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Nur rund die Hälfte der arbeitslosen Jugendlichen meldet sich bei einem Arbeitsvermittlungszentrum.
Nur rund die Hälfte der arbeitslosen Jugendlichen meldet sich bei einem Arbeitsvermittlungszentrum.Bild: Shutterstock
Interview

50'000 sind ohne Job – was machen diese Jugendlichen falsch?

Die Erwerbslosigkeit ist bei Jugendlichen höher als bei den Erwachsenen. 50'000 Junge waren vergangenes Jahr ohne Job, die wenigsten wenden sich an ein Arbeitsvermittlungszentrum. Darum gibt es jetzt eine nationale Helpline.
08.09.2017, 06:0608.09.2017, 17:16

Hat die Schweiz ein Problem mit Jugendarbeitslosigkeit? Oder warum braucht es jetzt eine eigens dafür eingerichtete Helpline?
Andreas Rupp: Letztes Jahr gab es rund 50'000 erwerbslose 15-bis-24-Jährige. Laut den Zahlen des Bundesamtes für Statistik ist die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen annähernd doppelt so hoch wie bei den Erwachsenen. Einen niederschwelligen Zugang zu einer Anlaufstelle gab es in dieser Art bisher in der Schweiz nicht. Wir wollten diese Lücke schliessen. Wer eine Hilfestellung braucht, kann einfach anrufen, muss nirgends persönlich vorbeigehen, sondern kann sich vertraulich erkundigen. Er kann rund um die Uhr auch ausserhalb der normalen Geschäftszeiten anrufen.

Andreas Rupp, Geschäftsführer von Check Your Chance, dem Dachverband gegen Jugendarbeitslosigkeit. 
Andreas Rupp, Geschäftsführer von Check Your Chance, dem Dachverband gegen Jugendarbeitslosigkeit. Bild: zvg

Verglichen mit anderen europäischen Ländern sind in der Schweiz wenig Jugendliche arbeitslos.
Natürlich ist die Zahl verglichen mit anderen Ländern vergleichsweise tief. Aber wie wir wissen, kann sich so etwas sehr schnell verändern. Und die Jungen trifft ein gesamtwirtschaftlicher Abschwung als Erstes. Darum wollen wir vorsorgen. Die Feuerwehr baut man schliesslich auch nicht erst, wenn es schon brennt.

«Wir wollen vorsorgen. Die Feuerwehr baut man schliesslich auch nicht erst, wenn es schon brennt.»

Es gibt bereits viele Berufsberatungsstellen für Jugendliche oder die Arbeitsvermittlungszentren. Sind diese bestehenden Stellen zu wenig unterstützend?
Die vorhandenen staatlichen und privaten Strukturen leisten heute zweifellos wertvolle Arbeit. Wir wissen aber, dass von den 50'000 erwerbslosen Jugendlichen im Jahr 2016 etwas weniger als die Hälfte beim RAV gemeldet war. Das ist eine hohe Zahl an jungen Menschen, die aus welchen Gründen auch immer diese Orte nicht aufsuchen, wenn sie arbeitslos sind. Ausserdem nimmt die Notfallnummer «147» von Pro Juventute jährlich gegen 1000 Anrufe entgegen, die sich um das Thema «Arbeitsintegration» drehen. Es kann ein Hindernis sein, dass sich Junge oft nicht trauen, persönlich bei den bestehenden Beratungsstellen vorbeizugehen oder sich offiziell zu registrieren. Eine eigene Helpline kann dem entgegenwirken, indem sie die Betroffenen motiviert, den nächsten Schritt zu ihrer beruflichen Integration zu gehen. 

Erste nationale Helpline für arbeitslose Jugendliche

«0800GO4JOB»
Arbeitslose Jugendliche erhalten seit Donnerstag Hilfe von einer eigens dafür eingerichteten Helpline. Unter der Nummer «0800GO4JOB» können sie Berater kontaktieren, die ihnen kostenlos weiterhelfen. Hinter dem Projekt steht der Dachverein gegen Jugendarbeitslosigkeit, Check
Your Chance, in
Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeberverband und Pro Juventute. Die neue Helpline ist eine Anlaufstelle
insbesondere für Jugendliche, aber auch für Berufsschullehrer, Berufsbildner oder für die Eltern und
das nahe Umfeld der betroffenen Jugendlichen. Es geht darum, bei aktueller oder drohender Arbeitslosigkeit
die Situation frühzeitig zu erfassen und den Jugendlichen und ihrem Umfeld Hilfe anbieten
zu können. (sar)

Welches sind die Probleme der Jugendlichen, die wegen Arbeitslosigkeit die Notfallnummer «147» der Pro Juventute kontaktierten?
Dass sie beispielsweise nach jahrelanger Ausbildung keine Lehrstelle oder keinen ersten Job finden, dass sie Schwierigkeiten während der Lehre haben, dass sie bereits in jungem Alter ausgesteuert werden, dass sie körperlich oder psychisch beeinträchtigt sind und keinen Job finden oder dass sie sich beruflich neu orientieren wollen, aber nicht genau wissen, wie.

