Schweiz
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Portrait of Annemarie Wildeisen, TV chef and editor of the cookery magazine

Es wird wieder gekocht am heimischen Herd – nicht nur bei Rezept-Ikone Annemarie Wildeisen. Bild: KEYSTONE

Der Fleischabsatz stockt, das Gemüse boomt: Das bedeutet die Coronakrise für Landwirte



Die Corona-Krise hat auch zu einer Veränderung unserer Essgewohnheiten geführt. Weg vom Restaurant-Tisch, hin zum heimischen Herd. Die vom Bund verordnete Schliessung von Gastronomiebetrieben löste einen regelrechten Koch- und Backboom aus: Gemüseregale wurden leergekauft, Pasta stapelweise in die Einkaufswagen gepackt, Eier, Hefe und Mehl waren in gewissen Filialen zeitweise ausverkauft.

«Auswärts isst man vor allem die edlen Stücke – Entrecotes, Filets, Kalbfleisch. Fleisch, das man zuhause kaum kocht.»

Sandra Helfenstein, Sprecherin des Schweizer Bauernverbands

Die neue Lust am Kochen und Backen spiegelt sich auch in den Zugriffszahlen auf die grossen Rezeptsammlungen im Netz. Swissmilk, der Verband der Schweizer Milchproduzenten, der auf seiner Website eine Rezeptbibliothek unterhält, verzeichnete laut der NZZaS im März 100 Prozent mehr Suchanfragen als im vergangenen Jahr. Und auch andere Rezept-Webseiten boomen gerade.

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Leidtragende der Krise sind nicht nur die Restaurants, sondern auch die Fleischproduzenten. Für sie fällt mit dem Auswärts-Essen einer der Hauptpfeiler des Geschäfts vorerst weg. «50 Prozent des Fleisch wird über Restaurants und Take-Aways verkauft», sagt Sandra Helfenstein, Sprecherin des Schweizer Bauernverbands. «Auswärts isst man vor allem die edlen Stücke – Entrecotes, Filets, Kalbfleisch. Fleisch, das man zuhause kaum kocht.» Ob der Konsum als ganzes zurückgegangen sei, sei aber unklar. Verlässliche Aussagen dazu liessen sich erst Ende Monat treffen.

Klar ist: Es herrscht ein Überangebot auf dem Markt. Bauern wie Christian Glur bekommen das zu spüren, wie er gegenüber dem «Zofinger Tagblatt» erklärt. Glur produziert zu 90 Prozent für die Gastronomie, durch den Wegfall von Take-Away-Ketten wie McDonalds (das infolge alle Läden in der Schweiz geschlossen hatte), sinkt der Preis – und Glur bleibt auf seinem Fleisch sitzen.

Der Bund hat deshalb Anfang April einen Nachtragskredit von drei Millionen Franken für die Einlagerung von Fleisch gesprochen.

Während die für die Gastronomie produzierenden Landwirte ihr Fleisch in Tiefkühlregale einstellen müssen, gestaltet sich die Situation für die Metzgereien ganz unterschiedlich. Wie der Schweizer Fleisch-Fachverband SFF auf seiner Webseite schreibt, generieren derzeit viele von ihnen sehr gute Umsätze. Das liegt einerseits an einem neu erwachten Bewusstsein für das lokale Gewerbe. Und anderseits am Wegfall des Einkaufstourismus im grenznahen Ausland.

Anruf bei der Metzgerei Keller in Wiedikon. Der Traditions-Metzg hat infolge der Krise einen Lieferdienst ins Leben gerufen, jetzt, vor Ostern, brummt das Geschäft – trotz Corona-Krise. Geschäftsführer Roger Willimann sagt, man müsse differenzieren: «Das Gastro-Geschäft ist zwar momentan auf null.» Aber im Privatkundenverkauf und beim Retail laufe es ganz gut. Dann muss Willimann wieder «zurück an die Kundenfront».

Auch die Gemüseproduzenten spüren den Wegfall der Gastronomie und des Take-Aways. Dafür steigt der Absatz im Detailhandel rasant. Aktuell würden rund 20 bis 30 Prozent mehr Gemüse und Früchte verkauft, sagt Roger Mäder vom Swisscofel, dem Verband des Schweizerischen Früchte-, Gemüse-, und Kartoffelhandels in der NZZaS. Ob sich die Situation beim Fleisch ähnlich präsentiert, ist unklar. Migros schreibt, dass der Wegfall der Gastronomie «fast» durch die Zunahme im Detailhandel kompensiert werde. Coop liefert auf Anfrage lediglich ein dürres Communiqué: «Die Nachfrage nach Fleisch ist bei Coop nach wie vor hoch.»

Die Fleischproduzenten hoffen jedenfalls darauf, dass sich nach der Aufhebung der Massnahme die Situation allmählich entspannt und die Leute wie gewohnt ihr Filet im Restaurant bestellen.

