Roger Elsener meistert ersten Auftritt als SRF-Chef – Zweifel unter Mitarbeitern bleiben
Ein Journalist von «20 Minuten» meldete sich an der Medienkonferenz der SRG in Bern zu Wort: Er habe an einem früheren Arbeitsort unter Roger Elsener gearbeitet. Eine Leidenschaft für Information habe er bei seinem vormaligen Vorgesetzten nicht feststellen können.
Diese Einschätzung widerspiegelt Bedenken, die in der Belegschaft des Schweizer Radios und Fernsehens verbreitet sind: Der neue SRF-Direktor hat sich profiliert mit der Entwicklung von Unterhaltungsformaten. Aber er gilt nicht als publizistischer Kopf, der das Profil der Informationsabteilung schärfen könnte. Das stört viele SRF-Mitarbeiter. Sie hatten es sich anders gewünscht.
Hinzu kommt: Viele SRF-Angestellte bewarben sich für den Chefposten, als Nathalie Wappler im vergangenen September ihren Rücktritt bekanntgab. Insgesamt gingen 75 Bewerbungen ein. Der Verwaltungsrat der SRG hat nun die Anwärterinnen und Anwärter aus dem eigenen Haus enttäuscht und einem externen Kandidaten den Vorzug gegeben.
Er will SRF als «digitales Leitmedium»
SRG-Generaldirektorin Susanne Wille betonte vor den Medien in Bern, dass die Aussensicht erwünscht sei. Zugleich versuchte sie, die Skepsis gegenüber dem neuen Chef zu zerstreuen: Roger Elsener habe einen publizistischen Hintergrund und stehe für Journalismus. Ausserdem gehöre Unterhaltung gemäss der Konzession der SRG zum Programm.
Elsener selber erklärte zum Thema: Die Entwicklung neuer Formate für den TV-Sender 3+ habe seine Aufmerksamkeit erfordert. Aber er sei auch zuständig gewesen für regionale Fernsehsender wie Tele Züri. Dort werde fundierter Journalismus betrieben, das sei unbestritten.
Der neue SRF-Direktor ist 47 Jahre alt, stammt aus dem Kanton Zug und war zuletzt Chef von Zattoo, einem Schweizer Internet-TV-Streaminganbieter. Zuvor war Elsener Geschäftsführer von CH Media Entertainment und im gleichen Unternehmen Mitglied der Geschäftsleitung der Radio- und TV-Gruppe gewesen.
«Die Chance, SRF-Direktor zu werden, bekommt man nur einmal im Leben», sagte er an der Medienkonferenz. In seiner beruflichen Laufbahn habe ihn immer eine Frage vor allen anderen beschäftigt: «Wie holen wir das Publikum zu uns?»
Roger Elsener nannte folgende Ziele, die er «zusammen mit der Crew» erreichen wolle: Das Schweizer Radio und Fernsehen solle zum «digitalen Leitmedium» in der Schweiz werden. Ihm schwebe eine «Plattform für fundierte Information» vor. SRF solle digital auf ein «nächstes Level» kommen. Er wolle Zuschauer mit verändertem Nutzungsverhalten gewinnen und halten, vor allem auch junge Menschen. Ausserdem werde er einen «engen Dialog mit dem Publikum und weiteren Stakeholdern» pflegen.
Bei diesen Ambitionen zeichnen sich Konflikte mit privaten Medienanbietern ab: Sie wehren sich dagegen, dass die SRG mit kostenlosen Online-News in Textform direkt mit ihren Bezahlangeboten konkurriert. Darum verlangen sie eine Begrenzung des digitalen Angebots der SRG. Der Rundfunk solle sich in erster Linie auf die Verbreitung von Bewegtbildern und Radiobeiträgen konzentrieren.
Wille treibt Zentralisierung des Rundfunks voran
Susanne Wille stellte zwei weitere neue Mitglieder der SRG-Geschäftsleitung vor: Nicolas Pernet, derzeit Chef des rätoromanischen Radios und Fernsehens, wird Direktor Angebot. Er ist damit verantwortlich für den Sport und fiktionale Serien. Die Zuständigkeit für die beiden Bereiche wird den Sendern in den Sprachregionen entzogen und der Generaldirektion der SRG zugeführt.
Ausserdem wird Moritz Stadler Direktor Operationen. Auch er nimmt Einsitz in der Generaldirektion. Der neue Bereich vereint Produktion und Technologie. Stadler war unter anderem Co-Produzent des Eurovision Song Contest in Basel im Jahr 2025.
Roger Elsener absolvierte seinen ersten Auftritt als SRF-Direktor souverän, er wirkte konzentriert und zurückhaltend. Doch die eigentliche Prüfung steht ihm bevor: Er muss die Vorbehalte der Mitarbeiter abbauen. Im Informationsangebot von SRF mangelt es seit Jahren an Innovation, es fehlt an frischen Talk-Formaten. Schafft es Elsener, neue Impulse zu setzen? Am 1. Mai startet er als SRF-Direktor am Leutschenbach.

