Schweiz
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Bundesrat Johann Schneider-Ammann, Mitte, zusammen mit Bauer Reto Streit, links, und Baeuerin Ursula Knuchel Streit, rechts, beim Besuch des Landwirtschaftsbetriebs der Familie Streit, am Dienstag, 11. September 2018, in Rosshaeusern. Schneider-Ammann besucht im Vorfeld der Abstimmung zur Ernaehrungssouveraenitaet den Hof der Familie Streit. Ueber die zwei Agrarvorlagen hat das Schweizer Stimmvolk am 23. September 2018 zu bestimmen. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Johann Schneider-Ammann unterwegs auf dem Bauernhof von Reto Streit (l.) und Ursula Knuchel Streit (r.). Bild: KEYSTONE

Seidenraupen statt Milchkühe: Warum ein «moderner» Bauer die Agrarinitiativen ablehnt

Die Schweizer Bauern brauchen Innovation, nicht Administration. Mit diesem Argument kämpft Bundesrat Johann Schneider-Ammann gegen die beiden Agrarinitiativen. Und lädt zum Lokaltermin auf einem Bauernhof.



Ein Bundesrat ist auch nur ein Mensch. «Was ist Quinoa?» fragte Johann Schneider-Ammann beim Besuch eines Bauernhofs diese Woche im bernischen Rosshäusern. Man kann es dem Tierarztsohn aus dem bodenständigen Emmental nachsehen, dass er mit dem Pseudogetreide aus den Anden nicht vertraut ist, das vorab im urbanen Milieu als «Superfood» gehypt wird.

Für findige Bauern ist dieser Trend – man verzeihe den billigen Kalauer – ein gefundenes Fressen. Auf ihrem Hof machen Ursula Knuchel Streit und Reto Streit seit drei Jahren Versuche mit Quinoa. Dieses Jahr konnten sie erstmals einen Ertrag verzeichnen, «dank der Trockenheit», wie Bauer Reto Streit dem hohen Gast aus Bundesbern erläuterte.

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Impressionen von Schneider-Ammanns Besuch auf dem Bauernhof. Video: YouTube/Bauern Zeitung

Zufällig war Johann Schneider-Ammann nicht im Bärfischenhaus aufgekreuzt, wie der Hof von Familie Streit heisst. Im Schlepptau hatte der Wirtschaftsminister unter anderem Bernard Lehmann, den Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW), und eine Medienschar. Es ging ihm um eine letzte PR-Offensive gegen Fair Food und Ernährungssouveränität, die beiden bäuerlichen Volksinitiativen, über die in einer Woche abgestimmt wird.

«Ein Rückschritt»

«Wenn die Initiativen durchkämen, würden sie den Bauern eine Hilfe anbieten, die sie hinten und vorne nicht brauchen können», meinte Schneider-Ammann. Die Landwirtschaft würde teurer, die Administration müsste enorm ausgebaut werden. Darunter würden innovative Bauern leiden. Für Reto Streit wäre insbesondere die Initiative für Ernährungssouveränität «ein Rückschritt».

Das Volksbegehren der Bauerngewerkschaft Uniterre hat einen rückwärtsgewandten Touch. Es erinnert an die Zeiten, in denen die Schweizer Agrarpolitik von Planwirtschaft und Protektionismus geprägt war. Die Bauern erhielten für ihre Produkte eine Abnahmegarantie zu einem staatlich festgelegten Preis. Wer auf Neuerungen wie Bio setzte, hatte es schwer.

Viele Bauern lebten sehr gut mit diesem System. Nicht alle aber fanden sich damit ab. Zu den schärfsten Kritikern der damaligen Landwirtschaftspolitik gehörte der Berner Ruedi Baumann. Er war von 1989 bis 2000 Präsident der Vereinigung zum Schutz der kleinen und mittleren Bauern (VKMB). Mit seiner Frau Stephanie sass er im Nationalrat, er für die Grünen, sie für die SP.

Strahlendes Ehepaar Baumann: Stephanie (links, SP-F) und Ruedi (rechts, Gruene) Baumann, am Montag, 25.Oktober 1999 in Suberg (BE) vor ihrem Bauernhof; beide sind bei den gestrigen Wahlen in den Nationalrat wiedergewaehlt worden.   (KEYSTONE/EDI ENGELER).

