Bild: coca-cola.com
Experten äussern sich zum Fondue-Debakel von Coca-Cola
Probier das mal zu Hause aus. Du zündest den Rechaud an und während der Käse noch vor sich hin schmilzt, stellst du eine grosse Flasche Cola als einziges Getränk auf den Tisch. Wetten, die Unterhaltung blöterlet schon bald heftiger als der Gruyère AOP am Boden des Caquelons?
«Was? Cola mit Fondue? Spinnsch eigetli?»
Im Februar beschloss die Schweizer Tochtergesellschaft der amerikanischen Kult-Getränkemarke, sich in eine hitzige kulturelle Debatte einzumischen – indem sie eine Werbekampagne lancierte, die die diplomatischen Beziehungen zwischen dem Bundesrat und Donald Trump möglicherweise für immer zerstören könnte. (Ob die riskante Kampagne als Verzweiflungsakt nach dem letztjährigen Absatzrückgang zu deuten ist, sei mal dahingestellt.)
Das Verbrechen?
Wie die Carbonara in Italien wird auch das Fondue stillschweigend von Millionen selbsternannter Bünzli Aktivisten geschützt, die beim geringsten Konventionsbruch an dieser hochheiligen kulinarischen Tradition rotsehen. Für manche reicht schon das Angebot eines Tomatenfondues aus, um einen Krieg zu rechtfertigen.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Man stelle sich nun den Gesichtsausdruck der Gruyère-Region vor, wenn sie erfährt, dass ein amerikanischer Konzern zu behaupten wagt, ein Moitié-Moitié schmecke mit einem primitiven Spassgetränk «noch besser» – und damit den trockenen Weisswein oder den harmlosen heissen Tee zu verdrängen versucht.
watson erfuhr von der nun seit einigen Tagen in unseren Städten plakatierten Staatsaffäre und alarmierte umgehend einen Freiburger Fondue-Wächter, der angesichts solch dreister Machenschaften eigentlich unnachgiebig sein sollte.
Am anderen Ende der Leitung bricht Fabien Vallélian in schallendes Gelächter aus. Dem Inhaber von MaFondue.ch in La Tour-de-Trême war der kulturelle Diebstahl durch Coca-Cola entgangen. Und als er dann eingeweiht ist, lässt der Käser unerwartet die Bombe platzen: «Ach, wissen Sie, ich kenne einige Leute, die während oder nach dem Fondue Cola trinken.»
Wir hatten uns schon darauf gefreut, Fabien Vallélian zu provozieren, da erweist sich der Experte als guter Sportsmann und vertraut uns an: «Dass ein weltweites Unternehmen Fondue in einer nationalen Kampagne erwähnt, ist hervorragende Werbung für unsere Produkte, ohne dass wir einen Rappen ausgeben müssen.» Clever.
In den sozialen Medien zeigen sich einige Nutzer erfreulicherweise etwas zynischer.
Während der berühmte Gruyère-Käser ganz offensichtlich keine starke Intoleranz gegenüber dem amerikanischen Imperialismus hegt, gibt auch er zu, dass ein «Chasselas besser geeignet» sei als ein Glas Coca-Cola, wenn man das Geschmackserlebnis perfektionieren wolle: «Da der Käse sehr fetthaltig ist, ermöglicht ein Glas trockener Weisswein, die Geschmacksknospen mit jedem Schluck zu spülen.»
«Bessere Wahl als Wasser»
Auch wenn unser genussfreudiger Gesprächspartner «absolut niemanden zum Alkoholkonsum ermutigen» will und dabei selbst den klassischen heissen Tee zwischen zwei Brotscheiben geniesst, betont er dennoch die Wichtigkeit der Unterstützung des Weinbaus «aus unseren Regionen, der dies wirklich nötig hat».
Hier gibt's Hilfe bei Suchtproblemen!
