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Am 13. Dezember 2007 wird Eveline Widmer-Schlumpf als Bundesrätin vereidigt.<br data-editable="remove">
Am 13. Dezember 2007 wird Eveline Widmer-Schlumpf als Bundesrätin vereidigt.
Bild: RUBEN SPRICH/REUTERS

Zum Abschied ein Rückblick auf Widmer-Schlumpfs grossen Coup: So verlief der Krimi um Christoph Blochers Abwahl

Zum Ende von Eveline-Widmer Schlumpfs Karriere im Bundesrat lohnt sich ein Rückblick auf ihre Wahl vor acht Jahren. Bis fast zur letzten Minuten war es gelungen, ihren Namen geheim zu halten.
29.10.2015, 12:1030.10.2015, 13:11

Die Wahlen 2007 waren ein Triumph für die SVP. Ihre Kampagne hatte sie mit Slogan «Blocher stärken! SVP wählen!» gänzlich auf ihren Übervater ausgerichtet. Vier Jahre zuvor hatte Christoph Blocher für seine Partei einen zweiten Sitz in der Landesregierung erobert, zu Lasten der CVP und ihrer Bundesrätin Ruth Metzler. Im Vorfeld der Wahlen war über eine mögliche Retourkutsche spekuliert worden, doch nach dem Sieg der SVP mit fast 29 Prozent schien der Fall klar: «Die Abwahl von Christoph Blocher ist kein Thema mehr», hiess es in den Medien.

Dann kam alles ganz anders.

Blochers Amtsführung hatte zunehmend für Unmut gesorgt: Wiederholt hatte er das Kollegialprinzip verletzt und sich ständig in die Geschäfte der übrigen Bundesräte eingemischt. Weitere Elemente kamen hinzu. Eine Woche vor der Bundesratswahl am 12. Dezember 2007 strahlte das Schweizer Fernsehen einen Film aus, in dem Blochers älterer Bruder Gerhard eine bedenkliche Gesinnung offenbarte und damit bei vielen Menschen für Entsetzen sorgte.

Mit der Blocher-Kampagne gewann die SVP die Wahlen 2007.<br data-editable="remove">
Mit der Blocher-Kampagne gewann die SVP die Wahlen 2007.
Bild: KEYSTONE

Zu jenem Zeitpunkt war die «Verschwörung» zur Abwahl von Christoph Blocher bereits im Gang. Der Ablauf lässt sich rekonstruieren, auch wenn über einzelne Punkte widersprüchliche Versionen vorliegen. Wichtigster Gewährsmann ist der frühere Bündner SP-Nationalrat Andrea Hämmerle, der seine Sicht 2011 im Buch «Die Abwahl» niedergeschrieben hat.

19. Juni

Während der Sommersession 2007 findet im Dachstock des Bundeshauses eine Sitzung des SP-Präsidiums statt. Ein Thema sind die Bundesratswahlen. Die SP will die Wiederwahl von Christoph Blocher verhindern und eine Gegenkandidatur aus der SVP lancieren. Vize-Fraktionschef Hämmerle bringt laut eigenen Angaben die Bündner Finanzdirektorin Eveline Widmer-Schlumpf ins Spiel. Der damalige SVP-Präsident Ueli Maurer hatte sie 2003, als über Anwärter für einen zweiten SVP-Sitz spekuliert worden war, selber als «sehr valable Kandidatin» bezeichnet.

20. November

Im Hotel Stern in Chur findet ein Abendessen der Bündner Regierung mit der Bundeshausdelegation des Kantons statt. Dabei soll Andrea Hämmerle die Finanzdirektorin «beiläufig» auf eine mögliche Sprengkandidatur angesprochen haben. Mehr sei in jenem Rahmen nicht möglich gewesen. Was genau abläuft, ist unklar. Sicher ist, dass die SP danach ihren Coup zur Blocher-Abwahl vorantreibt. Alles hängt von der CVP ab. Fraktionschefin Ursula Wyss kontaktiert ihren CVP-Kollegen Urs Schwaller und informiert ihn über die «Geheimoperation».

1. Dezember

Die Grünen lancieren den Waadtländer Ständerat Luc Recordon als Kampfkandidat gegen Bundesrat Blocher. Ernst meinen sie es damit nicht. «Wir wollten die SP und CVP zur Aktion provozieren», sagte der Genfer Nationalrat Ueli Leuenberger später der NZZ am Sonntag.

8. Dezember

Andrea Hämmerle (l.) stellte den Kontakt zu Eveline Widmer-Schlumpf her.<br data-editable="remove">
Andrea Hämmerle (l.) stellte den Kontakt zu Eveline Widmer-Schlumpf her.
Bild: KEYSTONE

Am Samstag vor der Wahl telefoniert Andrea Hämmerle mit Eveline Widmer-Schlumpf. In dem rund 20-minütigen Gespräch weiht er sie erstmals ausführlich in die Abwahlpläne und in die Möglichkeit ein, dass ihr Name als Alternative ins Spiel gebracht wird. Sie nimmt es laut seinen Angaben zur Kenntnis, sagt aber nicht Nein.

9. Dezember

Hämmerle fürchtet, dass Widmer-Schlumpfs Name durch eine Indiskretion an die Sonntagspresse gelangt ist. Stattdessen bringt sich CVP-Präsident Christophe Darbellay in der «SonntagsZeitung» selber als Kampfkandidat in Stellung. Glaubt er tatsächlich an diese Chance, oder handelt es sich um eine Nebelpetarde? Die Interpretationen gehen auseinander, doch der gewünschte Effekt tritt ein: Niemand spricht an diesem Tag über Eveline Widmer-Schlumpf.

