DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Ein Jahr nach Nizza: «Meine Tochter träumte lange vom bösen Mann im LKW, der Mami tötet»

Sylvain widmet sich nun rund um die Uhr seinen zwei weiteren Töchtern Kiméa (links) und Djulia (rechts).
bild: sylvain solioz
Ein Jahr nach dem Attentat kehrte Sylvain Solioz mit seinen Töchtern nach Nizza zurück. Dort haben seine Verlobte und seine 6-jährige Tochter Kayla die irre LKW-Fahrt eines Terroristen nicht überlebt. Heute sitzt der Schmerz immer noch tief. Doch lächeln, das kann die kleine Familie langsam wieder. 
17.07.2017, 19:5918.07.2017, 07:08

«Meine ganze Welt ist in einer Sekunde zusammengebrochen.» Sylvain Solioz (35) spricht leise und stockend ins Telefon. Vor einem Jahr starben seine Verlobte Christina (30) und die gemeinsame Tochter Kayla (6), als ein Terrorist mit einem LKW in die Menge raste – «meine zwei Sonnenscheine.»

Kayla und Christina sind weit weg von ihrem Zuhause in Yverdon VD gestorben, in Nizza, der Hafenstadt im Südosten Frankreichs. Ihr Todestag jährte sich vergangenen Freitag zum ersten Mal.

Christina (oben rechts) und Kayla (unten links) haben den Terroranschlag nicht überlebt.
Christina (oben rechts) und Kayla (unten links) haben den Terroranschlag nicht überlebt.
bild: Sylvain solioz

Sylvain, die heute 5-jährige Djulia und die knapp 2-jährige Kiméa waren damals auch vor Ort, konnten sich vor dem heranbrausenden 19-Tonner aber in Sicherheit bringen. Nun sind die drei an den Ort des Geschehens zurückgegangen.

Was bleibt, ist der Schmerz

An der Trauer-Zeremonie am vergangenen Freitag dabei zu sein, sei für ihre Trauerarbeit wichtig gewesen, so der Westschweizer. Seine Schwester ist auch mitgereist. Ohne sie als Stütze hätte Sylvain nicht die Kraft dazu gehabt. Die Reise war schmerzhaft: «Vor dem Gedenkstein mit den Namen meiner ‹princesses› bin ich in Tränen ausgebrochen.» 

Auf dem Gedenkstein sind auch die Namen von zehn Kindern eingraviert. Darunter der von Kayla. 
Auf dem Gedenkstein sind auch die Namen von zehn Kindern eingraviert. Darunter der von Kayla. 
facebook Sylvain

In seiner Trauer würden ihm besonders Gespräche mit anderen Opferangehörigen helfen. So wie mit einem Mann, der ebenfalls seine Tochter und seine Frau verloren hat. Auch dank diesen Gesprächen gehe es ihm langsam besser. Und trotzdem: Seit letztem Freitag sitze der Schmerz wieder tiefer als sonst. 

Christina und er hätten sich damals so gefreut auf die Sommerferien in Frankreich und lange dafür gespart, erzählt der gelernte Maurer mit gebrochener Stimme. Es sollten die ersten Ferien ausserhalb der Schweiz für die ganze Familie sein.

Der Anschlag von Nizza
Während der Festlichkeiten zum französischen Nationalfeiertag am 14. Juli 2016 fuhr der 31-jährige Tunesier Mohamed Lahouaiej Bouhlel auf der Promenade des Anglais mit einem LKW in eine Menschenmenge. Mindestens 86 Personen wurden getötet und mehr als 400 Menschen zum Teil schwer verletzt. Der Attentäter wurde noch im Führerhaus von Sicherheitskräften erschossen. Zwei Tage später bekannte sich die Terrororganisation Islamischer Staat zum Anschlag.
quelle: wikipedia

Am Abend des französischen Nationalfeiertags 2016 gehen Sylvain, Christina, Kayla, Djulia und Kiméa zur Strandpromenade, um das Feuerwerk anzuschauen. «Es war schön, die Kleinen waren begeistert.» Doch einige Minuten später rast Mohamed Lahouaiej Bouhlel mit einem Lieferwagen über die Promenade. 