Anstatt uns entmutigen zu lassen, beschliessen wir, einen Ernährungsberater des Kantonsspitals HFR Freiburg heranzuziehen – insgeheim in der Hoffnung, er könne diese Zwangsheirat wissenschaftlich widerlegen. Zumal Aurélien Clerc nicht nur Ernährungsspezialist ist, sondern auch der «Sohn eines pensionierten Käsers». (Das war keine Absicht, ich schwör!)
Eine Herkunft, die ausreichen sollte, um dem amerikanischen Softdrink den Weg endgültig zu versperren, denkst du vielleicht.
Ganz und gar nicht.
Das chasch chuum glaube. Während unsere Mütter uns früher warnten, wir würden einen kalten, festen Klumpen auskotzen müssen, wenn wir es wagten, eine Cola zum Fondue zu trinken, versichert uns Aurélien Clerc heute: «Der sehr saure pH-Wert des Getränks wird bei der Verdauung helfen.»
Und welche Rolle spielt das «Zero»?
Irgendwo gibt es sicher auch einen Nachteil, oder?
Auch wenn es ein lang gehegter kulinarischer Mythos ist: Ein kaltes Getränk zum Fondue hat im Magen keine katastrophalen Folgen. Dennoch weist der Experte darauf hin, dass heisser Tee nach wie vor das beste Getränk zum Fondue ist.
Auf die Gefahr hin, unsere Winzerfreunde zu verärgern, erklärt Aurélien Clerc vor allem, dass «kalter Alkohol» der grösste Feind des Fondues ist, wenn man den Käse noch vor Ende des Winters verdauen möchte: «Je höher der Alkoholgehalt, desto unvernünftiger ist es. Der berühmte Schluck Kirsch zur Halbzeit des Essens ist also eine sehr schlechte Idee.»
Trinkt der Freiburger Ernährungsberater und Käsersohn Cola zu seinem Fondue? «Ich trinke fast immer heissen Tee zum Fondue, aber ich muss zugeben, dass ich beim Fondueessen oft Lust auf Cola habe, ja. Ich mache das aber nicht sehr oft, weil ich empfindlich auf Koffein reagiere.»
Aurélien Clercs heimliches Vergnügen ist in Wahrheit … Bier. Er verwendet es nicht nur anstelle von Weisswein in seinem Fondue, sondern hat es auch «manchmal» am Tisch stehen, obwohl es «offensichtlich keine gute Idee ist und man nie zum Alkoholkonsum raten sollte». Er verrät uns, dass alkoholfreies Bier auch sehr gut funktioniert.
Dass sich der amerikanische Konzern in letzter Zeit verstärkt unseren kulinarischen Traditionen annähert, liegt vor allem an seinem 90-jährigen Jubiläum in der Schweiz. Eine ambitionierte Kampagne mit Koch Noah Bachofen als Botschafter – das Ziel? «Die Vielfalt der Schweizer Küche zu feiern, von alltäglichen Klassikern bis hin zu regionalen Spezialitäten», erklärt Reyn Ffoulkes, Kommunikationsdirektor von Coca-Cola Austria & Switzerland, per E-Mail.
Eine kleine, bewusste Provokation?
Wir könnten diese wichtige Untersuchung nicht angemessen abschliessen, ohne den Käsemeister von La Tour-de-Trême zu befragen nach seiner Meinung zu … Savoyer Fondue.
Laut Fabien Vallélian, einem Verfechter einer «grossen Vielfalt an Käsesorten», handelt es sich «weder geschmacklich noch von der Konsistenz her um dasselbe Produkt». Er geht sogar so weit, den kleinen Seitenhieb auszuteilen, auf den wir schon die ganze Zeit gewartet haben: «Wissen Sie, ein Ferrari und ein Dacia bringen Sie zwar an denselben Ort, aber Sie werden mir zustimmen, dass sie nicht ganz dasselbe sind.»
(mit ergänzungen von jul)
