Schweiz
Interview

«Den Vorwurf der Cultural Appropriation halte ich für falsch»

Die ganze Schweiz diskutiert über kulturelle Aneignung. Zurecht?
Die ganze Schweiz diskutiert über kulturelle Aneignung. Zurecht?bild: shutterstock
Interview

Kulturexperte zu Cultural Appropriation: «Es hat sich ein unnötiger Hype entwickelt»

Die ganze Schweiz spricht über Cultural Appropriation. Zu Recht? Kulturwissenschaftler Boris Previšić ist skeptisch und warnt, dass diese Diskussion vom Rechtspopulismus instrumentalisiert wird.
30.07.2022, 09:5419.12.2022, 14:33
Dennis Frasch
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Herr Previšić, Sie haben kroatische Wurzeln und spielen klassische deutsche Musik. Wurde Ihnen schon einmal kulturelle Aneignung vorgeworfen?
Boris Previšić:
(lacht) Nein. Gott sei Dank ist meine Muttersprache (Schweizer-)Deutsch. Spass beiseite: Hier sehen Sie das Problem eines Begriffs wie desjenigen der kulturellen Aneignung, wenn er zu allgemein gebraucht und eingesetzt wird.

Was halten Sie denn von der Geschichte der Reggaeband in Bern? Sind Dreadlocks exklusive Kulturmerkmale einer jamaikanischen, oder einer von Unterdrückung betroffenen schwarzen Kultur?
Nein. Verfilzte Haare gab es unter anderem schon bei den Azteken, den Persern oder den Tataren. Weissen Personen kulturelle Aneignung vorzuwerfen, weil sie Dreadlocks tragen, halte ich deswegen für falsch.

Was ist denn eigentlich kulturelle Aneignung?
«Kulturelle Aneignung» ist eine Lehnübersetzung des englischen Begriffes «cultural appropriation». Es ist also ein Phänomen aus dem angelsächsischen Raum. Gemeint ist damit die Übernahme eines Merkmals einer anderen Kultur in die eigene Kultur.

«Es ist problematisch, wenn man sich fremde Kulturmerkmale aneignet, um sich über sie lustig zu machen. Das war in Bern definitiv nicht der Fall.»

So weit, so unproblematisch. Wo liegt der Haken?
Damit man von kultureller Aneignung sprechen kann, bedarf es verschiedener Voraussetzungen. Die Kultur, bei der man sich bedient, muss entweder historisch oder gegenwärtig benachteiligt sein. Etwa solche, die von der Kolonialisierung betroffen waren. Oder jene der indigenen Bevölkerung von Amerika, die kurz vor der Ausrottung standen.

Unterdrückte Kulturen, verstanden. Weiter?
Die übernommenen Kulturmerkmale müssen als Ware interpretiert werden, mit dem ein Profit erzielt werden soll. Marxistisch gesprochen handelt es sich um die Umwandlung eines kulturellen Werts in einen ökonomischen Wert. Von dieser Umwandlung muss eine fremde Gruppe profitieren.

Etwa eine weisse Person, die «schwarze» Musik macht und den schwarzen Musikern deswegen die Gagen streitig macht.
Genau. Weiter ist es problematisch, wenn man sich fremde Kulturmerkmale aneignet, um sich über sie lustig zu machen. Das war in Bern definitiv nicht der Fall.

Wer bestimmt eigentlich, welche Merkmale welcher Kultur inhärent sind?
Bestenfalls sind kulturelle Merkmale Selbstzuschreibungen. Aber auch dann muss man sich bewusst sein, dass das, was jetzt «eigen» ist, zu einer früheren Zeit mal fremd war. Viel älter als 200 Jahre sind kulturelle Merkmale meistens nicht. Nehmen wir das Beispiel Schweizer Volksmusik: Vor 100 Jahren war das Konzept der helvetischen Musik, wie wir sie uns heute vorstellen, ein ganz anderes. Damals wurde diese Musik nicht von Älplern oder alemannischen Schweizern verbreitet, sondern eher von Fahrenden, in unserem Fall von Jenischen. Nicht nur Fremdzuschreibungen sind also problematisch, sondern auch Selbstzuschreibungen.

Bild
bild: zvg
Zur Person
Boris Previšić (50) ist Musiker und Professor für Literatur- und Kulturwissenschaften an der Universität Luzern. Er ist zudem Direktor des Instituts «Kulturen der Alpen».

