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Exzessive Nutzer kapseln sich phasenweise von der realen Welt ab, verlieren das Zeitgefühl und vernachlässigen andere Freizeitaktivitäten. bild: shutterstock 

Netflix bis der Arzt kommt – Schweizer müssen wegen Binge Watching in Behandlung

Seit es Netflix und Co. gibt, schauen Serienfans nächtelang ganze Staffeln ihrer Lieblingsshow. Bei einigen wird das Streamen zur Krankheit: In Schweizer Suchtzentren werden nun Betroffene behandelt. 



Die nächste Folge beginnt in 3 … 2 …1 … – zu spät! Wieder wird man in den Bann der Netflix-Serie gezogen und taucht für weitere 45 Minuten in irgendeine fiktive Parallelwelt ab. Manche Menschen schaffen es so kaum noch, von den Serien loszukommen – und müssen psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Franz Eidenbenz, Leiter des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte Radix: «Bei uns waren Personen in Behandlung, die ihren Serien-Konsum nicht mehr im Griff hatten.» Die Problematik sei innerhalb der letzten drei Jahre aufgetaucht. Auch der Fachverband Sucht und die integrierte Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland hatten bereits mit «suchtähnlichem Verhalten» von Betroffenen zu tun, wie sie auf Anfrage mitteilen. 

«... die Verlockung ist gross, sich in die Fantasiewelten der Serien zu flüchten.»

Franz Eidenbenz, Leiter des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte Radix.

Binge Watching – in Anlehnung an Binge Drinking, das englische Wort für Komatrinken – gibt es seit Netflix, Amazon Instant Video und Co. Fernsehserien existieren zwar schon seit Jahrzehnten. Nur konnte man sich davon immer nur eine einzige Folge pro Tag oder Woche ansehen. Ein krankhaftes Verhältnis zu seiner Lieblingsserie hat aber noch lange nicht jeder, der an einem Wochenende einen 5-Stunden-Serienmarathon einlegt. 

Exzessive Nutzer kapseln sich laut Suchtexperte Eidenbenz phasenweise von der realen Welt ab, verlieren das Zeitgefühl und vernachlässigen andere Freizeitaktivitäten. Sie sind übermüdet, weil sie ganze Nächte mit den TV-Shows verbringen. Darunter leiden soziale Beziehungen und die Leistung bei der Arbeit.

Zur Risikogruppe würden besonders Leute gehören, die im realen Leben unter Stress leiden oder in schwierigen Situationen stecken. Eidenbenz: «Für sie ist die Verlockung gross, sich länger als gesund in die Fantasiewelten der Serien zu flüchten.» Dafür sprechen auch die Ergebnisse einer Netflix-Umfrage aus dem Jahr 2013. Rund drei Viertel der US-Nutzer gaben damals an, Binge Watching als «willkommene Flucht vor ihrem hektischen Leben» zu empfinden.

Offiziell keine Sucht 

Die Frage, ob es sich beim übertriebenen Binge Watching tatsächlich um eine Suchtstörung handelt, ist umstritten. Denn ausser der Glücksspielsucht gibt es im Moment keine anerkannte Verhaltenssucht. Auch die Internetsucht, von der laut Expertenschätzungen in der Schweiz rund 70'000 Menschen betroffen sind, gibt es als Fachbegriff offiziell nicht. 

Doch nun interessiert sich die Wissenschaft für das Phänomen Binge Watching. Forscher der Universitäten Nantes, Luxemburg und Castellón untersuchen momentan, ob der exzessive Serien-Konsum zur echten Sucht werden kann. Die Resultate der breit angelegten Studie werden nächstes Jahr erwartet. 

«Es ist wie mit einer Packung Chips: Wenn sie offen auf dem Wohnzimmertisch liegt, isst man viel davon.»

Jakub Samochowiec, Sozialpsychologe vom Gottlieb Duttweiler Institut.

Jakub Samochowiec, Sozialpsychologe vom Gottlieb Duttweiler Institut, sieht die Verantwortung auch bei den Anbietern: «Nach Ende einer Episode läuft die Serienstaffel auf diesen Streamingdiensten in der Regel automatisch weiter. Wer genug hat und eine Pause einlegen will, muss sich aktiv gegen das Weiterschauen wehren.» Das schnüre Abhängigkeiten und unkontrolliertes Verhalten: «Es ist wie mit einer Packung Chips: Wenn sie offen auf dem Wohnzimmertisch liegt, isst man viel davon, denn die simple Zugänglichkeit macht die Selbstkontrolle schwierig.» 

«Du hast jetzt schon zwei Folgen von ‹House of Cards› geschaut. Willst du nicht mal eine Pause einlegen?»

Jakub Samochowiec, Sozialpsychologe vom Gottlieb Duttweiler Institut. 

Samochowiec würde es befürworten, wenn die standardmässige automatische Weiterleitung zur nächsten Episode ausgeschaltet und die Kunden Feedback zu ihrem Verhalten kriegen würden: «Zum Beispiel mit einer Nachricht im Stil: ‹Du hast jetzt schon zwei Folgen von House of Cards geschaut. Willst du nicht mal eine Pause einlegen?›» Denn viele Studien zeigten: «Werden wir mit dem Spiegelbild unseres Konsums konfrontiert, konsumieren wir bewusster.»

Fakt ist aber: Solche Massnahmen liegen nicht im Interesse der Anbieter. Denn mit jeder Pause steigt das Risiko, dass der User nicht zurück auf die Plattform kommt. Die Anbieter deshalb mit einem entsprechenden Gesetz dazu zu zwingen, macht laut Samochowiec aber wohl wenig Sinn: «Doch öffentliche Kritik ist wichtig. Nur so kommen die Anbieter in einen Rechtfertigungsdruck und ändern etwas an ihrem System.»

Von wegen Netflix & Chill! So sieht es in Wirklichkeit aus

Video: watson/Knackeboul, Lya Saxer

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