«Es ist laut, Leute schreien. Ein weisser Lieferwagen fährt auf uns zu – im Zickzackkurs. Plötzlich weint Kayla, Kiméa und Christina liegen am Boden. Ich bin in einer Schockstarre. Was ist passiert?»

«Ich war wie gelähmt», erzählt Sylvain. Der 19-Tonner des Terroristen hatte Christina und Kayla erwischt. Christina verstarb noch vor Ort, Kayla war verletzt. Sylvain durfte nicht mit ihr in die Ambulanz. Er musste mit Baby Kiméa im Arm – die trotz Sturz unversehrt blieb – und Djulia an der einen Hand, zu Fuss ins Spital. Als er dort ankam, war seine älteste Tochter tot. 

«Nacht des Terrors» – das schrieben die Zeitungen über den Anschlag in Nizza

1 / 12
«Nacht des Terrors» – das schreiben die Zeitungen über den Anschlag in Nizza
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Der Alltag ist zurück

Heute, ein Jahr später, können Sylvain, Djulia und Kiméa langsam wieder lachen. «Djulia träumte lange vom bösen Mann im LKW, der Mami tötet.» Nach monatelanger Psychotherapie schlafe das kleine Mädchen nun wieder ruhig. Er sei froh, dass seit einigen Wochen wieder eine Art Alltag in ihr Leben zurückgekehrt sei, so Sylvain. 

Sylvain arbeitet nicht. Er ist IV-Bezüger, war es bereits vor Nizza. Er habe eine schwierige Vergangenheit, erklärt er, möchte nicht weiter darauf eingehen. Das Erlebte in Frankreich helfe bei seiner Genesung gewiss nicht. Dabei wolle er für Djulia und Kiméa stark sein. «Wie soll es ihnen gut gehen, wenn sie sehen, wie sehr ich leide?»

«Warum Papa sagt, ihre Mama und ihre Schwester kämen gar nicht mehr vom Himmel herab, versteht sie nicht.»
Sylvain Solioz über schwierige Gespräche mit seiner 5-jährigen Tochter Djulia.

Kurze Zeit nach dem Terroranschlag musste Sylvain umziehen. Die alte Wohnung war zu gross und zu teuer geworden. Seither kümmert er sich alleine um seine zwei Kinder. Er fühle sich dabei oft alleine und erschöpft. Besonders am Anfang sei das schwierig gewesen. Kiméa, die Kleinere, konnte noch gar nicht laufen. Und Djulia hatte nur wenige Wochen nach dem Attentat ihren allerersten Schultag. Bewältigt habe er die ersten Wochen nur dank seiner Familie und Freiwilligen, die ihm auch noch heute bei der Betreuung der Kinder unter die Arme greifen. 

Er versuche, offen mit Djulia und Kiméa über das Geschehene zu sprechen. Djulia frage oft, wann Mama und Kayla wieder vom Himmel herab kommen. «Warum Papa dann jeweils sagt, sie kämen gar nicht mehr zurück zu uns, versteht sie nicht.» 

Weltweite Trauer für die Opfer

Video: reuters
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Nordirland-Knatsch, Energiekrise – und Boris macht Ferien in Spanien

Der Brexit sorgt wieder für Radau zwischen Grossbritannien und der EU. Gleichzeitig wird das Königreich von einer Versorgungskrise geplagt. Den Premierminister ficht das nicht an.

Boris Johnson macht Ferien. Mit seiner schwangeren Ehefrau Carrie und Sohn Wilfred erholt er sich laut britischen Medien in der Luxusvilla seines Umweltministers Zac Goldsmith in Marbella. Das sorgt in der Heimat für Stirnrunzeln, weil unklar ist, ob der Premierminister die Reise selbst bezahlt. Sein Sprecher wollte sich nicht dazu äussern.

Die Abwesenheit des Regierungschefs wird nicht nur deswegen kritisiert. Derzeit häufen sich im Königreich die Turbulenzen. Ein am Dienstag veröffentlichter …

Artikel lesen
Link zum Artikel