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Viele Zuschauer jubeln Marco Odermatt beim Lauberhorn-Rennen zu.
Viele Zuschauer jubeln Marco Odermatt beim Lauberhorn-Rennen zu.Bild: keystone

Reisst uns die Omikron-Welle ins Elend? Oder bringt sie das Ende von Corona?

Die Befindlichkeit vor der erwarteten Monsterwelle könnte unterschiedlicher nicht sein, noch nie in der Pandemie war die Ambivalenz so gross. Alain Berset spricht neuerdings von «Grippe» - und zeigt sich verhalten optimistisch. Wissenschafter widersprechen.
15.01.2022, 11:00
Bruno Knellwolf, Patrik Müller, Chiara Stäheli / schweiz am wochenende

Die Sonne strahlt in diesen Tagen selbst dort, wo sonst in dieser Jahreszeit zäher Hochnebel hängt. Äusserlich wirkt die Schweiz gerade wie ein aufblühendes Land: Am Wochenende erwarten die Tourismusorte volle Pisten und Restaurants, in Wengen finden die Lauberhorn-Festspiele statt, mit rund 20'000 Besuchern, es wird Eishockey und auch wieder Fussball gespielt, als wenn nichts wäre.

Es scheint so, als wäre die Schweiz in der Normalität angekommen, als würde der Satz Realität, der so oft geschrieben und gesprochen wurde: «Wir müssen lernen, mit Corona zu leben.»

Ganz normal ist diese Normalität freilich nicht, denn sie basiert weitgehend auf dem Prinzip 2G oder auch 2G+. Es ist mithin die Normalität der Geimpften und Genesenen, die inzwischen immerhin 77 Prozent der Bevölkerung ab 12 Jahren und somit etwa 80 Prozent der Erwachsenen ausmachen. Bei den über 80-Jährigen sind es sagenhafte 96 Prozent.

Der Bundesrat ist kühn, vielleicht auch tollkühn

Viele Menschen, ob geimpft oder ungeimpft, beschleicht ein mulmiges Gefühl angesichts der Massenbilder erst aus Adelboden und nun aus Wengen, die in die Welt hinaus gesendet werden. Ist das, was die Schweiz zelebriert, kühn oder eher tollkühn, sogar todesmutig? Agiert der Bundesrat mit seinem Nichtstun, mit der Strategie, weiter und nochmals weiter die Entwicklung der Hospitalisierungen abzuwarten, souverän oder eher fahrlässig?

Die Zahl der Coronakranken, die beatmetet werden müssen, hinkt den Infektionszahlen zwei Wochen hinterher, die Todesmeldungen folgen gar mit einer Verzögerung von etwa drei Wochen. Beide Richtwerte, Spital- und Todeszahlen, sind zurzeit erstaunlich stabil - doch bleibt das wirklich so? Weil bei uns der am besten wirkende Impfstoff Moderna weit verbreitet ist und weil unsere Bevölkerung sozioökonomisch besser gestellt ist als etwa jene in den USA, wo nun auf einmal die Spitaleinweisungen wegen Omikron in die Höhe schiessen?

Horrorszenario und zugleich Hoffnung

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) warnt in einem Papier an die Kantone, das CH Media am Dienstag publik gemacht, dass 10 bis 15 Prozent der arbeitstätigen Bevölkerung gleichzeitig erkranken könnten. Somit könnte jede sechste Arbeitskraft ausser Gefecht gesetzt sein. Das BAG ermahnt die Kantone: Damit die Grundversorgung des Landes funktioniert, sollen sie Massnahmen vorbereiten.

Ein Horrorszenario: Omikron legt die Schweiz lahm, in den Spitälern können die vielen Patienten nicht mehr durch genug Personal betreut werden, der öV funktioniert nicht mehr, vielleicht auch die Energieversorgung.

Und dann wieder die gegenteilige Stimmung: Es ist keine Sturzflut, die uns erwartet, die alles niederreisst. Sondern bloss ein Gewitter, ein heftiges, aber ein reinigendes, danach ist alles überstanden.

Zu den widerstrebenden Eindrücken gehört, dass die täglichen Fallzahlen, am Freitag waren es über 32'000, mit Dunkelziffer dürften es zwei- bis dreimal mehr sein, an Bedeutung verloren haben. Und dass zugleich fast jede und jeder nun im nächsten Familien- und Bekanntenkreis Infizierte kennt, es ist das Gesprächsthema Nummer eins. Der auch! Die ganze Familie! Die halbe Abteilung! Die Einschläge kommen näher.

Doch die widerstrebenden Eindrücke lösen sich auf: Kaum jemand berichtet über schwere Verläufe, oft ist die Isolation der grösste Ärger. Corona verliert, trotz astronomischer Fallzahlen, ein Stück weit seinen Schrecken.

Auf einmal darf man «Grippe» sagen

Die Sprache widerspiegelt das. Plötzlich darf man «Grippe» sagen. Vor Omikron entlarvte sich als Leugner oder Skeptikerin, wer diesen Begriff im Zusammenhang mit Corona verwendete.

Als erster Politiker sprach der Berner Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg davon, der SVP-Mann, der im Gegensatz zu seiner Partei meist für harte Massnahmen eintrat. Dann, im Westschweizer Fernsehen, RTS, kam das Wort auf einmal auch dem SP-Gesundheitsminister Alain Berset über die Lippen. Wenn sich eine geimpfte Person mit dem Coronavirus anstecke, führe diese in den meisten Fällen nicht zu einer schweren Erkrankung. Covid-19 sei bei gesunden Geimpften eher «wie eine Grippe oder Erkältung, die man im Winter haben kann», sagt er.