«Manchmal stellen wir fest, dass Jugendliche krampfhaft für etwas kämpfen, für das sie qualitativ nicht geeignet sind.»

Was machen diese Jugendlichen falsch? Warum finden sie keinen Job?
Oft haben sie einen hohen Anspruch an eine Arbeitsstelle, was auch gut ist. Aber manchmal stellen wir fest, dass sie krampfhaft für etwas kämpfen, für das ihr Profil einfach nicht passt, für das sie qualitativ nicht geeignet sind. Oder sie würden sich zwar schulisch eignen, scheitern aber im Bewerbungsprozess am persönlichen Verhalten. 

Und was kann da eine Helpine ausrichten?
Sie ist in erster Linie dafür da, die Jugendlichen aufzufangen, sofern nötig emotional zu stabilisieren und mental fit zu machen für den nächsten eigenverantwortlichen Schritt. Danach schauen die Berater, welche Institutionen sich für den Anrufer je nach Bedürfnis und Wohnort eignen.

So schneidet die Schweiz im internationalen Vergleich ab

Video: srf

Wie erfolgversprechend ist das?
Nach erfolgter Kontaktvermittlung sind sie in den Beratungszentren, sei es das RAV, das BIZ oder bei privaten Institutionen, in guten Händen. Das sind schliesslich Profis. Sie schauen, warum es bisher mit den Bewerbungen nicht geklappt hat und klären die Eignung und Neigung des Jugendlichen ab. Vielleicht sieht man dann, dass er sich einfach auf die falsche Stelle beworben hat.

Was ist das Ziel der Helpline?
Dazu beizutragen, dass möglichst alle jungen Menschen in der Schweiz eine passende Berufsausbildung und Arbeitsstelle finden. Mit früher Prävention kann schon viel erreicht werden. Wenn uns Jugendliche kontaktieren, die zum Beispiel in der Lehre Stress mit dem Lehrmeister haben, kann man handeln, bevor zu viel Geschirr zerschlagen wurde. Zudem ist die Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt gesamtwirtschaftlich günstiger als die hohen Folgekosten, welche durch eine misslungene Berufsintegration entstehen.

Inwiefern?
Wenn ein junger Mensch schon bei seinem Einstieg in die Arbeitswelt schlechte Erfahrungen sammelt, prägt das. Das gilt es unbedingt zu verhindern. Dazu wollen wir beitragen, indem die Jugendlichen fortan mit unserer Helpline den einfachen ersten Schritt in ihre berufliche Zukunft unternehmen und dadurch frühzeitig professionelle Hilfe erhalten.

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73 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Patrick Felder
08.09.2017 11:53registriert Oktober 2015
Das RAV als professionelle Jobvermittler? In welcher Welt lebt dieser Mann eigentlich? Das RAV verwaltet lediglich Arbeitslose und deckt sie mit einem Haufen bürokratischem Blödsinn und Pflichtkursen (bei denen sich ehemalige RAV-Mitarbeiter als Kursleiter die Zeit in Gold aufwiegen lassen) ein, damit sie ja keine Gelegenheit haben, auf der faulen Haut zu liegen. Das heutige RAV ist das Ergebnis, wenn man Arbeitslosigkeit aus der kleingeistig-bürgerlichen Perspektive der 70er Jahre betrachtet. Aus heutiger Sicht ist das RAV schlicht nicht mehr zeitgemäss und erfüllt seinen Zweck nicht.
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flyme
08.09.2017 06:59registriert April 2015
Wer die betroffenen Jugendlichen als allein Schuldige sieht, macht es sich zu einfach. Das Problem ist vor allem auch ein gesellschaftliches. Dank des technische Fortschritts sank die Menge bezahltet Arbeit pro arbeitsfähigen Erwachsenen, während die Menge produzierter Güter und Dienstleistungen kontinuierlich stieg. Pro arbeitsfähigen Erwachsenen gibt es in der Schweiz keine 30 Stunden bezahlter Arbeit mehr. Trotzdem halten wir an der 42-Stunden-Woche fest, oder wollen die Normarbeitszeit gar erhöhen.
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thierry_haas
08.09.2017 07:46registriert Mai 2014
Das RAV, das "sind schliesslich Profis"...
Ich glaube hier habe ich etwas verpasst 😳
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