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epa05480996 A man cleans the platform as the train stands at the station following an attack onboard, in Salez, Switzerland, 13 August 2016. According to St. Gallen Canton Police Department, a 27 year old man dispersed flammable liquid on the train and set it alight during an attack on the train. He was also armed with at least one knife. Seven people were  injured in the attack.  EPA/GIAN EHRENZELLER

«Sie denken, sie seien Helden, dabei sind sie kleine Würstchen.» Psychologe Lothar Janssen über Amok-Läufer, Terroristen und Extremisten.  Bild: EPA/KEYSTONE

Interview

Amok-Experte über den Sommer der Gewalt: «Das sind einfach nur riesengrosse Arschlöcher»

Lothar Janssen ist Amok-Experte, Schülerberater und Fachpsychologe in Zürich. Er hat schon mit Jungen, wie Salez-Angreifer Simon S. einer war, gearbeitet, bevor sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzten. Ein Gespräch über Mobbing, Rechtfertigungs-Ideologie und feige Ratten.



Herr Janssen, Sie sind schon mehreren Jugendlichen gegenüber gesessen, die drauf und dran waren, Menschen zu töten. Haben diese etwas gemeinsam? 
Es gibt viele Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Erwiesen ist, dass es vorwiegend Jungen sind und eines tun sie alle: Sie sammeln Kränkungen. 

Sie fühlen sich ständig gekränkt? 
Ja, und dieses Kränkungsgefühl werden sie nicht mehr los. Jeden vermeintlich schiefen Blick, jede schlechte Note, jede wenn auch gut gemeinte Zurechtweisung nehmen sie persönlich und als Beweis dafür, dass jeder sie hasst. Daraus basteln sie ihre Begründung zum Zuschlagen. Sie sehen sich ständig als Opfer und dieses Gefühl geht auch dann nicht weg, wenn sich beispielsweise mal jemand entschuldigt oder etwas Nettes tut. 

Lothar Janssen, Psychologe, Schweizerisches Institut für Gewalteinschätzung

Amok-Experte Lothar Janssen. Bild: zvg

Zur Person

Lothar Janssen ist Theologe und Psychologe, als Leiter einer Beratungs- und Präventionsstelle an einer Schule in Hombrechtikon tätig und praktiziert in seiner eigenen psychotherapeutischen Praxis in Uetikon. Vor rund zehn Jahren gründete Janssen gemeinsam mit Unternehmer Rémy Schleiniger das Schweizerische Institut für Gewalteinschätzung (sifg), das sich als eine der ersten Institutionen der Schweiz des Themas Amok- und später Radikalisierung sowie Früherkennung an Schulen annahm.
Das sifg organisiert Fachtagungen zu Gewaltthemen und versteht sich als Vermittlungs- und Vernetzungsplattform zwischen Bundesämtern, Kommunen, Schulen und Polizei. (rar)

Auch Simon S. wurde offenbar während der Schulzeit stark gemobbt und hatte kaum Freunde. Hätte die Schule mit Aufarbeitung des Mobbings nicht Schlimmeres verhindern können? 
Auf Ferndiagnosen möchte ich mich auf keinen Fall einlassen. Ich kenne den Fall auch nur aus den Medien. Die Schulen in der Schweiz sind meiner Erfahrung nach sehr gut aufgestellt mit Interventions-Plänen bei Mobbing, Extremismus, Radikalisierung oder ähnlichem. Das Verrückte ist, dass Fälle von jugendlichen Amok-Läufern bekannt sind, bei denen die Schulen durchaus reagiert haben, dies die Täter aber trotzdem nicht von ihrem Kränkungs-Gefühl befreit hat. 

Also kann man gar nichts tun, um solche schrecklichen Taten zu verhindern? 
Doch, natürlich. Es werden ja ständig Taten verhindert, davon hören Sie nur nichts. Es gibt eine gefährliche Lücke in den Biografien von Amok-Tätern oder potenziellen Terror-Attentätern: Der Moment, an dem sie von der Schule abgehen und keine Institution mehr ein Auge auf sie hat. Hier gibt es auch in der Schweiz noch Verbesserungspotenzial. 

Inwiefern? 
Indem die betroffenen Behörden, Gemeinden, Schulen und Polizei besser vernetzt werden und zusammen arbeiten. Unser Institut tut genau das. Wenn einer beim Schulabschluss sagt, «den Lehrern gehört allen eine Kugel in den Kopf», muss das jemand im Auge behalten.

Es ist doch unmöglich, jedes komische Kind, das mal eine komische Aussage macht, im Auge zu behalten. 
Ja, das ist es und ja, man darf niemand unter Generalverdacht stellen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es auf dieser Welt nicht. Das müssen wir akzeptieren. Aber Amok-Läufer und auch beispielsweise Täter, die später im Namen des sogenannten Islamischen Staat einen Anschlag verüben, gehen einen langen Weg. Sie verändern sich für die Umwelt merklich, sie ziehen sich zurück und bereiten sich manchmal jahrelang auf die Tat vor. Lehrern, Eltern, Freunden, Nachbarn können solche Dinge auffallen.

Dennoch, nicht jedes andersartige Kind wird kriminell, nicht jeder, der gemobbt wird, tötet. Warum tun es diese? 
Man muss sich vorstellen, dass solche Menschen ihre Erfahrungen komplett anders verarbeiten als gesunde. Es gehören bestimmte Persönlichkeitsmerkmale oder -Störungen und Risikofaktoren dazu. 

