Schweiz
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The main entrance of the emergency unit, of the hospital

Hier herrscht im November Hochbetrieb: der Eingang zum Notfall am Kantonsspital Freiburg. Bild: KEYSTONE

Interview

Corona-Hotspot Freiburg: «Es war genau jene Situation, vor der wir uns gefürchtet hatten»

Die Corona-Pandemie trifft den Kanton Freiburg besonders hart. Ronald Vonlanthen, der medizinische Direktor des Freiburger Spitals, erzählt, wie die Situation im Spital aussieht, welches Medikament anschlägt und ob das Hockey-Stadion jetzt in eine Leichenhalle umfunktioniert wird.



Der Kanton Freiburg gehört europaweit zu den am schlimmsten vom Coronavirus betroffenen Regionen. Warum gerade Freiburg?
Das wissen wir nicht genau. Wir haben aber eine Vermutung: Im Herbst findet in Freiburg an vielen Orten die traditionelle Kilbi statt. Es treffen sich viele Familien, sie essen und feiern zusammen. Möglich, dass es da zu vielen Ansteckungen kam. Aber wie gesagt: Das ist nur eine Vermutung.

Anfang des Monats machte ein Video Ihres Kollegen auf Social Media die Runde. Er warnte, dass das Kantonsspital Freiburg in Kürze an seine Kapazitätsgrenzen stossen werde. Ist das Szenario eingetreten?
Für das Spital Freiburg ist der Fall eingetreten. Aber weil in der Deutschschweiz weniger los war, konnten wir Patienten dorthin verlegen. Hätten die deutschschweizer Kantone die Patienten nicht übernommen, wären wir in eine Triage-Situation gekommen. Aber zurück zum Video meines Kollegen.

Zur Person

Dr. med. Ronald Vonlanthen ist medizinischer Direktor am Freiburger Spital, das fünf Spitalstandorte umfasst.

HFR; Magazine H24
Nouveau directeur médical, le Dr Vonlanthen
Fribourg, 24.04.2019
Photo HFR / Charly Rappo

bild: hfr

Ja, bitte.
Der Aufruf meines Kollegen war absolut gerechtfertigt. An jenem Montag hatten wir auf dem Notfall eine Extremsituation. Plötzlich kam dieser Ansturm an Covid-Patienten. Es war genau jene Situation, vor der wir uns gefürchtet hatten. Die Leute lagen in den Gängen. Das waren Bilder, die wir sonst nur aus Katastrophenübungen kannten.

Konnten trotzdem alle Patienten adäquat behandelt werden?
Ja, jeder erhielt eine normale Behandlung. Aber in dieser Situation wurde uns klar: Wenn am nächsten Tag nochmals so viele Patienten kommen, dann wird es wirklich schwierig.

So sah die Situation am 5. November im Kantonsspital Freiburg aus

Dennoch gab es Menschen, die Ihnen nach dem Video Panikmache vorwarfen ...
Ja, solche Menschen gibt es. Letzte Woche war bei uns ein Nicht-Covid-Patient, der in einem Facebook-Eintrag behauptete, es sei alles gelogen. Er liege auf der Intensivstation und bekomme vom Coronavirus überhaupt nichts mit. Das ist natürlich eine sonderbare Wahrnehmung. Wir versuchen, die Patienten so gut wie möglich abzuschirmen. Wir bringen den Stress nicht ins Patientenzimmer, der findet an anderen Orten statt. Es ist nicht wie im Fernsehen, wo die Ärzte in den Gängen herumrennen.

«Das heisst, wenn heute jemand in Freiburg einen schweren Autounfall hat, muss er nach Zürich oder Bern gebracht werden.»

Wie sieht es denn jetzt auf der Intensivstation aus? Ist sie voll?
Ja. Heute morgen um 8.30 Uhr hatten wir 26 Covid-Patienten und drei andere Patienten auf der Intensivstation. Alle 29 Betten sind belegt. Das heisst, wenn heute jemand in Freiburg einen schweren Autounfall hat, muss er nach Zürich oder Bern gebracht werden. Die aktuelle Situation ist nicht nur für die Covid-Patienten ein Problem, sondern auch für alle anderen.

>>> Coronavirus: Alle News im Liveticker

Seit Beginn des Monats haben Sie eigentlich immer über 20 Covid-Patienten auf der Intensivstation. Was bedeutet dies für das Personal?
Die Belastung ist gross. Man hat Schutzkleider an und muss sehr gut aufpassen. Man kann nicht einfach einen Schluck trinken, obwohl es sehr warm ist unter den Schutzkleidern. Für einen Schluck Wasser muss man zuerst raus, durch die Schleuse und sich der Kleidung entledigen. Zusätzlich belastend ist für das Personal auch die höhere Mortalität. Sterben gehört in einem Spital dazu. Aber momentan erleben wir ein ganz anderes Ausmass.