Stephanie und Ruedi Baumann während ihrer Zeit im Nationalrat. Bild: KEYSTONE

Mit ihrer für Bauern eher ungewöhnlichen politischen Verortung machten sich die Baumanns in den eigenen Reihen nicht gerade beliebt. «Ich wurde verteufelt und als linker Cheib oder Kommunist angefeindet», erinnert sich Ruedi Baumann. Am Ende aber setzte sich der Kleinbauern-Vertreter gegen das System der Produktesubventionen durch, dank dem Schweizer Stimmvolk.

Das Volk hatte es satt

Dieses hatte es zunehmend satt, für die Bauern doppelt blechen zu müssen: Als Steuerzahler mit Subventionen und als Konsumenten mit überhöhten, vom Staat diktierten Preisen. Die Quittung erfolgte in den 80er und 90er Jahren, als die bisherige Landwirtschaftspolitik einige schmerzhafte Abstimmungsniederlagen kassierte. Das GATT-Abkommen, aus dem die heutige WTO hervorging, zwang die Schweiz ausserdem dazu, ihren rigiden Grenzschutz zu lockern.

Das Subventionswesen wurde auf Direktzahlungen umgestellt, wofür sich Ruedi Baumann stets eingesetzt hatte und womit sich viele vorab ältere Bauern bis heute schwertun. Insgesamt aber verlief der Strukturwandel moderat, und die Konsumenten profitierten durch tiefere Preise und eine höhere Vielfalt und Qualität bei den Produkten, nicht zuletzt dank Bauern wie den Streits.

«In der Schweiz bekäme ich 318'000 Franken Direktzahlungen pro Jahr.»

Ruedi Baumann über seinen Hof in Frankreich

Ihr Hof ist mit 20 Hektaren eher klein. Mit konventioneller Landwirtschaft könnten sie kaum überleben, räumen sie ein. Also setzen sie alles auf die Karte Innovation. Im Bärfischenhaus gibt es weder Milchwirtschaft noch Ackerbau. Auch der Anbau von Gemüse ist kein Thema. Neben Quinoa setzt man auf eine breite Palette von Angeboten und Produkten:

Bundesrat Johann Schneider-Ammann, Mitte, zusammen mit Bauer Reto Streit, links, beim Besuch des Landwirtschaftsbetriebs der Familie Streit, im Hintergrund Blaetter fuer die Raupenzucht, am Dienstag, 11. September 2018, in Rosshaeusern. Schneider-Ammann besucht im Vorfeld der Abstimmung zur Ernaehrungssouveraenitaet den Hof der Familie Streit. Ueber die zwei Agrarvorlagen hat das Schweizer Stimmvolk am 23. September 2018 zu bestimmen. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Reto Streit zeigt die Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht. Bild: KEYSTONE

Hinzu kommen ein Lama und ein Alpaka als «Haustiere». Rund 15 Prozent des Hofes sind ökologische Ausgleichsflächen, die mit Direktzahlungen abgegolten werden. Diese würden acht bis zehn Prozent des Umsatzes ausmachen, sagt Reto Streit im Gespräch mit watson: «Diese Abgeltung ist wichtig. Gleichzeitig wollen wir möglichst unabhängig von Direktzahlungen bauern.»

Dies dürfte ganz im Sinne von Ruedi Baumann sein. Für ihn sind staatliche Subventionen in erster Linie ein sozialer Ausgleich. Deshalb hat er sich stets für eine Plafonierung der Direktzahlungen eingesetzt, die heute stark an die Betriebsgrösse gebunden sind. Nach seinem Rücktritt als Kleinbauern-Präsident und Nationalrat war er mit seiner Frau nach Frankreich ausgewandert.

«Der Schneider-Ammann braucht keine solchen Fingerzeige.»

Der Wirtschaftsminister über die Fair-Food-Initiative

Im Südwesten des Landes betreibt das Ehepaar Ackerbau auf einem Hof mit 70 Hektaren. «In der Schweiz bekäme ich 318'000 Franken Direktzahlungen pro Jahr», rechnet Baumann im Gespräch vor. In Frankreich seien es vom Staat und der EU gerade mal 15'000 Franken. Kein Wunder, ist Ruedi Baumann auch mit der heutigen Landwirtschaftspolitik «nicht so glücklich».

Wie stimmst du über die Agrar-Initiativen ab?

