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bild: keystone/shutterstuck, bearbeitung: watson

Interview

«Nachdem ich der brüllenden Kuh ein homöopathisches Mittel gab, schlief der Bauer durch»

Kügeli-Medizin als Heilsbringer für die Kuhherde: Um den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren, steigen immer mehr Bauern auf homöopathische Mittel um. watson sprach mit einer Tierhomöopathin und fragte sie, wie es ist, brüllende Kühe mit Globuli zu heilen. 



«Die Kuh Flöckli geht lahm, der Klauenpfleger hat aber nichts gefunden. Auch das vom Hoftierarzt verabreichte Schmerzmittel bringt keine Linderung. Weil Flöckli sich sehr aggressiv verhält, kann der Landwirt die homöopathische Arznei Lycopodium nur ab zwei Meter Abstand der Kuh auf die Nase sprühen. Nach einer Woche mit den Globuli geht es der Kuh besser, sie geht nicht mehr lahm. Sie ist auch zahmer geworden und frisst dem Besitzer aus der Hand.»

So oder ähnlich klingen die monatlich publizierten Beratungs-Beispiele auf der Website von «Kometian». Der 2015 gegründete Verein berät Bauern aus der ganzen Schweiz zum Thema homöopathische Behandlungen von Nutztieren.

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Die Veterinärmedizinerin Nicole Studer-Hasler berät seit 2012 beim Verein Kometian Landwirte zum Thema komplentärmedizinische Behandlungsmethoden. bild: credits s.vögtli

Die Nachfrage nach komplementärmedizinischen Behandlungen von Tieren wächst. Seit Anfang dieses Jahres hat «Kometian» die Beratung auf die italienische und auf die Westschweiz ausgeweitet. watson wollte von Nicole Studer-Hasler, Tierärztin und Beraterin bei «Kometian», wissen, wieso das Angebot so beliebt ist und ob Bauern dafür Säcke voller Globuli in die Ställe schleppen müssen.

Was ist Kometian?

Das Bundesamt für Landwirtschaft (BWL) unterstützt mit einem Ressourcenprogramm den Verein Kometian, der Landwirte in der homöopathischen Tierheilung berät. Gegründet wurde «Kometian» 2015. Ziel des Vereins ist es, den Antibiotika-Einsatz in den beratenen Betrieben um 50 Prozent innert sechs Jahren zu senken. 

Frau Studer-Hasler, es gibt keine einzige wissenschaftliche Studie, die belegt, dass Homöopathie wirkt. Wie rechtfertigen Sie Ihre Arbeit?
Nicole Studer-Hasler: Unterdessen gibt es durchaus Studien, die zeigen, dass Homöopathie einen Effekt hat. Ich verlasse mich aber auf meine Beobachtungen. Meine Erfahrung zeigt, dass Homöopathie sehr wohl und sehr schnell helfen kann – auch bei Tieren.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Eindrücklich ist es immer wieder bei einer Geburt. Egal ob Rind oder Geiss, oft stockt es, wegen eines zu engen Muttermundes. Da steht man mit der Schulmedizin häufig an, während es mit den richtigen homöopathischen Arzneimitteln plötzlich sehr schnell geht und sich der Muttermund öffnet. Einmal berichtete mir ein Bauer von seiner brüllenden Kuh, die ihn kaum mehr schlafen liess. Nachdem ich ihr ein homöopathisches Mittel ins Maul gab, erhielt ich eine Woche später eine Nachricht von eben diesem Bauern. Er könne endlich wieder durchschlafen, sagte er mir. Mit diesen Feedbacks habe ich alle nötigen Belege, die ich brauche. 

Wie hat sich ihr Angebot in den letzten Jahren verändert?
Die Nachfrage hat deutlich zugenommen. Seit der schweizweiten Diskussion um Antibiotika-Resistenzen ist das Interesse gestiegen. Vor einigen Jahren wurden wir primär von Bio-Bauern kontaktiert. Doch heute wollen auch viele konventionelle Landwirtschaftsbetriebe wissen, wie sie chemische Arzneimittel wie Antibiotika reduzieren können.

Studer bei der Behandlung eines Hoftiers.  bild: credits m. Hauser

Mit welchen Tieren und Beschwerden haben Sie am häufigsten zu tun?
In 88 Prozent der Fälle kümmern wir uns um Rindvieh. Ein Drittel meldet sich wegen Euterentzündungen, ein weiterer Drittel sind Jungtiere mit Atemwegsbeschwerden oder Durchfall.

