Schweiz
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Genfer Ständerätin über Coronagraben-Debatte: «Solche Bemerkungen für Romands verletzend»

Die Frage, weshalb die Westschweizer Kantone so viel stärker vom Corona-Virus betroffen sind, beschäftigt die Schweiz. Die Genfer Ständerätin Lisa Mazzone (32) kennt beide Seiten der Saane. Sie lebt in Genf und Bern – und hält die Debatte für gefährlich.

Benjamin Weinmann / CH Media



Viele Leute wundern sich, weshalb alle Romandie-Kantone zu den am stärksten betroffenen Gebieten in ganz Europa gehören, angeführt von Genf. Haben Sie eine Erklärung für dieses Mysterium?
Lisa Mazzone: Leider nein. Eine schlüssige Erklärung dafür habe ich bisher nicht gehört. Aber war sicher eine Rolle spielt, ist die Bevölkerungsdichte in Genf, die höchste der Schweiz. Und möglicherweise lassen sich Genfer häufiger testen, da sie generell häufiger einen Arzt aufsuchen.

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In Genf sind Spitäler und Krematorien am Anschlag. Dennoch sieht man am See an den Wochenenden viele Menschen mit wenig Abstand und oft ohne Maske. Und vor dem zweiten Lockdown waren viele Bars voll. Haben die Genfer die Angst vor dem Virus verloren?
Die Frage würde mich zum Lachen bringen, wenn die Realität nicht so traurig wäre. In Genf kennt jeder jemanden, der das Virus hatte oder in Quarantäne musste. Ich selber kenne mehrere Betroffene. Auch solche, die auf die Intensivstation mussten. Diese Erfahrung prägt einen. Natürlich gibt es Leute, die unvorsichtiger sind. Aber die Mehrheit trägt Maske und hält Abstand. Die Genfer sind sich der Gefahr des Virus absolut bewusst.

WAHLEN 2019 - KANDIDATIN 2. WAHLGANG - STAENDERAT - KANTON GENF - Lisa Mazzone (neu), Gruene. (KEYSTONE/Parteien/Handout) === HANDOUT, NO SALES ===

Lisa Mazzone politisiert seit Ende 2019 im Ständerat für die Genfer Grünen. Dafür war sie Nationalrätin. Bild: PARTEI

Sie leben auch in Bern. Merken Sie einen Unterschied?
Es gibt in Bern Bars, die voll sind, während sie in der Romandie zu sind. Ich denke wir müssen aufpassen, dass diese Debatte das Land nicht spaltet und wir ständig auf die Anderen zeigen. In einer solchen Pandemie braucht es Einigkeit und Solidarität, und keinen Rösti- oder Coronagraben. Und es braucht harte Massnahmen, um die Situation in den Griff zu bekommen.

Wie sinnvoll sind die Massnahmen in Genf aus Ihrer Sicht? Schliesslich gehen die Genfer nun einfach ins benachbarte Waadtland shoppen und zum Coiffeur.
Das ist natürlich ein Problem. Man kann immer darüber diskutieren, was offenbleiben sollte und was nicht. Aber Genf musste reagieren und konnte nicht länger zuwarten. Der Kanton hat gehofft, dass die anderen ihm folgen würden. Es ist eine angespannte Atmosphäre. Schwache Menschen wurden noch stärker geschwächt, gesundheitlich und finanziell. Die Hoffnung, dass nach der ersten Welle alles bald vorbei sein könnte, ist verschwunden.

Tatsache ist, dass die Coronagraben-Debatte zahlreiche Klischees hervorbringt. Publizisten und Politiker wie Peter Rothenbühler und Peter Bodenmann haben die Bisou-Bisou-Kultur in der Romandie mitverantwortlich gemacht. Küssen sich die Romands zu oft?
Persönlich war ich sehr überrascht, wie Freunde in der Deutschschweiz sich umarmen, um sich zu begrüssen. Es gibt momentan viele selbsternannte Romandie-Experten, die ganz genau wissen, wie wir funktionieren. Aber solche saloppen Bemerkungen sind für viele Romands verletzend und beleidigend. Es gibt keine welsche und keine Deutschschweizer DNA. Ja, es gibt Unterschiede in unserer Lebensweise, in der Geographie, in der Wirtschaft. Inwiefern diese Faktoren aber einen Einfluss auf die Fallzahlen haben, muss die Wissenschaft klären. Es bringt nichts, andere Leute zu stigmatisieren.

Trotzdem wird immer wieder das Klischee genannt, wonach die Romands häufiger und intensiver feiern und weniger auf physische Distanz gehen.
Das stimmt nicht. In Schwyz sind die Zahlen auch plötzlich rasant gestiegen nach den Jodelfesten, oder im Appenzell wegen einer berüchtigten Hochzeitsgesellschaft. Auch St. Gallen hat hohe Zahlen. Momentan ist die Romandie ganz einfach stärker betroffen als andere Regionen. Aber das kann sich auch wieder ändern.​

Verhalten Sie sich in Bern und Genf anders bezüglich dem Maskentragen?
Vielleicht ein bisschen, da ich weiss, dass die Gefahr sich anzustecken, in Genf derzeit höher ist. Aber generell trage ich auch auf dem Trottoir eine Maske, wenn es viele Leute hat.

Und wo werden Sie Ihre Weihnachtseinkäufe tätigen, in Bern oder online?
Ich beschränke mich an Weihnachten auf Bücherkäufe, und die Buchläden sind auch in Genf zum Glück noch offen.

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