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Medikamente

Bild: shutterstock

Medikamentenversuch in Aargauer Psychiatrie: Hunderte Patienten waren betroffen



An der Psychiatrischen Klinik Königsfelden im Aargau wurden in den Jahren 1950 bis 1990 an mehreren Hundert Patienten Versuche mit nicht zugelassenen Medikamenten vorgenommen. Damals interessierten sich die Behörden nicht für das Thema. Die heutige Regierung äussert Bedauern.

Es handle sich grösstenteils um 31 Präparate, die zur Zeit der Verschreibung (noch) nicht zugelassen gewesen seien, heisst es in einer Untersuchung des Instituts für Medizingeschichte der Universität Bern.

Das Institut nahm rund 830 Patientendokumentationen zwischen 1950 und 1990 unter die Lupe, darunter auch 50 Dokumentationen der Kinderbeobachtungsstation Rüfenach AG. Die Untersuchung im Auftrag des Regierungsrats wurde am Mittwoch den Medien vorgestellt.

Nebenwirkungen für Patienten

Mehrere Hundert Patientinnen und Patienten wurden gemäss Untersuchung mit solchen Medikamenten behandelt. Die Psychopharmaka hätten oftmals Nebenwirkungen gehabt.

«Traten diese in massiver Form auf, wurden Versuchsbehandlungen in der Regel abgebrochen. Todesfälle in direkter Folge von Medikamententests sind nicht bekannt», heisst es im Bericht.

Es gebe keine Hinweise darauf, dass bestimmte Patientengruppen bezüglich Alter, sozialer Herkunft und Aufnahmestatus besonders häufig von Medikamentenversuchen betroffen gewesen seien.

Zwar seien Betroffene von fürsorgerischen und medizinischen Zwangsmassnahmen in Versuche involviert gewesen. Sie seien jedoch nicht gezielt dafür ausgewählt worden.

Vor den 1980er-Jahren gibt es laut Untersuchung keine schriftlichen Belege dafür, dass die Patientinnen und Patienten umfassend über klinische Versuche informiert wurden und die Möglichkeit hatten, ihr Einverständnis zu geben oder eine Behandlung abzulehnen.

Versuche waren kein Geheimnis

Wie an anderen Schweizer Kliniken fanden die Medikamentenversuche in Königsfelden in einem rechtlichen Graubereich statt. Erst ab den 1970er-Jahren wurden die Versuch reguliert. Daraus dürfe jedoch nicht geschlossen werden, dass die Versuche aus damaliger Sicht unproblematisch gewesen seien, schreibt Studienautor Urs Germann vom Institut für Medizingeschichte.

Dass in Königsfelden nicht zugelassene Medikamente getestet wurden, war weder innerhalb der Fachöffentlichkeit noch in Verwaltung und Politik ein Geheimnis, wie aus der Untersuchung weiter hervorgeht.

Gleichzeitig zeige sich, dass die kantonalen Instanzen ihre Kontrollaufgaben in medizinischen Belangen zumindest bis in die 1980er-Jahre «äusserst locker und oberflächlich» interpretiert hätten. Die Instanzen hätten der Klinikleitung grösstmögliche Autonomie zugestanden und im Gegenzug auf deren Kompetenz vertraut. Finanzielle Interessen der Klinik seien vermutlich eher gering gewesen.

Regierung bedauert

Der Regierungsrat nimmt gemäss eigenen Angaben «Kenntnis von den Ergebnissen der Studie und bedauert, wenn Betroffenen ein Unrecht widerfahren ist». Die damalige Aufsichtskommission habe ihre Aufgabe mangelhaft wahrgenommen, sagte Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati (SVP). Die Klinik Königsfelden war zu dieser Zeit eine kantonale Anstalt und lag damit direkt in der Verantwortlichkeit des Kantons.

Seit knapp 150 Jahren befindet sich auf dem Areal Königsfelden in Windisch eine psychiatrische Klinik. Bis 1965 hiess die Einrichtung «Heil- und Pflegeanstalt». Bis zu 1400 Patienten lebten in Königsfelden.

Die Klinik war bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts eine kantonale Institution. 2004 wurde sie als Psychiatrische Dienste Aargau AG (PDAG) in eine Aktiengesellschaft in vollständigem Besitz des Kantons Aargau überführt.

Ein gleiches Bild wie im Aargau ergaben bereits frühere Untersuchungen in anderen Kantonen. So wurden in Psychiatrischen Klinik Münsterlingen TG an mindestens 3000 Patienten Medikamentenversuche vorgenommen. Auch in der Psychiatrie Baselland und in der psychiatrischen Klinik St. Urban LU gab es solche Versuche. (cki/sda)

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