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Lohn, Graubünden.
Lohn, Graubünden.bild: watson

Kriminell, unschweizerisch, arm – zu Besuch in Lohn, der Bündner Gemeinde, die anders stimmt als die Restschweiz

Lohn fällt statistisch aus dem Rahmen. Glaubt man den Zahlen, ist das Dorf die ärmste und kriminellste Gemeinde der Schweiz. Doch hier, mitten im bürgerlichen Bündnerland, leben Menschen, die ihr Velo vor der Haustür nicht abschliessen, für höhere Renten stimmen und «Schnüffelgesetze» missachten. Besuch in einer erstaunlich ursprünglichen Schweiz.
30.09.2016, 13:4702.10.2016, 10:49

Lohn also. Arm, kriminell, unschweizerisch. Die Bündner Gemeinde hat als eine der ganz wenigen gegen das Nachrichtendienstgesetz, für die «Grüne Wirtschaft» und für die Erhöhung der AHV gestimmt. Lohn galt 2013 als ärmste Gemeinde der Schweiz und taucht auf einer Kriminalstatistik an der Spitze auf. Nur 41 Einwohner leben hier, in diesem Haufendorf. Runtergewirtschaftet, leblos, verlassen muss das sein.

Lohn also. Von der Schnellstrasse durch die Viamala-Region führt ein geteerter Weg den Schamserberg hoch, vorbei an Dörfern und Weilern, Kuhweiden und Schafherden. Die Strasse will und will nicht enden, man befürchtet, eher würden die Bäume nicht mehr wachsen, als dass dieses Dorf auftauche, und wenn, dann wären die Haarnadelkurven die Mühe trotzdem nicht wert, weil sowieso kein Mensch da anzutreffen sei. Doch da, auf beinahe 1600 Meter über Meer, flacht der Weg endlich ab, und hinter einer letzten Anhöhe lugt ein Kirchenspitz hervor. Lohn also.

Video: streamable

Und alles ist anders als erwartet.

«Herzlich willkommen, wir haben offen.»

Auf der Terrasse des Orta.
Auf der Terrasse des Orta.bild: watson

Zur Mittagszeit ist das Restaurant Orta am Dorfeingang rappelvoll. Ein gutes Dutzend Pensionäre sitzt auf der Terrasse, sie schlürfen Weisswein und lachen in die Sonne. «Das isch der, wo aini vom Kubli ghürate het», sagt einer, «du, der isch doch e Wiili im Prettigau gsi», ein zweiter. «Chunnt jetzt de Herdöpfelstock?», fragt eine dritte. Der Wirt vertröstet sie, erst seien die Bauarbeiter dran, die müssten nachher wieder los. «Und ihr habt ja Zeit.» Er lacht, schenkt Wein ein, «zum Überbrücken», bis das Essen kommt. Herdöpfelstock und Kalbsgeschnetzeltes mit Bohnen, 14.50 Franken. «Isch’s rächt gsi?».

Vom Restaurant führt die Strasse in Windungen durchs Dörfchen, rund zwanzig Häuser drängen sich dicht aneinander, alte Engadinerhäuser, die Wände gebogen von der Last der Dächer, die Balkone unsichtbar hinter überbordenden roten Geranien. Aus einem Steinhaus dringt das Geschrei eines Kleinkindes. Sonst ist es still. Die Kirche ist offen, die Noten auf der kleinen Orgel liegen zum Spielen bereit, auf dem Friedhof blühen die Blumen, als wären sie erst gestern gepflanzt worden. Clopath, Beeli, Simonett – hier ruhen die Lohner Familien.

«Yoga z'Lohn, jede Woche 19.30, im Alten Schulhaus.»

Die Lohner machen etwas für die Lohner: Anschlag beim Kirchenplatz.
Die Lohner machen etwas für die Lohner: Anschlag beim Kirchenplatz.bild: watson

«Ob es gut ist, hier zu leben? Ich kenne ja nichts anderes, aber ja, klar», sagt Elisabeth Beeli, aufgewachsen im Nachbardorf, wohnhaft mit Mann und Kindern im zweitletzten Haus auf der rechten Strassenseite. Adresse: Dorf, Lohn. Beeli legt die Hände auf dem holzigen Ecktisch übereinander, die hellen Augen ruhig und wach. Als Kind sei es grossartig, als Teenie schwierig. Die Lohner Männer seien geblieben, Frauen dazugezogen. Und jetzt? Ruhig sei es, aber nicht langweilig. Yoga im Alten Schulhaus, Markt im Tal, ein Café jeden Dienstag und Samstag, an jeder Ecke ein Selbstbedienungslädeli.

