Schweiz
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Interview

«Diesmal sahen wir es kommen» – Was sich für die Meteorologen seit Lothar verändert hat

Meteorologe Reto Vögeli sagt im Interview, seit wann er geahnt hat, dass Sturm «Burglind» Kurs auf die Schweiz nimmt. Er erklärt ausserdem, wie der Sturm entstand.

Nicola Imfeld / Nordwestschweiz



«Burglind» wurde als der schlimmste Sturm seit «Lothar» angekündigt. Wie fällt Ihre Bilanz am Tag danach aus?
Reto Vögeli: Unsere Vorhersagen sind ziemlich exakt eingetroffen. «Burglind» war der schlimmste Wintersturm seit 20 Jahren in der Schweiz. Wie erwartet war der Höhepunkt kurz vor der Mittagspause, als in der Nordwestschweiz Sturmböen von bis zu 130 km/h gemessen wurden. An den Jahrhundertsturm «Lothar» vom zweiten Weihnachtstag im Jahr 1999 kam «Burglind» glücklicherweise nicht heran, weil sein Kern über der Nordsee an der Grenze zu Dänemark war. Der Kern vom Orkan Lothar befand sich hingegen in Süddeutschland und somit näher an der Schweiz, weshalb wir damals deutlich höhere Spitzengeschwindigkeiten verzeichneten.

Wie kann es zu solch heftigen Winterstürmen kommen?
Starke Stürme, die uns in Europa heimsuchen, entstehen fast ausnahmslos im Winterhalbjahr über dem Nordatlantik. Dort stösst kalte Luft, die vom Nordpol nach Süden strömt, auf warme Luft vom Süden. Wenn unterschiedlich temperierte Luftmassen aufeinandertreffen, gleiten sie aneinander vorbei. Das liegt daran, dass warme Luft eine geringere Dichte hat als kalte und deshalb entlang der Kaltfront aufsteigt. Für die Ablenkung der Luft ist die Corioliskraft verantwortlich.

«Man kann einen solchen Wintersturm nicht einfach dem Klimawandel zuschreiben.»

Was ist die Corioliskraft?
Eine Kraft, welche die Luft quer zu ihrer Bewegungsrichtung ablenkt. Die Luftmassen werden dadurch im Uhrzeigersinn (Hochdruckgebiet) oder im Gegenuhrzeigersinn (Tiefdruckgebiet) auf eine Kreisbahn gelenkt. Je stärker die Druckunterschiede sind, desto schneller weht der Wind. Wie heftig ein solcher Sturm aber letztlich die Schweiz trifft, hängt von seiner Zugbahn und Entwicklung ab.

Wann haben Sie geahnt, dass die Schweiz bereits am dritten Tag des neuen Jahres von einem solchen Unwetter heimgesucht wird?
Am Freitag vor dem Silvesterwochenende habe ich erstmals festgestellt, dass sich eine dynamische Wetterlage bildet. Aber eine Woche im Voraus ist es schwierig, genaue Vorhersagen zu machen. Es hätte auch sein können, dass sich das Tief etwas anders entwickelt hätte. Deshalb geben wir eine konkrete Sturmwarnung in der Regel erst 24 bis 48 Stunden vorher heraus, damit die Bevölkerung und die Behörden mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen können, dass tatsächlich etwas auf sie zukommt.

Bild

Meteorologe Reto Vögeli.

Es steht auch Ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel.
Genau. Wenn wir eine Woche im Voraus einen Mega-Sturm ankündigen und dann letztlich nur ein laues Lüftchen durch die Schweiz weht, würden sich viele Menschen über uns ärgern. Und andererseits ist eine Sturmwarnung nach zwei, drei Tagen auch wieder vergessen. Im Fall von «Burglind» sind wir 30 Stunden vor dem Höhepunkt mit einer Medienmitteilung an die Presse gelangt.

1999 wurde die Schweiz vom Orkan Lothar noch auf dem falschen Fuss erwischt.
Die Wetterdaten sind seither massiv besser geworden, vor allem dank den Satelliten. Heute bekommen wir alle fünf Minuten neue Messwerte und Satellitenbilder, was enorm wichtig für uns ist. Damals erhielten meine Berufskollegen weniger Daten.

Ist «Burglind» eine Folge des Klimawandels?
Das ist zu kurz gegriffen. Man kann einen solchen Wintersturm als Einzelereignis nicht einfach dem Klimawandel zuschreiben. Unsere Grosseltern haben solche Unwetter auch früher erlebt. Damals waren die Ereignisse einfach noch weniger präsent in den Medien und hatten weniger starke Auswirkungen, weil die Infrastruktur noch nicht so ausgebaut war. Wenn heute ein Wintersturm beispielsweise einen Stromausfall zur Folge hat, steht unsere moderne Welt beinahe still. Früher war diese Abhängigkeit weniger gross.

Wie erhalten die Stürme eigentlich ihre Namen?
Seit 1954 werden die Hoch- und Tiefdruckgebiete, die das Wetter über Mitteleuropa beeinflussen, vom Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin getauft. Das Geschlecht der Namen für Hoch- und Tiefdruckgebiete wechselt sich seit 1998 Jahr für Jahr ab. Zuvor waren Tiefdruckgebiete stets weiblich, worüber sich einige Frauen beschwerten, weil ihre Namen mit einem Wetter verbunden waren, das für die meisten als «schlecht» galt. In diesem Jahr tragen alle Tiefdruckgebiete weibliche Namen, 2017 waren sie männlich.

Helfen Ihnen die unterschiedlichen Namen bei der alltäglichen Arbeit?
Ja, für uns Meteorologen sind sie nützlich, um die Übersicht zu bewahren. Privatpersonen können sich übrigens eine Patenschaft für ein Hoch oder Tief bei den Meteorologen der Freien Universität Berlin für einen tiefen dreistelligen Betrag erwerben.

Andrea hatte gestern keine Freude …

Video: watson/Emily Engkent

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