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Junge Menschen feiern den «Freedom Day» in einem Londoner Club. Ab Ende September soll dafür ein Impfpass nötig sein.
Junge Menschen feiern den «Freedom Day» in einem Londoner Club. Ab Ende September soll dafür ein Impfpass nötig sein.
Bild: keystone

Warum die Briten ihre Corona-«Freiheit» (noch) geniessen können

In Grossbritannien sind seit Mitte Juli fast alle Corona-Einschränkungen gefallen. Trotzdem hat das Königreich die Lage besser im Griff als andere Länder. Das sind die Gründe.
06.09.2021, 18:3507.09.2021, 14:51

Grossbritannien hatte 2020 eine besonders trübe Corona-Bilanz. In keinem europäischen Land starben so viele Menschen an Covid-19. Auch Premierminister Boris Johnson infizierte sich und landete auf der Intensivstation. Ende Jahr geriet die Lage mit der Alpha-Variante des Coronavirus, die im Südosten Englands aufgetaucht war, vollends aus dem Ruder.

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In Australien, wo es so gut wie keine Corona-Fälle gab, schaute man mitleidig bis entsetzt auf das einstige Mutterland. Heute ächzen viele Australier unter einem Endlos-Lockdown. In England hingegen wurden am 19. Juli, dem «Freedom Day», fast alle Einschränkungen aufgehoben. Die übrigen Landesteile, die in der Gesundheitspolitik autonom sind, folgten.

In der Londoner U-Bahn gilt eine Maskenpflicht, aber nicht alle halten sich daran.
In der Londoner U-Bahn gilt eine Maskenpflicht, aber nicht alle halten sich daran.
Bild: keystone

Eine Maskenpflicht gibt es im öffentlichen Verkehr in Schottland und Wales sowie in der Londoner «Tube». Doch viele halten sich nicht daran, wie ein Augenschein vor Ort letzte Woche zeigte. Dafür tragen manche in den Läden freiwillig eine Maske. Alles in allem fühlt sich das Leben in London ziemlich normal an, bislang ohne gravierende Folgen.

Die Zahl der Neuinfektionen ist relativ hoch, aber jene der Spitaleintritte ist überschaubar. Während in der Schweiz Spitäler Alarm schlagen, Patienten verlegen und nicht dringliche Operationen verschieben müssen, scheint dies im Königreich kein Thema zu sein. Was sind die Gründe, dass die Briten Corona trotz vieler Freiheiten (noch) im Griff haben?

Die Impfung

Grossbritannien hat früh und schnell mit den Corona-Impfungen begonnen. Heute sind rund 64 Prozent der gesamten Bevölkerung geimpft. Damit sind die Briten nicht mehr einsame Spitze in Europa. Dänemark oder Spanien haben eine höhere Quote, während die Schweiz mit 52 Prozent das unrühmliche Schlusslicht im westlichen Europa bildet.

Allerdings sind die Impfstoffe in Grossbritannien erst für über 15-Jährige zugelassen (in der Schweiz und der EU liegt die Untergrenze bei 12 Jahren). Und insgesamt sei die Akzeptanz der Impfung sehr hoch, erzählte mir eine Kollegin bei einem Treffen in London. Zwar gibt es auch in Grossbritannien eine lautstarke und militante «Anti-Vaxxer»-Bewegung.

Am letzten Freitag prügelte sie sich in London mit der Polizei, und im August versuchten Impfgegner, das – ehemalige – Hauptquartier der BBC zu stürmen. Ihr gesellschaftlicher und politischer Rückhalt aber ist anders als in der Schweiz praktisch gleich null. Auch die rechte bis sehr rechte und oft krawallige britische Presse ist klar pro Impfungen.

Der Lockdown

Ausgerechnet an Weihnachten galt in weiten Teilen Englands ein harter Lockdown.
Ausgerechnet an Weihnachten galt in weiten Teilen Englands ein harter Lockdown.
Bild: keystone

Für Weihnachten 2020 versprach Boris Johnson ursprünglich eine Rückkehr zur Normalität. Dann wurde das im Königreich besonders sentimental zelebrierte Fest in weiten Teilen Englands wegen des Alpha-Desasters eine stille Nacht. Selbst Familientreffen waren nur beschränkt möglich. Es folgte ein langer Winter mit einem Lockdown, der diese Bezeichnung verdiente.