Was sind die Risikofaktoren? 
Ein schwieriger Erziehungsstil beispielsweise, schwierige Beziehungen zu Hause, Freunde, die sich verabschieden und so weiter. Es gibt potenzielle Täter, die sagen: «Ich wollte Amok laufen, doch dann habe ich mich verliebt». Sowas ist natürlich nicht beeinflussbar, trotzdem ist es wichtig hinzuschauen, wenn jemand sich verändert. Sie zu stilisieren wie das aktuell geschieht ist aber auch kontraproduktiv. 

Was meinen Sie? 
Der Angreifer aus Salez wird in den Medien jetzt als «einsamer Wolf» beschrieben, als «Rächer». Das befeuert die Fantasien jener Menschen, die sich auch mit solchen Gedanken befassen. So tragen die Medien einiges dazu bei, dass Gewalt-Wellen ausgelöst werden, wie wir sie in diesem Sommer erleben. 

Wie sollten die Medien denn sonst berichten? 
Sie sollten sich auf die Opfer fokussieren. Sie sollten nicht ein gruseliges und fast schon faszinierendes Bild des Täters hinaufbeschwören, sondern das grosse Leid zeigen, dass er verursacht. Denn eines muss mal gesagt sein, egal wie auch immer diese Täter ihre Gewalt begründen und auf was sie sich berufen: Das sind einfach nur riesengrosse Arschlöcher. Das sind feige Ratten, die auf wehrlose Menschen losgehen und unsägliches Leid verursachen. Sie denken sie seien Helden, dabei sind sie kleine Würstchen. 

Man könnte meinen, das sei sowieso jedem klar. 
Potenzielle Trittbrettfahrer sehen diese Medienberichterstattung eben ganz anders. Sie freuen sich für den Täter, sie denken; «Geil, der kriegt die Aufmerksamkeit seines Lebens! Der zeigt es jetzt allen so richtig. Die ganze Welt redet über ihn.» Dadurch werden sie motiviert, ihre Fantasien auch in die Tat umzusetzen und es endlich allen heimzuzahlen und ein Held zu werden.

Sie denken, wir müssen uns auf weitere Attacken gefasst machen? 
Ich bin kein Wahrsager aber ich denke, leider ja. Wenn wir so weiter machen, geht die Gewalt-Welle nicht so schnell vorbei. 

Wie können denn Trittbrettfahrer so schnell zuschlagen? Sie müssen doch Vorbereitungen treffen. 
Ja, einer Tat geht eine lange Vorbereitungsphase voraus, der Auslöser kann dann aber ziemlich spontan kommen. 

Wie bereiten sie sich vor? 
Alles beginnt mit einem Missstand, Mobbing beispielsweise. Der potenzielle Täter beginnt, Kränkungen zu sammeln. Irgendwann platzt ihm der Kragen und er beschliesst, dass er etwas tun muss. Er beginnt, sich zurückzuziehen und zu forschen. Er beschäftigt sich vielleicht mit Waffen und recherchiert Gewalttaten. Vielleicht tötet er mal ein Tier, um das Töten auszuprobieren. Er findet online Gleichgesinnte, die geben Tipps, sie tauschen Fantasien aus. Der potenzielle Täter gewöhnt sich immer mehr an den Gedanken, dass zurückschlagen und töten wohl die beste Lösung für sein Leiden ist. Das kann über Monate, Jahre dauern. Auf diesem Weg sendet der Täter aber Signale. 

Welche? 
Eigentlich will der Betroffene ja Aufmerksamkeit, Respekt, Achtung und Liebe. Er sagt vielleicht Dinge wie «ihr werdet schon sehen», «wartet ihr nur» oder zeigt eine Liste mit Opfern rum und fragt, wenn er noch drauf tun müsste. Wenn niemand reagiert wird seine Rechtfertigungs-Ideologie nur noch stärker. 

Rechtfertigungs-Ideologie?
Ja, das ist ein wichtiger Teil der Vorbereitung. Der Täter muss sich so weit bringen, dass er überhaupt fähig ist, solch schrecklichen Dinge zu tun. Dazu muss er die Taten ideologisch rechtfertigen. Der Amok-Läufer rechtfertigt sich damit, dass er sich endlich wehren muss. Der Radikalisierte damit, dass er es für seinen Gott tut. Der Rechtsextreme, dass er es für die Zukunft seines Landes tut. Anders Behring Breivik ist da ein gutes Beispiel. Der sagte Sachen wie, «wissen Sie was das für eine Arbeit war, alle diese Menschen zu töten». Er hatte das Gefühl das richtige zu tun, es tun zu müssen. Das haben sie alle gemeinsam. 

Amok-Läufer und Terroristen wie jene mit denen wir es diesen Sommer zu tun hatten, haben also ähnliche Hintergründe, nur eine andere Ideologie? 
Ja, absolut.

Aber müssten Schulen und Umfeld nicht auf alle Arten von Radikalisierung sensibilisiert sein? 
Die Schulen sind sehr sensibilisiert. Und eigentlich kommt es nicht darauf an, inwiefern ein Junge sich verändert, sondern eher darauf, dass es jemand merkt und jemand sich verantwortlich fühlt, etwas zu unternehmen. ​

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