DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Interview

«Ich schämte mich dafür, mich als Oberwil-Lielerin zu outen» – Interview mit der Studentin, die SVP-Glarner die Stirn geboten hat

14.12.2015, 09:2114.12.2015, 17:28
Gefragte Interviewpartnerin: Die 24-jährige Studentin Johanna Gündel.<br data-editable="remove">
Gefragte Interviewpartnerin: Die 24-jährige Studentin Johanna Gündel.
Bild: Aargauer Zeitung

Würde es nicht um Menschen gehen, die schutzbedürftig sind, man könnte von einer Posse reden: Das Hick-Hack in Oberwil-Lieli darüber, ob die winzige oberaargauische Gemeinde Flüchtlinge aufnehmen, oder sich doch lieber von den Verpflichtungen freikaufen soll.

Ende November entschied sich die Gemeindeversammlung überraschend dafür, dass die budgetierte Ersatzabgabe von 290‘000 Franken nicht für diesen Zweck verwendet werden dürfe. Ein Sieg für die weltoffenen Kräfte in Oberwil-Lieli, eine Niederlage für ihren Gemeindeamman Andreas Glarner, dem vorgeworfen wurde, seinen Nationalrats-Wahlkampf auf dem Buckel der Flüchtlingen zu führen.

Die 24-jährige Studentin Johanna Gündel gehörte zu den engagierten Kämpfern gegen die Pläne des SVP-Gemeindeammans. Im Interview erklärt sie ihre Beweggründe.

Wie hat das angefangen mit Ihrem Engagement in Oberwil-Lieli?
Gündel:
​Es war im September. Ich befand mich gerade in meiner WG in Basel, als mich meine deutsche Mitbewohnerin auf ein Video aufmerksam gemacht hat, das sie auf ARD gesehen hat. Sie sagte mir, wir Schweizer hätten definitiv ein Problem mit unseren Politikern. Ich habe mir das Video dann angeschaut und schockiert festgestellt: Das ist ja meine Gemeinde! Unser Gemeindammann!

Ein Schweizer Dorf kauft sich von Flüchtlingen frei – ARD Morgenmagazin

Und dann? 
Ich habe mich erst einmal mächtig geärgert über Andreas Glarner. Wie er da voller Stolz verkündete, Oberwil-Lieli zahle lieber mehrere Hunderttausend Franken, als maximal acht Flüchtlingen im Dorf Obdach zu gewähren. Vor allem aber störte mich, dass er unverfroren behauptete, das ganze Dorf stünde hinter ihm. An der Universität sprachen mich immer wieder Leute auf meine Heimatgemeinde an – ich schämte mich dafür, mich als Oberwil-Lielerin zu outen. Da wusste ich: Wir müssen etwas machen. Ich wusste, dass es weitere Personen in Oberwil-Lieli gibt, die wie ich die Meinung unseres Gemeindeammans nicht teilen und gerne Flüchtlinge bei uns im Dorf aufnehmen wollen.

Sie haben in einem Interview ausgesagt, dass Andreas Glarner die ganze Geschichte als Wahlkampfvehikel gebraucht hat. Der Auftritt im deutschen Fernsehen, die ihm zu Berühmtheit bis über die Landesgrenzen hinaus verholfen hat, erfolgte demnach nicht zufällig?
​Ja, natürlich, das war Strategie. Ich bin immer noch fest davon überzeugt, dass Glarner die Geschichte um die Ersatzabgaben gezielt angeheizt hat. Sein ganzes Wahlprogramm bestand eigentlich nur aus der Flüchtlingsdebatte. Und seine Rechnung ist ja auch aufgegangen. Ohne sein Gesicht auf Plakate zu drucken, ist er in den Nationalrat gewählt worden.

SVP-Gemeindeammann Andreas Glarner auf dem Weg zum Wahlerfolg.&nbsp;<br data-editable="remove">
SVP-Gemeindeammann Andreas Glarner auf dem Weg zum Wahlerfolg. 
Bild: KEYSTONE

Und Oberwil-Lieli war von da an das braune Deppendorf der Nation.
Ja, und ich fühlte ​mich missbraucht als Bürgerin. Missbraucht von den politischen Ambitionen von Andreas Glarner. 

Wie nahm der Widerstand gegen die geplante Ersatzabgabe konkret Gestalt an?
​Auf Facebook formierte sich eine lose Gruppe. Wir hatten alle das Video im ARD gesehen und wir wussten: Wir müssen reagieren. Anschliessend legten wir Zeitpunkt und Ort für eine Kundgebung fest und begannen, mit Mund-zu-Mund-Propaganda die Leute für die Kundgebung zu begeistern. Kurz gesagt: Wir sind da alle etwas reingerutscht.

Sie waren zuvor politisch nicht engagiert. 
Nein. Ich würde auch die Aktion nicht als politisches Engagement bezeichnen. Es ging darum, ein Zeichen der Humanität zu setzen.

«Es ging darum, hinzustehen und zu sagen: Wir teilen die Meinung unseres Gemeindeammans nicht und wir stehen hin für die Menschlichkeit.»

Und auf der Kundgebung haben Sie dann das Mikrofon ergriffen. Spontan?
Nein, wir haben uns im Vorfeld überlegt, wer an der Versammlung sprechen sollte. Ich habe mich schliesslich freiwillig gemeldet – und wurde so zum Gesicht der ganzen Bewegung. Aber ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen: Ich werde zwar als Aushängeschild wahrgenommen, aber wir sind eine Gruppe von Personen, die alle am gleichen Strick ziehen und sich für die Sache mächtig ins Zeug gelegt haben. Ihnen allen gebührt Respekt und Dank für ihr Engagement.