Wie laufen ihre Beratungen ab? Empfehlen Sie den anrufenden Bauern jeweils ein Fläschchen Arsen und das Problem ist gelöst?
Es gibt verschiedene Beratungsformen. Neben der telefonischen Hotline sind wir auch vor Ort mit den Bauern im persönlichen Kontakt und schauen uns die betroffenen Tiere oder den Bestand an. Am Telefon schildert der Bauer das Problem und wir versuchen durch gezielte Fragen ein genaues Bild vom kranken Tier zu erhalten. Zudem nehmen wir während der Behandlung immer wieder Rücksprache mit den Bauern, um den Heilungsprozess genau zu verfolgen. Uns ist es wichtig, nachzukontrollieren. Das homöopathische Mittel Arsen ist beispielsweise ein Teil der Behandlung, wir empfehlen aber häufig auch Begleitmassnahmen zur Pflege und Unterstützung einer schnelleren Heilung.

«Ich bin nicht fanatisch. Keine Heilmethode ist vollkommen. Das Tierwohl steht für mich immer an erster Stelle.»

Nicole Studer-Hasler

Müssen die Bauern dafür Säcke voll mit weissen Kügelchen in den Stall schleppen?
(schmunzelt) Nein. Es braucht für eine 500kg schwere Kuh genau gleich viele Kügelchen, wie für einen 80kg schweren Menschen oder eine Maus. Die Tiere kriegen die genau gleichen Mittelchen wie wir Menschen. Es sind verdünnte und verschüttelte Arzneien, die auf die Globuli imprägniert werden. Wir arbeiten im energetischen Bereich, daher ist die Wirksamkeit der Arzneimittel auch nicht abhängig von der Dosis.

In wie vielen Fällen nützen Globuli nichts?
Von allen Kunden, die uns kontaktieren, können wir 70 Prozent erfolgreich behandeln. Zusammen mit schulmedizinischen Behandlungsmethoden kommen wir auf 80 Prozent. Das ist eine sehr gute Quote.

Es geht also doch nicht ohne Schulmedizin?
Ich bin nicht fanatisch. Keine Heilmethode ist vollkommen. Das Tierwohl steht für mich immer an erster Stelle. Ich bevorzuge komplementärmedizinische Behandlungsmethoden, wenn diese aber nicht greifen, dann schliesse ich den Schritt zurück zur Schulmedizin nicht aus.

«Einmal berichtete mir ein Bauer von seiner brüllenden Kuh, die ihn kaum mehr schlafen liess. Nachdem ich ihr ein homöopathisches Mittel ins Maul gab, erhielt ich eine Woche später eine Nachricht von eben diesem Bauern. Er könne endlich wieder durchschlafen, sagte er mir.»

Nicole Studer-Hasler

Der Verein Kometian wird unter anderem von Bundesgeldern finanziert. Wie rechtfertigen Sie die Anwendung einer noch immer sehr umstrittenen Heilmethode?
Einerseits hat sich das Schweizer Volk in der Abstimmung 2009 klar zur Unterstützung alternativer Heilmethoden ausgesprochen. Andererseits müssen wir, genau weil wir ein Ressourcenprojekt vom Bund sind, auch Rechenschaft über unser Tun ablegen. Wir haben eine gute wissenschaftliche Begleitung und können nachweisen, dass der Antibiotika-Einsatz von unseren Betrieben signifikant reduziert werden konnte. Wir sehen auch, dass es dabei den Tieren auf den von uns beratenen Höfen besser geht – trotz weniger Antibiotika.

Sie haben gesagt, die Nachfrage steigt. Wie sieht es mit der Akzeptanz von homöopathischen Heilmethoden für Tiere aus?
Klar, ist es schön, wenn die Nachfrage seitens der Landwirte wächst. Wünschen für die Zukunft würde ich mir aber vor allem, dass die verschiedenen Akteure im tiermedizinischen Bereich noch besser zusammenarbeiten und sich gegenseitig respektieren. Das Verständnis für die Komplementärmedizin und die Homöopathie nimmt zwar zu, aber es könnte noch mehr sein. Beispielsweise wäre es gut, wenn alternative Heilmethoden während der Ausbildung noch besser thematisiert würden.

Hunderettung in letzter Sekunde

Video: srf/SDA SRF

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