10. Dezember

Die Spitzen von SP und CVP treffen sich zu einer Sitzung. Die Sozialdemokraten stellen klar, dass sie geschlossen für Widmer-Schlumpf votieren werden. Damit spielen sie den Ball der CVP zu.

11. Dezember

Hämmerle telefoniert über Mittag mit der Bündner Regierungsrätin und informiert sie über den Stand der Dinge. Erneut bleibt Widmer-Schlumpf passiv. Am Nachmittag tagen die Fraktionen. Jene von CVP, EVP und GLP führt eine anonyme Probeabstimmung zu den sieben Bundesräten durch. Blocher wird von einer Mehrheit abgewählt.

Ursula Wyss und Urs Schwaller spielten beim Komplott eine zentrale Rolle.<br data-editable="remove">
Ursula Wyss und Urs Schwaller spielten beim Komplott eine zentrale Rolle.
Bild: KEYSTONE

Fraktionschef Urs Schwaller informiert Ursula Wyss. Die SP interpretiert das Ergebnis als Signal zum Angriff. Spekulationen über mögliche Namen werden vom Zürcher Nationalrat Mario Fehr per Ordnungsantrag unterbunden. Wenige Stunden vor der Wahl soll nichts nach draussen gelangen.

Die «Nacht der langen Messer»

Für einmal trägt die Nacht vor der Wahl den ominösen Namen völlig zu recht. Andrea Hämmerle liegt im Bett, er hat seine Stimme verloren, was er als «psychisch bedingt» interpretiert. Zuvor informiert er Widmer-Schlumpf in einer E-Mail über die neusten Entwicklungen. Die Grünen sichern den Rückzug der Kandidatur Recordon zu, doch es bleibt unklar, ob es zu einer Mehrheit für Widmer-Schlumpf reicht. Deshalb werden freisinnige National- und Ständeräte aus der Westschweiz und dem Tessin «bearbeitet», um mögliche CVP-Abweichler zu kompensieren.

Eveline Widmer-Schlumpf: Ihre Karriere in Bildern

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Eveline Widmer-Schlumpf: Ihre Karriere in Bildern
quelle: keystone / arno balzarini
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Nun kursiert auch der Name Widmer-Schlumpf. SVP-Präsident Ueli Maurer erfährt davon und telefoniert um 23.45 Uhr mit der Bündnerin. Um 1 Uhr treffen sich Christophe Darbellay, Ueli Leuenberger und die beiden Freiburger SP-Parlamentarier Christian Levrat und Alain Berset in der Bar des Hotels Bellevue. Das welsche Quartett besiegelt das Komplott gegen Blocher, doch noch steht nicht fest, ob für die Abwahl genügend Stimmen vorhanden sind.

12. Dezember

Nach einer kurzen Nacht treffen sich die Fraktionen um 7 Uhr ein letztes Mal. Die Sitzungen von FDP und SVP dauern nur kurz. Offenbar nimmt man eine Kandidatur von Eveline Widmer-Schlumpf auf die leichte Schulter. Bei CVP, SP und Grünen hingegen lassen die Fraktionschefs die Masken fallen, sie stimmen ihre Leute auf die Wahl der Bündner Regierungsrätin ein. Andrea Hämmerle telefoniert erneut mit ihr.

Die Ratslinke bejubelt das Ergebnis der Wahl.<br data-editable="remove">
Die Ratslinke bejubelt das Ergebnis der Wahl.
Bild: KEYSTONE

Um 8 Uhr beginnt das Wahlprozedere. Der Waadtländer Kommunist Josef Zysiadis macht seinem Ruf als Sololäufer alle Ehre, er eilt ans Mikrofon und verkündet die Kandidatur von Eveline Widmer-Schlumpf. Die «Verschwörer» halten den Atem an: Platzt das Komplott in letzter Minute? Als SVP-Fraktionschef Caspar Baader jedoch in der Folge eine Lobrede auf Christoph Blocher hält, kippt die Stimmung endgültig. Bereits im ersten Wahlgang erhält Eveline Widmer-Schlumpf 116 Stimmen. Im zweiten Durchgang ist sie mit 125 zu 115 Stimmen gewählt. Bei der Ankunft in Bern bittet sie um einen Tag Bedenkzeit.

13. Dezember

Die Unsicherheit hält an. Die CVP beschliesst, bei einer Absage der Bündnerin von der SVP eine Alternative zu Christoph Blocher zu fordern. Im Fall einer Weigerung soll Fraktionschef Urs Schwaller als Gegenkandidat antreten. Es kommt nicht soweit. Am Morgen wird Widmer-Schlumpf gemeinsam mit ihrer Familie im Zug nach Bern gesichtet. Ein sicheres Indiz für das, was kommt. Sie tritt im Nationalratssaal ans Mikrofon und verkündet: «Ich erkläre Annahme der Wahl.» Christoph Blocher hält eine wütende Abschiedsrede.

Christoph Blocher hält seine Abschiedsrede.<br data-editable="remove">
Christoph Blocher hält seine Abschiedsrede.
Bild: KEYSTONE

Einige Umstände des Wahlkrimis bleiben diffus. Der im März 2008 ausgestrahlte SRF-Film «Die Abwahl» suggeriert, dass Widmer-Schlumpf aktiver in das Komplott involviert war, als von Andrea Hämmerle behauptet. Aussagen von Christophe Darbellay und Ursula Wyss deuten darauf hin. Wie es wirklich war, kann wohl nur die abtretende Bundesrätin erklären. Sofern sie das irgendwann will.

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