Gemeindeamman Andreas Glarner war auch an der Kundgebung anwesend. Er war offenbar mässig beeindruckt. Seiner Meinung nach stammte nur eine Minderheit der Teilnehmer aus Oberwil-Lieli selber.
Glarner, der notabene mit zwei Bodyguards an der friedlichen Veranstaltung aufgetaucht war, hatte wohl ein oder zwei Autos mit Zürcher Nummernschildern gesehen und sich daraus eine auswärtige Mehrheit zusammengereimt . Ein Journalist der AZ hatte aber die Teilnehmer gezählt und ist mit einem Einwohner die Reihen abgelaufen. Die Mehrheit der Anwesenden waren vom Dorf. Ohnehin wehre ich mich gegen die Bezeichnung Demonstration. Es ging darum, hinzustehen und zu sagen: Wir teilen die Meinung unseres Gemeindeammans nicht und wir stehen hin für die Menschlichkeit. Mir gefiel der Kommentar eines Reporters, der sagte, das Ganze gleiche eher einem Quartierfest als einer politischen Kundgebung, da alle Generationen – von Kleinkindern bis zu Senioren – vertreten waren und sich friedlich mit Getränken und Kuchen in der Hand zwischen Festbänken unterhielten.

«Falls das Referendum ergriffen wird, werden wir uns wieder engagieren. ​»<br data-editable="remove">
«Falls das Referendum ergriffen wird, werden wir uns wieder engagieren. ​»
Bild: AZ

Ende November triumphierte die von ihnen mitgegründete «IG für ein solidarisches Oberwil-Lieli» an der Gemeindeversammlung: Die budgetierten 290'000 Franken dürfen nicht für eine Ersatzabgabe verwendet werden. Haben Sie sich gefreut?
Ja natürlich, schliesslich konnten wir im Vorfeld nicht abschätzen, ob unser Antrag überhaupt eine Chance hat. Schliesslich hat Oberwil-Lieli ja eine starke SVP-Wählerschaft, die traditionell Flüchtlingen eher skeptisch gegenübersteht.

Ganz reibungslos soll die Gemeindeversammlung aber nicht über die Bühne gegangen sein. Ein SVP-Mitglied reichte beim Kanton Beschwerde ein und forderte eine neue, geheime Abstimmung. Was ist da genau passiert?
Nachdem unser Antrag angenommen wurde, bestand Unklarheit, ob unser Antrag nochmals im Konkurrenzverfahren gegen das Budget als Ganzes abgestimmt werden sollte, wie es der Gemeindeamman vorgeschlagen hatte. Es entstand Verwirrung im Saal und der Gemeindeamman diskutierte mit der Gemeindeschreiberin. Daraufhin stand ein Bürger und ehemaliger Gemeindeschreiber auf und klärte die Situation auf. Als «tumultartig», wie sie von einigen Personen beschrieben wurden, habe ich die Situation jedoch nicht wahrgenommen.

«Ich war zu keinem Zeitpunkt überrascht, dass das Flugblatt von Glarner stammt. Der Stil, der Ton, der Inhalt: Das hat alles auf unseren Gemeindeamman hingedeutet.»

Ganz durch ist die Sache aus einem weiteren Grund noch nicht: Der Entscheid wurde dem fakultativen Referendum unterstellt. Was, wenn das Referendum tatsächlich ergriffen wird?
Ich will jetzt nicht spekulieren. Wir verfolgen die Entwicklungen. Falls das Referendum ergriffen wird, werden wir von der Interessengemeinschaft für ein solidarisches Oberwil-Lieli uns wieder engagieren. ​

Das anonyme Flugblatt

bild: screenshot/ az

Am Freitag wurde bekannt, dass Glarner hinter einem anonymen Flugblatt steckt, das zusammen mit dem Gemeindeanzeiger in alle Briefkästen der Gemeinde flatterte – und die Bevölkerung vor Scheinasylanten, Gutmenschen und «IS»-Terroristen warnte.
​Ich war zu keinem Zeitpunkt überrascht, dass das Flugblatt von Glarner stammt. Wir haben es uns in der Familie angeschaut und gedacht: Das ist sicher Glarner! Der Stil, der Ton, der Inhalt: Das hat alles auf unseren Gemeindeammann hingedeutet.

Und was halten Sie davon? 
Die ganze Sache ist in erster Linie sehr peinlich für Glarner. Er benützt ein amtliches Publikumsorgan, um seine Interessen zu verbreiten und hat anschliessend nicht den Mut, zu seiner Aussage zu stehen. Ausserdem hat er ja selber im Interview mit der AZ nach der Gemeindeversammlung ausgesagt, als Gemeindeamman mobilisiere er nicht.

Andreas Glarner droht Ihnen mit einer Anzeige, weil Sie gesagt haben, die Gemeinde bevorzuge gutsituierte Einwohner. 
Ich habe das Schreiben noch immer nicht gesehen, da ich wegen dem Studium in Basel Wochenaufenthalterin bin. Deshalb will ich mich nicht dazu äussern. Nur soviel: Ich habe mir juristische Unterstützung geholt. Und: Ich bin nicht an einer Eskalation interessiert.

Haben Sie negative Reaktionen auf Ihr Engagement in Oberwil-Lieli erhalten?
Ich habe bis jetzt insgesamt über 40 Briefe in der Post erhalten, dabei waren alle bis auf einer Glückwünsche und unterstützende Worte. Der eine negative Brief bestand aus einigen beleidigende Zeilen, welche mir aber anonym zugesandt wurden.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Genf und Waadt schicken 2000 Personen in Quarantäne +++ 2G in Deutschland
Die neuesten Meldungen zum Coronavirus – lokal und global.
Zur Story