Schweiz
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Ernst Ostertag, rechts, und Robert Rapp, links, tauschen die Ringe  im Zuercher Stadthaus am Dienstag, 1. Juli 2003 . Sie haben sich als erste registrierte Partnerschaft in der Stadt Zuerich eintragen lassen. Am 1. Juli 2003 tritt das Gesetz ueber die Registrierung gleichgeschlechtlicher Paare in Kraft. Die Stimmberechtigten des Kantons Zuerich haben dies im letzten September genehmigt. Ernst Ostertag und Robert Rapp, welche seit 47 Jahren zusammen leben , haben sich in einer vom Zuercher Stadtpraesidenten Elmar Ledergerber und einem Zivilstandsbeamten gestalteten Zeremonie als erste das Ja  Wort gegeben. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Am 1. Juli 2003 tauschen Robert Rapp (links) und Ernst Ostertag die Ringe im Zürcher Stadthaus. Bild: KEYSTONE

Lieber Röbi Rapp, leb wohl! Als Queer-Pionier bleibst du unsterblich. Merci!

Röbi Rapp und Ernst Ostertag lebten 62 Jahre lang die vielleicht grösste Liebesgeschichte der Schweiz. Ein Nachruf.



Es gibt Menschen, denen verdanken viele andere unendlich viel. So viel, dass es gerade schwer fällt, diesen Nachruf zu schreiben. Trauer ist eine besonders gründliche Form der Überwältigung.

Röbi Rapp war einer dieser Verdienstvollen. Der zarte Coiffeur aus Zürich, der sich in Jahren, als dies gefährlich war, auf der Bühne zur Frau verwandelt und singt, dass alle betört sind. Der 1956, im Alter von 26 Jahren, einen schönen Lehrer namens Ernst kennenlernt. 2003 lassen sie sich als erstes Paar im Zürcher Stadthaus in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft registrieren. Die beiden sind ein Traumpaar. Nicht unbedingt monogam, aber immer zusammen. Bis zuletzt.

Ihr Ziel ist immer die gesellschaftlich anerkannte Normalität einer Liebe jenseits der klassischen Normen.

Der Kreis

Sven Schelker als junger Röbi im Film «Der Kreis» von Stefan Haupt. bild: ascot elite

Jetzt hat sich Röbi dazu entschieden, Ernst zurückzulassen. «Wir sind betroffen und traurig über den Hinschied von Röbi Rapp. Röbi durfte nach einer Phase schwerer Krankheit mit Hilfe einer Freitodbegleitung am letzten Sonntagabend, im Beisein seiner Liebsten, im Alter von 88 Jahren ruhig und friedlich zu Hause einschlafen», meldet das Team, das die Liebesgeschichte von Ernst und Röbi vor vier Jahren zum Filmerfolg «Der Kreis» gemacht hat.

Röbi und der Film ist eine Geschichte, die weit zurückreicht, ins Jahr 1940. Röbi ist der Sohn einer allein erziehenden Garderobiere am Zürcher Schauspielhaus und hat sich dort schon öfter in Kinderrollen hervorgetan.

Er wächst am Schauspielhaus im Kreis all jener jüdischen Künstlerinnen und Künstler auf, die Deutschland nicht mehr duldet. Sie sind seine Familie.

«Das Menschlein Matthias», Schweiz, 1941

Röbis Promobild für «Das Menschlein Matthias». Bild: Gotthard-Film & Praesens-Film / SRF

Und dann kommt der Tag, der ihn ins grosse Rampenlicht katapultiert, und auf traurige Weise charakteristisch ist für jene Zeit: Die Schweizer Produktionsfirma Gotthard-Film verfilmt den Bestseller «Das Menschlein Matthias». Für die Hauptrolle vorgesehen ist ein jüdischer Schauspieler. Aus Deutschland kommt der Bescheid, dass man in der Schweiz ja nicht glauben solle, ein Film mit einem jüdischen Hauptdarsteller würde in Deutschland vertrieben werden. Aber genau dies will Gotthard-Film. Der jüdische Junge muss ersetzt werden. Und Röbi wird engagiert.

