zu konzipieren:
    - Annahme von Asylanträgen nur noch via Botschaftsasyl oder via UNHCR
    - Einreise erst nach abgeschlossenem Asylverfahren und positivem Entscheid
    - Keine Annahme von Asylgesuchen an der Landesgrenze

    Würde viele der heutigen Probleme und Missstände im Asylwesen lösen und wäre sowohl für die Schweiz wie auch für die zu Recht Asyl Suchenden von Vorteil.
    • äti 19.03.2017 11:36
      Highlight Highlight Das hatten wir mal und hat funktioniert. Allerdings wurde es abgestellt. Erinnere ich mich korrekt, waren es Kostengründe und Hr. Blocher. Damals wurden alle Gründe für den Beibehalt überhört. Kurzfristiges Sparen kann auch seinen Preis haben.
  • Corahund 18.03.2017 19:01
    Highlight Highlight Das ist alles nichts Neues, man weiss es und man tut nichts dagegen. Unseren Politikern geht das quer am A.
    vorbei. Nein, sie erstellen für teures Geld Verrichtungsboxen, (ein abscheuliches Wort) in denen
    die armen jungen Frauen ausgebeutet und missbraucht werden. Auch von Schweizern notabene, sicherlich hats auch Politiker dabei. Es wäre ein Leichtes, diesen Mädchen Schutz zu bieten, würde man die gleiche Akribie wie bei Verkehrskontrollen etc. anwenden. Die erforderlichen Gesetze sind vorhanden, nur werden sie nicht angewendet. (s. Vermummungsverbot etc.)
    • atomschlaf 18.03.2017 21:31
      Highlight Highlight Nicht jede Prostituierte wird ausgebeutet und missbraucht.

      Das beste Mittel dagegen wäre, diesen Beruf den anderen Berufen gleichzustellen, inkl. aller Rechte und Pflichten. Je mehr Rechte eine Prostituierte hat und je selbständiger sie arbeiten kann, desto geringer ist die Gefahr von Ausbeutung und Missbrauch.
    • Corahund 19.03.2017 07:04
      Highlight Highlight wenn sie es tun muss und Kohle abliefert, wird sie ausgebeutet,hin oder her. Im Grundsatz stimme ich dir zu, den Beruf zu liberalisieren. Dies ist aber weit von der Realität entfernt.
    • NucQB 19.03.2017 10:52
      Highlight Highlight Prostitution ist immer Ausbeutung und Missbrauch, das zumindest ist meine Meinung. Sex gegen Geld ist doch nicht normal. Da müssten sich aber unsere widerwärtigen Mitbürger, die freien, an der eigenen Nase nehmen. Tun sie aber nicht, diese Schwächlinge.
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