Das Haus durfte man nur für Arbeit, Einkäufe oder Sport verlassen. Die Kontakte wurden auf ein Minimum beschränkt. «Auch Joggen war maximal zu zweit möglich», sagte die Kollegin. Es sei eine «sehr einsame Zeit» gewesen. In der Schweiz hingegen gab es nie derart drastische Massnahmen. Entsprechend geringer war bei uns die Betroffenheit.

Die Sichtbarkeit

In den britischen Medien erhalten die Covid-Opfer ein Gesicht, hier als Ende Januar die Zahl von 100'000 Toten überschritten wurde.
In den britischen Medien erhalten die Covid-Opfer ein Gesicht, hier als Ende Januar die Zahl von 100'000 Toten überschritten wurde.

Bei uns ist Covid-19 ziemlich abstrakt geblieben. Krankheit und Tod finden im Verborgenen statt. Ab und zu erscheinen Berichte über Betroffene, etwa jene Wirtin, die sich Anfang Jahr als «Corona-Rebellin» inszenierte und nun unter massivem Long Covid leidet. Häufig aber werden sie anonymisiert. So entsteht der Eindruck, es handle sich um Einzelfälle.

In Grossbritannien aber hat Corona ein Gesicht – oder besser gesagt viele Gesichter. Zu Jahresbeginn hätten die Zeitungen seitenweise Fotos von Todesopfern mit vollem Namen veröffentlicht, erzählte die Kollegin. Dies verschaffte Covid-19 eine Sichtbarkeit, die sich bei vielen Menschen eingeprägt und ihre Bereitschaft zur Impfung verstärkt habe.

Das Staatsvertrauen

In der Schweiz und in Grossbritannien herrscht eine verbreitete «Live and let live»-Mentalität. Einen Unterschied aber gibt es. Obwohl wir uns sehr viel auf unsere bürgernahe direkte Demokratie einbilden, existiert besonders in ländlichen Regionen ein tiefes Misstrauen gegen den Staat und «die in Bern», von denen man sich nichts vorschreiben lässt, auch keine Impfungen.

Die Briten hingegen haben ein weniger verkrampftes Verhältnis zum Staat. Das mag mit der Monarchie und dem damit verbundenen «Untertanengeist» zusammenhängen. Ein gutes Beispiel ist der nationale Gesundheitsdienst NHS. Obwohl notorisch unterfinanziert, geniesst kaum eine Institution ausser der Queen ein derart hohes Ansehen in der Bevölkerung.

Diese Elemente tragen dazu bei, dass die Lage in Grossbritannien relativ entspannt ist – ohne Zertifikatspflicht. Ab Ende Monat soll der «Vaccine Passport» in England für Nachtklubs und andere Indoor-Events eingeführt werden, sagte der zuständige Staatssekretär am Sonntag in der BBC. Tests werden anders als in der Schweiz offenbar nicht mehr akzeptiert.

Auf freiwilliger Basis wird der Impfpass schon heute teilweise verlangt, etwa von einigen Premier-League-Clubs oder den BBC Proms, dem sommerlichen Klassik-Festival in der Royal Albert Hall. Eine Ausweitung auf Restaurants oder Pubs aber scheint kein Thema zu sein. Dafür plant die Regierung schon bald erste Booster-Impfungen für Risikopersonen.

Sie will vermeiden, dass es in der kalten Jahreszeit wieder zu Schliessungen kommt. Doch nun kommt ein weiterer Risikofaktor hinzu: Ab dieser Woche kehren die britischen Kinder in die Schulen zurück. Es gebe deswegen eine gewisse Verunsicherung, sagte meine Kollegin in London. Sie ist mit Blick auf die vielen Corona-Fälle in der Schweiz nicht unbegründet.

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