Schweiz
International

Schweizer Ex-Soldat leitet Anti-Flüchtlings-Aktion von Rechtsextremen

ARCHIV - Die «Suunta» schwimmt am 27.10.2012 im Hafen von Kiel (Schleswig-Holstein). Die Suunta trägt seit Februar 2017 den Namen «C Star» und fährt unter mongolischer Flagge. Das 1975 gebaute frühere ...
Von Rechtsextremen gechartert, um vor Libyen Flüchtlinge zu stoppen: Forschungsschiff «C-Star».Bild: DPA dpa

Schweizer Ex-Soldat leitet Anti-Flüchtlings-Aktion von Rechtsextremen

Ein Schweizer Offizier koordiniert die Anti-Flüchtlings-Aktion im Mittelmeer vor Libyen.
24.07.2017, 10:1724.07.2017, 14:40
Henry Habegger / Nordwestschweiz
Mehr «Schweiz»

Baujahr 1975, Leergewicht 160 Tonnen, 40 Meter lang, unter der Flagge der ostafrikanischen Republik Dschibuti fahrend, deren Einwohner fast zu 100 Prozent aus Muslimen besteht: Das ist der Steckbrief der «C-Star». Eine internationale Gruppe von Rechtsextremen ist mit dem gecharterten Schiff auf Anti-Flüchtlings-Mission zur libyschen Küste unterwegs. «Defend Europe», heisst die Mission der weissen Kreuzfahrer. «Die Invasion stoppen – Europa verteidigen!», eine ihrer Parolen.

Hinter der «Kreuzfahrt» gegen Nicht-Europäer steht die «Identitäre Bewegung» (IB). «Wir wollen eine identitäre Such- und Rettungsmission an die libysche Küste starten», steht auf der Website. «Unser Ziel ist, die Umtriebe der NGOs zu dokumentieren, ihre Kollaboration mit den Schleppern aufzudecken und zu intervenieren, wenn etwas Illegales geschieht.»

Jetzt auf
Identitäre Bewegung: «Reines» Europa
Sie nennen sich die «Identitäre Bewegung» und führen einen «Kampf» gegen «Überfremdung» und «Islamisierung». Laut Wikipedia folgt ihre Ideologie, die ihren Ausgangspunkt in Frankreich hatte, «dem Konzept des Ethnopluralismus» , der die kulturelle «Reinhaltung» der Gesellschaft will. Die Ethnien werden nicht nach ihrer Abstammung, sondern nach ihrer Zugehörigkeit zu einer «Kultur» unterschieden. Fremde Kulturen werden als Gefährdung der eigenen Identität verstanden. Die Identitären behaupten, nichts gegen Fremde zu haben, allerdings hätten sie in Europa nichts zu suchen. In Deutschland wird die Identitäre Bewegung vom Verfassungsschutz beobachtet. (hay)

Wie der «SonntagsBlick» gestern berichtete, wird die Anti-Flüchtlings-Aktion vom Schweizer Jean-David Cattin (32) koordiniert. Zudem werde die «Mission» auch mit Spenden aus der Schweiz finanziert. Cattin ist selbst nicht auf dem Schiff dabei, aber er trat kürzlich im sizilianischen Catania als Sprecher der Truppe auf.

jean-david cattin twitter
Jean-David Cattin.bild: twitter/jdcattin

Die «Identitären» behaupten, ihre Mission diene nur dazu, die angebliche Schleppertätigkeit der Nichtregierungsorganisationen vor Ort aufzudecken. Allerdings zeigt die rechte Truppe paramilitärische Züge und solche einer Bürgerwehr. Ihr Genfer Mitanführer Cattin, seit mehr als zehn Jahren in der Szene aktiv, ist (oder war) Oberleutnant der Schweizer Armee. Ein Bild auf seinem Twitter-Account zeigt ihn als Leutnant der Sanitätstruppen.

Militärisch organisierte Lager

Trump-Fan Cattin («Sein Sieg ist eine historische Wende») ist «Lagerleiter und Mastermind» der alljährlichen «Sommeruniversität» der Identitären in Frankreich, wie der Österreicher Martin Sellner auf einer rechten Website ausführt. Über Cattin schrieb Sellner in einem Bericht zur «Sommerakademie»: «Vom gemeinsamen Antreten zum Morgensport über die Mahlzeiten, die Putz- und Küchendienste bis hin zum abendlichen Lagerfeuer ist alles klar organisiert. Man sieht in jedem Detail, dass Lagerleiter und Mastermind der IB, der Schweizer Jean-David Cattin, lange Zeit bei der Armee war.» Sellner (28) ist ein weiteres Aushängeschild der rechtsextremen Jugendbewegung. Er ist Anführer der «Identitären Bewegung Österreich» und leitend an der Mittelmeer-Mission beteiligt.

Auf Fotos zur «Sommeruniversität» sieht man eine Hundertschaft junger Männer und Frauen, die wie beim Antrittsverlesen, aber in identitärer Einheitstenue in Reih und Glied in militärischer Formation strammstehen.

