Was die Schweiz tun muss, um die Explosion der Gesundheitskosten einzudämmen
Stellen Sie sich vor: Sie kommen zu Ihrem Arzt, der mit einem Klick Zugriff auf Ihre gesamte Krankengeschichte, Ihre Behandlungen, Ihre Allergien und Ihre bisherigen Untersuchungen hat. Sie müssen nicht mehr alles wiederholen, keine alten Befunde suchen oder eine Untersuchung erneut durchführen lassen, die anderswo bereits gemacht wurde.
Dieses Szenario, das im digitalen Zeitalter selbstverständlich erscheint, bleibt für die Mehrheit der Schweizer Patientinnen und Patienten jedoch eine Illusion. Doch das könnte sich ändern.
Mit dabei: Nicolas Feuz (Schriftsteller), Anne Challandes (Schweizer Bauernverband), Roger Nordmann (Berater, ehem. SP-Nationalrat), Damien Cottier (FDP), Céline Weber (GLP), Karin Perraudin (Groupe Mutuel, ehem. CVP), Samuel Bendahan (SP), Claude Ansermoz (ehemaliger Chefredaktor von «24 Heures»), Ivan Slatkine (Präsident der FER) und die QoQa-Otte.
Ein System unter Druck, dringender Handlungsbedarf
Die Schweiz verfügt über ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, das jedoch derzeit unter Druck steht. Die Kosten explodieren: Laut Deloitte belaufen sie sich derzeit auf 100 Milliarden Franken pro Jahr und werden bis 2040 auf bis zu 160 Milliarden Franken ansteigen.
Angesichts dieses Anstiegs erweisen sich Digitalisierung und Prävention als unverzichtbare Hebel. Laut derselben Studie könnte eine ambitionierte Einführung digitaler Lösungen und neuer Technologien den Kostenanstieg um 30 Milliarden bremsen. Eine enorme Herausforderung, die jeden Bürger, jeden Patienten und jeden Steuerzahler betrifft.
Die elektronische Gesundheitsakte: Der Grundstein
Damit die Digitalisierung ihr Versprechen einlösen kann, braucht es ein solides Fundament: eine zentralisierte, einheitliche elektronische Gesundheitsakte (EGA), die allen Leistungserbringern zugänglich ist.
Heute gelten fast 20 % der erstatteten medizinischen Leistungen als unnötig: doppelte Untersuchungen, mangelnde Koordination, verlorene Informationen. Eine Verschwendung, die sowohl die Finanzen als auch die Qualität der Versorgung stark belastet.
Nach dem Scheitern der ersten elektronischen Patientenakte ist es dringend nötig, auf einer neuen Grundlage zu beginnen. Beim Gesundheitsforum der «Temps» gab Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider den Ton an: Die EGA muss zur Norm werden, verpflichtend für alle Leistungserbringer, die Leistungen der Grundversicherung abrechnen. Dieser starke politische Wille, der durch die kürzlich verabschiedete E-ID-Gesetzgebung unterstützt wird, ebnet den Weg für eine robuste, sichere und pragmatische digitale Lösung.
Einfachheit, Zugänglichkeit, Freiheit
Der Erfolg der EGA wird von ihrer Einfachheit abhängen: Jeder Bürger soll automatisch, kostenlos und ohne komplizierte Verwaltungsverfahren davon profitieren. Es steht jedem frei, darauf zu verzichten oder die weitergegebenen Daten zu beschränken: Vertrauen und Datenschutz sind entscheidend.
Aber es ist an der Zeit, den Zugang zu erleichtern, die Bevölkerung bei der Nutzung dieses Instruments zu unterstützen und alle Akteure des Gesundheitssystems in die Verantwortung zu nehmen. Wir dürfen nicht länger warten.
Aus Fehlern lernen, die Pioniere würdigen
In der Schweiz wird Scheitern oft stigmatisiert. Dabei ist es eine Quelle des Lernens und des Fortschritts. Die Pioniere der elektronischen Patientenakte, insbesondere in der Romandie, verdienen Anerkennung: Sie haben erste Erfahrungen gesammelt, getestet und neue Ansätze entwickelt.
Ihre Erfahrungen müssen genutzt werden, um die Schwächen des Systems zu beheben, den «PDF-Friedhof» zu vermeiden und ein wirklich nützliches, benutzerfreundliches und entwicklungsfähiges Werkzeug zu schaffen. Parteipolitische Streitigkeiten gehören verbannt und Zusammenarbeit muss gefördert werden: Nur so wird die EGA zu einem echten Mehrwert für Patienten und Fachleute.
Die digitale Transformation beschleunigen
Die EGA ist nur ein Schritt. Die Schweiz hinkt bei der Digitalisierung und der Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) im Gesundheitswesen hinterher. Die Herausforderungen sind jedoch enorm: Fachkräftemangel, Alterung der Bevölkerung, explosionsartiger Anstieg chronischer Krankheiten. Das Schaffen günstiger Rahmenbedingungen für Innovationen und die Förderung jeder relevanten Initiative haben oberste Priorität.
Beim Gesundheitsforum hat mich das Projekt «confIAnce» der Universitätsspitäler Genf (HUG) besonders interessiert: Dieser erste Chatbot für Allgemeinmedizin in der Schweiz ermöglicht es Patientinnen und Patienten, zwischen zwei Konsultationen auf der Grundlage von durch die HUG validierten Datenblättern das medizinische Gespräch fortzusetzen.
Ein konkretes Beispiel für den Nutzen der Digitalisierung: verlässliche Informationen, jederzeit zugänglich, ohne den Arzt zu ersetzen, sondern um seine Arbeit zu ergänzen – insbesondere vor dem Hintergrund des Mangels an Allgemeinmedizinern.
Ambitionen schnell in die Realität umsetzen
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit, um die Qualität und Nachhaltigkeit unseres Systems zu gewährleisten. Der Zug ist in Fahrt, und es liegt an jedem Einzelnen – ob Patientinnen und Patienten, Fachleuten oder politischen Entscheidungsträgern –, einzusteigen, den Wandel zu wagen und Initiativen zu unterstützen, die die Schweiz voranbringen.
Hoffen wir, dass die EGA in fünf Jahren zur Selbstverständlichkeit geworden ist, dass Innovation das gesamte System durchdringt und dass digitale Gesundheit für alle ein Synonym für Fortschritt ist.