Also sind alle Kulturen das Ergebnis einer Zusammenmischung anderer Kulturen.
Richtig. Kultur ist nicht eine feste Einheit, die sich einer Person oder Gruppe zuschreiben lässt. Wir haben schon immer mit Kultur gespielt, neue Elemente aufgenommen oder uns explizit von anderen abgegrenzt, indem wir extra das Gegenteil des Nachbarn gemacht haben. Kultur sitzt nicht in unseren Genen. Der Mensch war zeit seines Lebens ein Homo ludens – ein spielender Mensch. Er hat schon immer mit Kulturelementen experimentiert. Das ist also nichts Verwerfliches, sondern urmenschlich.

Die Übernahme kultureller Werte allein ist demnach nicht problematisch.
Wie zuvor erwähnt: Das Problem liegt in der Ökonomisierung eines kulturellen Wertes. Nicht in dessen blossen Übernahme. Also, wenn eine Football-Mannschaft in den USA etwa traditionelle Federhauben amerikanischer Ureinwohner als Logo verwendet und Kappen und T-Shirts davon verkauft. Die Ureinwohner hätten absolut nichts davon – das ist hochproblematisch.

Ich bin ein weisser, westeuropäischer Mann. Nehmen wir an, ich mag gewisse Elemente einer schwarzen Kultur aufrichtig und möchte sie praktizieren. Gleichzeitig will ich niemanden verletzen. Wo ist da nun die Grenze? Was ist okay und was nicht?
Das ist nun eben eine Grauzone, hier fängt die Interpretation an. Es gibt bestimmt klare Fälle, bei denen Grenzen gezogen werden müssen. Spontan kommt mir die Praxis des Blackfacing in den Sinn, um damit auf Kosten anderer für sich Geld einzuspielen.

«Man sollte sich fragen: Wo kommt es zu kulturellen Aneignungen, die wirklich auf Kosten der Träger der Ausgangskultur geschehen?»

Was ist mit Reggae?
Die Reggae-Kultur hat zwar eine klare Herkunftsgeschichte aus Jamaika. Sie ist aber inzwischen sehr vielfältig, weil sie weiterentwickelt wurde und sich mit vielen verschiedenen Elementen angereichert hat. Man kann sie nicht mehr einfach einer bestimmten Person oder Gruppe zuordnen. Gleichzeitig findet keine Abwertung dieser Kultur statt, wenn sie zum Beispiel von weissen Menschen praktiziert wird.

Ist das Thema kulturelle Aneignung einfach eine Modeerscheinung aus den USA? Braucht es die Diskussion hier bei uns?
Falls es eine Diskussion benötigt, dann eine sehr differenzierte. Eine, die auch unter Einbezug historischer Fakten aufzeigt, wo die Problematiken liegen. Der jetzige Fall in Bern würde ich nicht als problematisch einstufen. Ich würde sagen, dass sich ein unnötiger Hype entwickelt hat. Aber ich sehe das entspannt. Wir sollten das symptomatisch betrachten: Wenn uns der Fall etwas lehrt, dann wie ambivalent der Begriff der kulturellen Aneignung ist.

Wie meinen Sie das?
Aneignungen sind in der Regel eine kognitive Angelegenheit und haben per se nichts mit Kultur zu tun. Es hat ganz viel mit Lernen zu tun. Das sieht man bei den verschiedenen Untergruppen der kulturellen Aneignung, wie der selektiven Aneignung, in Mimesis oder der Integration: Wenn es für einen Menschen überlebenswichtig ist, scheut er keinen Aufwand, um neue Kulturmerkmale zu übernehmen. Andererseits kann er extrem ablehnend sein gegenüber Elementen, auf die er nicht angewiesen ist und sie deswegen einfach als «fremd» abstempeln kann. Wissen Sie, worauf ich hinaus will?

Ich glaube schon. Dass Inhalte schwarzer Kulturen die weltweite Popkultur prägen, gar dominieren, zeugt von Sympathie für ehemals unterdrückte Bevölkerungsgruppen und ist deswegen etwas Gutes.
Genau. Weisse Reggaebands sind Ausdruck eines ganz normalen Prozesses. Deswegen muss ich auch zum Schluss kommen, dass die Empörung über Weisse mit Dreadlocks eine Folge der Empörungskultur ist, die in den USA gestartet und nach Europa übergeschwappt ist. Damit will ich jedoch nicht sagen, dass es kulturelle Aneignung nicht gibt. Man sollte sich einfach fragen: Wo kommt es zu kulturellen Aneignungen, die wirklich auf Kosten der Träger der Ausgangskultur geschehen?

