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**ARCHIV**Adolf Hitler, 3. von links, bei der Ankunft auf der Zeppelinwiese in Nuernberg am 2. Sept. 1933.  Am 30. Januar 2008 jaehrt sich zum 75. Mal die Machtuebernahme des Diktators. (AP Photo/file)

Kehren die verhassten Nazischergen nach Europa zurück? Bild: AP

Interview

«Es ist kontraproduktiv, Rechtspopulismus und Faschismus gleichzusetzen»

Die österreichische Rentnerin und Holocaust-Überlebende hat mit ihrem Videoaufruf einen Coup gelandet. Sie befürchtet, die Stimmung könne wie 1933 kippen und der Nationalsozialismus zurückkehren. Ein Gespräch mit Historiker Damir Skenderovic über ein zurückkehrendes Schreckgespenst und kollektives Geschichtsvergessen. 



Zur Person

Damir Skenderovic ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Fribourg. Er hat verschiedene Arbeiten zum Thema Rechtspopulismus in Europa verfasst und gilt auf diesem Gebiet als Experte. Am Dienstagabend war er an einem Podiumsgespräch in Zürich zum Thema «Der neue Rechtspopulismus in Europa» zu Gast. (leo)

Kehrt der Nationalsozialismus zurück?
Damir Skenderovic:
Nein, das glaube ich nicht. Als Historiker bin ich davon überzeugt, dass sich Geschichte nicht so wiederholt, wie sie sich bereits zugetragen hat.

Aber es gibt doch eindeutig Parallelen von der heutigen Zeit und 1933, der Machtergreifung Hitlers. Das Krisengefühl zum Beispiel und in Amerika wurden Politiker beim Hitlergruss gefilmt.
Wenn Sie in der Geschichte zurückgehen, werden Sie immer Perioden des verstärkten Krisengefühls finden. Zum Beispiel zum Ende des 19. Jahrhunderts oder nach der Wirtschaftskrise in den 70er Jahren. Reaktionen auf Krisenempfindungen können aber ganz unterschiedlich sein.

Die Rentnerin und Holocaust-Überlebende aus Österreich erkennt aber durchaus explizite Parallelen zu den 30er-Jahren. Sie spricht vom gegenseitigen Niedermachen.
Damit hat sie ja auch recht. Es sind gewisse Parallelen vorhanden, zum Beispiel der Nationalismus. Dieser hat sich wieder aggressiv und radikal auf politische Agenden in vielen europäischen Staaten gedrängt.

Gertrude (89), Holocaust-Überlebende:

abspielen

Video: YouTube/vienna vital

Sie finden die Situation trotzdem nicht besorgniserregend?
Nehmen wir den US-Wahlkampf als Beispiel. Donald Trump hat mit seinen Aussagen Grenzen überschritten. Den Konsens nach 1945, dass Rassismus in der Gesellschaft keinen Platz mehr hat, ist von ihm aufgebrochen worden. Er hat die Grenzen des Sagbaren ausgeweitet. Doch nun kommt es darauf an, was für Taten auf diesen Wahlkampf folgen. Erst wenn er beginnt, Hebel in Bewegung zu setzen, um seinen verbalen Provokationen und Tabubrüchen auch Taten folgen zu lassen, bin ich ernsthaft besorgt.

Sie finden also, die Rentnerin aus Österreich übertreibt?
Nein, sie macht auf die Geschichtsvergessenheit aufmerksam. Die Generation, die den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Gräuel erlebt hat, stirbt aus. Die Jungen kennen diese Zeit nur noch aus Büchern und Filmen. Doch wir dürfen den Holocaust nicht vergessen.

Jews on selection ramp at Auschwitz, May 1944. Copyright: Deutsches Bundesarchiv

Die Bilder aus Auschwitz dürfen wir nie vergessen, sagt Historiker Damir Skenderovic.  bild: deutsches Bundesarchiv

Können Gesellschaften aus der Geschichte lernen?
Ja. Durch unsere Vergangenheit sind wir sensibilisiert. Donald Trump, Marine Le Pen und alle Politiker mit ähnlichen Ansichten werden mit Argusaugen beobachtet, sie werden an ihren Taten gemessen und hier kann durchaus die Geschichte als Zeuge aufgerufen werden.

Rechtspopulismus ist also nicht mit Nationalsozialismus gleichzusetzen?
Ich glaube, es ist kontraproduktiv, Rechtspopulismus und Faschismus gleichzusetzten. Analytisch kann nach gewissen ideologischen Ähnlichkeiten gefragt werden, wie beispielsweise Nationalismus und Rassismus. Doch der Faschismus-Vorwurf hilft wenig,  sich sachlich mit den neuesten Entwicklungen des Rechtspopulismus auseinanderzusetzen und sich Gegenstrategien zu überlegen.

Es finden aber durchaus Dialoge zum Populismus statt, wie Ihr ausverkauftes Podiumsgespräch von gestern Abend zeigt.
Das stimmt. Doch vergessen wir nicht, dass der Rechtspopulismus schon seit den 1960er-Jahren kontinuierlich und seit den 1990er-Jahren verstärkt präsent ist, nehmen Sie das Beispiel der Schweiz. Doch seit dem Aufstieg von Marine Le Pen, der AfD und besonders seit der Wahl Donald Trumps ist das Interesse an diesem Thema stark gestiegen.

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