Schweiz
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ARCHIV – ZUM NEUEN WASCHMITTEL OHNE PALMOEL DER FIRMA GOOD SOAPS AM DIENSTAG, 19. JUNI 2018, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG -- (08/42) An Indonesian worker harvests palm fruits at a palm oil plantation in Deli Serdang, North Sumatra, Indonesia, 16 September 2016. Indonesia is the world's largest producer of Palm Oil, made from the palm fruit, followed closely by Malaysia. Palm plantations built on destroyed tropical rainforest, have seen the death and displacements of many species, among them the endangered orangutan. Palm oil is an ingredient in many products across supermarket shelves. Consumer groups are pressing end users to buy only products containing substitutes or sustainably sourced palm oil, warning species and pristine habitats are on the brink of being lost forever to humankind.  EPA/DEDI SINUHAJI

Ein Mann arbeitet auf einer Palmöl-Plantage in Indonesien. Immer wieder kommt es dort zu illegalen Waldrodungen und Kinderarbeit. Bild: EPA

Interview

«Entwicklung erreicht man nicht durch Gerichtsurteile» – das sagt Nestlé zur KVI

Hans Jöhr lebte 20 Jahre lang als Bauer in Brasilien und ist jetzt der oberste Landwirt von Nestlé. Im Interview sagt er, wieso die Konzerninitiative (KVI) der falsche Weg ist, um Entwicklungsländern zu helfen und warum es diesen Ländern ohne Grosskonzerne schlechter ginge.



Herr Jöhr, hat Nestlé Angst vor der KVI?
Hans Jöhr:
Nestlé verfolgt im Grunde genommen die gleichen Ziele wie die Initiative. Wir sind uns nur nicht einig darüber, wie diese Ziele erreicht werden sollen. Natürlich sind wir der Ansicht, dass der Umwelt-, Tier- und Menschenrechtsschutz gefördert werden muss, aber nicht so.

Was genau gefällt Ihnen denn nicht an der KVI?
Die Beweislastumkehr und die Ausweitung der Haftung auf sämtliche Geschäftsbeziehungen. Wir arbeiten mit hunderttausenden von Bauern auf der ganzen Welt zusammen, da ist es unmöglich, dass alles stets reibungslos verläuft. Probleme sind vorprogrammiert. Probleme, die wir nicht vollumfänglich im Auge behalten können. Dass wir dann in der Schweiz dafür juristisch belangt werden sollen, ist für uns nicht tragbar. Sollte diese Initiative angenommen werden, müssen wir uns überlegen, ob es das Risiko noch wert ist, in sensitiven Regionen tätig zu sein.

Sie profitieren ja auch von diesen hunderttausenden Bauern, mit denen sie zusammenarbeiten. Sollte es da nicht Ihre Pflicht sein, sicherzustellen, dass dabei alles mit rechten Dingen zu und hergeht?
Das machen wir ja auch grundsätzlich. Aber es ist wie bei hundert Kindern auf dem Schulhof: Eine Lehrperson kann auch nicht zu 100 Prozent garantieren, dass es nie zu Zwischenfällen kommt. Wir arbeiten mit verschiedenen NGOs zusammen, um alle arbeitsrechtlichen Normen einzuhalten. Aber wie gesagt, es kann immer zu Zwischenfällen kommen. Und das versuchen verschiedene Organisationen auszunutzen. Sie argumentieren mit Emotionen statt mit der Wahrheit.

Geben Sie mir ein Beispiel.
Uns wurde von Solidar Suisse unterstellt, dass wir auf einer Palmöl-Plantage in Malaysia hunderttausende Sans-Papiers und zigtausende Kinder hätten arbeiten lassen. Das stimmt nicht. Aber das Initiativkomitee macht jetzt Werbung damit.

Sie können nicht bestreiten, dass es auf den Plantagen zu Kinderarbeit gekommen ist.
Gibt es Kinderarbeit auf den Plantagen? Ja. Aber wir waren die Ersten, die sich dem Problem gewidmet haben. Wir haben uns mit einer lokalen Organisation zusammengetan, Berichte geschrieben, das Ganze öffentlich gemacht und dagegen angekämpft. Und als Dank kriegen wir nun eine Retourkutsche mit negativen Plakaten. Aus persönlicher Erfahrung kann ich Ihnen sagen: Wir haben nicht mit Gerichtsurteilen Fortschritte in der Entwicklungshilfe gemacht.

Sondern?
Mit gutgesinnten Leuten, die vor Ort der Landbevölkerung helfen wollen.