Nur: Was passiert, wenn die Restaurantbetriebe dereinst ihre Türen wieder öffnen dürfen? Der Direktor des Branchenverbands Gastro Bern geht in der Woz davon aus, dass bis zu 30 Prozent die Krise nicht überleben werden. Es ist anzunehmen, dass sich die Situation in anderen Kantonen die ähnlich präsentiert.

Hinzu kommt, dass die Menge an Fleisch die Nachfrage bei weitem übersteigen wird, auch wegen den eingelagerten Stücken. «Das kann man mit Zollkontingenten und Importmengen steuern», gibt sich Landwirt Christian Glur im «Zofinger Tagblatt» zuversichtlich.

Eine andere Frage ist, ob die Corona-Krise unser Essverhalten auf Dauer verändern wird. Christine Brombach, Ernährungswissenschafterin an der ZHAW, ist vorsichtig. «Ein Beispiel: Die grossen Lebensmittelskandale wie BSE oder der Pferdefleischskandal haben nur zu kurzfristigen Veränderungen geführt. Auf die lange Sicht hat sich das Essverhalten jeweils wieder eingependelt.»

Dieses mal allerdings, glaubt Brombach, könnte sich das ändern. «Die Corona-Pandemie ist eine globale Bedrohung, die es so noch nie gegeben hat. Sie hat uns auch die Augen dafür geöffnet, dass die Lebensmittelversorgung nicht einfach selbstverständlich ist.» Für Prognosen sei es zu früh, sagt Brombach, «aber ich kann mir gut vorstellen, dass wir auch nach der Krise wieder mehr Zeit in der heimischen Küche verbringen werden.» Und dass das Bewusstsein für die regionale Verfügbarkeit verstärkt werden wird, so die Ernährungswissenschaftlerin. Das würde auch die Fleischproduzenten freuen.

(wst)

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33Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • champedissle 12.04.2020 15:32
    Highlight Highlight Die Leute haben dermassen viel Geld in Büchsen und WC Papier investiert, dass jetzt kein Geld mehr für Fleisch vorhanden sein dürfte. Also ein ganz unromantischer Grund.
  • Pfützentreter 11.04.2020 20:52
    Highlight Highlight Die neue Lust am Kochen. Sehr witzig.
  • honesty_is_the_key 11.04.2020 18:52
    Highlight Highlight Das passt nicht wirklich zu diesem Artikel, aber trotzdem: ich merke dass ich seit dem Lockdown viel bewusster darüber nachdenke was ich esse. Bewusster schaue dass ich 5 Gemüse / Früchte Portionen pro Tag esse. Und auch sonst versuche möglichst viel naturnahes zu essen, frische Gewürze und Kräuter einzubinden, gesundes zu geniessen und ungesundes zu vermeiden. Ein für mich positiver Effekt in dieser schrecklichen Krisen Zeit.
  • lily.mcclean 11.04.2020 09:40
    Highlight Highlight Das ist Blödsinn. Wenn uns jetzt nicht die Restaurants fehlen würden hätten wir den Umsatz von Weinachten/Silvester um ein Vielfaches getoppt. Die Leute kaufen Fleisch als gäbe es kein Morgen.
    • grünerantifaschist #blm 11.04.2020 14:32
      Highlight Highlight Leider
  • derlange 11.04.2020 08:56
    Highlight Highlight Warum Grossverteiler weiterhin Aktionen mit Edelstücken aus Südamerika machen, verstehe ich nicht.

    Schade - und es wird fleissig gekauft.
    • lily.mcclean 11.04.2020 09:39
      Highlight Highlight Weil die CH nicht genug Fleisch produziert um den Gebrauch zu decken. Und zweitens ist Fleisch aus Südamerika perverserweise billiger obwohl es einmal quer über die Erde geschippt wird.
    • ThePower 11.04.2020 10:00
      Highlight Highlight Du hast dir deine Frage gleich selbst beantwortet😛
    • murrayB 11.04.2020 22:23
      Highlight Highlight Sehr zart, einfach super bei der heutigen Grillade gewesen!
  • Stefan Morgenthaler-Müller 11.04.2020 08:42
    Highlight Highlight Was, wie? Es gab noch keine Toten aufgrund Verzicht auf Fleisch? Wie können denn die Menschen richtig arbeiten, wenn sie kein Fleisch essen? Da muss die Fleischlobby jetzt Antworten liefern!
    • nichtMc 11.04.2020 10:56
      Highlight Highlight Es wird aktuell ja auch weniger gearbeitet. 😉

      Aber ernsthaft, ich kann mir auch vorstellen, dass weniger gekauft wird aufgrund des Preises und dass es aktuell bei einigen einfach nicht mehr drin liegt.
  • Vally Schaub 11.04.2020 08:29
    Highlight Highlight  »Leidtragende der Krise sind nicht nur die Restaurants, sondern auch die Fleischproduzenten.« Das ist nicht so schlimm, wir wissen ja langsam alle: weniger Fleisch = weniger Leid = weniger Leidtragende.
  • Thadic 11.04.2020 07:38
    Highlight Highlight Das ist aber schon auch ein Indiz, dass wenn Restaurants und vor allem Mensen bessere vegetarische Gerichte anbieten würden, der Fleischkonsum gesenkt werden könnte.
    • Jacques #23 11.04.2020 08:00
      Highlight Highlight Gastronomen, Köche und Menuplaner sind in der Ernährungslehre minimal ausgebildet.