«Das Menschlein Matthias» erzählt die melodramatische Geschichte des unehelichen Buben Matthias, der auf dem Landgasthof seiner bösen Tante aufwächst. Nach dem Krankheitstod seiner Lieblingscousine, flieht er zur lieben und schönen Mutter Brigitte in die vibrierende Grossstadt Rorschach. Brigitte arbeitet in einer Textilfabrik und versucht krampfhaft, ihre Selbständigkeit zu bewahren. Sehr lang geht gar nichts gut. Der Film läuft in Venedig an den Filmfestspielen und gilt als Meisterwerk (was von heute aus gesehen allerdings nicht mehr ganz nachvollziehbar ist).

«Das Menschlein Matthias», Schweiz 1941

Expressionistisch düster. «Das Menschlein Matthias» kommt 1941 in die Kinos und wird zum Riesenerfolg. Bild: Gotthard-Film & Praesens-Film / SRF

Danach ist es wieder erstaunlich still um Röbi. Seine Mutter ist eine Witwe ohne Witwenrente, die 500 Franken, die er für den dreimonatigen Dreh erhalten hatte, dürften auch nicht ewig gereicht haben, er jobbt als Ausläufer und lernt später Coiffeur. Mit 24 arbeitet er als Vertreter der Firma Schwarzkopf in Beirut und Damaskus.

In einem Film spielt er nicht mehr mit und auf der Bühne wird er erst wieder als Travestiekünstler in den 50er-Jahren berühmt. Wieso? «Ich habe sehr jugendlich ausgesehen, ziemlich mädchenhaft», sagt er, «ich hätte gar keine Männerrolle spielen können.» Hätten die Nazis 1940 geahnt, was einmal aus ihm wird, sie hätten auch ihn vehement verhindert.

Das Klima in Zürich ist damals vollkommen homophob. Schwule werden zwangsregistriert und zwangsgeoutet, mehrere Suizide sind die Folge.

In den 50er- und 60er-Jahren kommt es zu einer Reihe von Morden an Schwulen, man weiss nicht genau, ist es eine Hetzjagd oder handelt es sich um individuell motivierte Verbrechen von jungen Strichern, die sich an ihren Freiern rächen. Aber so, wie die Morde in der Presse dargestellt werden, und wie die Mörder vor Gericht davonkommen, ist klar: Die Zürcher Gesellschaft hasst ihre Schwulen. Ein toter Schwuler ist krimineller als sein Mörder. Und die Lebenden werden in grossen Razzien von der Polizei verfolgt und erfasst. Auch Röbi und Ernst stehen kurzzeitig unter Mordverdacht. 

Der Kreis

Ernst (Matthias Hungerbühler) und Röbi (Sven Schelker) in «Der Kreis». bild: ascot elite

Der Rahmen, in dem sie sich verwirklichen können, bietet ihnen die Schwulenorganisation «Der Kreis» mit ihren Bällen samt internationalem Publikum – es gibt damals einen berühmten Freitagabendflug der Lufthansa von Frankfurt nach Zürich, die sogenannte «Warmlufthansa» – und ihrer gleichnamigen Zeitschrift. 2000 Abonnenten hatte der «Kreis» damals, 700 davon im Ausland. Auf Deutsch, Französisch und Englisch erschienen da Kurzgeschichten, Gedichte und Bilder, und weil die Schweizer Zensurbehörde von einst des Englischen kein bisschen mächtig war, waren die englischen Magazinbeiträge mit Abstand die pornographischsten.

NEW YORK, NY - NOVEMBER 10: Film subjects Ernst Ostertag (L) and Röbi Rapp attend the 2014-2015 Variety Screening Series featuring

Ernst (links) und Röbi in New York: «Der Kreis» führte die beiden im hohen Alter um die ganze Welt. Bild: GETTY IMAGES NORTH AMERICA

Erst 1968 kam mit den aus den Jugendunruhen heraus geborenen Zürcher Globuskrawallen eine Erleichterung über die Schwulenszene: Die Polizei hatte endlich anderes zu tun. Und Ernst und Röbi konnten ihr Engagement aus dem wilden, gefährdeten Untergrund in die etwas ruhigeren Bahnen von Organisationen wie Pink Cross oder der Homosexuellen Arbeitsgruppe Zürich leiten. Ihr Look geht allmählich weg vom flirrenden Glamour der Travestie-Shows und hin in Richtung Sofas mit Häkeldeckchen.

Röbis Gespür für einen gewissen lebensrettenden Kitsch bleibt ihnen erhalten. Und im Herzen sind die beiden überaus reizenden Herren ungebrochene, sanfte Kämpfer.