Herr Jöhr, auch wenn es das genuine Ziel von Nestlé ist, Gutes zu tun, so ist es doch immer das gleiche Spiel: Sie kommen in ein Land, profitieren von billigen Arbeitskräften und wenn es arbeitsrechtlich zu heiss wird, tun Sie öffentlichkeitswirksam etwas gegen die prekären Zustände.
Das stimmt nicht. Sie müssen wissen: Es ist nicht günstig, in Entwicklungsländern Fuss fassen zu wollen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir wollten aus dem Südsudan Kaffee importieren. Das war noch vor dem Krieg in der Region. Wir haben den Südsudanesen also einen Marktzutritt verschafft. Das generiert in einem ersten Schritt einen Geldfluss zurück in die ländlichen Gebiete, welcher wiederum eine erste Entwicklung in der Region ankurbelt. Das findet aber keinesfalls statt, wenn man Leute malträtiert oder sie sonst irgendwie schlecht behandelt. Das ist eine Illusion, ein Märchen.

Und wie geht es den Südsudanesen heute?
Leider kam der Krieg in die Region. Aber ich könnte Ihnen zig ähnliche Beispiele aufzählen. Handel fördert die ländliche Entwicklung. Und ländliche Entwicklung den Handel. Leider sind Geschäfte in solchen Regionen immer mit Risiken verbunden. Wenn wir uns jetzt immer davor fürchten müssen, wegen einzelnen Vorfällen in der Schweiz vor Gericht geschleppt zu werden, dann müssen wir uns zweimal überlegen, ob es ein paar Tonnen Kaffee wert sind, all diese Mühe auf uns zu nehmen. Die Frage ist folglich: Wer macht es dann? Die NGOs alleine können nicht, sie haben keinen Zugang zum Markt.

Sie sagen also, dass Nestlé aus rein altruistischen Motiven in die Märkte dieser Entwicklungsländer vordringt?
Nein, da steckt natürlich auch eine unternehmerische Motivation dahinter. Es geht darum, ein Netz an Regionen mit guten und möglichst vielfältigen Rohstoffen aufzubauen. Wir geben ja nicht vor, eine karitative Organisation zu sein. Trotzdem: Man muss sehen, was man mit diesem unternehmerischen Interesse alles bewirken kann, wie viel Gutes davon kommt. Wir haben strikte Richtlinien für 500'000 Bauern, und es funktioniert! NGOs, aber auch viele Regierungen, kriegen das nicht alleine auf die Reihe.

Hans Jöhr. Nestlé. Corporate Head of Agriculture.

Foto:  Toini Lindroos

Hans Jöhr. bild: zvg

Zur Person

Hans Jöhr ist Corporate Head of Agriculture bei Nestlé in Vevey. Als junger Mann entschloss er sich, nach Brasilien auszuwandern, um Bauer zu werden. Im Jahr 2000 hat Nestlé ihn rekrutiert. Als oberster Landwirt von Nestlé ist er unter anderem für die globalen Rohstofflieferketten verantwortlich.

Wollen Sie damit implizieren, dass Grosskonzerne die letzte Hoffnung für die dritte Welt sind?
Nein, keinesfalls. Für eine funktionierende Biodiversität braucht's eine ganze Fauna, nicht nur Elefanten. Auch mittelständische Unternehmen oder die lokale Bevölkerung können das tun, was wir tun. Wir zeigen ihnen lediglich, dass es überhaupt möglich ist und schaffen somit eine Grundlage für eine weitere Entwicklung.

Stichwort Biodiversität: Kaffee- und Kakao-Monokulturen sind der Vielfalt auch nicht gerade förderlich.
Da haben Sie recht. Wir haben schon lange erkannt, dass Monokulturen und die damit einhergehenden Probleme den Welthunger nicht werden stillen können. Diese Entwicklung musste auch die Schweiz einst durchmachen. Nestlé probiert seit Jahren, Richtlinien nach Vorbild der Standards von IP-Suisse in die Welt zu tragen. Regenerative Landwirtschaft nennen wir das.

Und funktioniert das auch?
Ja. Aber auch hier: Es ist nicht so einfach. Fahren Sie mal in den Mittleren Westen der USA, auf die gigantischen Soja- und Maisfelder, und sagen Sie den Bauern, dass Sie hier nun aufforsten wollen. Solche Ideen stossen immer auf immensen Widerstand und können nur sehr langsam realisiert werden.