Beeli hat vor sechs Jahren die Leitung einer Projektgruppe übernommen, ein Klangwald wurde installiert, grosse Metallglocken, ein Xylophon aus Stein, Windspiele für Touristen und Tagesgäste. Es sei eine gute Sache, rentieren tue das aber nicht unbedingt, sagt Beeli, vor allem die Anlässe, Lesungen und Konzerte seien ein Defizitgeschäft. Sie seufzt, die Euphorie sei schon vor allem am Anfang gross gewesen. Dann schweigt sie, lächelnd. «Aber man tut, was man kann.» Und die Politik? Beeli lacht, dieses Mal laut. «Ihr wollt also rausfinden, was für ein komisches Dorf wir sind. Oder was für ein spezielles». Dann schweigt sie wieder, zufrieden.

«Suche Wohnung in Lohn, als Festwohnsitz, gerne Altbau, danke für jeden Hinweis.»

Lohn kennt nicht nur Abwanderung: Anschlag beim Kirchenplatz.
Lohn kennt nicht nur Abwanderung: Anschlag beim Kirchenplatz.bild: watson

Am oberen Dorfrand thront das Haus des Gemeindepräsidenten, der Stewi quietscht im Wind, im Garten tollen zwei Ponys. Peter Baumann tritt aus dem stattlichen Stützhaus, tiefe Furchen durchziehen sein offenes Gesicht, er ist braungebrannt, ein silbernes Edelweiss steckt in seinem linken Ohr. Heute sei ein wunderbarer Tag, sagt Baumann und hält die Tränen nicht zurück, die in seine Augen steigen.

Sein Schwiegersohn habe ihm gerade eben die zwei Ponys zurückgebracht, die er doch gestern schon zum Metzger gekarrt habe. 300 Kilometer sei er nochmals gefahren, weil er es sich anders überlegt habe. «Ich bin so froh», sagt Baumann, schüttelt noch einmal ungläubig den Kopf und lächelt so, als würde es ihm wehtun. «Die sind seit 20 Jahren hier. Das hätten die doch nicht verdient gehabt.»

Baumann, Neuzuzüger, lebt seit 32 Jahren in Lohn. Aufgewachsen in einem Dorf bei Schaffhausen, zieht Baumann bald nach Zürich, um an der ETH Agronomie zu studieren, gerät in die Zürcher Unruhen, protestiert gegen Polizeigewalt und für mehr Freiraum. An einer Viehschau erhält er einen Tipp von einem Freund: In Lohn gibt’s einen landwirtschaftlichen Betrieb zu pachten, das willst du doch. Eine Woche hat Baumann Zeit, sich zu entscheiden. Er braucht einen Tag. Zusammen mit seiner Freundin zieht der Agronom nach Lohn, bald können sie einen Betrieb übernehmen, einen neuen Stall bauen, Mutterkühe anschaffen, Schafe, Ziegen, Schweine, alles bio. 2010 kommt eine Solaranlage aufs Dach. Pioniere in Lohn.

«Medienmitteilung: Einwohner der Gemeinde Lohn surfen ab sofort ultraschnell. Sie erhalten Zugang zum modernsten Netz der Schweiz.»

Die Zeit ist nicht stehengeblieben in Lohn: Anschlag beim Kirchenplatz.
Die Zeit ist nicht stehengeblieben in Lohn: Anschlag beim Kirchenplatz.bild: watson.ch

Während die Sonne schon fast die Bergspitzen küsst, schwärmt Baumann von all den Lohnern, die ausgezogen sind, un dann hervorragende Berufsleute zu werden, Mathematikprofessoren in Amerika, Ärzte in Zürich oder Langlaufprofis wie sein eigener Sohn. Und die Dagebliebenen?