      Meiner Ansicht nach müssten og in direktem Kontakt mit Ärzten und Gemüse Bauern sein. Vor allem mit Ärzten.

      Wahres Kochen, Kreativität und wahre Geschmacksbomben sind in der pflanzlichen Küche zu Hause.

      Aus Sicht der Betriebswirtschaft, der Umwelt, Klima und Gesundheit das beste, was Du als Koch, Wirt, Gastronom machen kannst.

      Aber auch als Gast und als Konsument.
    • skisandtrail 11.04.2020 08:01
      Highlight Highlight Stimmt.. die CO2, Methanausstösse usw gingen seit Corona so stark zurück, weil das Vieh nicht mehr frisst und sch.... . Vielleicht ist die Landwirtschaft, welche uns am Leben erhält, gar nicht so phööse.
    • Echt jetzt? 11.04.2020 08:20
      Highlight Highlight ....oder aber die Take-Aways zB Migros auch endlich warme Vegi-Menues anbieten würden, statt immer Teigwaren mit Fleisch...
    Weitere Antworten anzeigen
  • Hillman 11.04.2020 07:27
    Highlight Highlight Für mich ist das eigentlich eher eine positive Nachricht. Es wird doch immer wieder davon geredet wir sollen den Fleischkonsum verringern. Er war tatsächlich viel zu hoch vor der Krise und nachhaltig ist er sowieso nicht, ganz abgesehen vom Tierleid. Findige Metzgereien und Bauern passen sich an und setzen vermehrt auf Fleischersatzprodukte die - ansprechend verpackt wie beim ETH Startup - einen immer grösseren Ansatz finden.
  • Unsinkbar 2 11.04.2020 07:20
    Highlight Highlight Mal sehen wie die Gesamtbilanz aussieht.
    1. Seit der Coronakrise ist die Warteschlange beim Dorfmetzger lang
    2. Nichts geht schneller zum Kochen als ein Stück Fleisch auf den Grill schmeissen, ein bisschen Brot und einige Blätter Salat und et voilà, Essen bereit (vor allem bei diesem Wetter) ☀️
    • Heb dä Latz! 11.04.2020 07:44
      Highlight Highlight @Unsinkbar 2

      zu

      1. verständlich weil nicht mehr die ganze Horde quasi bis hinter die Theke im engen Laden rumsteht.
      2. Mit den Salat freuen sich sicher auch die Meerschweinchen, falls sie welche haben.
    • Shizophrenic 11.04.2020 15:44
      Highlight Highlight @ Tutu


      Mmmmhmmmm 😋 lecker Meerschweinchen
  • atorator 11.04.2020 07:04
    Highlight Highlight Wer immer noch glaubt, die Krise sei in einigen Wochen vorüber, hat sich massiv geschnitten. Es wird nichts so sein wie vorher. Man sieht es in den Bussen, Zügen oder auf der Strasse. Menschen misstrauen einander schwer. Und ich bin mir sicher, dass die Bevölkerung nachher nicht wieder in die Restaurants strömen wird.
    • Ribosom 11.04.2020 09:53
      Highlight Highlight Wir haben schon eine Liste mit unseren Lieblingsrestaurant. Sobald die wieder öffnen, gehen wir jeden Tag ins Restaurant. Warum? Weil deren Essen super fein ist, wir gerne bedient werden und wir es uns leisten können.
      Andere Leute sollten es uns gleich tun (vielleicht nicht gerade so extrem). Weil wenn die Kundschaft nach der Eröffnung noch immer fehlt, müssen sie für immer schliessen. Da ich das für meine Lieblingslokale nicht will, unterstütze ich sie gerne.
    • atorator 11.04.2020 12:02
      Highlight Highlight Aber ob der Keller, der Koch, die Küchenhilfe noch deine Teller und Bestecke anfassen und reinigen möchte....

      Warte es erst mal ab. Leute, die in Restaurants arbeiten, sind keine Maschinen.
    • nadasagenwirjetzteinfachmal 11.04.2020 12:36
      Highlight Highlight @atorator...Kellner, Köche und Küchenhilfen welche weder Teller noch Besteck anfasen oder reinigen möchten.....sollten sich dann vielleicht eine Umschulung überlegen...
    Weitere Antworten anzeigen

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