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Es wird wieder gekocht am heimischen Herd – nicht nur bei Rezept-Ikone Annemarie Wildeisen.
Es wird wieder gekocht am heimischen Herd – nicht nur bei Rezept-Ikone Annemarie Wildeisen.Bild: KEYSTONE

Der Fleischabsatz stockt, das Gemüse boomt: Das bedeutet die Coronakrise für Landwirte

11.04.2020, 06:2011.04.2020, 13:14

Die Corona-Krise hat auch zu einer Veränderung unserer Essgewohnheiten geführt. Weg vom Restaurant-Tisch, hin zum heimischen Herd. Die vom Bund verordnete Schliessung von Gastronomiebetrieben löste einen regelrechten Koch- und Backboom aus: Gemüseregale wurden leergekauft, Pasta stapelweise in die Einkaufswagen gepackt, Eier, Hefe und Mehl waren in gewissen Filialen zeitweise ausverkauft.

«Auswärts isst man vor allem die edlen Stücke – Entrecotes, Filets, Kalbfleisch. Fleisch, das man zuhause kaum kocht.»
Sandra Helfenstein, Sprecherin des Schweizer Bauernverbands

Die neue Lust am Kochen und Backen spiegelt sich auch in den Zugriffszahlen auf die grossen Rezeptsammlungen im Netz. Swissmilk, der Verband der Schweizer Milchproduzenten, der auf seiner Website eine Rezeptbibliothek unterhält, verzeichnete laut der NZZaS im März 100 Prozent mehr Suchanfragen als im vergangenen Jahr. Und auch andere Rezept-Webseiten boomen gerade.

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Leidtragende der Krise sind nicht nur die Restaurants, sondern auch die Fleischproduzenten. Für sie fällt mit dem Auswärts-Essen einer der Hauptpfeiler des Geschäfts vorerst weg. «50 Prozent des Fleisch wird über Restaurants und Take-Aways verkauft», sagt Sandra Helfenstein, Sprecherin des Schweizer Bauernverbands. «Auswärts isst man vor allem die edlen Stücke – Entrecotes, Filets, Kalbfleisch. Fleisch, das man zuhause kaum kocht.» Ob der Konsum als ganzes zurückgegangen sei, sei aber unklar. Verlässliche Aussagen dazu liessen sich erst Ende Monat treffen.

Klar ist: Es herrscht ein Überangebot auf dem Markt. Bauern wie Christian Glur bekommen das zu spüren, wie er gegenüber dem «Zofinger Tagblatt» erklärt. Glur produziert zu 90 Prozent für die Gastronomie, durch den Wegfall von Take-Away-Ketten wie McDonalds (das infolge alle Läden in der Schweiz geschlossen hatte), sinkt der Preis – und Glur bleibt auf seinem Fleisch sitzen.

Der Bund hat deshalb Anfang April einen Nachtragskredit von drei Millionen Franken für die Einlagerung von Fleisch gesprochen.

Während die für die Gastronomie produzierenden Landwirte ihr Fleisch in Tiefkühlregale einstellen müssen, gestaltet sich die Situation für die Metzgereien ganz unterschiedlich. Wie der Schweizer Fleisch-Fachverband SFF auf seiner Webseite schreibt, generieren derzeit viele von ihnen sehr gute Umsätze. Das liegt einerseits an einem neu erwachten Bewusstsein für das lokale Gewerbe. Und anderseits am Wegfall des Einkaufstourismus im grenznahen Ausland.

Anruf bei der Metzgerei Keller in Wiedikon. Der Traditions-Metzg hat infolge der Krise einen Lieferdienst ins Leben gerufen, jetzt, vor Ostern, brummt das Geschäft – trotz Corona-Krise. Geschäftsführer Roger Willimann sagt, man müsse differenzieren: «Das Gastro-Geschäft ist zwar momentan auf null.» Aber im Privatkundenverkauf und beim Retail laufe es ganz gut. Dann muss Willimann wieder «zurück an die Kundenfront».

Auch die Gemüseproduzenten spüren den Wegfall der Gastronomie und des Take-Aways. Dafür steigt der Absatz im Detailhandel rasant. Aktuell würden rund 20 bis 30 Prozent mehr Gemüse und Früchte verkauft, sagt Roger Mäder vom Swisscofel, dem Verband des Schweizerischen Früchte-, Gemüse-, und Kartoffelhandels in der NZZaS. Ob sich die Situation beim Fleisch ähnlich präsentiert, ist unklar. Migros schreibt, dass der Wegfall der Gastronomie «fast» durch die Zunahme im Detailhandel kompensiert werde. Coop liefert auf Anfrage lediglich ein dürres Communiqué: «Die Nachfrage nach Fleisch ist bei Coop nach wie vor hoch.»

Die Fleischproduzenten hoffen jedenfalls darauf, dass sich nach der Aufhebung der Massnahme die Situation allmählich entspannt und die Leute wie gewohnt ihr Filet im Restaurant bestellen.

Nur: Was passiert, wenn die Restaurantbetriebe dereinst ihre Türen wieder öffnen dürfen? Der Direktor des Branchenverbands Gastro Bern geht in der Woz davon aus, dass bis zu 30 Prozent die Krise nicht überleben werden. Es ist anzunehmen, dass sich die Situation in anderen Kantonen die ähnlich präsentiert.

Hinzu kommt, dass die Menge an Fleisch die Nachfrage bei weitem übersteigen wird, auch wegen den eingelagerten Stücken. «Das kann man mit Zollkontingenten und Importmengen steuern», gibt sich Landwirt Christian Glur im «Zofinger Tagblatt» zuversichtlich.

Eine andere Frage ist, ob die Corona-Krise unser Essverhalten auf Dauer verändern wird. Christine Brombach, Ernährungswissenschafterin an der ZHAW, ist vorsichtig. «Ein Beispiel: Die grossen Lebensmittelskandale wie BSE oder der Pferdefleischskandal haben nur zu kurzfristigen Veränderungen geführt. Auf die lange Sicht hat sich das Essverhalten jeweils wieder eingependelt.»

Dieses mal allerdings, glaubt Brombach, könnte sich das ändern. «Die Corona-Pandemie ist eine globale Bedrohung, die es so noch nie gegeben hat. Sie hat uns auch die Augen dafür geöffnet, dass die Lebensmittelversorgung nicht einfach selbstverständlich ist.» Für Prognosen sei es zu früh, sagt Brombach, «aber ich kann mir gut vorstellen, dass wir auch nach der Krise wieder mehr Zeit in der heimischen Küche verbringen werden.» Und dass das Bewusstsein für die regionale Verfügbarkeit verstärkt werden wird, so die Ernährungswissenschaftlerin. Das würde auch die Fleischproduzenten freuen.

(wst)

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20 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Thadic
11.04.2020 07:38registriert Mai 2016
Das ist aber schon auch ein Indiz, dass wenn Restaurants und vor allem Mensen bessere vegetarische Gerichte anbieten würden, der Fleischkonsum gesenkt werden könnte.
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derlange
11.04.2020 08:56registriert Dezember 2016
Warum Grossverteiler weiterhin Aktionen mit Edelstücken aus Südamerika machen, verstehe ich nicht.

Schade - und es wird fleissig gekauft.
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Vally Schaub
11.04.2020 08:29registriert Oktober 2018
»Leidtragende der Krise sind nicht nur die Restaurants, sondern auch die Fleischproduzenten.« Das ist nicht so schlimm, wir wissen ja langsam alle: weniger Fleisch = weniger Leid = weniger Leidtragende.
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