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Asylzentrumsleiter Stefan Hodel im Gespräch mit einem Bewohner seines Zentrums aus Sri Lanka.<br data-editable="remove">
Asylzentrumsleiter Stefan Hodel im Gespräch mit einem Bewohner seines Zentrums aus Sri Lanka.
Mark walther
Interview

Asylzentrumsleiter: «Was die Sprache angeht, ist die Integration einfacher geworden»

Stefan Hodel (58) leitet seit 27 Jahren das Asylzentrum in Arth SZ. Im Interview spricht er über den Segen von Deutschkursen, die schwierige Arbeitsintegration von anerkannten Flüchtlingen und aussergewöhnliche Bräuche bosnischer Asylsuchender.
14.12.2015, 19:2615.12.2015, 08:22
mark walther

Was ist Integration?
Stefan Hodel: Wenn die Tochter einer Flüchtlingsfamilie hier eine Lehrstelle findet, ist das gelungene Integration. Integration ist auch, wenn man Deutsch lernt, die lokalen Bräuche kennt und sich einen Kollegenkreis aufbaut, der nicht nur aus den eigenen Landsleuten besteht.

Sie haben schon mehrere Flüchtlingsströme erlebt. Einen der ersten verursachte der Bosnienkrieg. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Es kamen vor allem bosnische Familien. Interessant war, dass Bosnier immer ihre Zimmer streichen wollten hier im Haus. Das mache man bei ihnen einmal im Jahr, sagten sie.

Wo sind die Bosnier heute, die Sie während des Krieges beherbergten?
Die meisten sind nach Bosnien zurückgekehrt. Die Mehrheit wollte so schnell wie möglich nach Hause. Ein älterer Mann kehrte schon während des Krieges zurück, um zu kämpfen. Seine Frau und ein Enkel blieben hier. Ich weiss nicht, was aus ihm geworden ist. Drei Leute sind zudem in die USA ausgewandert. Eine Familie ging erst zurück nach Bosnien, kam aber wieder und lebt heute in der Ostschweiz.

Stefan Hodel leitet seit 27 Jahren das Asylzentrum in Arth.<br data-editable="remove">
Stefan Hodel leitet seit 27 Jahren das Asylzentrum in Arth.
Mark walther

Die grösste Gruppe waren aber nicht die Bosnier, sondern die kosovarischen Flüchtlinge.
Viele Kosovaren kamen bei Verwandten unter, die schon hier lebten. Das machte vieles einfacher. Wir mussten nicht für alle eine Matratze, Dusche und Küche bereitstellen. Deshalb konnten wir auch so viele Flüchtlinge auf einmal aufnehmen.

Schwierigkeiten bei der Aufnahme hängen also nicht nur von der Anzahl Flüchtlinge ab.
Nein. Schwierig ist es, wenn die Leute kriminell werden. Das sind jene, die wissen, dass sie hier keine Aussicht auf Asyl haben und deswegen selbst zu Geld kommen müssen. Dieses Problem hatten wir vor drei Jahren mit einer Gruppe Nordafrikanern. Bei den heutigen Flüchtlingen ist das praktisch kein Thema mehr, weil sie bessere Chancen auf Asyl haben.

Wer aufgenommen wird, muss sich integrieren. Was hat sich gegenüber früher verändert?
Was die Sprache angeht, ist die Integration einfacher geworden. Früher sassen die Menschen monatelang nur herum, heute können sogar jene, die auf ihren Asylentscheid warten, zwei bis drei Mal pro Woche in den Deutschunterricht. Das ist gut, dann kommen sie regelmässig aus dem Haus.

Wie sieht es mit der Arbeitsintegration aus?
In den letzten 25 Jahren lief 90 Prozent der Arbeitsintegration über das Gastgewerbe. Das wird immer schwieriger, denn es gibt auch dort nicht endlos Stellen. Der Arbeitsmarkt hat sich verändert. Am Anfang meiner Tätigkeit im Asylbereich zogen die Menschen von Türe zu Türe und fragten mit ihren paar Brocken Deutsch nach Arbeit. So bekommt man heute keinen Job mehr.

Fanden damals alle eine Stelle?
Ältere Flüchtlinge blieben damals oft arbeitslos, weil sie schlecht Deutsch sprachen. Die Eritreer, die heute da sind, sind jünger. Da hoffe ich, dass es besser klappt.

«Wir müssen akzeptieren, dass gewisse Menschen ein Leben lang Sozialhilfe beziehen.»
Stefan Hodel

Welchen Effort müssen sie dazu leisten?
Das beste Beispiel sind die Tamilen. Sie haben hart gearbeitet und sich einen guten Namen gemacht. Diesen Ruf müssen sich die heutigen Flüchtlinge erst noch erarbeiten. Der Wille dazu hängt auch von ihrer Kultur ab.

Sind die heutigen Flüchtlinge weniger arbeitswillig?
Früher hatten sie mehr Pfupf. Die wirtschaftliche Lage war aber auch besser. Heute haben sie weniger Möglichkeiten. Damals konnte ich reihenweise Arbeit vermitteln. Heute bin ich froh, wenn sie nicht danach fragen, weil ich ihnen nicht helfen kann.

Wie könnte man dieses Problem lösen?
Indem der Staat gewisse Stellen schafft, oder den Arbeitgebern Anreize gibt, Flüchtlinge anzustellen. Erste Bemühungen gibt es heute mit Praktikumsstellen. Wir müssen aber auch akzeptieren, dass gewisse Menschen ein Leben lang Sozialhilfe beziehen, weil es mit der Integration nicht klappt.

Integration ist wichtig, aber je besser sie läuft, umso weniger Leute kehren nach Hause zurück.
Ein Grossteil der Flüchtlinge wird hier bleiben. Viele bekommen ja «nur» die vorläufige Aufnahme. Die Erfahrung zeigt: Auch wer nur vorläufig aufgenommen wird, bleibt da. Solange sich die Lage in Syrien oder Eritrea nicht bessert, kann man diese Menschen ja auch nicht zurück schicken.

Wie hat sich die Toleranz in der Bevölkerung entwickelt?
Heute kommen Leute zu mir, die sich freiwillig engagieren, beispielsweise Deutsch unterrichten wollen. Das gab es früher nicht. Als wir dieses Asylzentrum 1988 eröffneten, hat jemand Galgen und Gaskammern an die Wand gesprayt. Derartige Auswüchse gibt es nicht mehr. Die Toleranz ist gestiegen.

Die wichtigsten Facts zum Bosnienkrieg

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Der Bosnienkrieg
quelle: wikipedia
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Dieser Text entstand im Rahmen einer Hochschularbeit an der ZHAW in Winterthur.

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