DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

30-Jähriger droht der SVP auf Facebook – jetzt steht er vor Gericht

Wegen Schreckung der Bevölkerung musste diese Woche ein Mann vor dem Bezirksgericht Brugg erscheinen. Bestraft werden kann er aber nicht.

Michael Hunziker / az Aargauer Zeitung



Er werde Amok laufen, den ganzen Bullenstaat zerstören, die dreckige Gesellschaft exekutieren, alle SVPler über den Haufen knallen – inklusive Ueli Maurer: Thomas (Name geändert) hatte auf Facebook zum wüsten Rundumschlag ausgeholt. Wegen Schreckung der Bevölkerung stand er diese Woche vor dem Bezirksgericht Brugg.

Im letzten Herbst hatte Thomas die öffentlichen Beiträge verfasst und gepostet in seinen beiden Facebook-Profilen. Er war damals untergebracht in der Windischer Klinik Königsfelden der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG). Zum wiederholten Mal.

Thomas – etwas mehr als 30 Jahre alt, kurze Haare, kariertes Hemd, blaue Jeans sowie robuste Outdoorschuhe – wurde von zwei Polizisten in den Gerichtssaal begleitet. Die Handschellen wurden ihm abgenommen für die Verhandlung, nicht aber die Fussfesseln.

facebook svp

Der Beschuldigte schrieb auf Facebook, er werde alle SVPler über den Haufen knallen (Symbolbild).  screenshot: https://www.facebook.com/SVPch

«Ich war nicht therapierbar»

Während der Befragung durch Gerichtspräsident Sandro Rossi wippte der Beschuldigte zwar nervös mit dem Bein, gab aber ruhige, überlegte und klare Antworten. Er zeigte sich reuig, entschuldigte sich für sein Tun, bezeichnete seine Facebook-Beiträge einmal als dumm oder dämlich, ein andermal als idiotisch oder bescheuert. Dass – um noch einmal auf die Drohungen gegen die SVP zu kommen – Vertreter des Gesamtgerichts dieser Partei angehören, damit habe er kein Problem, versicherte Thomas auf Nachfrage.

Der Beschuldigte leidet, das hat ein psychiatrisches Gutachten ergeben, unter einer paranoiden Schizophrenie sowie auch einem schädlichen Gebrauch von Cannabis. Die Psychose trete schubweise auf, erklärte Thomas, er steigere sich dann in etwas hinein. Auslöser könne eine Reizüberflutung sein, eine Verschwörungstheorie, von denen es im Internet zahlreiche gebe. Diese täten ihm nicht gut, sagte er.

Im Unterschied zu früher sei er heute aber behandlungswillig, betonte Thomas. Noch vor zwei Jahren sei er nicht therapierbar gewesen, sondern habe aufbrausend und teilweise aggressiv reagiert, habe sich ungerecht behandelt gefühlt und nichts an sich heranlassen wollen. Er habe nun viel Zeit gehabt zum Nachdenken, wolle lernen, mit seiner Krankheit umzugehen, führte er aus.

Die Behandlung hat Thomas bereits angetreten. In der Klinik Königsfelden hat er sich diesmal nach eigenen Angaben schnell eingelebt. Es gehe ihm gut, er fühle sich wohl, er habe eine Tagesstruktur und er nutze das grosse Therapieangebot, sagte der Beschuldigte. Derzeit sei er eher noch etwas unterfordert, fügte er an, möchte sich der Behandlung aber weiter unterziehen. Dank den Medikamenten könne er klar denken. Später kann sich Thomas vorstellen, in einer betreuten Wohngemeinschaft zu leben und einer Tätigkeit im zweiten Arbeitsmarkt nachzugehen. Er brauche «etwas Kontrolle».

Er wollte Aufmerksamkeit

Was er mit seinen Facebook-Beiträgen bewirken wollte, fragte Gerichtspräsident Rossi. «Ich kann es nicht sagen», antwortete Thomas nach kurzem Überlegen. Er habe unter Wahnvorstellungen gelitten, habe einfach geschrieben, sich zu wenig Gedanken gemacht. Vielleicht habe er «mit den leeren Drohungen» einfach etwas Aufmerksamkeit erregen wollen.

Der Sachverhalt, dass Thomas die Facebook-Beiträge verfasst und verschiedene Personen in Angst und Schrecken versetzt hat, war unbestritten vor Bezirksgericht Brugg. Auch, dass er unter einer psychischen Störung leidet und eine stationäre Massnahme anzuordnen sei, in der die Medikamenteneinnahme kontrolliert wird. Es gebe keinen Grund, am psychiatrischen Gutachten zu zweifeln, so der Staatsanwalt.

Ihr Mandant bereue, was geschehen sei, sagte die Verteidigerin. Er sei sich bewusst, dass er Hilfe brauche. Thomas sei bereit, an sich zu arbeiten, sei motiviert, verhalte sich kooperativ, verstehe sich gut mit Patienten und Betreuern. Kurz: «Es ist ihm ernst.» Anders als die Staatsanwaltschaft plädierte die Verteidigerin dafür, dass die Verfahrenskosten – die Rede ist von insgesamt 11'000 Franken – zulasten des Staats gehen. Denn die finanziellen Verhältnisse ihres Mandanten seien alles andere als rosig. Er beziehe eine IV-Rente, die nur knapp reiche, um die nötigsten Rechnungen zu bezahlen.

Das Gesamtgericht kam in seinem Urteil zum Schluss, dass der Tatbestand der versuchten Schreckung erfüllt ist. Wegen der paranoiden Schizophrenie zum Zeitpunkt der Tat war die Schuldfähigkeit des Beschuldigten aufgehoben. Will heissen: Thomas ist schuldunfähig und kann deshalb nicht bestraft werden. Eine stationäre Massnahme erachtete das Gericht als geeignet, um die Krankheit behandeln zu können. An den Verfahrenskosten hat sich der Beschuldigte mit einem Beitrag von 10 Prozent zu beteiligen, so das Gericht weiter. Denn auch wenn es sich eher um einen symbolhaften Beitrag handle, soll Thomas auf seinem weiteren Weg eine kleine Einschränkung in Kauf nehmen müssen.

«Kinder in den sozialen Medien? Das geht nicht!»

Video: watson/Emily Engkent

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Urteil gegen Ex-Polizist wegen Tötung George Floyds

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Anwohner gewinnt Kuhglocken-Streit im Aargau – Bauer muss Glocken um 22 Uhr abmontieren

Kuh- und Kirchenglocken sind laut Polizeireglement in Berikon eigentlich von der Nachtruhe zwischen 22 und 7 Uhr ausgenommen. Dagegen führte ein Anwohner im vergangenen Jahr allerdings Beschwerde beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt. Mit Erfolg.

Es wirkt schon ein bisschen abstrus, was der «Wohler Anzeiger», «SRF» und ArgoviaToday in diesen Tagen berichten. Im beschaulichen Berikon kam es zum Kuhglocken-Knatsch. Die Gemeinde Berikon war nicht auf die Klage eingetreten, weil im Polizeireglement Berikons die Kuh- und Kirchenglocken vom Nachtruhegebot ausgenommen sind. Dies nahm ein Anwohner so nicht hin und führte Beschwerde beim Departement Bau, Verkehr und Umwelt. Dieses musste sogar einen Fachspezialisten beiziehen, um die Frage …

Artikel lesen
Link zum Artikel