Zum Programm der «Universität» gehört gemäss der «Antifaschistischen Recherche Graz», die sich auf Berichte von Teilnehmern stützt, auch «Kampfsport, Boxen, Training für den Strassenkampf». Auffallend oft posieren «Identitäre» mit Schusswaffen im Internet. Die junge kanadische Aktivistin und Journalistin Lauren Southern etwa, die die Anti-Flüchtlings-Mission medial begleitet, posiert mit zwei Maschinengewehren.

Cattin, der vor Rechtsextremen in ganz Europa für seine Ideologie wirbt, sagt in Interviews und Referaten Sätze wie: «Wir verteidigen Europa und die Europäer. Wir kämpfen gegen die Masseneinwanderung und die Islamisierung unseres Kontinents, die wir als tödliche Gefahr für unsere Zivilisation betrachten.» Die Integration sei «eine Lüge».

Als Beispiel nennt er Einwanderer aus Algerien, die auch in der dritten Generation bei einem Fussballspiel noch immer die Mannschaft ihrer alten Heimat unterstützten statt die französische. In einem Vortrag von 2014 an einer Veranstaltung des «Bloc identitaire» in Frankreich strich er Vorteile der Schweiz hervor: «Seit ungefähr zehn Jahren konnten wir dank einer Reihe von Initiativen, namentlich getragen durch die SVP, zu Fragen abstimmen, über die andere europäische Völker nicht abstimmen können.» Er nannte das Schächtverbot, die Verschärfung des Asylrechts, das Minarettverbot oder Zuwanderungsquoten.

Die Identitären sind verbandelt mit ihren geistigen Vorläufern von der «Neuen Rechten». An einem «Kolloquium» im April 2016 in Paris, an dem Cattin auftrat, präsentierten sich an Ständen reihenweise Publikationen aus dieser Ecke. Etwa die Zeitschrift «Eléments pour la civilisation européenne», auf deren Blog Slobodan Despot als «Collaborateur» gelistet ist. Despot war Kommunikationschef des abgewählten Walliser SVP-Staatsrats Oskar Freysinger.

Wann die Anti-Flüchtlings-Mission vor der libyschen Küste ankommt, ist unklar. Laut «Spiegel» wurde sie im Suez-Kanal von ägyptischen Behörden aufgehalten. Jedenfalls muss die Truppe über reichlich Geld verfügen. Wie Fachleute zur «Nordwestschweiz» sagen, dürfte der Kreuzzugs-Kahn pro Tag bis zu 10'000 Franken an Chartergebühren inklusive Crew kosten.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
188 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Bits_and_More
24.07.2017 10:58registriert Oktober 2016
"Gegenüber 20 Minuten sagt Armeesprecher Daniel Reist nun: «Der Mann wurde 2012 aufgrund von Artikel 113 des Militärgesetzes suspendiert.»"

Ja, er war in der Armee und er wurde rausgeschmissen. Da muss schon einiges passiert sein, damit die Armee einen Offizier entlässt. Das darf ruhig auch gesagt werden.

Artikel 113 regelt den Umgang mit der persönlichen Waffe. Sprich es muss eine Gefährdung gegen sich selbst oder Dritte stattgefunden haben.
18229
Melden
Zum Kommentar
avatar
Denk nach
24.07.2017 10:42registriert Juli 2016
"Als Beispiel nennt er Einwanderer aus Algerien, die auch in der dritten Generation bei einem Fussballspiel noch immer die Mannschaft ihrer alten Heimat unterstützten statt die französische."

Was für ein Argument.... Ich wusste gar nicht, dass Fussball zu meiner kulturellen Identität gehört. Was macht man als Nichtfussballfan? Auch ausgeschafft werden?
17779
Melden
Zum Kommentar
avatar
Schnapphahn
24.07.2017 10:38registriert August 2015
Der Titel grenzt an billigen Sensationsjournalismus. In einem Land, in welchem noch immer die Dienstpflicht herrscht, werden auch Ex-Soldaten generiert, klar. Doch wieso ist das von Bedeutung? Waren alle Rechten im Militär? Oder macht das Militär sogar "rechts"? Finde den Titel stumpfsinnig.
13661
Melden
Zum Kommentar
188
Supervulkan bei Neapel sorgt für Aufregung – es bebt wie seit 40 Jahren nicht mehr
Der Supervulkan unter den Phlegräischen Feldern bei Neapel gibt keine Ruhe. Tausende Anwohner gerieten wegen des Bebens in Panik und übernachteten im Freien oder in ihren Autos.

Dass im Gebiet rund um die Hafenstadt Pozzuoli bei Neapel immer mal wieder die Erde bebt, daran haben sich die Einheimischen inzwischen gewöhnt: Seit der Supervulkan unter den Phlegräischen Feldern wieder zu rumoren begonnen hat, haben sich in dem Gebiet schon Tausende kleinere Erdbeben ereignet. Der Erdstoss vom späten Montagabend war aber anders.

Zur Story