Auch wenn es gut gemeint ist: Stellt man diejenigen, die man als Verlierer kultureller Aneignung ansieht, nicht wieder in eine Opfer-Ecke, aus der sie sich eigentlich schon befreien konnten?
Um sich als Kultur zu verteidigen, muss man immer die Opferrolle einnehmen. Das ist ein bekanntes und politisch reichlich genutztes Muster. Egal, ob es sich dabei um den russischen Nationalismus handelt, der sich als Opfer der Nato-Expansion ansieht oder etwas anderes. Problematischer finde ich, dass man einen Diskurs fördert, der Kultur als eine abgeschlossene Einheit behauptet.

«Der Rechtspopulismus wird diese Geschichte für sich zu instrumentalisieren wissen.»

Sie sprechen es an: Der Vorwurf der kulturellen Aneignung impliziert doch indirekt auch, dass sich Kulturen und Ethnien nicht vermischen sollten. Die Idee einer kulturellen Reinheit verbinde ich unweigerlich mit dem Nationalsozialismus.
Die Fantasie einer reinen Kultur entstammt dem 19. Jahrhundert und führte tatsächlich zu den dunkelsten Kapiteln unserer Geschichte, wie dem Nationalsozialismus. Auch die Invasion der Ukraine ist das Resultat einer angeblich russischen Kultur, die sich als Einheit sieht.

Bevor es zu dunkel wird: Der Anteil an Menschen, der nicht meint, dass weisse Menschen keine Dreadlocks tragen dürfen, scheint in der krassen Überzahl zu sein. Auf Facebook und Google prasselten hunderte 1-Stern-Bewertungen mit teils rassistischen Aussagen auf die Brasserie Lorraine ein. Die Entrüstung ist riesig. Das ist doch auch bedenklich.
Ich wünschte mir auch eine differenziertere Diskussion. Zudem hat die Menschheit andere und massiv grössere Probleme, die wir hier und jetzt gemeinsam angehen müssen. Denken wir nur an die alles und alle bedrohende Klimaerwärmung.

Vor allem der Rechtspopulismus kann die Champagnerkorken knallen lassen ob solcher Geschichten, oder?
Natürlich. Er wird es sicher auch für seine Zwecke zu instrumentalisieren wissen.

In Amerika könnte man der Alt-Right-Bewegung vorwerfen, dass ihr ganzes Dasein auf erfundenen oder überspitzten Kulturkämpfen fusst.
So weit würde ich in der Schweiz jetzt nicht gehen. Aber ja: Sobald Kultur ideologisch aufgeladen und instrumentalisiert wird, wird es verheerend. Davor sollte man sich hüten, denn es spielt letztlich nur den Identitären Bewegungen in die Hände, die genau daraus Kapital schlagen.

Herr Previšić, diese ganze Geschichte und ihre Auswirkungen lässt eigentlich nur eine Schlussfrage zu: Ist uns die Diskussionskultur verloren gegangen?
Vielleicht. Es ist heutzutage einfacher, anonym 1-Stern-Bewertungen zu verteilen und im vermeintlich anonymen Raum des Internets irgendwelche Dinge zu kritisieren. Ich wünschte mir, dass man sich bei solch komplexen Geschichten in Zukunft zurückhält und versucht, das ganze Bild zu betrachten. Wenn wir bei der medialen Erregtheit ein, zwei Gänge runterfahren würden, könnten wir auch erkennen, wo die wirklichen Probleme liegen.

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196 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Snowy
30.07.2022 10:13registriert April 2016
Das eigentliche Problem wird auch in diesem Interview nicht angesprochen: Die Empörungsbewirtschaftung von einer sehr kleinen Szene links und rechts und den Medien.

Hier wird dem Tagi (stellvertretend für alle Medien) die Leviten gelesen:

„Heute ist es aber schon auch ein Zusammenspiel von empörungsbereiten Menschen auf Twitter und von manchen Journalistinnen und Journalisten, die sich nur noch auf Twitter zu informieren scheinen, um mögliche Shitstorms zu identifizieren, statt zu recherchieren. Das Ergebnis ist eine Erregungsspirale zwischen klassischen und sozialen Medien.“
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Soporpa
30.07.2022 10:13registriert Mai 2021
Da habe ich endlich wieder einmal ein Interview gelesen, dass einem Interview entspricht. :-) Gute Fragen, gutes Nachhaken. Super Beitrag, vielen Dank dafür!
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Kapitän Haddock
30.07.2022 09:57registriert Oktober 2017
Kulturexperte zu Cultural Appropriation: «Es hat sich ein unnötiger Hype entwickelt»\n
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