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Experte kritisiert Containerdorf für Geflüchtete aus der Ukraine

«Grundfalsch» – Experte kritisiert Berner Containerdorf für Geflüchtete aus der Ukraine

In Bern entsteht ein Containerdorf für die grosse Anzahl Ukrainerinnen und Ukrainer, die in die Schweiz flüchten – eine Lösung, die allerdings einige Probleme birgt.
09.06.2022, 15:3809.06.2022, 16:30
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Am Berner Stadtrand entsteht eine Containersiedlung, die tausend Geflüchteten aus der Ukraine Platz bieten soll. Was ein Pionierprojekt hätte werden sollen, wird von einem Architekten und Experten für Notunterkünfte als «grundfalsch» kritisiert. Wie Ueli Salzmann gegenüber dem Tages-Anzeiger sagt, halte das Containerdorf humanitäre Standards nicht ein. Er geht sogar noch weiter:

«Eine solche Siedlungsarchitektur verwenden wir in unseren Schulungen als Beispiel dafür, wie man es nicht machen soll.»

Salzmann hat Erfahrung mit der Planung von Notunterkunft-Siedlungen. In den letzten 30 Jahren war er sowohl für die Uno wie auch für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und für die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) im Einsatz.

Container des Administrationsgebauedes stehen auf der Baustelle fuer die temporaeren Unterkuenfte Viererfeld (TUV) fuer Ukrainische Fluechtlinge, am Donnerstag, 12. Mai 2022 auf dem Viererfeld in Bern ...
Keine Augenweide: Container des Administrationsgebäudes stehen auf der Baustelle für die temporären Unterkünfte auf dem Viererfeld in Bern.Bild: keystone

Die Probleme der Notunterkunft in Bern beginnen laut Salzmann bei der Fläche. Für 1000 Ukrainerinnen und Ukrainer stehen lediglich 3800 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Dies entspricht 3,8 Quadratmeter pro Person oder 15 Quadratmeter für eine vierköpfige Familie. Nebst der Wohnfläche sei aber auch die Aussenfläche zu klein bemessen, so Salzmann.

Container werden fuer das Dorf fuer Ukrainische Fluechtlinge auf dem Berner Viererfeld angeliefert, am Donnerstag, 5. Mai 2022 in Bern. Der Kanton Bern errichtet auf dem Berner Viererfeld ein Containe ...
Salzmann kritisiert die kleine Wohnfläche, die den Geflüchteten zur Verfügung stehen wird.Bild: keystone

Weiter kritisiert er das Rastersystem, in dem die zweistöckigen Wohnmodule angeordnet werden. In einer solchen Anordnung würden sich viele Bewohner wie in einer Haftanstalt fühlen. Besser wäre es, wenn die Container um einen zentralen Kreis organisiert würden.

Plan der Flüchtlingsunterkunft
Das Rastersystem erinnere an eine Militärbaracke, findet Ueli Salzmann.Bild: Kanton Bern

Problematisch ist dieses Rastersystem unter anderem in Bezug auf sexuelle Übergriffe, gibt Salzmann zu Bedenken. Frauen, Männer und Kinder müssten alle dieselben engen Gassen zu Dusche und Toilette benutzen, was ein bekanntes Problem darstellt. Schon seit längerem sind sexuelle Übergriffe und Belästigungen in Asylunterkünften ein Problem.

Wieso wurden solche Faktoren nicht in die Planung mit einbezogen? Wohl, weil keine Fachpersonen an der Planung beteiligt waren. Der Kanton Bern vergab den Auftrag nämlich an ein Team aus Grafikern und keine Architekten. Ob das Büro bereits Erfahrung mit der Planung von Asylunterkünften hat, wird auf ihrer Website nicht ersichtlich, schreibt der «Tages-Anzeiger» weiter.

Doch der Kanton Bern verteidigt seinen Entscheid. Auf Nachfrage vom «Tages-Anzeiger» sagt Gundekar Giebel von den Kantonsbehörden: «Die Firma Grafikreich ist dem Kanton bestens bekannt, und sie war und ist befähigt, in kurzer Zeit die dringend notwendige Leistung zu liefern.»

Container werden fuer das Dorf fuer Ukrainische Fluechtlinge auf dem Berner Viererfeld installiert, am Donnerstag, 5. Mai 2022 in Bern. Der Kanton Bern errichtet auf dem Berner Viererfeld ein Containe ...
Container werden für das Dorf für ukrainische Geflüchtete auf dem Berner Viererfeld installiert.Bild: keystone

Architekten mit humanitärem Fachwissen seien laut Giebel nicht nötig gewesen, da der Kanton in der Erstellung von Modulbauten und in der Ausgestaltung von Kollektivunterkünften grosse Erfahrung habe. Der Standard der Unterkunft sei hoch, zeigt sich der Kanton überzeugt.

Alternativ können ukrainische Geflüchtete noch immer bei Gastfamilien unterkommen. Gemäss der Plattform Campax sind noch immer über 90 Prozent der angebotenen Betten unbesetzt. Im Kanton Bern beläuft sich die Zahl der freien Plätze auf 8550.

Eine zentrale Unterkunft scheint dem Kanton Bern allerdings die bessere Lösung zu sein. Das Containerdorf erleichtere das soziale Leben, da es nicht zu einem Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen komme, argumentiert Giebel. Es böte zudem auch eine längerfristige Lösung, da die Behörden im Gegensatz zu den Gastfamilien nicht einfach aus dem Engagement aussteigen können. Auch wenn immer wieder betont wird, dass solche Containersiedlungen nur temporäre Lösungen seien, könnten sie sich zu langjährigen Unterkünften für Geflüchtete mausern.

Bis im Herbst dürften gemäss Erwartungen des Bundes noch 80'000 bis 120'000 Geflüchtete aus der Ukraine in der Schweiz eintreffen. Laut Giebel möchte der Kanton Bern bis Ende Jahr 4000 Betten in Kollektivunterkünften anbieten. (saw)

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110 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Chnoblibrot
09.06.2022 15:56registriert Oktober 2020
"Das Containerdorf erleichtere das soziale Leben, da es nicht zu einem Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen komme, argumentiert Giebel.".

Wieso sollten sich die Ukrainer nicht mit verschiedenen Kulturen auseinandersetzten, dass dürfen/müssen wir ja auch, diese Haltung verstehe ich jetzt nicht wirklich.
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plop
09.06.2022 16:12registriert Dezember 2015
„…an ein Team aus Grafikern.“
Öhm. Schräg.
Die Bude auch gegoogelt, verstehe es immer noch nicht. Da hat der Kanton fei was „gchüechlet“.
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MetalUpYour
09.06.2022 16:28registriert August 2016
Das ist nur in Sachen Fehlplanung und Peinlichkeit von hohem Standard...
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