Baumann fährt mit dem Finger in der Luft über die Dächer des Dorfkerns und zählt die Häuser. Ohne Wochenaufenthalter und Zweitwohnungsbesitzer seien es vielleicht dreissig Leute, sagt er. Selbstbewusste Menschen, eigen, fleissig und mutig. Das geflügelte Bündner Bauernwort, die wichtigsten Dinge im Leben seien «Maluns, Capuns e Subventiuns», zähle hier nicht, «mer schaffed», und der Gedanke, dass man den Nichtbauern zeigen müsse, für was die Bauern all das Geld bekommen, dass man etwas leiste, habe Einzug gehalten in diesem Dorf.

Schlafen im Stroh, Ferien auf dem Bauernhof. Inzwischen steht in Lohn fast jede Türe offen.

«Diverses vom Rind, Haxen: 20 Fr.»

In Lohn vermarkten die Bauern ihre Produkte selbst und verkaufen sie ab Hof: Preisliste eines Selbstbedienungsladens.
In Lohn vermarkten die Bauern ihre Produkte selbst und verkaufen sie ab Hof: Preisliste eines Selbstbedienungsladens.bild: watson

Doch Lohn ist nicht bekannt für Schlafen im Stroh. Lohn ist bekannt, weil es in Statistiken auftaucht und bei Abstimmungen ausschert. Baumann lächelt die Zahlen gelassen weg. Die Kriminalstatistik habe das Dorf angeführt, weil einst rumänische Banden mit Rucksäcken bepackt die Maiensässe oberhalb des Dorfes ausräumten. «Ausser die echte Kunst an den Wänden. Das haben sie nicht begriffen», lacht Baumann. Arm sei die Gemeinde auch nicht, natürlich nicht ohne finanzielle Probleme, überhaupt nicht, aber in der Statistik sei die Bundessteuer pro Kopf ausgewiesen worden und die sei in Lohn bei all den Bauern natürlich sehr tief.

«Wir sind doch die, die Weitblick haben.»

Gemeindepräsident Peter Baumann.
Gemeindepräsident Peter Baumann.bild: watson

«Wissen Sie, das ärgert mich. Berggebiete werden generell als potenzialarmer Raum angesehen, aber das Gegenteil ist der Fall.» Baumanns Blick schweift über das Tal, und es wirkt, als ob er auch noch nach 32 Jahren nicht genug von der Aussicht bekommen könnte. «Sehen Sie sich um», sagt er. «Wer meint, die Dörfler seien engstirnig, irrt. Wir sind doch die, die den Weitblick haben.»

Vielleicht hat Baumann recht. Vielleicht liegt es an Lohn, wo man keine Angst vor der Welt hat, Yoga importiert und Glasfasernetze nutzt, wo der Nachbarn dem anderen vertraut, auch wenn mal ein Velo gestohlen wurde, wo Bauern anders denken und die Menschen anders abstimmen. «Grüne Wirtschaft», weil das für die Biobauern in Lohn einfach logisch sei, für die AHV, weil die doch einfach etwas Gutes sei, gegen «Schnüffelgesetze», wegen der Skepsis, die den Lohnern so eigen ist, und ausserdem weil man ja «schon alles recht mache» und die Behörden doch deshalb nicht mehr Macht brauchen.

«In Lohn kennt die Zeit keine Hast und Eile.»

Aus der Sommerbroschüre von Graubünden Tourismus. Katze auf dem Kirchenplatz.
Aus der Sommerbroschüre von Graubünden Tourismus. Katze auf dem Kirchenplatz.bild: watson

Als Baumann zum Znacht gerufen wird, hat sich Schatten über Lohn gelegt, ein kühler Wind zieht durchs Dorf. Die Terrasse des Orta ist leer, im holzgetäferten Esssaal sitzen nur wenige Gäste. Eine Frau aus der Nachbarsgemeinde schlägt den «Blick» auf, schüttelt den Kopf: «Schon wieder einen Heli verloren? Tsts», und faltet die Zeitung wieder zusammen.

Ja, Lohn sei eigen, immer schon ein bisschen anders gewesen, besonders in den Abstimmungen, sagt sie, eine kleine Insel in dieser SVP-Region. Einen Tisch weiter philosophiert ein Stammgast mit dem Wirt – «was nützt der dickste Porsche, wenn du in deinem Leben keine Liebe erfährst?». Bündner Gerstensuppe, 10.50 Franken, «isch's rächt gsi?».

Der Wind hat sich gelegt, von weitem glüht Baumanns Grill herüber, vereinzelt bimmeln Kuhglocken. Sonst ist es still.

Lohn also.

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