Lieber Röbi, wir, die wir jetzt Zürich als eine Insel der Glückseligen wahrnehmen mit unserer lesbischen Stadtpräsidentin und allen andern, die ihre Liebe heute tatsächlich als Normalität leben können, wir wissen, dass dein Leben eine Pionierarbeit für uns war. Lieber Ernst, bitte, bleib uns trotz deines Verlusts noch ein wenig erhalten. Wir sind bei dir. Habt Dank, ihr zwei.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Bubu88 31.08.2018 18:57
    Highlight Highlight Schöner Artikel! Danke dafür :)
  • zeusli 31.08.2018 09:04
    Highlight Highlight Mein Beileid den Hinterbliebenen.

    Es lässt mich immer wieder erschaudern, wenn ich lese zu welch intoleranten und unmenschlichen Taten wir fähig sind.

    Vielen Dank für diesen sehr würdevollen Nachruf.
  • lalalalisa 30.08.2018 15:40
    Highlight Highlight So schön und so traurig.
    Danke für all den Mut und Durchhaltewillen!

    Love is Love
  • Genital Motors 30.08.2018 14:26
    Highlight Highlight Gaaaaayyyyyyy! =)

    Hut ab, war ein Mann mit Prinzipien!
  • Snowy 30.08.2018 11:40
    Highlight Highlight Unfassbar welch grossen Mut Menschen wie Röbi in den 60-er Jahren aufbrachten!

    Möge er in Frieden Ruhen und wir alle etwas von seinem Mut und Integrität abschneiden.

    P.S: Zu seiner nicht-monogamen Lebensweise: (Fast) alle schwulen Menschen, die ich kenne und in einer Beziehung leben, sind nicht monogam. Diese Beziehungen sind aber alle von Liebe/Respekt geprägt - etwas dass ich vom Durchschnitt der heterosexuellen Beziehungen in meinem Umkreis nicht sagen kann.
    Wie überall sind uns die Schwulen in Sachen Trends voraus. Denke aber, dass es bei uns Heteros noch eine ganze Weile dauern wird..
    • Kreasty 30.08.2018 12:41
      Highlight Highlight Also ich hoffe nicht dass es zum Trend wird. Soll doch jeder so Leben wie er möchte und gerade in der Schwulenszene darf es gerne mehr Männer geben die sich effektiv an eine Person binden wollen. Soll auch noch Männer geben die sich mit einem zufrieden geben können < :)
    • Göönk 30.08.2018 13:43
      Highlight Highlight Nun, ich glaube ja nicht, dass die Heteros monogamer sind. Aber die leiden noch an den moralischen Spätfolgen von kirchlicher Indoktrination und können meist nichtmal halbwegs offen damit umgehen, selbst wenn sie nichts mit Kirche am Hut haben.
      Die Homosexuellen haben es diesbezüglich vielleicht einfacher, da die Kirche schon seit immer nichts von ihnen wissen wollte gibt es diese moralische Blockade weniger.
    • Snowy 30.08.2018 13:43
      Highlight Highlight Genau.
      Es soll jeder so Leben wie er möchte. Darum hoffe ich, dass Menschen, die nicht monogam leben, dereinst nicht mehr stigmatisiert werden.

    Weitere Antworten anzeigen
  • nilsnektarine 30.08.2018 11:30
    Highlight Highlight Schön geschrieben
  • DerSimu 30.08.2018 11:28
    Highlight Highlight Ein toller, mutiger und wahrer Verfechter sozialer Gerechtigkeit. Leider nehmen sich immer weniger SJWs ein Beispiel an Leuten wie Herrn Rapp.
  • frl_tschuessikowski 30.08.2018 11:23
    Highlight Highlight Was für ein toller, mutiger und inspirierender Mann!
    • Lichtblau550 30.08.2018 20:46
      Highlight Highlight Und was für ein hübscher! Das s/w-Foto des jungen Paars ist grossartig.

      Da hat man für den Film „Der Kreis“ - eine späte Hommage für Röbi? - beim Casting offenbar ein gutes Händchen gehabt. Die Schauspieler sind vom Typ her wirklich ähnlich.
  • Citation Needed 30.08.2018 11:23
    Highlight Highlight Ohje, wie traurig. :-(
    Schliesse mich den guten Wünschen an den Witwer ausgangs des Artikels an (der überdies sehr schön geschrieben ist).
    Die zwei haben sehr viel bewegt für Zürich und die Schweiz.

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