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SBB: Diese Zug-Projekte werden trotz Röstis Ausbaustopp umgesetzt

Diese Zug-Projekte für 1,8 Milliarden Franken werden trotz Röstis Ausbaustopp umgesetzt

Der Bund stellt die Bahnausbauten zur Diskussion und lässt sie neu bewerten. Grund dafür sind massive Mehrkosten. Doch es gibt ein paar Ausnahmen, die nicht mehr gestoppt werden.
30.01.2025, 14:26
Stefan Ehrbar / ch media
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Das Timing der SBB war unglücklich. Am Dienstagmorgen führten ihre Fachleute Medienschaffende durch einen Erkundungsstollen in Zürich. Dieser ist Teil des milliardenschweren Ausbaus des S-Bahnhofs Stadelhofen und gehört zum sogenannten Ausbauschritt 2035 (AS 2035). Im Jahr 2027 sollen die Bauarbeiten starten, teilten die Bau-Experten mit. Doch wenige Stunden später gab Bundesrat Albert Rösti (SVP) in Bern der Branche den Tarif durch: Alle grossen Ausbauprojekte der Bahn werden neu bewertet – und könnten damit jahrelang verzögert werden.

Des ouvriers refont l'etancheite sur une partie du tube est du tunnel de base du Loetschberg lors d'une visite presse sur la renovation de la zone endommagee par de l'eau le mercredi 9  ...
Wird für 1,2 Milliarden Franken ausgebaut – trotz Neupriorisierung durch Albert Rösti: der Lötschberg-Basistunnel.Bild: keystone

Bis im Herbst wird ETH-Professor Ulrich Weidmann für Röstis Departement sämtliche Projekte des AS 2035 sowie sechs Projekte, die in einem nächsten Ausbauschritt realisiert werden sollen wie das Herzstück Basel oder der Tiefbahnhof Luzern, überprüfen. Er wird einen Vorschlag liefern, welche Projekte priorisiert werden sollen.

Ein Grund für das Bremsmanöver ist, dass der Bund sparen will. Ab 2027 will er jährlich 200 Millionen Franken weniger pro Jahr in den Fonds für die Bahninfrastruktur einbezahlen. Das entspreche knapp 15 Prozent der geplanten jährlichen Ausgaben für Ausbauprojekte, heisst es in den am Mittwoch veröffentlichten Unterlagen zum «Entlastungspaket 27». Das setze «eine umfassende Neubeurteilung der noch nicht in Angriff vorgenommenen Vorhaben in Bezug auf Kosten und Nutzen voraus».

Der zweite Grund sind Mehrkosten, die das Bundesamt für Verkehr (BAV) im November 2024 bekannt gab. Statt 16 Milliarden Franken wie vom Parlament bewilligt, dürfte das AS-2035-Paket neu 30 Milliarden Franken kosten. Einerseits verteuern sich bereits vom Parlament bewilligte Projekte, andererseits müssen zusätzliche Bahnhöfe ausgebaut werden. Um das versprochene Angebot realisieren zu können, braucht es zudem Dutzende weitere Ausbauten.

Auch grosse Projekte stehen auf der Kippe

Dass die Mehrkosten erst Jahre nach der Bewilligung des AS 2035 durch das Parlament bekannt wurden, liegt daran, dass die SBB mit neuen Planungsgrundlagen zwischenzeitlich noch einmal nachgerechnet hatten, wie CH Media publik machte. Ihr Fazit: Das versprochene Angebot lässt sich mit den vorgesehenen Ausbauten gar nicht stabil produzieren. Dafür sind zu wenige Reserven vorgesehen und die Infrastruktur wurde mit neuen Angeboten überladen. Ohne zusätzliche Ausbauten drohe eine massive Verschlechterung der Pünktlichkeit, so die SBB.

Bundesrat Albert Roesti spricht waehrend einer Medienkonferenz zum weiteren Vorgehen zur Bahn- und Strasseninfrastruktur, am Dienstag, 28. Januar 2025 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
SVP-Bundesrat Albert Rösti.Bild: keystone

Weidmann könnte zur Empfehlung gelangen, einige Projekte deutlich später zu realisieren, während andere vorgezogen werden könnten. Das bringt den gesamten bisherigen Plan ins Wanken. In die Überprüfung mit dem Namen «Projekt '45» eingeschlossen werden fast alle grösseren Ausbauprojekte des AS 2035, auch die grössten wie der Ausbau des Bahnhofs Stadelhofen, die Erweiterung zwischen Zürich und Winterthur mit dem Brüttener Tunnel, der Zimmerberg-Basistunnel II oder die Direktverbindung zwischen Neuchâtel und La Chaux-de-Fonds.