Obwohl die Baumanns inzwischen Doppelbürger sind, nehmen sie am politischen Geschehen in der alten Heimat weiterhin regen Anteil. Als Mitglied der Grünen ist Ruedi Baumann für die Fair-Food-Initiative der Partei, «wenn auch nicht vorbehaltlos». Sie sei sehr allgemein formuliert. Die ökologische Stossrichtung aber sei richtig. «Fair Food ist ein guter Fingerzeig für Johann Schneider-Ammann.»

«Ein einseitiger Luxus»

«Der Schneider-Ammann braucht keine solchen Fingerzeige», konterte der Wirtschaftsminister gegenüber watson. Er habe dem Bundesrat entsprechende Vorschläge gemacht und sei darin unterstützt worden: «Ich bin zutiefst überzeugt, dass wir ein gutes Verhältnis von Qualität zu Quantität erreicht haben.» Fair Food sei «ein einseitiger Luxus zu Lasten anderer Domänen in der Landwirtschaft».

Noch grösser sind seine Vorbehalte gegenüber der Ernährungssouveränität. Auch Ruedi Baumann unterstützt die Uniterre-Initiative primär «aus Solidarität», aber ohne echte Überzeugung: «Sie enthält Formulierungen, von denen man nicht behaupten kann, es werde nicht teurer.» Damit zielt er nicht zuletzt auf die Forderung im Initiativtext, der Bund müsse «gerechte Preise» festlegen.

«Sie sind überflüssig.»

Bauer Reto Streit über die Agrarinitiativen

Baumanns Vision zielt in die andere Richtung: «Ich bin dafür, dass wir uns preislich an das europäische Umfeld angleichen, nicht zuletzt mit Blick auf den Einkaufstourismus.» Die Einbussen seien mit Direktzahlungen auszugleichen. Das Argument von Uniterre, die Bauern müssten vom Preis leben können, ist für ihn illusorisch: «Das kann man nicht, wenn man 10 oder 15 Kühe hat.»

Video: watson/Lya Saxer

Ruedi Baumanns Idee wirkt logisch, doch sie dürfte am erbitterten Widerstand der Bauernlobby scheitern. «Man redet nicht gerne darüber. Dabei ist Fleisch in der Schweiz heute etwa zweieinhalbmal so teuer wie im Ausland.» Ausserdem würde eine Preisanpassung zusätzliche Marktchancen für innovative Bauern wie Familie Streit im Bärfischenhaus eröffnen.

«Wir denken, dass Produkte von hoher Qualität zu höheren Preisen verkauft werden könnten», sagt Reto Streit. Der Staat müsse Rahmenbedingungen für Innovation setzen und nicht Betriebe erhalten, womit er bei Johann Schneider-Ammann auf offene Ohren stiess. Die Frage eines Medienvertreters, was an den beiden Initiativen so schlimm sei, brachte den Landwirt aus Rosshäusern kurz ins Grübeln. Dann fand er eine Antwort: «Sie sind überflüssig.»

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11 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
Thurgauo
15.09.2018 13:31registriert November 2017
Was mich auch immer aufregt an den Bauern, sie sind so oft einfach nicht bereit sich anzupassen. Und ich habe genug Bauern nur schon in der Verwandschaft die sich so verhalten. Wenn man schon von Subventionen lebt, muss man auch bereit sein mit der Zeit zu gehen und nicht erwarten, alles beim Alten zu lassen und höhere Subventionen zu erhalten!
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Thurgauo
15.09.2018 13:32registriert November 2017
P.S. Was ich natürlich noch sagen wollte, er hier ist ein sehr gutes Beispiel, wie es laufen sollte.
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Angelo C.
15.09.2018 17:52registriert October 2014
Es gibt offenbar schon jüngere Bauern (u.a. aber auch ältere) welche die Zeichen der Zeit erkannt haben und sich in der Tierhaltung und im Anbau umorientieren.
Gerade letzthin wurden in einer Doku auf SF 1 mehrere Bauern vorgestellt, die entweder Yaks, Lamas oder Büffel halten, aus der Milch der Letzteren Mozzarella Bufala herstellen.
Viele stellen auf Bioprodukte und Getreide wie Quinoa um, eröffnen kleinere und grössere Hofläden, wo sie ihre Ware direkt verkaufen. Andere beginnen sogar Stevia (für Süssstoffe) anzubauen, also eher tropische Pflanzen.
Positives sollte auch erwähnt werden!
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