Alain Berset am Freitag in Bern. Hier mit Rebecca Ruiz, Staatsrätin des Kantons Waadt. Berset führte Gespräche mit den Kantonsvertretern.
Alain Berset am Freitag in Bern. Hier mit Rebecca Ruiz, Staatsrätin des Kantons Waadt. Berset führte Gespräche mit den Kantonsvertretern.Bild: keystone

Berset zeigte sich am Freitag auch an der Medienkonferenz nach dem Austausch mit den kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und Gesundheitsdirektoren verhalten optimistisch. Er sagte:

«Wir hoffen, dass wir uns am Übergang zwischen der Pandemie und der Endemie befinden.»

Und fügte an: «Es wird gut kommen.» Nun, es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass das Ende der Pandemie in Aussicht gestellt wird. Und leider haben sich in der Vergangenheit alle Hoffnungen wieder zerschlagen. Ein Überblick:

Übergang zur Endemie bis in zwei Monaten möglich

Die Wissenschaft, der die Rolle der unermüdlichen Warnerin zukommt, sendet ebenfalls ermutigende Signale aus. Schon seit Wochen sprechen Wissenschafter und Forscherinnen davon, dass das Coronavirus mit der Variante Omikron endemisch werden könnte. Das würde gemäss dem Berliner Virologen Christian Drosten dazu führen, dass dieses Virus zu einem Erkältungsvirus werden könnte.

Zum endemischen Zustand könnte es kommen, weil Omikron wegen seiner extrem hohen Übertragbarkeit eine schnelle Verbreitung in der Bevölkerung verursacht und diese so schnell immunisiert wird. Noch ist das eine Hypothese, die aber viele Wissenschafterinnen zumindest als Möglichkeit erwähnen.

Der Epidemiologe Marcel Tanner hält es für möglich, dass ein Übergang in eine endemische Situation in den nächsten zwei Monaten erfolgen könnte. «Die grosse Übertragbarkeit von Omikron macht es für Delta und andere Varianten enorm schwierig, sich zu halten. Auch wegen des Immunitätsgrades der Bevölkerung durch die Impfung und durchgestandenen Erkrankungen», sagt Tanner. Ausbrüche werde es aber auch in der endemischen Situation immer wieder geben. In einzelnen Fällen auch wieder durch Delta, erklärt der Präsident der Akademien der Wissenschaften.

Virologe findet Vergleich mit Grippe «verharmlosend»

Davon, jetzt schon im Zusammenhang mit Omikron von einer Grippe zu sprechen, hält Huldrych Günthard vom Universitätsspital Zürich gar nichts. Der Infektiologe sagt:

«Ich finde den Vergleich mit der Grippe im Moment nicht zielführend, sondern verharmlosend in einer Phase, in der wir einfach noch deutlich zu wenig wissen.»

Omikron sei noch nicht ganz zwei Monate bekannt. «Wir wissen immer noch nicht genau, wieviele Erkrankungen diese Variante machen wird.»

Es zeige sich zwar, dass die Variante wahrscheinlich milder sei als Delta, insbesondere in den Geimpften und vor allem bei den Geboosterten. Aber auch bei den Kindern wisse man noch zu wenig. «Es gibt Hinweise, dass Kinder möglicherweise häufiger erkranken könnten und es zu mehr Hospitalisationen kommen könnte», sagt Günthard. Offen sei zudem, ob die Entzündungskrankheit PIMS mehr auftreten werde. «Wir sind in einer Phase, in der wir noch nicht einfach Entwarnung geben und sagen können, es ist jetzt alles nur noch milde», sagt der Leitende Arzt am Universitätsspital Zürich.

Keine Spur der Verwüstung in Kenia

Hoffnung machen dagegen Meldungen aus einem Land, das mit der Schweiz allerdings kaum vergleichbar ist. In Kenia ist Omikron wie ein Lauffeuer durchs Land gefegt, hat aber keine Spur der Verwüstung hinterlassen. Trotz Rekordinfektionszahlen blieb die Zahl der schweren Verläufe gering, während bei Delta die Intensivstationen gefüllt waren.

Global betrachtet stuft die Weltgesundheitsorganisation WHO in ihrem Covid-Update die Situation in den meisten Ländern der Welt aber als heikel ein. Omikron ist eine Lungenkrankheit und inzwischen in beinahe allen Ländern präsent und hat Delta schnell verdrängt. «Mit der Zunahme der Inzidenz geht in allen Ländern auch eine Zunahme der Krankenhausaufenthalte einher.» Auch die Zahl der Intensivpatienten steige in allen Ländern an, allerdings nicht in dem Masse wie bei früheren Wellen. Zu diesen Schlüssen kommt auch die Taskforce in der Schweiz und schätzt für Omikron, dass rund 20 bis 35 von 10000 Infizierten hospitalisiert werden müssen.

Die letzte gefährliche Variante der Pandemie?

Die Wissenschaft kommt zu keinem eindeutigen Schluss. Es gibt hoffnungsvolle, aber auch warnende Deutungen zu Omikron. Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek sorgt sich wegen der Wandelbarkeit des Virus. Kommen weitere Mutationen? Die Pandemie sei nicht beendet, solange ein grosser Teil der Weltbevölkerung nicht geimpft oder genesen sei.

Optimistischer ist Leif Erik Sander von der Charité in Berlin. «Mit einer hoffentlich deutlich höheren Impfquote und dann leider auch einem hohen Genesenen-Anteil sowie mit angepassten Impfstoffen werden wir nach und nach weniger anfällig für weitere Wellen», sagt der Virologe im «Spiegel». Er erwartet im Sommer deutliche Entspannung - und mit guter Vorbereitung auch einen deutlich besseren Herbst.

Sonnige Aussichten für die Gesellschaft - die Hoffnung ist wohl grösser als je zuvor in dieser Pandemie. (aargauerzeitung.ch)

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