Während der Überprüfung laufen die Arbeiten an den Projekten fort, und es ist gut möglich, dass sie wie bisher geplant realisiert werden. Garantieren kann dies aber niemand. Eine Ausnahme gibt es: Projekte, die bereits über eine sogenannte Plangenehmigungsverfügung des BAV verfügen, werden von der Überprüfung ausgenommen. Dabei handelt es sich um die Baubewilligung, die bei Eisenbahnprojekten vom Bundesamt erteilt wird. Diese Projekte werden also auf jeden Fall wie vorgesehen umgesetzt. Sie kosten gemäss der aktuellsten Endkostenprognose etwa 1,8 Milliarden Franken ohne Mehrwertsteuer.

Gegenüber CH Media legt das BAV offen, um welche Projekte des Ausbauschrittes 2035 es sich handelt.

  • Doppelspur Grellingen-Duggingen: Dieses Projekt befindet sich bereits in Bau und wird ab Ende Jahr den Halbstundentakt im Fernverkehr zwischen Basel und Biel ermöglichen. Kostenpunkt: etwa 124 Millionen Franken.
  • Doppelspur Opfikon-Riet-Kloten und zweite Perronkante am Bahnhof Kloten Balsberg: Dieser Ausbau ermöglicht den Viertelstundentakt der Zürcher S-Bahn zwischen Zürich und Kloten. Die Inbetriebnahme ist für Ende 2026 vorgesehen, die Kosten belaufen sich auf etwa 77 Millionen Franken.
  • Teilausbau Lötschberg-Basistunnel: Der 35 Kilometer lange Lötschberg-Basistunnel ist auf 14 Kilometern zweispurig befahrbar. Auf weiteren 14 Kilometern ist eine zweite Röhre ausgebrochen, aber nicht für den Bahnbetrieb ausgerüstet. Das soll für knapp 1,2 Milliarden Franken bis Ende 2034 geändert werden. Nicht im Trockenen ist der Vollausbau, der eine zweite Röhre auf den verbliebenen 7 Kilometern enthält.
  • Neubaustrecke Lugano Centro-Bioggio: Eine neue, von der Bahngesellschaft FLP betriebene Strecke wird Lugano mit Bioggio verbinden. Die Kosten belaufen sich auf etwa 260 Millionen Franken, die ersten tramähnlichen Züge sollen Ende 2033 fahren.
  • Ausbau Zürich HB SZU: Der Bahnhofsteil der Bahngesellschaft SZU im Zürcher Hauptbahnhof wird ausgebaut. Dort halten die Linien S4 ins Sihltal und S10 auf den Uetliberg. Unter anderem werden die Perrons erhöht und ein neuer Zugang geschaffen. Die Inbetriebnahme ist auf Ende 2026 geplant, die Kosten betragen etwa 35 Millionen Franken.
  • Neue Haltestelle Bellinzona Piazza Indipendenza: Die Tessiner S-Bahn erhält für etwa 21 Millionen Franken per Ende 2031 eine neue Haltestelle.
  • Ausbau Badischer Bahnhof Basel: Neue Rampen und Bahnhöfe werden den Bahnhof bis Ende 2031 fit machen für die Zukunft. Kosten: Etwa 34 Millionen Franken.
  • Kreuzungsstelle Niederried: Die neuen Gleise auf dem Netz der Zentralbahn sollen die Stabilität erhöhen und zusätzliche Züge ermöglichen. Die Kosten betragen etwa 5 Millionen Franken, Ende dieses Jahres soll das Projekt abgeschlossen sein.
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66 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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En Espresso bitte
30.01.2025 15:34registriert Januar 2019
Nach dem Wolf-Abschuss und dem Angriff auf die Medienlandschaft (bzw. vor allem die öffentlich-rechtlichen Medien) versucht sich also Rösti jetzt am ÖV-Kahlschlag.

Hat sich also nichts geändert am Öl-Lobbyisten und Parteisoldaten A. Rösti.
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Bikemate
30.01.2025 15:26registriert Mai 2021
Wir locken immer mehr Menschen mit Steuergeschenken in die Schweiz. Dann haben wir aber zu wenig Steuerreinahmen um die Infrastruktur an die Menschenmassen anzupassen. Genau mein Humor .
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M_F
30.01.2025 16:54registriert Dezember 2018
"Traffic Wars - Revenge of the Rösti" ?

"Wenn ich meine Autobahn nicht kriege, kriegt ihr eure Züge auch nicht."

Erster Schritt zum Kaputtsparen à la DB, damit Ölberts Nachfolger dann einen Autobahnausbau durchboxen kann, weil der ÖV ja nicht funktioniere...
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