Trotzdem scheinen Sie sehr engagiert zu sein. Wird Nestlé nun in 20 Jahren nur noch Bio-Produkte verkaufen?
Das würde ich so nicht sagen. «Bio» ist ein Label, das es in hunderten Variationen gibt. Deswegen forciert Nestlé den Bio-Anbau selektiv. Wir setzen auch auf andere Pferde. Die regenerative Landwirtschaft zum Beispiel. Wir waren das erste Lebensmittelunternehmen, das sich dazu entschieden hat, keine Produkte mehr aus Gebieten zu kaufen, in denen abgeholzt wird. Das gilt seit 2010.

Und, können Sie ihr Versprechen einhalten?
Das ist eine gute Frage, auch im Hinblick auf die KVI: Um das zu 100 Prozent einzuhalten, brauchen wir eine hundertprozentige Rückverfolgbarkeit. Mittlerweile können wir dank neuen technologischen Hilfen ziemlich genau feststellen, wo abgeholzt wird und wo nicht. Trotzdem gibt es Probleme. Ich mache Ihnen ein Beispiel, nennen Sie mir ein Land.

Indonesien.
Gut. In Indonesien wird leider immer noch massiv abgeholzt. Wenn wir nun also sehen, dass hundert Kilometer von einem unserer Lieferanten entfernt abgeholzt wird, beginnt ein behördlicher Spiessroutenlauf. Zuerst muss man mit der lokalen Behörde schauen, wem das Land überhaupt gehört. Dann ist festzustellen, ob die Abholzung auf legalem Weg erfolgt, zum Beispiel weil man eine Bewilligung des Umweltministeriums hat. Hier wird es schwierig: Wir können, obwohl wir wissen, dass Sachen falsch laufen, nicht immer eingreifen. Wenn die Forstpolizei zum Beispiel nicht eingesetzt wird, obwohl die Behörden wissen, was Sache ist, was sollen wir als transnationales Unternehmen dann machen? Beim Palmöl sind wir jedoch mittlerweile soweit, dass wir bald bei 95 Prozent unserer Produkte genauestens nachweisen können, woher es kommt.

Nutzt Nestlé hier nicht seine Vormachtstellung aus, wenn es die bereits gerodeten Flächen für sich beansprucht? Der Hunger auf der Welt wird ja trotzdem nicht kleiner.
Nein. Wir müssten auf dieser Welt keinen einzigen zusätzlichen Hektar Land für den Anbau von Lebensmittel erschaffen. Wir konnten das in grossen Studien beweisen. Zum Beispiel ist es uns gelungen, auf einem Hektar Land so viel Kakao anzubauen, wie in Afrika momentan auf zehn Hektaren angebaut wird. Mit dieser optimierten Landwirtschaft könnte mehr Platz für die Natur geschaffen werden, der Verdienst für die örtlichen Bauern wäre grösser, was bestimmt auch zu weniger Kinderarbeit führen würde.

Das klingt ja alles sehr vielversprechend. Aber wann wird es denn soweit sein? Wann legt das letzte Kind seine Arbeit auf dem Feld nieder?
Kennen Sie Heinrich Pestalozzi? Der brauchte auch lange, bis er alle Schweizer Kinder in der Schule hatte. Das ist etwas, das die Privatwirtschaft nicht alleine bewerkstelligen kann. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Und da hat auch der Westen versagt, weil er es unterlassen hat, genügend Entwicklungshilfe zu leisten.

Nehmen wir an, es gelingt. Die Entwicklungsländer schaffen den Aufstieg, haben eine gut ausgebildete Bevölkerung, eine funktionierende Wirtschaft. Käme das nicht zu Ihrem Nachteil? Sie profitieren doch von diesem Status Quo, von den tiefen Preisen, von der Abhängigkeit der Bevölkerung.
Ich sehe Ihren Punkt, das wird oft vermutet. Und natürlich ist es uns ein Anliegen, wirtschaftlich zu bleiben. Aber der Preis eines Produkts definiert sich nicht nur daran, wie unterentwickelt ein Anbaugebiet ist. Er definiert sich noch viel mehr an der Effizienz der Landwirtschaft, dem Erhalten der Natur und der Förderung der lokalen Gesellschaft.

Was wird Nestlé tun, wenn die KVI angenommen wird?
Wir werden die Situation beobachten und schauen, welche Dynamiken entstehen. Und Nestlé wird an seiner Strategie festhalten, zusammen mit NGOs, den lokalen Behörden und Bauern zusammenzuarbeiten. Wir sind der festen Überzeugung, dass das der richtige Weg ist.

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