Haben Sie genügend Personal?
Ja. Aber das haben wir nur, weil wir die anderen Leistungen des Spitals stark heruntergefahren haben. Nicht dringende Operationen und Sprechstunden werden verschoben. Das kann bedeuten, dass etwa die Entfernung eines Tumors warten muss.

Der Kanton Freiburg ist einer der am stärksten betroffenen Kantone der Schweiz:

Kommt es zu Infektionen beim Pflegepersonal?
Im Moment befinden sich rund 120 von 3500 Mitarbeitenden in Quarantäne. Die Ansteckungen passieren aber hauptsächlich zuhause, nicht im Spital.

Der Kanton Freiburg hat die Armee um Hilfe gebeten. Seit vergangener Woche sind am Kantonsspital Freiburg 75 Soldaten im Einsatz. Wie läuft die Zusammenarbeit?
Sehr gut. Das ist eine wertvolle Sache für uns. Die Soldaten machen viele Arbeiten, welche unser Personal entlasten.

Ein Sanitaetssoldat misst den Blutdruck einer Covid-19 Patientin im Kantonsspital Fribourg HFR, am Donnerstag, 12. November 2020 in Fribourg. Angesichts der sanitaeren Lage und der Zunahme der Fallzahlen am Freiburger Spital HFR, hat das kantonale Fuehrungsorgan von der Armee Unterstuetzung fuer die Pflegeteams des HFR angefordert. Am HFR sind rund 50 Sanitaetssoldaten in einer Rotation rund um die Uhr im Einsatz. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Ein Sanitätssoldat misst den Blutdruck einer Covid-19 Patientin im Kantonsspital Freiburg HFR. Bild: keystone

Der Grossteil der Covid-Patienten wird nicht auf der Intensivstation behandelt. Wie viele Personen sind das aktuell?
Momentan haben wir rund 160 Covid-Patienten, die nicht auf der Intensivstation liegen. 110 von ihnen befinden sich in einer Akutphase, viele von ihnen brauchen Sauerstoff.

Was bedeutet das für diese Menschen? In welchem Zustand sind sie?
Die Behauptung, Covid sei wie eine Grippe, mag für gewisse Leute stimmen. Aber ein beträchtlicher Anteil wird wirklich schwer krank. Für die Leute, welche Sauerstoff benötigen, ist das wirklich kein Spaziergang. Denen geht es nicht gut.

Gibt es ein Medikament, mit dem Sie in den letzten Wochen gute Erfahrungen gemacht haben?
Ja, etwa mit Dexamethasone. Das ist ein Steroid, welches Entzündungen hemmt. Es scheint so, als habe dieses Medikament einen recht guten Einfluss darauf, dass die Krankheit eher positiv verläuft.

Können die Patienten Kontakt mit der Aussenwelt haben, oder sind sie alleine?
Der Kanton hat Besuche verboten. Doch wir sind gerade daran, dies zu ändern. Es gibt Leute, die sind mehrere Wochen bei uns. Ein Patient, der zwei Wochen regungslos auf der Intensivstation gelegen hat und beatmet wurde, läuft danach nicht einfach nach Hause. Er braucht Erholung und Rehabilitation. Da ist es wichtig, dass er auch Besuche empfangen kann. Wir müssen auch auf die psychische Gesundheit der Patienten achten.

«Man kann eine internationale Krise nicht auf kantonaler Ebene lösen.»

Haben Kanton und Bund zu lange gezögert, um Massnahmen zu ergreifen? Fühlen Sie sich im Stich gelassen?
Wir stecken alle in einer schwierigen Situation. Im Nachhinein ist es immer einfach zu sagen, man hätte so und so agieren sollen. Die Kommunikation hätte besser laufen können. Aber uns ist natürlich auch bewusst, dass es nicht ganz einfach ist, schweizweit 280 Spitäler zu koordinieren. Eine Aussage kann ich aber ganz klar machen.

Die wäre?
Man kann eine internationale Krise nicht auf kantonaler Ebene lösen. Wir haben 26 Kantone und jeder macht etwas anderes. Wir brauchen im Gesundheitswesen jetzt eine Führung auf Bundesebene, da bin ich überzeugt. Wir müssen die Massnahmen und die Spitäler viel mehr koordinieren.

Diese Woche berichtete SRF, dass das Hockeystadion in Freiburg zu einer Leichenhalle umfunktioniert werden könnte. Ist ein solches Szenario realistisch?
(lacht) Das war eine Planung, die wir in der 1. Welle machen mussten, falls die absolute Apokalypse eintritt. Aber im Moment ist dieses Szenario nicht realistisch.

Zurück zur Ausnahmesituation im Spital Freiburg. Wie lange halten Sie so noch durch?
So lange wie wir müssen. Wir haben keine andere Wahl.

Schweizer Armee in Westschweiz zu Corona-Dienst eingerückt

Video: sda/SDA

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